Indien

Vor dem nächsten Sturm?

Während sich die Corona-Lage etwas entspannt, greift der Hunger unter den Armen um sich. Warum die Regierung das nicht stört und was die medico-Partner jetzt tun.

Von Thomas Rudhof-Seibert

Wenn jede Meldung zur Corona-Pandemie noch immer nicht mehr als eine Zwischenstandsmeldung ist, gilt das natürlich auch für Indien. Das von über einer Milliarde Menschen bewohnte Land trat ab April in den Brennpunkt der globalen Öffentlichkeit. Von Indien aus verbreitet sich die Delta-Variante des Virus über die ganze Welt, die Zahl der Infizierten im Land reichte an die 3-Millionen-Grenze, die Zahl der Neuinfektionen schnellte auf über 400.000 Fälle pro Tag. Das Gesundheitssystem stand vor dem Kollaps, vor den Krankenhäusern bildeten sich endlose Schlangen, Menschen starben hilflos auf der Straße, erstickten, weil es für sie keinen Sauerstoff mehr gab. Es starben so viele, dass vielen die traditionelle Feuerbestattung versagt wurde, weil es kein Brennholz mehr gab. Die Leichname wurden unverbrannt den Flüssen übergeben.

Mittlerweile hat sich die Situation deutlich verbessert, in der letzten Woche lag die Zahl der Neuinfektionen bei nur noch knapp über 60.000. Entspannung ist trotzdem nicht angesagt, im Gegenteil: Auch Indien könnte vor einer dritten, noch einmal schlimmeren Welle stehen. Dabei ist nicht ausgemacht, ob das Virus nicht weiter mutiert. Wie fast überall auf der ganzen Welt kommen die Impfungen auch in Indien nur schleppend voran: obwohl das Land selbst Impfstoffe produziert und bis April sogar exportiert hat.

Wie anderswo zeigen sich auch in Indien die zerstörerischen Angriffe neoliberaler Politik auf die öffentlichen Güter und die Sozialsysteme – allen voran das niemals zureichende, heute aber vollkommen heruntergewirtschaftete Gesundheitswesen. Wie nicht anders zu erwarten, schlägt sich die Gesundheitskrise deshalb auch politisch nieder. Landesweit bricht die Unterstützung für die hindunationalistische Partei des Premierministers Modi ein. Wie ebenfalls nicht anders zu erwarten, schlägt das weit rechts stehende Regime repressiv zurück, verschlechtert sich die sowieso schon kritische Menschenrechtssituation rapide, trifft es zuerst vor allem Journalist*innen, Oppositionelle und Aktivist*innen.

Mit der Pandemie der Hunger

Trotzdem hängt das tatsächliche Drama gar nicht allein am Virus. Denn wie schon beim ersten verloren auch mit dem zweiten Lockdown die Millionen Wanderarbeiter*innen ihren Arbeitsplatz und damit ihr Einkommen, die den Sockel der städtischen Ökonomie des Landes bilden. Wie beim ersten Lockdown mussten sie sich auch beim zweiten binnen weniger Tage auf den Rückweg in die Dörfer machen, aus denen sie einst in die Städte aufgebrochen waren. Nach oft tagelangen Fußmärschen trafen sie dort aber nicht mehr nur auf diejenigen, die immer geblieben waren. Sie trafen auch auf abertausende Leidensgenoss*innen, die nach der vom ersten Lockdown erzwungenen Rückkehr nicht mehr die Kraft hatten, wieder in die Städte zu ziehen. Überleben aber können sie in den Dörfern nicht: das konnten sie früher schon nicht wirklich, heute gibt es dazu nicht die geringste Chance. Ihnen allen drohen nun Hunger – und Hungertod. Beide, der Hunger und der Hungertod, sind in Indien nichts neues, nicht einmal etwas Ungewöhnliches: sie haben das Land nie verlassen, sie drängen nur jetzt wieder in den Vordergrund der Wahrnehmung. Dabei verfügt Indien über die fünftgrößte Ökonomie der Welt, über die zahlenmäßig zweitstärkste Armee, ist Atommacht und gehört nicht zuletzt zu den Spitzenreiter*innen der globalen Pharmaproduktion.

Genozid an den Armen

Der Journalist Satya Sagar, medico-Partner seit dem Tsunami des Jahres 2004, erinnert deshalb an einen alten, in Indien überall bekannten Mitstreiter, den Arzt, Gesundheits- und Menschenrechtsaktivisten Dr. Binayak Sen. Der wurde 2007 wegen angeblicher Verbindungen zu maoistischen Rebellen verhaftet und sitzt seither im Gefängnis. Eingesperrt aber wurde er wegen seiner Wahrheit über die Geschichte des modernen, postkolonialen Indien. Denn für Dr. Sen gründet die indische Republik auf einem Genozid: dem Genozid an ihren Armen. Dazu verweist der Arzt auf die Tatsache, dass ein Drittel der erwachsenen Menschen nachweislich an Unterernährung leiden und deshalb einem verfrühten Tod ausgeliefert werden. In seiner überwiegenden Mehrheit aber – und deshalb spricht Dr. Sen von Genozid – setzt sich das Drittel der Hungernden aus Angehörigen der sogenannten „gelisteten Kasten“ und „gelisteten Stämmen“ zusammen: Menschen also, die von der indischen Mehrheitsgesellschaft nicht als „wirkliche“ Menschen angesehen werden. Deshalb bezeichnet Dr. Sen Indien als einen Apartheidstaat, der auf dem systematisch gewollten Elend seiner Ausgeschlossenen aufruht. Das war so, lange bevor Corona das Land heimsuchte: Indien ist das Land mit der weltweit höchsten Zahl an Menschen, die als „absolut arm“ klassifiziert werden. Auf der aus 107 Staaten gebildeten Liste der vom Hunger bedrohten Länder der Welt belegt Indien den 94. Platz, knapp vor kriegszerrütteten Ländern wie Afghanistan, Liberia, Mosambik, Nigeria, Ruanda und dem Tschad. Das schlägt sich jetzt in der Katastrophe nieder, zu der Corona dort geführt hat und weiter führen wird.

Hindutva – Wer ein Hindu ist und wer nicht

Premierminister Narendra Modi und seine Bharatiya Janata Party (Indische Volkspartei, BJP) regierten das Land zuerst zwischen 1998 und 2004 und regieren es seit 2014 ununterbrochen. Die Bewahrung und Festigung der für den Genozid an seinen Armen verantwortlichen Kastenordnung bilden den Kern ihrer „Hindutva“-Politik – einer Politik, deutsch übersetzt, des „Hinduseins.“ Zu ihm gehört auch die rechts, rassistisch und strikt patriarchal politisierte Ausdeutung der religiösen Tradition, die der Partei und ihrer Regierung darum auch den Umgang mit der Pandemie vorgibt. Deshalb propagieren ihre Führer seit Monaten, was sie für „traditionelle Medizin“ halten. Vor dem Virus schütze zuerst ein arbeitsames und sittenstrenges Leben und darüber hinaus eine Therapie, in der man sich mit Kuhdung einreibt und Kuhurin trinkt. Als der Journalist Kishorechandra Wangkhem Mitte Mai auf facebook schrieb: „Kuhdung und Kuhurin helfen nicht. Ich esse heute Fisch“, wurde er nach einer Anzeige führender BJP-Politiker umgehend verhaftet.

Problematisch daran ist aber nicht nur die Verfolgung des Journalisten und damit der freien Rede. Problematisch ist, dass entsprechende Einstellungen in der indischen Gesellschaft weit verbreitet sind. Sie werden durch Erfahrungen verfestigt, die Leute tatsächlich mit dem heruntergewirtschafteten Gesundheitswesen – und überhaupt mit der Bürokratie des Staates machen. Ungezählte Menschen schrecken schon vor dem Arzt, erst recht vor dem Krankenhausbesuch zurück, würden deshalb auch die Impfung verweigern – eine Haltung, die in den auch in Indien überall genutzten sozialen Netzwerken systematisch befördert und von der nationalen, den regionalen und den lokalen Regierungen der BJP unterstützt wird. Dabei kam der politisierten Religion schon ein erheblicher Teil der Verantwortung für die schnelle Ausbreitung der Pandemie zu. Als sich im April dieses Jahres über den ganzen Monat hinweg trotz vielfacher ärztlicher Warnungen neun Millionen Gläubige zu einem Festival in der Stadt Haridwar am heiligen Fluss Ganges versammelten, wurden sie von Premierminister Modi eigens dazu aufgerufen. Dabei versicherte ihnen der BJP-Regierungschef des Bundesstaates Uttarakhand, dass das Wasser des Ganges auch vor dem Virus schütze.

Covid Response Watch und People‘s Covid Care

Es liegt auf der Hand, dass in solcher Situation schlichte Aufklärung auch dann unverzichtbar ist, wenn sie allein niemals zureichen kann. Deshalb unterstützt medico den schon genannten Journalisten Satya Sagar bei seinem Covid Response Watch. Der Nachrichtendienst veröffentlicht auf einer in Indien prominenten Website eine täglich aktualisierte Sammlung von Artikeln, Statistiken und Cartoons rund um die Pandemie. Ähnliches hat Sagar schon nach dem Tsunami 2004 getan: damals hieß das Unternehmen passenderweise Tsunami Response Watch.

Praktische Hilfe leistet ein anderer alter medico-Partner, die vor allem unter Angehörigen der „gelisteten Kasten“ und „gelisteten Stämme“ aktive NGO Community and Rural Development Society (CARDS) im Bundesstaat Andhra Pradesh. Dabei ähneln die Aktivitäten der über 200 Mitarbeiter*innen und rund 1400 Freiwilligen von CARDS in vielem denen des dritten indischen medico-Partners, des im Bundesstaat West Bengal und darin auch in der Millionenstadt Kolkatta aktiven Quarantined Student-Youth Network (QSYN).

Zu diesem Netzwerk haben sich über 600 meist junge Menschen zusammengeschlossen, von denen viele an den Universitäten des Landes politisch aktiv sind. Wie die Aktivist*innen von CARDS leisten auch die von QSYN zunächst Aufklärung zugleich über die Pandemie, die Möglichkeiten von Schutz und Hilfe wie über die sozialen und politischen Rechte, auf die sich die Menschen berufen können. Dies geschieht mit Flugblättern, auf Versammlungen, in Ausbildungskursen, aber auch mit dem Betrieb des Rundfunksenders „Radio Ranjan“, den aktuell 350.000 Menschen empfangen können.

Darüber hinaus aber legen die Aktivist*innen selbst Hand an: betreiben lokale Gesundheitsstationen, in denen ärztliche Hilfe und Betreuung durch Gesundheitsarbeiter*innen gewährt wird, zu der auch die Vergabe von Sauerstoff gehört. Hilfe und Betreuung wird aber auch durch über die Dörfer reisende mobile Gesundheitsteams, durch die Einrichtung von „Volksküchen“ wie durch die Verteilung von Lebensmittelpaketen, schließlich durch Unterstützung zum Lebensunterhalt wie die Anlage von Gärten und den Bau von Brunnen.

Was die Rechtsaufklärung, die Gesundheitsaufklärung und die Gesundheitsarbeit im Rahmen der Projekte nicht leisten können, macht der Covid Response Watch öffentlich. Dessen Artikel handeln deshalb nicht nur vom handgreiflich lebensgefährlichen Irrwitz der Hindutva-Politik und vom neoliberalen Ruin des offiziellen Gesundheitswesens, sondern auch von den Alternativen, die politisch erstritten und gesichert werden können. Deshalb findet sich auf der Website auch ein Artikel über die Corona-Situation im traditionell links regierten Bundesstaat Kerala, die zu Recht auch international Beachtung gefunden hat. Dass und warum die Lage in Kerala deutlich besser ist als in den anderen indischen Bundesstaaten, wird auch weiterhin ein Thema des Covid Response Watch bleiben. Fortgesetzt wird schließlich auch der Podcast, in dem die Ärzt*innen selbst zu Wort kommen, die Tag für Tag zu tun versuchen, was ihnen unter den herrschenden Bedingungen zu tun möglich ist. Von der Serie „Voices-from-the-Covid-Battlefield“ kann demnächst die zweite Folge gehört werden.

Prävention, praktische Hilfe für Erkrankte und Aufklärung über das Virus und die Verantwortung der indischen Regierung. medico-Partnerorganisationen versuchen, das Schlimmste zu verhindern.

Veröffentlicht am 23. Juni 2021
Thomas Rudhof-Seibert

Autor Thomas Rudhof-Seibert

Thomas Rudhof-Seibert ist in der Öffentlichkeitsarbeit von medico international zuständig für Südasien und Referent für Menschenrechte. Der Philosoph und Autor ist außerdem Vorstandssprecher des Instituts Solidarische Moderne und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Rosa Luxemburg-Stiftung; weitere Texte zugänglich auch unter www.thomasseibert.de

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