Klimagerechtigkeit

Kein Wiederaufbau

Flutresistentes Bauen hilft in Pakistan nicht mehr. Ein Rückblick auf Präventionsversuche

Von Thomas Rudhof-Seibert

Starke Monsunregen gab es in Pakistan immer schon. Natürlicherweise. Zuletzt 2010 und 2011. Schon damals folgte der Regen außerordentlich warmen Sommern. Erste Stimmen sprachen von Klimawandel. Betroffen waren eine Million Menschen. Es dauerte damals etwas, bis die Nachrichten im Rest der Welt gehört wurden. Dann aber reagierten die Menschen, sammelten sich Spenden in Millionenhöhe. Auch bei medico gingen in diesen Jahren Spenden ein, so viele, dass wir 2010 erstmals nach Pakistan reisten. Partner:innen des People's Health Movement verwiesen uns an die Hilfsorganisation Health and Nutrition Development Society (HANDS) in Karatschi. Die neuen Kolleg:innen leisteten akute Nothilfe: verteilten Lebensmittelpakete, Trinkwasser und Medikamente, stellten Zelte und Toiletten auf. Noch in den Lagern sprachen sie mit den Leuten und mit uns über ihre Pläne eines „integrierten Wiederaufbaus“ gleich nach der Rückkehr in die Dörfer.

Zunächst und vor allem mussten Häuser gebaut werden. Häuser, die im Andrang neuer Fluten nicht einfach zusammenkrachen sollten wie die, die die Leute gerade verloren hatten. Mit den besseren Häusern sollten bessere Dämme, sollten endlich auch die Schulen und Gesundheitszentren gebaut werden, die es zuvor vielerorts gar nicht gab. Zum integrierten Wiederaufbau gehörte das Marvi-Programm.

Eine Marvi ist eine Art Gemeindeschwester, kundig in der Behandlung weit verbreiteter Krankheiten, kundig aber auch in der Diagnose von Krankheiten, die nur in der nächsten größeren Stadt zu behandeln sind. Ausgewählt wird die Marvi im Dorf selbst. Von HANDS ausgebildet und mit einem Vorrat von Medikamenten ausgestattet, wird sie in ihrer Gemeinde eine wichtige und anerkannte Person.

Zum integrierten Wiederaufbau gehörte schließlich die Gründung von Komitees und Vereinen, die die gegenseitige Fürsorge und so den sozialen Zusammenhalt stärken würden – handlungsfähig besonders im Fall einer neuerlichen Hitzewelle, einer neuerlichen Überflutung. Dabei ging es auch um deren Ausstattung mit Hilfsgütern und Werkzeugen: HANDS legte in mehreren Distrikthauptstädten „Katastrophenschutzzentren“ an, mit Lagern für Zelte, Decken, Wasserfilter und andere Hilfsgüter. Als es 2014 wieder zu einem stärkeren Monsun kam, zeigte sich, wie gut, wie unabdingbar die Vorsorge war, Hilfe zur Selbsthilfe, zum Weitermachen.

Flutresistent?

2022 wurde Pakistan neuerlich überflutet, die Fluten waren so stark wie niemals zuvor, es regnete fast vier Monate, vom Juli bis in den November hinein. Die von HANDS gebauten Häuser hielten länger stand, als dies die alten, traditionell gebauten Häuser getan hätten. Vielerorts wussten die Leute, was zu tun war, wussten auch, wann sie zu gehen hatten und wohin sie gehen konnten. Geholfen aber hat das letzten Endes – nicht. Oder jedenfalls: nicht wirklich. Irgendwann sind die Häuser dann doch eingestürzt, auch wenn hier und da noch eines steht. Dass sie „flutresistent“ waren, hieß nicht und konnte auch nicht heißen, dass sie monatelangem Regen und meterhoch stehendem Wasser standhalten würden. Solche Häuser gibt es nicht.

Wenn nicht mehr eine Million Menschen (wie 2010) und nicht mehr fünf Millionen (wie 2011), sondern wenn 30 Millionen Menschen (wie 2022) zumindest zeitweilig obdachlos sind, dann helfen auch keine Katastrophenschutzzentren mehr, selbst dann nicht, wenn es mehr von ihnen gäbe, als HANDS jemals bauen, ausstatten und unterhalten könnte. Wenn das Unheil so groß wird, dass Millionen an Durchfall, Hautkrankheiten und Fieber leiden, dann kann den Kranken nicht einmal die dreifache Zahl an Marvis helfen. Und selbst die größte, bestens ausgestattete und bestens motivierte Hilfsorganisation ist hilflos, wenn mit der Ernte des laufenden Jahres auch die Ernte des kommenden Jahres verloren ist. Wenn 800.000 Rinder, Ziegen und Schafe in den Fluten versunken oder durch das Trinken des fauligen Wassers gestorben sind.

Was HANDS jetzt tun wird? Was die zweite medico-Partnerin in Pakistan tun wird, die ebenfalls landesweit tätige EdhiFoundation? Beide leisteten auch jetzt sofort wieder akute Nothilfe. medico unterstützt HANDS in der Bereitstellung von im Land selbst entwickelten und hergestellten Trinkwasseraufbereitungsanlagen: das hatten wir sowieso geplant. HANDS wird wieder Häuser bauen: Wer sein Haus verloren hat, braucht ein neues, HANDS wird helfen, Edhi wird helfen.

Klimadystopie

Trotzdem kann es so nicht weitergehen. Hatten schon die Fluten der Jahre 2010, 2011 und 2014 „irgendwie mit dem Klimawandel zu tun“, war das 2022 keine Frage mehr: Der Klimawandel ist da und wird bleiben. Pakistan hat deshalb eine Ministerin für den Klimawandel, sie heißt Sherry Rehman. Sie spricht von einer „Klimadystopie“. Sie hat die Welt nicht um Hilfe gebeten, sondern Reparationen gefordert. Weil nicht Pakistan, sondern Europa, die USA und China für die Fluten verantwortlich sind, in denen Pakistan versinkt. Sie hat keine Antwort erhalten. Man hat ihr und dem Land Hilfe versprochen. Hilfe aber wird nicht mehr helfen. Sherry Rehman ist ratlos. HANDS und Edhi sind ratlos. Ratlos ist auch der dritte medico-Partner in Pakistan, die Gewerkschaft NTUF. Sie kämpft seit Jahrzehnten für die Demokratisierung Pakistans, auf ihre Weise tun HANDS und Edhi das auch. Wie aber demokratisiert man ein Land, das ab jetzt immer wieder – da sind sich alle einig – in Fluten versinkt, die stetig stärker werden? Ein Land, auf dessen Forderung nach Reparationen niemand antwortet?

medico und HANDS haben deshalb etwas Neues beschlossen. Wir zahlen den Betroffenen, die wir erreichen, Bargeld aus. Was die Leute damit tun, ist ihnen überlassen. Der Betrag wird nicht reichen, um neue Häuser zu bauen. Er reicht auch nicht, um in die 30-Millionen-Metropole Karatschi zu ziehen, die seit Jahren schon unter immer stärkerer Hitze leidet, bisweilen an die 50 Grad. Der Betrag reicht auch nicht, um in den Iran und von dort in die Türkei zu gelangen, das Land, das von Europa bezahlt wird, um Flüchtlinge abzuwehren. Er reicht nur eben für die ersten Schritte, wo auch immer die hinführen sollen. Niemand weiß, wohin, niemand weiß weiter. HANDS wird noch einmal Häuser bauen. In Deutschland werden Klimaaktivist:innen, die Dani Karavans Denkmal für unsere Grundrechte mit schwarzer Farbe übergießen, von Abgeordneten des Bundestags als „Taliban“ beschimpft. Das Denkmal war wenige Stunden später gereinigt.

Ob wir es wollen oder nicht: Die Welt ist schon dabei, sich im Ganzen zu ändern. Dem werden wir nur gerecht, wenn auch wir sie im Ganzen ändern wollen. Darin unterstützt medico Inseln der Vernunft sowie Anstöße zur Schaffung von Alternativen zur herrschenden Zerstörung – in Pakistan und anderswo.

Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 1/2023. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!

Veröffentlicht am 27. März 2023
Thomas Rudhof-Seibert

Thomas Rudhof-Seibert war bis September 2023 in der Öffentlichkeitsarbeit von medico international zuständig für Südasien und Referent für Menschenrechte. Der Philosoph und Autor ist außerdem Vorstandssprecher des Instituts Solidarische Moderne; weitere Texte zugänglich auch unter www.thomasseibert.de


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