Sie haben nie aufgehört daran zu glauben: an die Rückkehr nach Afrin – in die sanfte Hügellandschaft, die auch als „Berg der Kurden“ bezeichnet wird. Jahrelang schien die Rückkehr in die syrisch-kurdische Provinz im Nordwesten Syriens unvorstellbar, nachdem im Januar 2018 türkische Streitkräfte in die Grenzregion einmarschierten und gemeinsam mit islamistischen Milizen die Kontrolle übernahmen. Seit wenigen Wochen nun kehren ehemalige Bewohner:innen zurück in ihre Heimat. Hinter ihnen liegt eine Odyssee von Leid, Entbehrung, Schmerz und Gewalt.
Damals wurden mehr als hunderttausend Kurd:innen aus ihren Dörfern vertrieben, Olivenhaine niedergebrannt und jahrhundertealte kulturelle Strukturen zerstört. Die türkische Militäroperation fand mithilfe deutscher Leopard-2-Panzer statt. Im Rahmen der öffentlichen Petition „Kein Panzerdeal“ überreichte medico damals 13.000 Unterschriften an das Auswärtige Amt. Der Ruf aus der Zivilgesellschaft blieb, wie so oft, ungehört, wenn Machtinteressen zu verfolgen wichtiger ist, als humanitäre Katastrophen zu stoppen.Gemeinsam mit dem Kurdischen Roten Halbmond (KRH) unterstützte medico die Menschen auf der Flucht. Die medico-Partnerorganisation stellt seitdem in zahlreichen Flüchtlingslagern und provisorischen Unterkünften in der Selbstverwaltungsregion Nord- und Ostsyrien die Versorgung der Vertriebenen sicher.
Die syrisch-kurdische Fluchterfahrung folgt einem bekannten Schema: Die Menschen werden in der Regel nicht nur einmal vertrieben, sondern müssen sich immer wieder vor Gewalt und Übergriffen in Sicherheit bringen. Viele von ihnen fanden nach 2018 temporäre Zuflucht im einst größten Flüchtlingslager Shebha, das sich selbstorganisiert zwischen den Gebieten des Assad-Regimes und der demokratischen Selbstverwaltung im Nord-Osten halten konnte. Selbst in der Not eines Lagers gaben die Geflohenen die demokratischen Verwaltungsstrukturen aus Afrin nicht auf. Dann, inmitten der Offensive der Hayyi ´at Tahrir asch-Scham (HTS) im Dezember 2024, die zum Sturz des Regimes führte, lösten Milizen, die unter dem Dach der Syrian National Army (SNA) operieren, das Camp gewaltvoll auf und verursachten eine riesige Fluchtwelle. Die Menschen flüchteten sich nach Aleppo und nach Tabqa und Raqqa, selbstverwaltete Städte im Nordosten Syriens.
Als Anfang Februar 2026, im Zuge einer Offensive der Streitkräfte der syrischen Übergangsregierung und der damit verbundenen Einnahme größerer Gebiete der Selbstverwaltung, diese Menschen erneut fliehen mussten, war keineswegs absehbar, dass nur wenige Wochen darauf die ersten Familien nach Afrin zurückkehren würden. In zahlreichen Gesprächen, die wir bei unseren Aufenthalten in Rojava mit Menschen aus Afrin führten, wurde deutlich, wie schwer die Gewalterfahrungen und der Verlust der eigenen kulturellen Stätten wiegen. Die Bedingungen in den provisorischen Notunterkünften sind schlichtweg unaushaltbar. Auch wenn die Solidarität und Unterstützung innerhalb der kurdischen Bevölkerung stets groß ist, der medico-Partner Kurdischer Roter Halbmond alles tut, um die Vertriebenen zu versorgen, können auch sie nicht alles auffangen.

Das Ende von Rojava?
Die gewaltvolle Einnahme größerer Gebiete der Selbstverwaltung, die zuletzt ein Drittel Syriens ausmachten, hat viele Kurd:innen zu Beginn des Jahres um die Zukunft ihrer politischen und kulturellen Rechte bangen lassen. Den Vertreter:innen der Selbstverwaltung blieb Ende Januar nichts anderes übrig, als unter starkem Druck über die Integration der restlichen Gebiete in den syrischen Staat zu verhandeln. Die bestmöglichen Ergebnisse für die eigene Bevölkerung zu verhandeln, die seit über 14 Jahren am Aufbau eines demokratischen Rojavas beteiligt ist und gleichzeitig viel Leid und Gewalt erfahren musste, ist keine leichte Aufgabe. In dem am 29. Januar 2026 zwischen der Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens und der Regierung in Damaskus geschlossenen Abkommen, werden kulturelle Rechte, die Sicherheitsstruktur, administrative sowie infrastrukturelle Fragen verhandelt und festgeschrieben. Damit steht fest: die autonome Selbstverwaltung wird offiziell Teil der syrischen Regierung. Das Ende von Rojava bedeutet dies indes nicht. Ein reduziertes Kerngebiet von dem, was einst Rojava im Osten ausmachte, sowie Kobane westlich davon, bleibt mit den im Abkommen beschlossenen Sonderrechten bestehen. Doch das Misstrauen gegenüber der Interimsregierung in Damaskus ist angesichts der gewaltvollen Geschichte sehr groß. Es wird daher darauf ankommen, die in den letzten Jahren gewonnen Rechte von unten zu verteidigen und einzufordern.
Schon zu Beginn der Verhandlungen mit der syrischen Übergangsregierung war eine zentrale Forderung der Syrian Democratic Forces (SDF) die Rückkehr der Vertriebenen. Nun ist diese auf dem Papier in Artikel 14 des Abkommens geregelt. Dieser sieht ausdrücklich die Rückkehr aller Vertriebenen aus Afrin, Serêkaniyê bzw. Resulayn sowie Sheikh Maqsoud vor, ebenso wie die Reorganisation lokaler Verwaltungsstrukturen in diesen Gebieten. Dass am 9. März 2026 ein großer Konvoi aus Bussen und voll bepackten Fahrzeugen von Qamişlo Richtung Afrin aufbrach, war für viele ein historischer Moment. Bei Aufbruch waren die Straßen gesäumt von Menschen, die den Rückkehrenden gute Wünsche mit auf den Weg gaben. Unter den Anwesenden war auch Ilham Ahmed, führende Vertreterin der Selbstverwaltung und selbst aus Afrin stammend.
Im April 2026 folgte ein weiterer Rückkehrkonvoi, unter anderem aus Hasakeh. Schätzungen zufolge leben dort bis zu 50.000 Vertriebene aus Afrin. Insgesamt sollen bislang rund 1.400 Familien zurückgekehrt sein. Verlässliche Zahlen sind jedoch schwer zu erheben, da der Zugang nach Afrin weiterhin stark eingeschränkt ist.
Offiziell wird Afrin von Damaskus aus verwaltet. Bereits am 6. Februar 2025 übernahm dort die Armee der zentralsyrischen Interimsregierung die Kontrolle. In Abstimmung mit der Türkei haben Sicherheitskräfte und Übergangsbehörden dort Verwaltungs- und Sicherheitsposten übernommen, die Zentralisierung Syriens soll so vorangetrieben werden. Die Türkei hat jedoch weiterhin starken militärischen sowie politischen Einfluss in der Region, insbesondere über ihre SNA-Milizen, die mitunter in die neuen Sicherheitsstrukturen integriert wurden. Die Peiniger von damals, sollen die Hüter des Friedens von heute sein. Auch deswegen bleibt die Situation fragil. Die Gewaltverbrechen der vergangenen Jahre sind nicht aufgearbeitet, Verantwortlichkeiten nicht geklärt.
Unsicherheit und Misstrauen
Dennoch stellt die Rückkehr einen ersten wichtigen Schritt in Richtung eines friedlicheren und gerechteren Zusammenlebens in einem neu geordneten Syrien dar. Die Rückkehrenden indes, bleiben skeptisch, da unklar bleibt, nach welchen Kriterien die Rückkehrgenehmigungen vergeben werden und es zu Verzögerungen durch Damaskus kommt. In einigen Städten kam es bereits zu Protesten, die eine schnellere Umsetzung der Rückkehrregelungen fordern.
Zugleich berichten lokale Menschenrechtsorganisationen und Beobachtungsstellen von Repressionen und Einschüchterungen gegenüber Rückkehrenden. Personen, die früher in Strukturen der Selbstverwaltung tätig waren, berichten von Verhören durch Sicherheitskräfte unmittelbar nach ihrer Rückkehr. Diese Entwicklungen nähren die Sorge, dass bestehende Gewalt- und Diskriminierungsmuster fortbestehen könnten.
Auch wenn die Zukunft unklar bleibt, die Rückkehr nach Afrin ist schon jetzt ein historischer Moment. Selbst Ilham Ahmed konnte Ende Mai ihre Geburtsstadt Afrin besuchen. Alles Weitere hängt davon ab, wie zukünftige Abstimmungen zwischen Damaskus und der Selbstverwaltung laufen werden. Ungeachtet dessen begleitet medico international gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen den neuen Prozess, dokumentiert Menschenrechtsverletzungen und unterstützt all jene, die bisher nicht zurückkehren konnten.
Über zwölf Jahre begleitete medico das Projekt der demokratischen Selbstverwaltung in Nordostsyrien. Auch als die großen Vertreibungsprozesse begannen, stand medico über seine Partnerorganisationen an der Seite der Menschen. Auch wenn die Zukunft weiter im Argen liegt, die Solidarität geht weiter: dank Ihrer Unterstützung – ob mit direkter Hilfe für die Vertriebenen in Notunterkünften, bei der Dokumentation von Menschenrechtsverbrechen oder der Öffentlichkeitsarbeit hierzulande.





