Offener Brief

This is not Disneyland

Flüchtlinge aus Moria richten sich angesichts steigender Corona-Zahlen im Lager erneut an die europäische Öffentlichkeit.

++ English version ++

Während sich Griechenland auf die Urlaubssaison vorbereitet und Geschäfte und Restaurans nach und nach wieder öffnen, verschlimmert sich die Situation der Geflüchteten in den Lagern. Im Nachfolgelager von Moria auf Lesbos ist die Zahl der Corona-Infizierten zuletzt stark angestiegen. Über hundert Menschen sind in Quarantäne. Dass sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen vor diesem Hintergrund nicht an Hygieneregeln halten, empört die als Moria Corona Awareness Team und Moria White Helmets selbst organisierten Geflüchteten, die seit einem Jahr alles dafür tun, dass Corona sich nicht im Lager ausbreitet. Da außerhalb des Lagers kaum jemand von den steigenden Corona-Zahlen unter den Geflüchteten Notiz zu nehmen scheint, wenden sie sich erneut mit einem Brief an die europäische Öffentlichkeit.

An alle Bürgerinnen und Bürger Europas,

Sie können es wahrscheinlich nicht mehr hören, aber da kaum jemand etwas darüber schreibt, wenden wir uns direkt an die Öffentlichkeit. Wir möchten mit diesem Brief darauf aufmerksam, dass die bedrohliche Covid-19- Situation im Lager nicht vorbei ist, sondern im Gegenteil eskaliert: Alles, wovor wir vor einem Jahr gewarnt haben, scheint nun Realität zu werden! Die Menschen sind sehr verängstigt deswegen. Das letzte Mal, als wir viele Fälle von Covid-19 im Lager hatten, brannte das Lager bald darauf ab. Alles, was in der Nacht des Brandes und in den Wochen danach passierte, brachte uns in eine noch schlimmere Situation.

Während Griechenland nun seine Grenzen für die beginnende Urlaubssaison öffnet und Restaurants und Geschäfte Touristinnen und Touristen willkommen heißen, verschlechtert sich unsere Situation im Lager zusehends. Immer mehr Menschen werden positiv auf SARS-CoV-2 getestet. Mehr als hundert sind in Quarantäne.

Covid-19 geht mit vielen negativen Begleiterscheinungen einher. Nicht nur, dass Menschen krank werden und möglicherweise daran sterben, oder dass es zu wenige Krankenhausbetten, Personal und Ausstattung für die Behandlung gibt: Im Dezember letzten Jahres wurde ein Bericht veröffentlicht, der besagt, dass jede:r dritte Geflüchtete auf Lesbos Selbstmordgedanken hat und jede:r fünfte schon einmal versucht hat, sich umzubringen. Auch das ist eine Folge von Covid-19. Wegen Covid-19 dürfen wir seit letztem Jahr nur noch an bestimmten Tagen aus dem Lager raus. Deshalb können wir keine Angebote von Hilfsorganisation wahrnehmen und auch nicht einfach in einen Laden gehen, um Lebensmittel oder etwas anderes zu kaufen.

Die gesamte informelle Bildung im Lager wurde bis auf Weiteres ausgesetzt, so dass unsere Kinder keine Möglichkeit haben, etwas zu lernen. Mit dem wärmer werdenden Wetter sind unsere Zelte voller Insekten und es kommen mehr und mehr Schlangen. Die Essenssituation ist auch nicht gut, aber wir können uns nichts anderes besorgen und sind daher noch stärker als zuvor von der Essensausgabe im Lager abhängig. Und dieses Essen ist schlecht, oft ist es nicht richtig gekocht und wir müssen es halb gar essen. Außerdem bekommen wir zu wenig. Manchmal ist das Essen sogar verdorben – manche haben durch den Verzehr eine Lebensmittelvergiftung bekommen! Alles in allem sind die Menschen gezwungen, die meiste Zeit innerhalb des Lagerzauns zu verbringen, abhängig von so vielen Dingen, die nicht gut sind. Viele beginnen zu vergessen, wie das Leben außerhalb des Lagers ist. Diese Situation verschlimmert die mentalen Gesundheitsprobleme.

Was wir vor diesem Hintergrund nicht verstehen können ist, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von mehreren NGOs, die eigentlich ein Vorbild für alle sein sollten, ohne Maske und ohne Abstand im Lager herumlaufen. Manche posten sogar Bilder in den sozialen Medien, auf denen das zu sehen ist. Im Laufe des letzten Jahres haben sie trotz all unserer Warnungen immer wieder gegen die Vorschriften zum Schutz vor Corona verstoßen. Wir haben von mehreren NGOs gehört, deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammen gefeiert haben, als Lesbos im tiefroten Lockdown war, und einige von ihnen haben das Lager nach ihrer Ankunft auf Lesbos ohne Quarantäne betreten, manche haben sogar im Lager übernachtet.

Sorry, aber das ist nicht Disneyland!

Gute Absichten legitimieren nicht jedes Verhalten. Gerade während der Pandemie hat Ihr Verhalten möglicherweise sogar negative Auswirkungen auf uns und auf die griechische Bevölkerung. Wenn Sie wirklich hier sind, um uns zu helfen, dann hören Sie bitte, was wir sagen, denn wir sind unmittelbar betroffen. Wir tun, was wir können, aber alle müssen kooperieren, damit wir das durchstehen. Lassen Sie uns Ihnen helfen, uns zu helfen!

Das Ergebnis davon, dass NGOs die Maßnahmen zur Covid-19-Prävention nicht respektieren, ist, dass viele Geflüchtete denken, die Maßnahmen seien nicht wichtig, das Coronavirus gebe es vielleicht gar nicht und Covid-19 sei für sie nicht gefährlich. Dann tragen sie auch keine Masken und halten keinen Abstand. Und wenn sie krank werden, verstehen sie nicht, warum sie in Quarantäne müssen. Das ist ein Teufelskreis für alle Beteiligten. Wir haben über ein Jahr lang getan, was wir konnten, um im Lager über Corona aufzuklären und den Leuten beizubringen, wie sie sich und andere schützen können. Was sollen wir jetzt tun?

Wir versuchen, friedlich zu bleiben und zu kooperieren, aber das geht nur, wenn unsere Lebensbedingungen verbessert werden. Bitte verstehen Sie: Wir bitten um nichts, was uns nicht zusteht, aber unsere Situation ist sehr schlecht. Wir brauchen sofortige Anstrengungen, um die Probleme im Lager zu lösen, damit es nicht zu erneut zu einer Explosion kommt!

In den letzten Wochen haben viele Menschen gegen die Zustände demonstriert. Die Menschen sind völlig erschöpft und hoffnungslos. Das Versprechen, das uns von griechischen Politikerinnen und Politikern und von der EU gegeben wurde, war: Nie wieder Moria. Mit diesem Brief wollen wir Sie an dieses Versprechen erinnern. Denn wir, die Geflüchteten, sind immer noch hier auf Lesbos und unsere Situation droht, wieder sehr schlimm zu werden. Deshalb rufen wir dazu auf:

1. An das Personal und die Freiwilligen von Hilfsorganisationen: Nehmen Sie die Covid-19-Prävention ernst, wenn Sie nach Lesbos kommen und Geflüchteten helfen wollen! Sie sind gute Vorbilder der Covid-19-Prävention,

  • wenn Sie Masken tragen und Abstand halten.
  • wenn Sie das Lager nur mit einem negativen Testergebnis betreten.
  • wenn Sie die Anzahl von Personal und Freiwilligen im Lager reduzieren.

2. An alle anderen: Unsere Stimmen werden in der EU nicht ernst genommen und unsere Warnungen nicht gehört. Bitte leiten Sie daher unsere Forderungen an die Europäische Union weiter. Niemand soll sagen können, er oder sie wisse von nichts. Was es jetzt braucht, sind wirksame Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie unter den Geflüchteten. Dazu ist eine Kooperation aller Verantwortlichen dringend geboten. Wir sind gerne bereit mitzuwirken bei allem, was uns hilft, uns selbst zu helfen.

Moria Corona Awareness Team
Moria White Helmets

"Würden wir auch so behandelt werden, wenn wir Tiere wären? "

Offener Brief, Dezember 2020: Weihnachtsgruß aus Moria

Veröffentlicht am 17. Mai 2021

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