Psychosoziale Arbeit

Mentale Mobilmachung

15.09.2026   Lesezeit: 4 min  
#resilienz 

Einblicke in die deutsche Aufrüstung von Körper und Geist.

Von Julia Manek

„General, dein Tank ist ein starker Wagen. Er bricht einen Wald nieder und zermalmt hundert Menschen. Aber er hat einen Fehler: Er braucht einen Fahrer.“ Das schrieb Bertolt Brecht als Einspruch zur nationalsozialistischen Aufrüstung. Er hatte bis zu seinem Tod gleich dreimal miterlebt, wie eine Gesellschaft eben diesen Prozess durchläuft: vor dem Ersten Weltkrieg, während der NS-Zeit und bei der Remilitarisierung der Bundesrepublik. 

Jedem Krieg geht die Verschiebung von Friedensfähigkeit zu Kriegstauglichkeit voraus – in den Köpfen, im Alltag, in der Sprache. Dass die umfassende Mobilmachung ein komplizierter Weg ist, wusste er. Er schrieb: „General, Menschen sind nützlich. Sie können fliegen und sie können töten. Aber sie haben einen Fehler: Sie können denken.“ Was Brecht wohl auf die Rede des Bundesverteidigungsministers Pistorius erwidert hätte, als dieser 2023 die deutsche Öffentlichkeit einschwor: „Wir müssen kriegstüchtig werden“? 

Fit für den Krieg? 

Für die mentale Herstellung von Kriegsbereitschaft braucht es psychologische Konzepte. Eines ist das der „Resilienz“. Anfangs wurde damit vor allem in den Umweltwissenschaften die Fähigkeit von Ökosystemen beschrieben, sich von Schäden zu erholen. Doch ab den 2010er-Jahren popularisierte sich der Begriff: In der neoliberalen Selbstoptimierungsindustrie wurde Resilienz zur zentralen Anforderung an Gesellschaft und Individuum, sämtliche Herausforderungen unbeschadet zu meistern. Nach und nach rückten entsprechende Konzepte in der Pädagogik, der Psychotherapie, der Entwicklungs- und Sicherheitspolitik oder auch der humanitären Hilfe in den Vordergrund. 

Mittels Resilienzstrategien sollten Gemeinschaften für Krisen gewappnet und über lebensfähig werden. Unter dem Schlagwort „Fit für die Katastrophe?“ kritisierte medico frühzeitig, dass Resilienz auf Anpassung zielt, aber nicht mehr nach den Ursachen von Krisen fragt – und damit auch den Anspruch aufgibt, Krisen zu verhindern. So führe Resilienz schon früh zur „Kolonisierung“ der Vorstellungskraft. 

Jenseits der Ökologie hat Resilienz noch einen anderen Ursprung: Grundpfeiler der Resilienzforschung liegen im US-amerikanischen Krieg gegen den Terror. So gab das Pentagon auf Basis der Erfahrungen in Afghanistan und im Irak die Entwicklung des „Comprehensive Soldier Fitness“-Programms in Auftrag. Es sollte Soldat:innen auf traumatische Ereignisse vorbereiten und diese in einen persönlichen Reifeprozess transformieren. Die Resilienzprogramme sollten eine „unbezwingbare Armee“ schaffen, an deren Soldat:innen alles abprallen sollte, was die Kampfkraft stört, einschließlich negativer Gefühle und Gedanken. Der gleichen Logik folgen seit einigen Jahren in den USA und Israel Programme für die Bevölkerung: Praxisübungen in Schutz bunkern, Atemübungen und das Training positiver Gedanken sollen auf den Ernstfall vorbereiten.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass der Resilienzdiskurs im Zuge der Zeitenwende auch hierzulande eine Blüte erlebt. Der „Pakt für den Bevölkerungsschutz“, den nicht zufällig Verteidigungsminister Pistorius gemeinsam mit Innenminister Dobrindt im Mai dieses Jahres vorstellte, hat eine „resiliente Gesellschaft“ zum Ziel. Auf der jüngsten Gelöbnisfeier zum Jahrestag des Attentats auf Hitler verkündete Pistorius, dass der neue Wehrdienst ein Bewusstsein dafür schaffen solle, „wofür es sich als Gesellschaft zu kämpfen lohnt“. Kriegstüchtigkeit und Resilienz sollen zusammengedacht werden. So werden die beiden Diskurse zum ideologischen Paar, mit dem auch die Umrüstung des zivilen Sektors legitimiert werden kann. 

Was ist zu tun, wenn es plötzlich keinen Strom oder kein Wasser gibt? Sind Vorräte angelegt? Mit dem Durchspielen von Szenarien soll die Bevölkerung nicht nur praktisch zu Selbsthilfe und Überlebenspraxen „ertüchtigt“ werden. Sie soll sich auch mental auf den Ernstfall vorbereiten. Die Anrufung wirkt. So hat eine Schule in Saarbrücken als erste bundesweit das Profilfach „Blaulicht“ für Zivilschutz und Katastrophenschutz eingeführt. Und das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat einen aktualisierten Ratgeber mit Empfehlungen für Notsituationen, darunter den Kriegsfall, herausgegeben. Welche Dokumente sollten in einer Mappe vorbereitet werden, was gehört in einen allzeit griffbereiten Notrucksack? 

Resistenz statt Resilienz 

All das kostet. Bis 2030 soll die Bundeswehr mit rund 700 Milliarden Euro aufgerüstet werden, Resilienzprogramme für die Bevölkerung sind mit zehn Milliarden Euro kalkuliert. Die Gegenfinanzierung? Sozial- und Gesundheitssicherungen werden drastisch zusammengestrichen. Nur eines von vielen Beispielen: Die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen soll um 4,5 Prozent gekürzt werden. 

Zu kritisieren ist diese Politik in vielerlei Hinsicht – zumal sie ausgerechnet zentralen Erkenntnissen der Resilienzforschung zuwiderläuft. Inzwischen zeigt nämlich eine Vielzahl psychologischer Studien, dass Resilienz keine individuell erlernbare Fähigkeit ist. Vielmehr basiert sie auf sozialen Systemen und Unterstützung: Ohne Formen der sozialen Sicherheit ist niemand resilient – kein Wehrdienstleistender, kein:e Soldat:in, kein:e Bürger:in, kein Kind. Indem die Regierung soziale Infrastrukturen und Sicherungssysteme schleift, schürt sie das Gegenteil von dem, was Resilienz ausmacht: Verunsicherung, Abstiegsängste und damit das Gefühl von Verwundbarkeit. 

Schon in den 1960er-Jahren hatte Herbert Marcuse diesen affektiven Prozess beschrieben: Der militärisch-industrielle Komplex produziert die Angst, die er reduzieren soll, letztendlich selbst. Eine Gesellschaft rüstet dann auf, wenn sie glaubt, ihre Zukunft nicht mehr oder nicht anders gestalten zu können. Statt sich also auf den Krieg vorzubereiten, geht es dar um, andere Formen der kollektiven Sicherheit zu entwickeln. Dafür braucht es das, was schon Brecht immer starkgemacht hat: kritisches Denken und Vorstellungskraft. Sein Weggefährte Hanns Eisler hat einst ein Lied vertont, in dem es heißt: „Es gilt, den Krieg zu schlagen.“

Dieser Beitrag erschien zuerst im medico rundschreiben 03/2026. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!

Julia Manek

Julia Manek ist Psychologin und Humangeographin. In der Öffentlichkeitsarbeit von medico international ist sie als Referentin für psychosoziale Arbeit tätig.

Twitter: @ju_manek
Bluesky: @juliama


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