Bereits im Jahr 2015 sagte Margaret Chan, Direktorin der Weltgesundheitsorganisation angesichts der systematischen Zerstörungen von Gesundheitseinrichtungen infolge von Kriegen und Konflikten weltweit: „Es scheint, als hätte die Welt ihren moralischen Kompass verloren.“
Zehn Jahre später zeigen die Zahlen des Bündnisses Safeguarding Health in Conflict Coalition, wie drastisch der Krieg gegen die Gesundheit intensiviert wurde: Mehr als zehnmal so viele Angriffe auf Krankenhäuser, Ambulanzen, Ärzt:innen und Pfleger:innen verzeichnet deren neuester Bericht im Vergleich zum letzten Jahrzehnt. Erheblich dazu beigetragen haben die bislang über 1.500 durch die israelische Armee direkt getöteten Gesundheitsarbeiter:innen in Gaza. Es ist die höchste jemals in einem vergleichbaren Zeitraum erfasste Zahl an getötetem medizinischem Personal.
Mit dem Krieg in Gaza hat die sogenannte "Weaponization of Healthcare", also dass sich Militärschläge gezielt gegen die Gesundheitsinfrastruktur richten, eine neue Dimension erreicht. Es gehe längst nicht mehr nur um Kollateralschäden, sondern um eine systematische Untergrabung der Versorgungsstrukturen, so Juan-Gonzalo Palacios, der als Anästhesist in Gaza tätig war und auf dem Symposium sprechen wird.
Die humanitäre Lage im Gazastreifen ist seit Jahren prekär, hat jedoch im aktuellen Krieg, der trotz offiziellem Waffenstillstand weiterhin täglich Tote fordert, eine neue Eskalationsstufe erreicht. Ärzt:innen, die vor Ort tätig waren, berichten von Zuständen, die selbst erfahrene Mediziner:innen an die Grenzen ihrer professionellen und persönlichen Belastbarkeit bringen. Juan-Gonzalo Palacios beschreibt den Fall eines schwer verletzten Patienten, der nach einer Explosion beide Beine verloren hatte und aufgrund einer Sepsis dringend eine Dialyse benötigt hätte – eine Behandlung, die unter normalen Umständen routinemäßig verfügbar wäre. Doch in Gaza fehlten selbst grundlegende diagnostische Möglichkeiten, geschweige denn lebensrettende Geräte. Der Patient verstarb wenige Tage später.
Solche Fälle sind keine Ausnahmen, sondern Ausdruck eines Systems, in dem, so Palacios, „moderne und effektive Medizin praktisch unmöglich“ geworden ist. Besonders erschütternd sind die Auswirkungen auf Kinder. Die Psychologin Katrin Glatz Brubakk, die für Ärzte ohne Grenzen in Gaza war und ebenfalls auf dem Symposium sprechen wird, berichtet, dass viele junge Patient:innen nicht nur schwer verletzt sind, sondern gleichzeitig traumatische Verluste erleben. „Sie haben Familienmitglieder verloren und leben täglich mit der Angst, selbst zu sterben.“
Ethik eines Berufsstands
Vor diesem Hintergrund stellt sich unweigerlich die Frage nach der Rolle der internationalen Ärzt:innenschaft. Kann ein Berufsstand, dessen ethisches Fundament auf dem Schutz von Leben basiert, angesichts solcher Zustände schweigen? Ärzt:innen sind nicht nur Helfende, sondern auch Zeug:innen. Sie verfügen über das Wissen und die Glaubwürdigkeit, um auf Missstände aufmerksam zu machen und deren Konsequenzen einzuordnen.
Genau hier setzt das Symposium für humanitäre Medizin an. Es versteht sich nicht nur als medizinische Fachveranstaltung, sondern als Plattform für Austausch, ethische Reflexion und politische Positionierung. „Humanitäre Medizin ist immer auch politisch“, betont Juan-Gonzalo Palacios. Für Katrin Glatz Brubakk geht es darum, dem aktiven Wegsehen etwas entgegenzusetzen, denn “die größte Gefahr ist, dass wir vergessen, was passiert“.
Das Symposium soll dem entgegenwirken: als Ort der Erinnerung, der Aufklärung und der aktiven Solidarität. Das heißt für medico-Nahostreferent Riad Othman auch, eine Botschaft an die palästinensischen Kolleg:innen in Gaza und im Westjordanland zu senden: „Ihr seid nicht allein. Wir sehen Euch und wir sehen das Unrecht, das an Euch geschieht.“
Zusammengestellt von Tuba Ahmed-Butt (medsolidar) und Felix Litschauer (medico international)
Symposium für humanitäre Medizin
2. Mai 2026 | Berlin
Das Symposium gruppiert wissenschaftliche Vorträge und Paneldiskussionen um die humanitäre Medizin in Gaza. Ärzt:innen, die in Gaza humanitäre Hilfe geleistet haben, kommen ebenso zu Wort wie Expert:innen der globalen Gesundheit, Völkerrechtler:innen und zivilgesellschaftliche Akteur:innen.






