Nur Syrer werden zweimal getötet

Das Massaker von Daraya

In der Kleinstadt Daraya, etwa acht Kilometer südwestlich von Damaskus inmitten der riesigen grünen Oase Ghuta gelegen, fand im August 2012 ein Massaker der syrischen Regierungstruppen an Aufständischen und Zivilisten statt. Die Bevölkerung Darayas (laut einer Statistik aus dem Jahre 2007 etwa 155.000 Einwohner), gehört in der Mehrheit dem sunnitischen Islam an; die meisten von ihnen waren in der Landwirtschaft tätig. Im Jahr 2011 gehörte Daraya zu den ersten syrischen Städten, die sich an der Revolution beteiligten. Seit Beginn der ersten Proteste am 24. März 2011 bislang sind Tausende Menschen gestorben, wurden Hunderte Familien verhaftet und Hunderte Häuser zerstört sowie die umliegenden Felder und Gärten in Brand gesetzt. Das Massaker von Daraya, über das hier berichtet wird, ist nur eines von mehreren, die im August 2012 in der Kleinstadt verübt wurden. Vier Tage lang wurde die Stadt mit Artillerie und Mörsergranaten beschossen, bevor sich die Freie Syrische Armee zeitweise von dort zurückzog. Dann wurde die Stadt von Panzern und Hunderten bewaffneter Regimeschergen gestürmt, die wiederum die Soldaten der regulären Armee und die Sicherheitskräfte schützen sollten, die nach ihnen eindrangen. Nach dem Abzug der Regierungstruppen wurden Hunderte Leichen entdeckt, Menschen, die an Ort und Stelle umgebracht worden waren. Insgesamt zählte man innerhalb einer Woche 800 Opfer, die meisten von ihnen unbewaffnete Zivilisten.

Ein Besuch in Darayja nach dem Massaker

Von Rosa Yassin Hassan

Dieses etwas abseits stehende Haus unterschied sich nicht sonderlich von den übrigen Häusern in Darayja. Außer dass hier der Schmerz, der über die Stadt hereingebrochen war, noch intensiver zu spüren war. Erinnerungen wurden vor mir ausgeschüttet wie dunkles bitteres Wasser, dem der Geruch des Todes anhaftete.

Anfangs flossen die Geschichten nur spärlich. Die Angst ließ die Männer in dem Raum zögern. Doch dann überwand einer von ihnen, ein Mitglied des Koordinationskomitees, den Graben zwischen uns und erklärte, es sei nicht nur die Angst vor der Verhaftung oder davor, getötet zu werden, sondern es sei die Angst um die Leichen der geliebten Angehörigen. Sie fürchteten, dass sie kämen und die Leichen schändeten, dass sie die Gräber schändeten und die Leichen entführten. Das hätten sie früher bereits getan. „Es bleibt uns nichts anderen übrig, als mit den Leichen unserer Angehörigen zu fliehen!“

Er lachte. In seinem Blick lag eine schmerzliche Trauer. Am Montag, den 20. August 2012, hatte der Beschuss von Darayja begonnen. Die Schüsse waren aus den Panzern gekommen, die sich schon vor Monaten an der Autobahn Richtung Deraa postiert hatten. Außerdem von der Armeebasis in der Nähe von Dscheidat Artous, aus Richtung des Kassjoun-Berges und des Militärflughafens in Mezzeh. Wenn es aus allen Richtungen Schüsse hagelt, das ist die Hölle.

A.S. kennt alle Toten. Die meisten von ihnen hat er selbst beerdigt. Er fährt mit seinem kleinen Auto durch die Straßen, unter Beschuss, und versucht, den Splittern, den Bränden und dem sicheren Ende zu entgehen. Er sammelt die Leichen auf, die hier und dort herumliegen, bringt sie nach Hause, wäscht sie und hüllt sie in ein Leichentuch ... Er tut das nur für Gottes Lohn, wie er sich ausdrückt. Unter dem Schusshagel bestattet er die Toten, denn „der Tote wird geehrt, indem man ihn bestattet“.

„Und wenn Sie nicht wissen, wer der Tote ist?“

„Dann fotografieren die Jungs ihn mit dem Handy ... Sie helfen mir. Übrigens, selbst wenn der Tote ein Kollaborateur ist, begrabe ich ihn ... Das ist doch auch ein Mensch. Ihn einfach so liegen zu lassen, ist gegen Gottes Wille, hingeworfen wie ein Tier ... Tote ehrt man, indem man sie bestattet, nur für den Lohn des Herrn. Möge Gott uns und Sie belohnen ...“ Das Heft voller Namen zeugt von jenen, die er mit eigenen Händen bestattet hat. 750 Leichen hat A.S. innerhalb einer Woche in Darayja beerdigt, darunter 35 Frauen und etwa 70 Kinder.

„Es ist eine Sünde, Tote, die man findet, nicht zu waschen und in ein Leichentuch zu hüllen. Wir begehen die Sünde, nicht die Toten ...“, setzt der junge Mann des Koordinationskomitees hinzu. Und weil die Toten einfach überall waren, in den Straßen, den Kellern, den Wohnungen, den Läden, war es nicht mehr möglich, sie alle einzeln zu waschen. Deshalb legten die Männer sie nebeneinander in eine Reihe und richteten den Wasserschlauch auf sie. Daraufhin hüllten sie sie in ein Leichentuch und begruben sie gemeinsam.

Am Freitag, den 24. August, starben 25 Menschen aus dem Ort durch den Beschuss. Die Überlebenden wuschen sie, hüllten sie in ein Leichentuch und reihten sie nebeneinander auf, um sie auf dem Friedhof zu beerdigen. Als sie das anschwellende Geräusch neuerlichen Beschusses vernahmen, das immer näher kam, verließen die Männer den ungeschützten Platz, und schon fiel eine Granate auf die aufgereihten Leichen. Die meisten von ihnen verbrannten. Viele wurden zu Asche, es war kaum noch möglich, sie zu bestatten.

„Nur bei uns sterben die Menschen zweimal!“

Noch immer war da eine Spur von Schmerz und Abscheu in seiner Stimme, noch hatte der Umgang mit dem Tod ihn nicht abagestumpft. Zwischen den einzelnen Sätzen erwähnten die Männer immer wieder ein Massaker hier, ein Massaker dort. „Das Haus der Familie Schihab wurde beschossen, elf Menschen wurden getötet, neun sofort, zwei erlagen ihren Verletzungen.“ Die meisten Krankenhäuser der Stadt waren von Granaten getroffen worden. Genauso hatten sie die Ambulanz beschossen, die aus zwei kleinen Räumen bestand, in denen die Männer zu retten versuchten, was zu retten war. Am Freitagabend näherten sich die Panzer des Regimes der Stadt und die Freie Syrische Armee zog sich zurück. Dann begann das Gemetzel. Der Samstag glich dem Tag der Auferstehung. Die reguläre Armee rückte ein und durchkämmte die Gegend auf der Suche nach Waffen. Laut Aussage der Männer aus Darayja tötete die Armee niemanden, aber die Soldaten zerstörten die Häuser und raubten sie aus. Danach gaben sie den Sicherheitskräften und Todesschwadronen Schutz, die die schrecklichsten Verbrechen begingen.“ „Da sind fremde Leute dabei ..., das sind keine Syrer!"

„Leute, die Gott nicht fürchten!“

In den nächsten Tagen entdeckten die Menschen nach und nach die Toten: Im Keller der Familie al-Saqa 72 Leichen. In einem anderen Viertel zwanzig Leichen in einem Keller. Woanders 13 Leichen, in einem arabischen Haus sechs Tote, im Keller eines anderen zwei ..., zehn, fünf, siebzig, zwanzig, immer mehr Leichen wurden entdeckt. Als die Sanitäter flohen, blieben zwei Verletzte im Krankenhaus zurück, einer von ihnen, der an einer Beatmungsmaschine hing, wurde mit einem Kopfschuss getötet. Den zweiten mit den amputierten Beinen brachten sie gleichfalls um. Sie nahmen die Krankenhausausstattung, die Betten, die Medikamente, die Geräte mit und verhafteten die verbliebenen Sanitäter. Vor der Abu-Sulaiman-Moschee wurden die Leichen aus den verschiedenen Vierteln aufgehäuft.

Die meisten Massaker hatten in Kellern und geschlossenen Wohnungen stattgefunden. „Vielleicht aus Angst davor, gefilmt zu werden, oder aus Angst vor der Satellitenbeobachtung“, kommentierte ein anderer junger Mann. „In einem der Keller entdeckten wir 76 Leichen, 22 Angehörige einer einzigen Familie, der Großvater, seine Kinder und Enkel, alle waren tot.“ Plötzlich erinnerte sich ein anderer an ein weiteres Massaker. Doch sein Kollege unterbrach ihn aufgeregt: „Vier Personen von ihnen sind übrig geblieben ... Nachdem das Massaker passiert war und sie wieder zu sich kamen, flohen sie aus dem Keller und versteckten sich ganz oben. Das war auch gut so, denn die Sicherheitskräfte kamen zurück und setzten die Hinrichtungen fort. Wer nicht schon mausetot war, dem gaben sie den Rest.“

„Im Maschtal-Viertel ist kein Mann übrig geblieben. Sie haben alle gelyncht, alle Männer unter 60 Jahre, 63 Tote allein in diesem Viertel. Alle am Kopf getroffen.“ Daraufhin gingen wir zu der Wohnung eines Überlebenden der Gemetzel. Er hieß A.N. Eine Kugel war in seinen Hals eingedrungen und an der Wange wieder ausgetreten. Nur wenige Millimeter hatten ihn vom Tod getrennt. Sein Vater, seine beiden Brüder, seine Freunde, seine Nachbarn, alle waren tot. Sie hatten sich vor dem Bombardement in den Keller geflüchtet, Männer, Frauen, Kinder. Die Männer wurden von dort in einen anderen Keller gebracht und allesamt ermordet. Doch sie wurden nicht gemeinsam hingerichtet, sondern immer zu zweit oder dritt an die Wand gestellt und vor den Augen der anderen erschossen. Immer zu zweit oder zu dritt ..., bis es 63 Tote waren. Nur einer von ihnen überlebte. Das Schicksal hatte ihm das Leben gerettet, auf dass er Zeuge des Geschehens sei.

„Die Geräusche sind immer noch in meinem Kopf ..., bitte, tötet mich, gebt mir meine Ruhe, ich kann nicht schlafen. Immer wenn ich eingeschlafen bin, höre ich die Schreie meines Vaters und das Schluchzen meiner Brüder.“ Offenbar trennten die wenigen Millimeter, die ihn vom Tod getrennt hatten, ihn jetzt genauso vom Wahnsinn. Während wir wieder durch die Straßen von Darayja liefen, platzte mein Begleiter plötzlich heraus: „Wir haben auch zehn verkohlte Leichen in einem Raum in der Nähe eines Checkpoints der Regimetruppen entdeckt. Wir konnten die Toten nur durch die Leiche eines Mannes identifizieren, dem die Ärzte des Koordinationskomitees Metallplatten in den Arm operiert hatten.“ „Und wie wurden die anderen identifiziert?“ „Durch ihn konnte man einige zuordnen. Bei einem anderen war ein Stückchen seines Pyjamas unversehrt geblieben, so dass man ihn daran erkennen konnte, und so weiter.“ Er schüttelte bitter den Kopf. Wir kehrten wieder zu dem abseits stehenden Haus zurück. Dort wartete ein fülliger Mann auf uns, der in einem einzigen Schwall herausbrachte, was er auf dem Herzen hatte, bevor er wieder verschwand: „Ich habe den Tod viermal gesehen. Wir haben die toten Leute fortgeschafft, aber bis jetzt wissen wir nicht, wer sie sind ... Ich fuhr mit meinem Bruder und meinem Cousin durch die Stadt, und wir sammelten die Leichen von den Straßen und aus den Kellern auf. Hunderte und Aberhunderte. Mein Auto ist von Kugeln durchlöchert. Was soll ich bloß sagen? Da waren fünf von der Familie Hawi, sie waren total entstellt, die Augen aus dem Kopf gequollen, Verbrennungen, die Schädeldecke sichtbar. Im Badezimmer einer Wohnung fanden wir sieben Leichen, übereinander aufgetürmt, man hatte sie mit Holzlatten erschlagen. Wissen Sie? Es gibt Dinge, die ich wirklich nicht erzählen kann ... Was hier in diesem Land passiert, ist so schrecklich, dass man es sich gar nicht vorstellen kann. Und so viel ihr hier auch dokumentieren und schreiben und filmen möget ..., es ist noch viel, viel Schlimmeres passiert. Auf Wiedersehen.“

Aus dem Arabischen von Larissa Bender.

Rosa Yassin Hassan ist eine in Damaskus lebende syrische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin. Über die Entwicklungen in Syrien während des Bürgerkrieges im Juni und Juli 2012 schrieb sie u. a. in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zuletzt erschien von Rosa Yassin Hassan der lesenswerte Kommentar „Drei deutsche Fragen“ über die Erkenntnisse ihrer Veranstaltungsrundreise in Deutschland im Herbst 2012.

Anmerkung: Die umkämpfte Wahrheit von Daraya

Es gibt mehr als eine Interpretation des Massakers in Daraya. Über die vermeintlichen Hintergründe kam es im Herbst 2012 zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem renommierten Nahost-Reporter Robert Fisk, der als erster westlicher Journalist den Ort des Massakers besuchte, und Aktivisten der Lokalen Koordinationskomitees. Robert Fisk hatte berichtet, dass ein gescheiterter Gefangenenaustausch zwischen Rebellen der FSA und lokalen Einheiten staatlicher Sicherheitskräfte Auslöser des äußerst brutalen Armee-Einsatzes und der Luftangriffe gewesen sei: „How a failed prisoner swap turned into a massacr“. Die Aktivisten der Lokalen Koordinationskomitees in Daraya hingegen kritisierten Robert Fisk für seine Geschichte eines angeblichen „Gefangenenaustausches“ und bemängelten, dass Fisk zudem zu keinem Zeitpunkt seines Aufenthalts das Gespräch mit örtlichen Oppositionellen gesucht habe. Daraya LCC zu Robert Fisk:. Zugleich kritisieren die LCC’s die etablierten Medien: “[S]till, the established media, insinuating that only it could really be trusted, covered these events with an ever-present disclaimer that these images could not be independently verified.” So werde die Arbeit all jener Bürgerjournalisten, die um die Gefahr ihres Lebens versuchen Momentaufnahmen der täglichen Wahrheit aus Syrien zu berichten, von Anfang an als tendenziell eher fragwürdig eingestuft. Rosa Yassin Hassan Reportage gibt den Aktivisten Recht. Sie mag angesichts der täglichen Gräuelnachrichten aus dem umkämpften Syrien veraltet sein, ihre tiefere Wahrheit ist aber auch heute, ein viertel Jahr später, noch immer aktuell: Unaufhörlich sterben in Syrien im Zuge des brutalen Bürgerkrieges täglich zahlreiche Menschen. Sie werden ermordet, erschossen oder finden während der Bombardierungen den Tod. Zugleich bleibt ihr Sterben undokumentiert und ungestraft – als wäre es nie geschehen, egal ob sie nun der staatlichen Armee, oder aber einer zunehmend brutal agierenden Rebellenmiliz zum Opfer fallen. Rosa Yassin Hassan war in Daraya, mehrere Tage hielt sie sich in der Kleinstadt auf und sprach mit Angehörigen, Nachbarn und Bewohnern der Stadt gesprochen. Damit nicht vergessen wird, was geschehen ist.

Veröffentlicht am 04. Februar 2013

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