Ostafrika

Im selben Sturm, aber nicht im selben Boot

Ein Reisebericht von vergessenen Orten und Menschen in Kenia und Mosambik.

Von Radwa Khaled-Ibrahim

Wir kommen gerade von einem Besuch der Bauernvereinigung in Gorongoza, Mosambik, zurück. Es ist heiß, sogar der Wind, der sich ab und zu bemerkbar macht, ist erdrückend warm. Im Speisesaal des einzigen etwas besser ausgestatteten Gästehauses am Rande des abgelegenen Distrikts Gorongoza läuft ein Fernseher. Der Kanal Euronews zeigt auf Portugiesisch Weihnachtswerbung: Menschen sitzen in dicken Pullovern zusammen und warten auf warmes Essen. Für das bevorstehende Fest werden Sonderangebote angepriesen. Meine Bluse klebt auf meiner Haut. Die darauf folgenden Nachrichten bringen einen kurzen Bericht über den französischen Sommer: Ein Landwirt klagt über Dürre und Wasserknappheit. Es ist der wärmste und trockenste Sommer in Frankreich seit 1958.

Dürre und Wasserknappheit infolge der Klimakrise sind in Kenia und Mosambik schon lange ein großes Problem. Während in der kenianischen Dürre momentan alle vergeblich auf Regen hoffen, hat man in Mosambik, trotz der dort sich mehr und mehr ausbreitenden Dürre, Angst davor. Zu präsent sind noch die Überschwemmungen infolge des regnerischen Zyklon Idai, der 2019 Hunderte von Menschen tötete und weite Landstriche überflutete, weil der ausgetrocknete Boden nicht in der Lage war, die Wassermassen aufzunehmen.

Falsche Lösungen

In Kenia treffen wir unsere Partner:innen von der Kenyan Peasants League (KPL). Die Bauernaktivist:innen betonen, die Klimakatastrophe sei eine gemachte Katastrophe, eine politische Katastrophe und „politische Krisen brauchen politische Lösungen“. Und zwar dringend, denn diese gemachte Katastrophe raubt den Bauern und Bäuerinnen nicht nur die Arbeits-, sondern auch die Ernährungsgrundlage. Die Klima(un)gerechtigkeit muss der KPL nach mit der Schuld(en)frage zusammengedacht werden, und zwar in zweifacher Hinsicht: Zum einen im Sinne von Schuld, und zwar des Globalen Nordens, der die Länder des Südens die Rechnung für die eigene klimaschädliche Lebensweise zahlen lässt. Zum anderen im Sinne von Verschuldung, denn die internationale Verschuldung treibt die Länder des Globalen Südens immer weiter in Armut und Abhängigkeit.

Was von Regierungen und der Industrie als Lösung der Misere präsentiert wird, ist häufig genau das Gegenteil und wird die betroffenen Länder nur noch mehr beuteln, denn die vorgeschlagenen Programme beruhen auf denselben kapitalistischen Praktiken und der gleichen Logik wie die, die die Klimakrise verursacht haben. Dazu gehören die Kommerzialisierung, der Extraktivismus, der Einsatz von Gentechnik und die treibhausgas Ebene fördert das dominante industrielle Produktionssystem von Nahrungsmitteln ein Modell, mit dem Land, Saatgut, Wasser und das gesamte System der Ernährung kontrolliert werden kann.

Dieses System der Nahrungsmittelproduktion wird Ländern des Globalen Südens wie Kenia im Rahmen von Freihandelsabkommen und Wirtschaftspartnerschaftsabkommen aufgezwungen, die mit wohlklingenden Programmen zu klimagerechter Landwirtschaft und zur Verringerung der Waldzerstörung (REDD+) Scheinlösungen fördern, die dramatische Konsequenzen für die Menschen in den betroffenen Regionen haben.

Vergessene Dörfer

Die Folgen der Dürre sieht man am stärksten in den abgelegenen Dörfern, wo die somalischen Communities leben. Dorthin durften wir unsere kenianische Partnerorganisation Society of Development and Care (SODECA) begleiten, die Nothilfe und politische Bildungsarbeit mit den Communities unter anderem in Tana River und Garissa gestaltet. Die kleinen Dörfer sind weit entfernt von den Hauptverkehrsadern. Es sind vergessene Orte der Verwüstung, deren Was[1]serquellen ausgetrocknet sind und deren Vieh verhungert. Auch die Bewohner:innen hat man abgeschrieben. Als nicht kenianische Bürger:innen haben sie es schwer, ihre Rechte einzufordern, Papiere zu erhalten und Ähnliches. Stattdessen werden sie kriminalisiert und weiter marginalisiert. „Sans-Papiers“ wie sie fallen in die Kluft zwischen den universellen Menschenrechten einerseits, die allen gewährt werden müssten, aber tatsächlich oft von keiner Institution wirklich garantiert werden, und den Bürgerrechten andererseits, die der Staat, in dem sie leben, ihnen verweigert.

Etwas Aufmerksamkeit bekommen die vergessenen Menschen in den abgelegenen Regionen Kenias allenfalls von internationalen Hilfsorganisationen. Als wir im Dorf Hajj Mohammed in Garissa ankommen, sehen wir Säcke voller Essen in der Mitte des Dorfes stehen. Auf den Säcken steht „A gift of USAID, from the American people”. Wir fragen, warum niemand davon etwas nimmt. Die Antwort ist ernüchternd: In den Säcken sind Bohnen und Hirse drin. Essen, das unter den gegebenen Umständen schwer zuzubereiten ist und das nicht zu dem gehört, was die Communities üblicherweise zu sich nehmen. Sie werden es daher umfüllen und weiterverkaufen.

Ich frage: Wie kann das sein? Wie kommt es, dass die Hilfe so sehr an den Bedürfnissen der Menschen vorbeigeht? Die Antwort: Wenn überhaupt mal Hilfsarbeiter:innen kommen, sind sie nur kurz da, stellen die Säcke ab und gehen wieder. Kommuniziert wird mit den Menschen nicht. Sonst hätten sie Gelegenheit zu sagen, was sie wirklich brauchen: Eine Infrastruktur für die Wasserversorgung zum Beispiel, damit sie nicht mehr von den Wassertrucks abhängig sind. Aber auch Stipendien für die Mädchen, damit sie länger zur Schule gehen können, und eine Wiederaufnahme der Essensprogramme an den Schulen, damit wenigstens die Kinder versorgt sind.

Mehrfach verschuldet

Die Krise, in der sich Länder wie Kenia und Mosambik befinden, ist auch verbunden mit dem anderen Aspekt der Schuld(en)frage, die KPL aufmacht, nämlich mit den internationalen Schulden, die im Finanzjahr 2022/23 in Kenia 55 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachen. Verschuldet ist das Land bei der International Development Association, die zur Weltbank gehört, bei China, bei der African Development Bank und beim Internationalen Währungsfonds. Dass China in der Liste der Gläubiger an zweiter Stelle steht, verwundert nicht. Als wir Garissa wieder Richtung Nairobi verlassen, kommen wir an der chinesischen LAPSSET-Autobahn vorbei, die gerade gebaut wird. Ein riesiges Projekt, das Ostafrika verbinden soll und an die britische Idee eines „ostafrikanischen Blocks“ des Handels anknüpft.

Tatsächlich ist es jedoch vor allem ein Projekt der Verschuldung, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Zunächst verschuldet sich Kenia mit diesem Projekt bei China. Doch damit nicht genug. Unser Partner Dan Owalla von SODECA erklärt, dass beim Abbezahlen der Schulden mit IWF-Vouchers neue Schulden entstehen. Die Schulden beim IWF wiederum sind an Bedingungen geknüpft. Sie sind verbunden mit weiteren Austeritätsmaßnahmen, die die Schwächsten am stärksten treffen werden. Vor allem die Bauern und Bäuerinnen und die Armen in den Großstädten. Der Hunger wird dadurch perpetuiert, denn – wie Habu Dorcas von KPL erklärt – Schulden und Hunger sind eng miteinander verbunden, nicht nur weil „die noch nicht mal geborenen Kinder durch den Staat schon verschuldet sind“, sondern auch weil die Auflagen der Kreditaufnahme die Bauern und Bäuerinnen in die Monokultur treiben und sie nicht mehr selbst entscheiden können, was sie wo anbauen.

Mit Ernährungssouveränität hat das nicht das Geringste zu tun, im Gegenteil. Das sehen auch die organisierten Bewohner:innen des Mathare[1]Slums in Nairobi so. Sie sind von Gewalt, Krimi[1]nalisierung, Armut und Hunger betroffen. In ihrem Social Justice Center ist auf einer Wand der Panafrikanist Thomas Sankara mit folgen[1]dem Zitat abgebildet: „Die Ursprünge der Verschuldung liegen in den Ursprüngen des Kolo[1]nialismus. Diejenigen, die uns Geld leihen, sind diejenigen, die uns kolonisiert haben.”

In die Ausbeutung investieren

In Mosambik begünstigt die Schuldenkrise den Extraktivismus, der unter dem Deckmantel von internationalen Investitionen das Land ausbeutet. In dem europäischen Energiehunger, vorangetrieben z.B. durch den Öl- und Gaskonzern Total, wird aus Mosambik nicht nur Gas mit wenig Aufwand extrahiert, sondern auch die damit verbundene Gewalt an den Menschen, die in den jeweiligen Orten leben, billigend in Kauf genommen, wie Daniel Robeiro von der Organisation Justiça Ambiental erläutert. Es ist kein Zufall, dass Orte wie Cabo Delgado, an denen Großprojekte umgesetzt und Anschläge verübt werden, häufig als „Terrorzonen“ gekennzeichnet sind. Für multinationale Konzerne ist das gut, denn dadurch sind die Kosten für die Minen günstig und der Staat ist verpflichtet, die Projekte zu schützen.

Schützen kann der Staat, auch wenn er nicht in weiten Teilen korrupt wäre, die Menschen nicht vor der Klimakrise. Mosambik ist eines der Länder, das am stärksten davon betroffen ist. Der Zyklon Idai hat 2019 nicht nur in großem Umfang Böden und Häuser zerstört, sondern auch die Schuldenkrise verschärft. Unsere Partner:innen von União Nacional de Camponeses (UNAC) sprechen von den Abhängigkeiten der Bauern und Bäuerinnen im Zuge der Wiederaufbaumaßnahmen nach den Zerstörungen durch Idai. Sie mussten erleben, dass nicht jede Hilfe hilft, sondern manchmal sogar das Gegenteil bewirkt.

Nachdem die Bauern und Bäuerinnen ihre Samen und die Ernte durch Zyklone verloren hatten, haben internationale Hilfsorganisationen in Nothilfeaktionen Samen zum Einpflanzen verteilt. Doch diese Samen waren industriell gefertigt und genmodifiziert. Diese Samen sind nicht wetterresistent, brauchen viel Dünger und verrotten schon nach kurzer Zeit. Ihre Lebenserwartung ist kaum länger als die des auf zwei Jahre angelegten Projektes. Zudem wird die Erde auf Dauer unfruchtbar bzw. kann keine anderen Samen tragen. Damit kann man keine Ernährungssouveränität erreichen. Das ist auch offenbar nicht gewünscht, denn die Abhängigkeit von Bauern und Bäuerinnen und Boden von den industriell gefertigten Samen verschafft internationalen Agrarkonzernen hohe Profite. Es ist daher keine Überraschung, dass Firmen wie Bayer (Deutschland) oder Sygenta (China) in Mosambik einen vielversprechenden Markt sehen. Die Vereinigung UNAC kämpft zusammen mit den Bauern und Bäuerinnen für lokale Samen, denn „mit lokalen Samen erreichen wir Ernährungssouveränität“. Aber weil lokale Samen nicht reichen, ist UNAC auch Teil der Entschuldungsbestrebungen in Mosambik.

Die „afrikanische“ Weltklimakonferenz COP27 und der Krieg in der Ukraine waren in den Gesprächen auf unserer Reise präsent – eines aber war präsenter: Die Menschen wollen weder Kollateralschaden des grünen Kapitalismus noch globaler hegemonialer Kämpfe, die geopolitisch ausgetragen werden, sein.

Zugang zu Land und die Erlangung von Ernährungssouveränität sind zentrale Ziele, die die medico-Partnerorganisationen in Ostafrika verfolgen. Denn nur wenn diese Ziele gesichert sind, können Hungersnöte nachhaltig bekämpft und verhindert werden. Angesichts der anhaltenden Dürre unterstützt medico die Partner:innen zudem bei der Nothilfe in ländlichen und von Katastrophen gebeutelten Regionen.

Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 4/2022. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!

Veröffentlicht am 08. Dezember 2022
Radwa Khaled-Ibrahim

Radwa Khaled-Ibrahim ist Referentin für Kritische Nothilfe in der Öffentlichkeitsarbeit von medico. Außerdem ist die feministische Politikwissenschaftlerin in der Spender:innenkommunikation tätig.


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