Medienmacher in Brasilien

Mit anderen Worten

Antonio Martins ist Gründer und Redakteur des Debattenportals und medico-Partners Outras Palavras (Andere Worte). (Foto: Gabriela Leite)
Das Regierungsprojekt der Arbeiterpartei (PT) ist auch über das Medienmonopol der alten Eliten gestürzt. Das Debattenportal Outras Palavras setzt sich für linke Perspektiven ein.

„Jede große Niederlage sorgt für Bestürzung. Aber bestimmte Aspekte haben in den langen Monaten, die sich der Putsch in Brasilien hingezogen hat, das Gefühl der Ohnmacht verstärkt. Wie konnten ein degradiertes Parlament, rückständige Medien und dekadente Unternehmen siegen?“. So beginnt eine mehrteilige Analyse der brasilianischen Verhältnisse, die Antonio Martins 2016 auch bei medico veröffentlicht hat. Dass der Journalist nach der Rolle der Massenmedien bei der Amtsenthebung von Dilma Rousseff im Sommer 2016 fragt, ist nicht verwunderlich: Über Monate hinweg hatte die größte Mediengruppe des Landes, Rede Globo, den rechten Protest gegen Rousseff befeuert und halblegale Haushaltstricks zum Verrat am Volk aufgebauscht. Höchst selten hingegen lieferten die Medienmonopole, die sich in der Hand weniger Familien befinden, Details über die Korruption in den konservativen Parteien und deren klientelistische Bereicherungspolitik. An der Monopolstellung der großen Medien hatte sich – ebenso wie an den Subventionen für private Medienunternehmen – in dreizehn Regierungsjahren der PT nichts geändert.

Antonio Martins stellt dieser Dominanz andere Informationen und eine andere Kommunikation gegenüber. Die Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Vergesellschaftung begleitet den früheren attac-Koordinator und Mitbegründer der Weltsozialforen, die 2001 im brasilianischen Porto Alegre ihren Ausgang nahmen, seit Jahrzehnten. Nachdem Martins Mitherausgeber der brasilianischen Ausgabe von Le Monde diplomatique war, gründete er 2009 zusammen mit anderen Journalistinnen und Journalisten Outras Palavras.

Das seit 2016 von medico geförderte Nachrichten- und Debattenportal verbindet kritischen Journalismus mit den neuen kommunikativen Möglichkeiten: Dialog und Partizipation, das Aufbrechen des Verhältnisses Autorin/Konsument durch Social Media, Blogs, vor allem aber auch durch Workshops und Journalismus-Seminare. Die enge Zusammenarbeit mit einem großen Netzwerk ermöglicht es der Redaktion in São Paulo, tagesaktuelle Beiträge und fundierte Hintergrundartikel zu erstellen. Und wie sie stets nach gesellschaftlichen Alternativen fragte, kritisierte sie auch das auf Industrialisierung und Großprojekte setzende Entwicklungsmodell, wie es auch die PT-Regierungen gegen indigene und linke Proteste durchsetzte.

Die Machtübernahme durch eine rechte Regierung drängt die Redaktion, so Martins,zu einer Auseinandersetzung mit einem gesellschaftspolitischen Rollback – aber auch zu einer Revision des gestürzten linken Regierungsprojektes. Seine Analyse endet denn auch mit einer Frage, die auch eine Aufforderung ist: „Der Kampf gegen das brasilianische System von ‚Herrenhaus und Sklavenhütte‘, für die Überwindung der Ungleichheit ist aktueller denn je. Auf der anderen Seite geht mit der Niederlage der Linken ein Projekt unter, dem wir alle auf die ein oder andere Art und Weise verbunden waren. Sind wir kühn genug, dieses Projekt zu überwinden, darüber hinauszugehen?“

Moritz Krawinkel


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