Fremdenfeindliche Mobs

Die Amabutho sind zurück

21.09.2026   Lesezeit: 8 min  
#südafrika 

In Südafrika eskaliert die Gewalt gegen Migrant:innen und Minderheiten. Das weckt Erinnerungen an vergangen geglaubte Zeiten

Seit Monaten hetzen rechte Bürgerwehren in Südafrika gegen Migrant:innen. Nachdem sie ein Ultimatum ausgerufen hatten – zum 30. Juni 2026 sollten alle Migrant:innen ohne gültige Papiere das Land verlassen haben –, jagten bewaffnete Mobs durch die Armenviertel von Durban und Johannesburg, plünderten Geschäfte, setzten Häuser in Brand und töteten Menschen. Die Polizei blieb meist untätig oder patrouillierte gemeinsam mit den Bürgerwehren. Tausende Menschen flohen in Richtung Simbabwe, Malawi, Mosambik.

Ich wuchs in Bhambayi, nördlich von Durban in der Provinz KwaZulu-Natal, auf. Die informelle Siedlung wurde in den letzten Jahren der Apartheid zu einem Epizentrum der Gewalt. Um die Anti-Apartheid-Bewegung zu destabilisieren, schürte das Apartheidregime hier gezielt Konflikte. 

Die zulunationalistische und antikommunistische Inkatha Freedom Party (IFP) verstand sich als Gegenbewegung zum African National Congress (ANC), der zentralen Organisation der Anti-Apartheid-Bewegung, und wurde damals vom Apartheidregime unterstützt. Die Amabutho waren ihre paramilitärischen Einheiten. Sie knüpften an die Tradition der Zulu-Kriegerregimenter aus dem frühen 19. Jahrhundert an. Während der späten Apartheid gingen nicht nur das Apartheidsregime, sondern auch die Amabutho gegen die Anti-Apartheidsbewegung vor. Bewaffnet mit Pflugscharen, Stöcken, Speeren und Schusswaffen zogen sie marodierend durch die Townships. 

Der gewaltsame Konflikt zwischen IFP und ANC durchzog von 1985 bis 1994 sämtliche Townships der Region. KwaZulu-Natal wurde zum Epizentrum der Gewalt. Viele meiner Genossen bei Abahlali tragen noch heute Narben aus jener Zeit. Niemand kann das Töten vergessen. Wir, die damals Kinder waren, wissen noch genau, wie es sich anfühlt, aus dem eigenen Haus fliehen zu müssen oder sich unter dem Bett zu verstecken. 1993 kamen bei Auseinandersetzungen allein in Bhambayi über zweihundert Menschen ums Leben. Drei Jahre zuvor – ich war acht Jahre alt – wurden zwei Freunde meines Vaters, die bei uns zu Besuch waren, von den Amabutho-Milizen ermordet. Meine Brüder und ich sahen ihre Leichen. Wir wussten damals nicht, dass der Krieg zwischen Inkatha und dem ANC in ideologischen Differenzen begründet war. Man sagte uns, es handle sich um einen ethnischen Konflikt zwischen Zulu und Xhosa, wobei „Xhosa“ als Chiffre für den ANC benutzt wurde. Als Angehörige einer anderen ethnischen Gruppe, der Basotho – die vor allem in Lesotho leben und Sesotho sprechen –, lebte meine Familie ohnehin unter dem Verdacht, nicht zum IFP-treuen Teil der Mehrheitsgesellschaft zu gehören. 

Dieses Misstrauen ist nie ganz verschwunden. Als es 2015 in Durban zu fremdenfeindlichen Angriffen durch rechte Mobs kam, bei denen mehrere Menschen getötet und Tausende vertrieben wurden, hämmerte eines Tages die Polizei an die Tür meiner Hütte. Sie hatte gehört, dass meine Cousine und ich uns auf Sesotho unterhalten hatten. Das vermieden wir normalerweise, indem wir in der Öffentlichkeit ausschließlich Zulu sprachen. Unsere Sprache machte uns in den Augen des Mobs und der Polizei zu Fremden. 

Diese Zeit sollte längst vorbei sein. Südafrika sollte allen gehören, die darin leben. Es ist sogar gelungen, dies in der Verfassung zu verankern, doch es wurde nie verwirklicht. Heute prägt Hass die Stimmung im Land. Es ist wieder wie damals. Erneut patrouillieren bewaffnete Bürgerwehren auf den Straßen, wieder leben Menschen in Angst. Abseits der Fernsehkameras, die auf die großen migrationsfeindlichen Demonstrationsmärsche im Zentrum von Durban fokussieren, treiben die Bürgerwehren – unter ihnen wieder die Amabutho - Menschen aus ihren Häusern, plündern ihr Eigentum und übernehmen ihre Geschäfte. Dies geschieht nicht nur vereinzelt. Es geschieht überall in der Provinz KwaZulu-Natal an der Ostküste und auch in anderen Teilen Südafrikas. 

Wie damals sind Kirchen und Gemeindehallen zu Flüchtlingslagern geworden. In Durban schlafen derzeit vierhundert Geflüchtete auf der Che Guevara Road im Freien, nachdem sie aus ihren Hütten vertrieben wurden. Niemand hat den Versuch unternommen, ihnen eine sichere Rückkehr in ihre Wohnungen zu ermöglichen. Seit Anfang 2026 ist die Sherwood Community Hall, eine städtische Gemeinschaftshalle in Durban, zu einem Notlager für über zehntausend Menschen geworden, die aus ihren Behausungen in informellen Siedlungen vertrieben worden waren. Anstatt sie zu verteidigen, beteiligt sich der Staat am fremdenfeindlichen Programm der Bürgerwehren wie March and March und Operation Dudula und führt nun Massenabschiebungen durch. 

Es geht längst nicht nur um „illegale Einwanderung“. Gefährdet ist, wer einer Minderheit angehört. Zunächst gingen die Angreifer gegen Migrant:innen aus Simbabwe, Mosambik und Malawi vor. Eingeschüchtert, geschlagen und aus ihren Häusern vertrieben werden Menschen, die in anderen Ländern geboren wurden, aber gültige Dokumente vorweisen können. 

Es dauerte jedoch nicht lang, bis die Staatsbürgerschaft nicht mehr der entscheidende Faktor war, sondern mit Tsonga, Venda, Swati oder Ndebele Südafrikaner:innen ins Visier genommen wurden, die Gruppen angehören, welche überregional ansässig und schlicht nicht Teil der ethnischen Mehrheitsgesellschaft sind. So war das erste Opfer der jüngsten Hasswellen im Westkap ein junger südafrikanischer Mann, der der Tsonga-Ethnie angehörte, die vor allem im Norden Südafrikas und Mosambik beheimatet ist. Der Mob attackierte auch jene, die aus Limpopo – der nördlichsten Provinz Südafri- kas –, Free State, Northern Cape und Teilen der Ostkapprovinz kommen. Ethnische Gewalt richtet sich immer zuerst nach außen und dann gegen die Minderheiten „zu Hause“. Die „Politik der Sündenböcke“ wird immer neue Ziele finden. In der Logik eines „Wir gegen die“ wird das „Wir“ immer kleiner. Der Hindu-Nationalismus in Indien unter Modi, der Völkermord an den Tutsi in Ruanda 1994, die Kriege im Kongo und ethnische Politik in Kenia zeigen uns, wohin diese Politik führt. 

Die fremdenfeindlichen Organisationen sagen, sie würden sich nur darum kümmern, das Recht durchzusetzen. Das ist eine Lüge. Denn sie sind es, die das Gesetz unablässig brechen. Jedes Mal, wenn sie Dokumente fordern, Schulen und Krankenhäuser blockieren, Menschen schlagen, sie aus ihren Häusern zwingen und deren Eigentum, Häuser und Geschäfte besetzen, verstoßen sie gegen die Verfassung. Wir erleben eine gefährliche Form rechter Politik, manchmal faschistischen Charakters, in der diejenigen, die ohnehin diskriminiert und am wenigsten geschützt sind, für eine ökonomische und soziale Krise verantwortlich gemacht werden. Wir sind mit Eliten konfrontiert, die für die Krisen Verantwortung tragen, aber um Unterstützung buhlen, indem sie diese auf Minderheiten abwälzen. 

Wir dürfen uns nicht täuschen lassen. Eine arme Person, die aus Maputo oder Harare nach Durban kam, um ein besseres Leben zu suchen, hat unser Land nicht gestohlen, uns keine Wohnung verweigert, uns nicht hungrig gemacht oder eine Wirtschaft erschaffen, in der die meisten jungen Menschen niemals Arbeit finden werden. Es waren Kolonialismus und Apartheid, die uns arm gemacht haben. Es war der ANC, der uns arm hielt und schon damals nationale und regionale Spaltungen forcierte. Es ist die Regierung der nationalen Einheit, deren Gesetzespläne den Kampf um Land kriminalisieren und unsere Vertreibung erleichtern sollen. Unsere Gegner sitzen in den Vorstands-zimmern und schrauben die Lebensmittelpreise hoch. Es sind politische Gangster, die öffentliche Gelder stehlen – und das Kabinett der Einheitsregierung, das Schutzrechte beschneiden will, die nach der Apartheid erkämpft wurden. Es sind all jene, die die Amabutho-Milizen zurück auf die Straßen bringen, fremdenfeindliche Social-Media-Kampagnen betreiben und sich weigern, gegen jene vorzugehen, die Menschen aus ihren Häusern treiben. 

Solange wir unsere Nachbar:innen für unser Leid verantwortlich machen, werden wir die wahren Ursachen unseres Leidens niemals verstehen oder Formen politischer Macht aufbauen, die es uns ermöglichen, unser Leid zu überwinden. Wir werden weiterhin korrupte Politiker:innen wählen, die uns bestehlen, während sie reicher und wir ärmer werden. Fremdenfeindliche Politik ist nicht nur grausam. Sie ist auch dumm. Das Verjagen von Geflüchteten, Migrant:innen und Menschen ethnischer Minderheiten wird uns weder Land noch Jobs, Frieden, funktionierende Institutionen, Häuser, Müllabfuhr oder Toiletten geben. Es wird nicht unsere Würde wiederherstellen. Wer sich stark fühlt, weil er grausam gegenüber jemandem anderen sein kann, ist ein Mensch ohne Würde. Sie wird den Weg für die Wahlen im November mit Leichen pflastern. 

In dieser Krise schützen viele Menschen mutig ihre Nachbar:innen. Auch progressive Organisationen wie Gewerkschaften oder Armutsinitiativen verteidigen Ubuntu, ein Ethos, demzufolge menschliches Wohlergehen nur gemeinsam erreicht wird: „Ich bin, weil wir sind.“ Als Abahlali baseMjondolo organisieren wir uns mit unseren Nachbar:innen gegen Armut und Vertreibung und für Land, Wohnraum und Würde für alle. Wir organisieren uns, um gemeinsam unser Leid zu überwinden. Dabei bestehen wir darauf, dass ein Mensch ein Mensch ist, wo immer er sich befindet. 

Südafrika ist ein diverses Land mit mehr als 22 Sprachen und vielen Ethnien, die dank unserer Verfassung alle die gleichen Rechte haben. Wir appellieren an alle progressiven Organisationen, Gewerkschaften, Kirchen und jede arme Person in KwaZulu-Natal und in ganz Südafrika, sich zwischen die Bürgerwehren und die Migrant:innen zu stellen. Wir dürfen nicht zurück zur Politik des ethnischen Nationalismus und der Kriege zwischen Inkatha und dem ANC. Wir dürfen uns nicht wieder von dem Terror der Amabutho erschüttern lassen. Vielleicht mussten wir uns als Kinder unter den Betten unserer Eltern verstecken, aber jetzt, da wir erwachsene Männer und Frauen sind, müssen wir das Richtige tun. 

Abahlali baseMjondolo ist gemeinsam mit allen anderen südafrikanischen medico-Partnerorganisationen in einem Netzwerk gegen die rechten Ausschreitungen aktiv. Sie organisieren Notfallhotlines und Evakuierungspläne, versorgen Verletzte und bieten Vertriebenen sichere Zufluchtsorte. 

Dieser Beitrag erschien zuerst im medico rundschreiben 03/2026. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


Jetzt spenden!