medico: Kürzlich warst du Redner beim Symposium der medico-Stiftung „Kalte Zeit. Zur Ambivalenz der Empathie“. Kannst du uns kurz erzählen, was dir als theologisch geschultem und politisch aktivem Menschen zur gegenwärtigen Lage von Empathie, Mitgefühl und Nächstenliebe einfällt – und wie du die Debatte in Frankfurt erlebt hast?
Michael Ramminger: Auf gesellschaftlicher Ebene sind Veränderungen am Laufen, die sozialpsychologisch, ideologisch und politisch ganz schön in die Tiefe gehen. Mitmenschlichkeit, Solidarität und gleiche Rechte für alle Menschen auf der Welt, also ein Handeln und ein Denken im Sinne des Universalismus, verlieren massiv an Wirkmächtigkeit und Überzeugung. Die Welt wird brutaler und kälter. Darüber zu sprechen ist bitter notwendig, und das wurde auf dem medico-Symposium gemacht. Es war in gutem Sinne eine Suchbewegung, ein Anfang. Das Problem wird uns noch länger erhalten bleiben. Egal, wer demnächst irgendwo irgendwelche Wahlen gewinnen wird.
In deinem Panel ging es um das Thema „Mitgefühl und Mitleid. Verteidigung einer christlichen Haltung“. Diese Verteidigung scheint nötig: Aktuell erleben wir nämlich eine Bezugnahme auf religiöse Figuren anderer Art. Der US-amerikanische Verteidigungsminister Pete Hegseth hat beispielsweise den Angriff auf den Iran als „Kreuzzug“ bezeichnet.
Die Wiederkunft der Religion ist offenkundig. Darin artikuliert sich ein auch von links oft unterschätztes und reales Bedürfnis. Was sich aber daraus konkret formiert, hat im Grunde nichts mit der bisherigen christlichen Tradition zu tun. Die Zeit der christlichen Formierung, der gesamtkulturprägenden Kraft des Christentums in Europa und den USA, ist im Grunde vorbei. So etwas wie die Kirche des Mittelalters, die gesagt hat, was man tun und lassen darf, existiert nicht mehr. Was wir in der zweiten Trump-Administration sehen, ist vielmehr eine Neuerfindung von Religion. Hinzu kommt: Die US-amerikanische Religiosität war schon immer eine ganz eigene. Der Bible Belt, der evangelikale Fundamentalismus, der Kreationismus — all das hat kein Pendant in Europa.
Für den Tech-Unternehmer und Trump-Unterstützer Peter Thiel ist dieses Böse Europa, der Iran oder auch der progressive Liberalismus. Er macht gegenwärtig Schlagzeilen – nicht nur mit Investitionen in eine Gebets-App, sondern auch mit einer politisch aufgeladenen Neuinterpretation biblischer Bilder, darunter auch das Motiv des Armageddon, also eines eschatologischen Endkampfes. Diese Lesart des Christentums verortet das absolute Böse irgendwo im Außen und versteht sich selbst als Heilsbringer. Wie bewertest Du das?
Da muss man unterscheiden: zwischen der volkskirchlichen, römisch-katholischen und evangelischen Tradition auf der einen Seite und dem, was Thiel und andere jetzt machen, auf der anderen. Die ganze Rede vom Katechon, vom Antichristen — das sind Figuren, die bei uns theologisch kaum rezipiert werden. Der Begriff Katechon, der „Aufhalter“, stammt aus einem einzigen pseudo-paulinischen Brief, und der Antichrist kommt an einer einzigen Stelle in einem Johannestext vor. Was hier theologisch gedacht wird, folgt vielmehr Augustinus. Apokalyptik meint biblisch hier nicht eine zukünftige Katastrophe, sondern die Offenbarung der Katastrophalität der Welt wie sie ist. Walter Benjamin hatte das ja auch sehr klar erfasst: Die Katastrophe ist nicht das, was kommt, sondern dass es so weitergeht, wie es ist. Dies wird sein Ende in der Wiederkunft des Messias finden. In diesem Paulus-Brief ist der Anti-Christ der Verführer, der falsche Prophet, der überwunden werden muss, damit der Messias wiederkommen kann.
Und dann gibt es noch den sogenannten Katechon, der den Antichristen – also heute die Liberalen, die Linken, die Weltregierung im Sinne Thiels – aufhält. Damit mache er die Welt belebbar gegen das Chaos des Antichristen. Doch Thiel hält die Katastrophe nur auf, er schafft nichts Neues. Dieser an sich unbedeutenden Bibelstelle zufolge muss die Katastrophe erst vollständig geschehen, erst danach wird der Messias kommen. Wenn man diese zwei Zeilen aus der Bibel ernst nimmt und konsequent zu Ende denkt, müsste Thiel eigentlich sagen: Ich halte den Antichristen auf — und damit auch die Wiederkunft und das Reich Gottes und den Messias. Das verschweigt er. Seine Argumentation ist also in sich selbst inkonsistent. Hinzu kommt, dass der Katechon eine absolute Marginalie christlicher Tradition und Theologie ist. Thiel bezieht diese Figur eigentlich von Carl Schmitt, aus dessen Buch „Nomos der Erde“.
Die beiden christlichen deutschen Kirchen haben kürzlich ein Papier zur Militärseelsorge veröffentlicht, dass du stark kritisierst. Würdest du Analogien sehen zwischen der Figur des absoluten Bösen und dem, was die beiden großen Kirchen nun tun?
Ich habe eher das Gefühl, dass in den deutschen Kirchen kaum noch Leute sind, die wirklich an das glauben, was sie dem Christentum nach eigentlich vertreten müssten. Was sie stattdessen vertreten, sind peinliche Restbestände einer Religiosität, die nur noch durch ihre Institutionen weiterlebt. Und in dieser Institutionalität gibt es nichts anderes mehr als die Unterwerfung unter die herrschenden Paradigmen der staatlichen Politik. In dem wirklich unerträglichen Papier der Kirchen zur Militärseelsorge dienen sie sich dem Militär als Problemlöser an. Die Notwendigkeit von Aufrüstung und Kriegsführung wird als selbstverständlich vorausgesetzt, als müsste sie gar nicht mehr begründet werden. Was sie hier vertreten, kommt nicht aus der christlichen Tradition. Es ist dieser grausame „Werteverteidigungsdiskurs“ der liberalen Demokratie.
An anderer Stelle hast du die Position der Kirchen als Blasphemie bezeichnet, als Verrat an der genuinen christlichen Tradition der Nächstenliebe. Wie viel von dieser universalistischen Tradition ist noch da?
Ich kann das nicht quantifizieren. Aber nehmen wir die Debatte um die Ordo Amoris. Der Begriff stammt von Augustinus und Thomas von Aquin. Vance, der vor einigen Jahren zum Katholizismus konvertiert ist, hat ihn aufgegriffen und so ausgelegt, dass es eine abgestufte Hierarchie der Zuneigung und des Mitleids gibt: Sie gelten erst der Familie, dann der Straße, dann der Gemeinschaft, dann der Nation.... Damit hat er ein universalistisches Verständnis von Mitleid ausgehebelt. Soweit ich weiß, war der Einzige, der darauf mit Kritik reagiert hat, Papst Franziskus. Er hat einen Brief an die US-amerikanische Bischofskonferenz geschrieben und anhand des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter gesagt: Christliche Liebe ist keine stufenweise Ausweitung von Interessen, die sich nach und nach auf andere Personen und Gruppen erstrecken.
Die wahre Ordo Amoris entdecken wir im Gleichnis vom „barmherzigen Samariter“: Es geht um eine Liebe, die eine Geschwisterlichkeit schafft, die ausnahmslos allen offensteht. Die Essenz dieses Gleichnisses ist, dass es einen Unterschied zwischen Sympathie und Bedürftigkeit gibt. Der entscheidende Punkt ist die Bedürftigkeit. Bei Thomas von Aquin selbst ist es genauso: Wenn Bedürftigkeit vorliegt — Armut, Elend, Gewaltbedrohung — dann gilt nicht mehr die Folge von Familie, Nachbarschaft, Nation etc. Dann gilt nur noch: Wer braucht am dringendsten Hilfe? Der aktuelle Papst Leo hat die Interpretation von Vance genauso zurückgewiesen und einen salvadorianischen Migranten, der 1990 vor dem Bürgerkrieg im Kofferraum eines Autos in die USA geflohen war, zum Diözesanbischof ernannt. Das ist natürlich ein symbolischer Akt. Es gibt aber immer noch ein großes universalistisches Potenzial inmitten der Kirche.
Könnte man sagen, dass Christ:innen – wenn schon nicht die Kirchen insgesamt – aufgrund des Kerngedankens der Nächstenliebe eigentlich Verbündete der Bewegungen gegen Krieg und Faschismus sein müssten?
Ja, eigentlich schon. Und in der Vergangenheit waren Christ:innen das ja auch, wichtige Gründer:innen der Anti-Apartheitsbewegung, der Anti-Kriegsbewegung, der Solibewegungen kamen aus ihren Reihen. Und auch heute noch gibt es hunderte Kirchenasyle in Deutschland, wo die Leute sagen, es interessiert mich nicht, was zum Beispiel das katholische Büro sagt, das sich nicht mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge anlegen will. Es könnte aber sein, dass in 100 Jahren, wenn es dann die Welt noch gibt, keiner mehr weiß, was Christentum in dieser Form und Praxis bedeutet. Aber ich hoffe einfach, dass diese Tradition nicht zu Ende geht.
Dennoch: Was bedeutet es in deinen Augen, wenn die großen Kirchen, wie du sagst, einen christlichen Universalismus und eine indiskriminierende Haltung gegenüber Menschen in Not aufgeben? Wird hier eine selektive Empathie vollzogen, ausgerichtet auf Familie, Straße, Nation?
Ich würde das, was Vance da formuliert, gar nicht Empathie nennen, sondern Sympathie. Empathie, oder Mitleid, wie ich lieber sage, hat für mich einen doppelten Aspekt: zum einen das Affektive, meine Berührung durch den Schmerz des oder der Anderen, die Begegnung, das Unmittelbare; zum anderen das darin begründete politische, universalistische Moment. Diese zwei Seiten des Mitleids hat auch Rousseau benannt. Heute sind wir aber an einem Punkt, an dem die Trump-Bande offen sagt, dass Mitleid eine menschliche Schwäche sei und ausradiert werden müsste. Das ist auch noch einmal sehr anders als im klassischen Neoliberalismus der 1980er- und 1990er-Jahre. Damals hat man das Mitleid zwar eingehegt und kooptiert — das Unternehmen McKinsey hat die ersten Tafeln beraten, das war quasi eine Vermarktung von Mitleid auf höchstem Niveau des Neoliberalismus. Aber man kam gesellschaftlich nicht ganz umhin, dem Mitleid einen Ort zuzuweisen.
Ich glaube, dass wir es in diesem Sinne nicht einfach mit einer Neuauflage der Auseinandersetzung mit dem neoliberalen Verständnis von Mitleid, sondern um einen Paradigmenwechsel in der Auseinandersetzung mit dem Konzept von Empathie zu tun haben. Denn wenn Mitleid kein Prinzip ist, das wie auch immer interpretiert zu einer guten, gerechten Welt beiträgt, welche zukünftige Ordnung stellen sich dann Thiel und andere vor? Konstituiert wird eine verhärtete, verrohte und kriegerische Welt, in der die Seele vom Gefühl des Mitleids und damit der Schwäche gereinigt ist – und damit auch die Idee von der Gleichheit aller Menschen verschwinden wird.
Mitleid als politisches Konzept selbst ist auch umstritten. Hannah Arendt hat ihn beispielsweise immer kritisiert und stattdessen für einen emphatischen Solidaritätsbegriff plädiert. Warum sollten wir es dennoch verteidigen?
Mitleid ist immer und oft auch zu Recht als Assistenzialismus, also als ein rein karitatives Unternehmen diffamiert worden. Aber Mitleid ist der Ernstfall von Empathie. Denn es geht ja um die „Einfühlung“ in den Schmerz, die angetane Gewalt, die Gefährdung des Lebens des Anderen. Und nicht um eine allgemeine Empathie in was oder wen auch immer. Wenn man diese Regung für legitim hält, begründet sie einen Universalismus. Der Anthropologe Lévi-Strauss hat das sehr gut formuliert: „Diese Entdeckung des Mitleids verpflichtet jedoch, Seinesgleichen in jedem Wesen zu sehen, das leidet und dadurch einen unbedingten Anspruch auf Erbarmen hat. Denn für einen jeden von uns besteht die einzige Hoffnung, von Seinesgleichen nicht als ein Tier behandelt zu werden, darin, dass alle Seinesgleichen und zuerst er selbst sich unmittelbar als leidende Wesen bekunden und in ihrem Inneren die Fähigkeit zum Mitleid bewahren.“ Was unsere Gemeinsamkeit begründet, ist also nicht Differenz, nicht Stamm gegen Stamm, nicht Kultur gegen Kultur – sondern Gleichheit. Und dann sind die Palästinenser:innen auch Menschen. Punkt, aus.
Jedes Wesen, das leidet, hat insofern einen unbedingten Anspruch auf Erbarmen. Das ist die Basis auf der sich Menschlichkeit konstituiert. Und auf der wir erst beginnen können, von Unterschiedlichkeit zu sprechen. Mitleidsbereitschaft wirkt also als ein politischer Imperativ, auch in dem Sinne, unsere Freiheit zur Menschwerdung anzunehmen. Deshalb halte ich es für falsch, auf diesen Begriff zu verzichten.
Aber wie geht man mit der Kehrseite des angewandten Mitleids um — dem Assistenzialismus, der Selektivität?
„Ich kann nicht allen helfen“ hat nichts mit meiner Mitleidsfähigkeit oder dem Universalismus, den sie begründet, zu tun. Und der Assistenzialismus ist einfach eine bürgerliche Verkürzung und Korruption des Mitleids. Ich kann trotzdem sagen: Dieser Mensch hat in seinem Leiden das Recht darauf, dass dieses Leiden ein Ende hat. Und dann stellt sich die Folgefrage: Was kann ich wirklich dazu beitragen? Das sind sehr unterschiedliche Antworten. Es gibt Menschen, die in der konkreten Situation sagen: Dieses Leiden geht mich mehr an als mein eigenes Leben. Und vielleicht ist das der stärkste Beweis dafür, dass Mitleid kein Humbug ist.
Warum reicht dir Solidarität nicht aus?
Beim Begriff der Solidarität gibt es ein Problem: Er hat immer zwei Momente. Einerseits drückt er tatsächlich die unbedingte Bereitschaft zu helfen aus, enthält also eine ethische Entscheidung. Andererseits — und das spielte auch in der kommunistischen Arbeiter:innenbewegung eine Rolle — wird Solidarität als gemeinsames Interesse verstanden. Die Arbeiterinnen müssen sich zusammenschließen, weil sie ein gemeinsames Interesse haben, sich zu befreien. Da wird man sich nie wirklich fragen, ob jemand anderes auch leidet. Das eigene Interesse wird durch die Hintertür universalisiert. Insofern ist Solidarität keine vollständige Entsprechung zu einem universalistischen Barmherzigkeitsverständnis.
Was würde das für die Arbeit politischer Organisationen bedeuten?
Für mich ist der entscheidende Punkt, auf einem unbedingten Universalismus zu beharren und da nicht zurückzuweichen. Keine Kompromisse, keine vorschnellen Aushandlungsdiskussionen. medico war zum Beispiel eine der wenigen Organisationen, die relativ früh und offen Position zu Gaza bezogen hat. Und der Kampf gegen das Mitleid ist ja auch ein diskursiver, symbolischer Kampf, der auf den unterschiedlichsten Ebenen geführt wird — von der Bibelauslegung bis zur politischen Sprache. Da dürfen wir nicht zurückweichen. In der neuen politischen Theologie heißt es sinngemäß, dass das Mitleid nicht einfach nur individuelles Empfinden ist, es muss zeitgleich institutionell verankert sein – und das führt uns zur Frage, was getan werden muss für eine Welt, in der Menschen nicht mehr leiden. Denn fremdes Leid wahrzunehmen und zur Sprache zu bringen, ist die unbedingte Voraussetzung aller neuen Formen sozialer Solidarität. Was Gesellschaft braucht, sind solche Orte des unbedingten Universalismus, an denen gilt: Das ist die Wahrheit des Universalismus, die wir verteidigen.
Das Interview führten Timo Dorsch und Karin Zennig.



