Ebola

Für den Ernstfall gewappnet?

24.08.2026   Lesezeit: 6 min  
#ebola  #gesundheit 

Der Ebola-Ausbruch in Kongo nimmt verheerende Ausmaße an. Dan Owalla vom People’s Health Movement in Kenia berichtet, wie sie sich dort auf einen Ausbruch vorbereiten.

medico: Das betroffene Gebiet im Kongo ist fast 1000 Kilometer von der kenianischen Grenzstadt Busia entfernt. Wird Ebola überhaupt als Problem in Kenia wahrgenommen?

Dan Owalla: Angesichts unserer geografischen Nähe und regionalen Verflechtung müssen wir uns Sorgen über die Situation in der Demokratischen Republik Kongo (DRC) machen und uns entsprechend vorbereiten. Prävention darf jedoch nicht mit dem Bau von Isolationszentren beginnen und enden. Sie muss auch die Gemeinden und die Gesundheitsarbeiter:innen einbeziehen. Im Zentrum muss die Bevölkerung stehen, denn Menschen werden in ihren Gemeinden krank, und auch die Erkennung und Überwachung von Ausbrüchen beginnt dort.

Die kenianische Öffentlichkeit hat das Gefühl, nicht ausreichend über Ebola informiert zu sein. Im Fokus der Nachrichten steht die Verstärkung der Grenzüberwachung. Die Frage, was Menschen tun sollen, wenn sie entsprechende Symptome bemerken, wird wenig thematisiert. Dabei zeigen die Erfahrungen aus der DRC, was passiert, wenn Informationen gefährdete Gemeinden nicht schnell genug erreichen.

Der Staat reagiert also vor allem mit Sicherheitspolitik und Grenzkontrollen. Sind die Grenzen geschlossen?

Nein, die Grenzen sind nicht geschlossen. An den wichtigsten Grenzübergängen werden die Menschen untersucht. Gleichzeitig wissen wir, dass es bei Ebola bis zu 21 Tage dauern kann, bis Symptome auftreten. Es gibt zudem informelle Grenzübergänge, die nicht durch das Gesundheitsministerium überwacht werden. Sie liegen näher an den Gemeinden, während die offiziellen Grenzübergänge oft weiter entfernt sind.

Grenzkontrollen sind also wenig effektiv. Entscheidend ist, wie gut wir unsere Gemeinden und ihre Strukturen vorbereiten, Vertrauen aufbauen und sie widerstandsfähig machen. Sie müssen in der Lage sein, auf einen Ausbruch zu reagieren. Zum Glück wurde in Kenia bisher kein Fall registriert.

Wie sieht eure Arbeit zur Vorbereitung in den Gemeinden derzeit aus?

Momentan sammeln wir noch Erkenntnisse über die Lebensrealitäten vor Ort und entwickeln Instrumente, um die Situation in den Gemeinden entlang der Grenze zwischen Busia und Uganda besser zu verstehen. Auf dieser Grundlage entsteht ein Frühwarnsystem, um die Gemeinden mit verlässlichen Informationen versorgen und Ausbrüche schnell erkennen und melden zu können. Die Idee entstand auch aufgrund der Erfahrungen mit COVID.

Was habt ihr aus den Erfahrungen der Corona-Pandemie gelernt?

COVID hat die Menschen unvorbereitet getroffen. Zunächst hielten die Menschen die Krankheit für einen Mythos oder haben sie als etwas betrachtet, was Kenia nicht in gleichem Maße treffen könne wie andere Teile der Welt. Informationen erreichten zwar die Städte, aber kaum die ländlichen Gebiete und informellen Siedlungen. Als die Lockdowns kamen und die Menschen ihren Alltag verändern mussten – keine Hände schütteln, Abstand halten, Masken tragen –, wurde ihnen klar, dass tatsächlich etwas passierte. 

Als es nun zum Ebola-Ausbruch in der DRC und Teilen Ugandas kam, wollten wir die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Die Rolle der Gemeinden wurde während COVID vernachlässigt. Jetzt wollen wir sie stärker einbeziehen und die Menschen dazu befähigen, ungewöhnliche Todesfälle oder ungeklärte Erkrankungen frühzeitig zu erkennen. Und dafür brauchen sie die notwendigen Informationen. Es geht also darum, die Verbindung zwischen den Gemeinden, den Gesundheitsarbeiter:innen an vorderster Front und dem staatlichen Überwachungssystem für Ausbrüche zu stärken.

Welche Rolle spielen dabei die Community Health Workers?

Viele Menschen werden zu Hause krank und die Entfernung zwischen Haushalten und Gesundheitseinrichtungen ist in Kenia oft größer, als sie sein sollte. Hier kommen die Community Health Workers ins Spiel. Das sind zumeist Frauen, die aus den Gemeinden kommen und basismedizinisch geschult wurden. Sie können vor Ort Untersuchungen durchführen, die Temperatur messen, einfache Medikamente ausgeben und bei Bedarf Menschen an medizinische Einrichtungen überweisen. Sie unterstützen auch Frauen bei Geburten, wenn keine Ambulanz zur Verfügung steht.

Die Weitergabe von Informationen über Ebola sollte eigentlich Teil dieser täglichen Arbeit sein. Bei Impfkampagnen gibt es beispielsweise ein etabliertes System: Community Health Worker informieren die Gemeinden, kündigen Impftermine an und gehen gemeinsam mit Pflegekräften in die Gemeinden. Eine solche Initiative sehen wir derzeit bei Ebola nicht. Und das war bereits während COVID ein Problem.

Gleichzeitig geht es auch darum, Vertrauen aufzubauen. Woran hakt es dabei und was kann eure Arbeit zu einer Verbesserung beitragen?

Wir wollen nicht, dass Menschen bei einem Ausbruch entscheiden müssen, ob sie den bestehenden Gesundheitseinrichtungen vertrauen können oder nicht. 
Viele Menschen sagen, dass sie selbst bei der Nutzung bestehender Gesundheitseinrichtungen nicht die benötigten Leistungen erhalten. Medikamente und andere medizinische Güter fehlen, Ärzt:innen streiken regelmäßig, und manche Einrichtungen sind am Wochenende nicht ausreichend besetzt. Deshalb gehen viele Menschen erst gar nicht dorthin. Gleichzeitig sind private Einrichtungen durchaus verfügbar. Diese können sich aber die wenigsten leisten.

Wenn Menschen öffentliche Einrichtungen nicht nutzen, weichen die dort erhobenen Krankheitszahlen von der Realität ab. Dann werden möglicherweise auch weniger Ressourcen zugewiesen. Bei größeren Ausbrüchen wie Cholera oder Ebola sind es aber die öffentlichen Gesundheitseinrichtungen, die einen großen Zustrom von Patient:innen bewältigen müssen. Unsere Arbeit zielt deshalb darauf ab, Vertrauen in diese Einrichtungen wiederherzustellen und gleichzeitig staatliches Handeln zur Stärkung der Einrichtungen in den Gemeinden anzustoßen.

Hat sich der Zugang zu Gesundheitsversorgung seit den Kürzungen der Entwicklungshilfe vonseiten der Industrieländer, insbesondere dem Wegfall von USAID-Mitteln, verschlechtert?

Die Kürzungen der Gelder waren ein schwerer Schlag. In Garissa konnten wir sehen, was die Kürzungen konkret bedeuten. Dort gab es eine Einrichtung, die vollständig von USAID betrieben wurde. Ein Zentrum mit Behandlungszelten versorgte zwischen 300.000 und 400.000 Haushalte in der Region. Nach dem Rückzug von USAID ist praktisch nichts mehr übrig. Die Zelte wurden durch Staub und Wind zerstört. Die Menschen wissen nicht, wie es weitergehen soll.

Als USAID sich zurückzog, hofften viele zivilgesellschaftliche Organisationen zunächst, dass dies eine Gelegenheit für die Regierungen sein könnte, ihre Gesundheitssysteme unabhängig von externen Gebern zu stärken. Um die entstandenen Finanzierungslücken zu schließen, müssten die Staaten jedoch ihre Steuereinnahmen erhöhen. Das ist für viele afrikanische Staaten schwierig. In einer Region, in der viele Länder hoch verschuldet sind, führt ein plötzliches Ausbleiben der Mittel zu erheblichen Problemen. In Kenia verwenden wir rund 70 Prozent der Steuereinnahmen für die Rückzahlung externer Schulden. 

Problematisch ist nun zusätzlich, dass die neue Kooperation mit den USA verlangt, dass Kenia seine gesundheitspolitischen Prioritäten an die US-Interessen der anpasst. Dadurch geraten wichtige Bereiche ins Hintertreffen, etwa der Zugang zu Verhütungsmitteln, die Gesundheitsversorgung von Müttern und Kindern und Gesundheitsangebote, die den Bedürfnissen von Jugendlichen gerecht werden.

Es scheint eine erhebliche Diskrepanz zwischen dem gesundheitspolitischen Handeln der Regierung und den Bedürfnissen der Bevölkerung zu geben.

Zusammenarbeit mit ausländischen Staaten im Bereich Gesundheit ist nicht grundsätzlich schlecht. Sie muss aber stärker am öffentlichen Interesse ausgerichtet sein, statt die Prioritäten der USA über die Interessen der kenianischen Bevölkerung zu stellen. Nur so können die Menschen das für eine Epidemie notwendige Vertrauen in das Gesundheitssystem entwickeln.

Das Interview führten Felix Litschauer und Frauke Heller.
Transkription und Übersetzung: Antonie Riek.

Die medico-Partner People’s Health Movement Kenya und SODECA kämpfen dafür, dass das in der Verfassung verankerte Recht auf Gesundheit kein leeres Versprechen bleibt. In Kenias Grenzgebieten und den informellen Siedlungen Nairobis unterstützen sie auch dort, wo andere weder hinschauen noch hinkommen. Sie leisten Nothilfe für Betroffene von Dürren und Überschwemmungen. Und Sie vermitteln Informationen zum Gesundheitsschutz und schulen Gemeinden darin, für ihre Rechte einzutreten. Unermüdlich und trotz staatlicher Repression.


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