Von Ebola lernen

Global handeln

Globales Handeln ist in der Pandemie wichtiger denn je. Das zeigt der Umgang mit einer Epidemie, von der wir auf den ersten Blick gar nicht betroffen waren: Ebola.

Von Anne Jung

Einen 122 Milliarden Euro-Rettungsschirm hat die Bundesregierung gestern auf den Weg gebracht. Solo-Selbstständige, Kleingewerbe und Miniunternehmen sollen entlastet werden, Unterstützung in der Grundsicherung wurde ebenso zugesagt. „Beispiellos“ und „einzigartig“ heißt es dazu einhellig in der Presse, vollkommen zurecht. Weniger Beachtung fand ein weiterer Rettungsversuch: Fast zeitgleich zur Bundestagsdebatte wurde bekannt dass die UNO 2 Milliarden USD als „global humanitarian response to fight COVID-19 across South America, Africa, the Middle East and Asia“ bereit gestellt hat. Die Notmittel für Niedersachsen sind höher.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es ist absolut begrüßenswert, dass es in der gegenwärtigen Krise einzigartige politische Interventionen gibt und sie werden hoffentlich dabei helfen, die Angst vor dem, was kommt etwas abmildern. Der Virus hat Menschen auf der gesamten Welt die Verletzbarkeit des Körpers offenbart und die reichen Länder der Welt sind massiv getroffen. Dennoch: Die Bitte, den „Rest der Welt“ nicht zu vergessen, darf heute nicht ungehört verhallen oder gar Missmut und Wut hervorrufen. Die nationalen und europäischen Anstrengungen sind beispielhaft, aber sie dürfen nicht auf Kosten globaler Strategien gehen. Sie zeigen an, welchen Umfang ein globaler Rettungsschirm haben müsste, von dem wir derzeit noch weit entfernt sind.

Globale Verantwortung, die Verantwortung für die sich jetzt verschärfenden Folgen der Globalisierung, dürfen im national und europäisch verengten Blick auf den Corona-Ausnahmezustand nicht vergessen werden. Die Pandemie und eine weltweite Wirtschaftskrise werden die globalen Ungleichheiten vertiefen, bestehende soziale und ökologische Krisen verschärfen und die fehlenden Zugänge zu Gesundheitsversorgung offenbaren. Die Gefahr ist groß, dass die armen Regionen dieser Welt jetzt erneut alleine gelassen werden, vielleicht mehr denn je. 

Ebola: Von Afrika lernen

Dabei geht es um mehr als einseitige Hilfe. Ein globaler Blick könnte nicht erst heute von den Erfahrungen und dem Wissen profitieren, das im Umgang mit Epidemien besteht, vor allem auf dem afrikanischen Kontinent. Und aus ihm könnten die naheliegenden Konsequenzen gezogen werden. Wäre die Lehre aus Ebola beherzigt worden, hätten wir heute eine ganz andere Ausgangslage. Die Lehre aus Ebola? Gesundheitssysteme gehören in öffentlicher Hand, zugänglich für alle Menschen und unabhängig von ihrem Einkommen. Das ist der einzig zuverlässige und nachhaltige Schutz gegen die Epidemien der Zukunft. 

2014 infizierten sich während der Ebola-Epidemie in Westafrika 20.000 Menschen mit dem Virus, fast die Hälfte starb daran. In Westafrika fand es damals die besten Voraussetzungen, sich zu verbreiten. Die Gesundheitssysteme der drei Epizentren Guinea, Liberia und Sierra Leone gehören zu den schwächsten weltweit. Ebola fegte auf unerbittliche Weise über diese Länder hinweg. Aufgrund der Epidemie verschlechterte sich die Gesundheitsversorgung insgesamt – in der Folge verdoppelte sich die Zahl der Malaria-Toten. Auch die Müttersterblichkeit stieg wieder an, ebenso die Neuinfektionen mit Masern.

Die Welt – und das war die eigentliche Seuche – schaute lange tatenlos zu, die Abschottungspolitik, die folgte, war so radikal, dass die Exportwirtschaft komplett zum Erliegen kam. Noch lange nach der Epidemie litten die Menschen unter den Folgen. Die Hilfe war zunächst so wenig eingebunden in die Strukturen vor Ort, dass das Misstrauen gegenüber den Helfer*innen in weißer Schutzkleidung massiv war. 

Wirksam werden konnte die lebensrettende Aufklärungsarbeit erst, als eine konsequente Einbindung aller gesellschaftlichen Kräfte erfolgte. „Do or die“ lautete die lakonische Antwort der Community-Worker auf meine damalige Frage, warum sie für die Aufklärungsarbeit täglich ihr Leben riskierten, für die sie oft nur kleinste Aufwandsentschädigungen erhielten. Sie gingen monatelang von Tür zu Tür, nie wissend, was sie dahinter erwartete, hörten zu, nahmen Anteil.

„Social distancing“ zu Zeiten von Ebola

Auch im Kleinen, Alltäglichen gab es unschätzbare Erfahrungen, die heute wieder wichtig werden. Viele erzählten damals, dass es ihnen unerträglich sei, ihre verstorbenen Angehörigen ohne Umarmungen und Liebkosungen zu verabschieden, weil die Toten so keine Ruhe finden könnten. Sie nahmen lieber ihren eigenen Tod in Kauf als das zuzulassen. Daraufhin entwickelten Imame gemeinsam mit christlichen Predigern und traditionellen Heilern alternative Beerdigungsrituale, damit die Angehörigen ihre verstorbenen Liebsten in Frieden gehen lassen konnten, ohne ihnen körperlich zu nah zu sein.

Von dieser und unzähligen anderen Geschichten könnten wir heute lernen: von den Erfahrungen der Menschen aus Sierra Leone oder Liberia. Vielleicht kann es uns helfen, wenn wir Angehörige und Freund*innen nicht in Altersheimen besuchen dürfen oder Einkaufstüten nur vor der Tür abstellen. Die Menschen in Westafrika erlebten ihr Handeln als Selbstermächtigung und haben zugleich die Abwesenheit des Staates und das Versagen der internationalen Staatenwelt beim Aufbau einer Infrastruktur im Gesundheits-und Bildungsbereich am eigenen Körper gespürt - und tausendfach mit dem Leben bezahlt.

Der Einsatz für Globale Gesundheit ist der beste Rettungsschirm

Stattdessen erlebten sie, wie weiterhin die Reichtümer ihrer Länder – Bauxit, Coltan, Kobalt und viele mehr – in den globalen Norden exportiert wurden, ohne dass Mittel zum Aufbau der sozialen Infrastruktur bereitgestellt wurden. Nach Ebola wurde immerhin ein Impfstoff entwickelt, aber die Einsicht in die Notwendigkeit von Gesundheitssystemen verschwand mit der Eindämmung des Virus. Heute gibt es im ganzen westafrikanischen Land Sierra Leone immer noch weniger Ärzt*innen als in der Frankfurter Uniklinik. Der nächste Ausbruch von Ebola in der Demokratischen Republik Kongo im Jahr 2018 wurde kaum zur Kenntnis genommen, weil er erst gar nicht als Gefahr für den Rest der Welt wahrgenommen wurde.

Die profitorientierte Privatisierung des Gesundheitssektors weltweit schafft die Bedingungen nicht, unter denen mit den aktuellen und kommenden Herausforderungen umgegangen werden kann. Im Gegenteil: Sie hat weltweit zu einer verheerenden Unterfinanzierung des Gesundheitswesens geführt, Die Weltbank drängt derzeit die Länder im globalen Süden dazu, die Probleme im Gesundheitsbereich mittels privater Finanzierung zu lösen und Notprogramme auf Kreditbasis aufzulegen. Das weist in eine völlig falsche Richtung. Benötigt wird vielmehr ein sofortiger Schuldenerlass für die ärmsten Länder und verpflichtende Finanzierungsmechanismen auf internationaler Ebene für die globale Gesundheit. Damit nach Corona nicht wieder alles Offenkundige vergessen wird und man sehenden Auges in die nächste absehbare Katastrophe gerät.

Veröffentlicht am 26. März 2020

Anne Jung

Anne Jung ist Leiterin der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit bei medico international. Die Politikwissenschaftlerin ist außerdem zuständig für das Thema Globale Gesundheit sowie Entschädigungsdebatten, internationale Handelsbeziehungen und Rohstoffe.

Twitter: @annejung_mi

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