Was Ostafrika jetzt braucht

Konkrete Hilfe und strukturelle Veränderungen

Weder Hunger noch Durst, nicht der Verbrauch und nicht die Vernichtung natürlicher Ressourcen sind als sozial neutrale und unabwendbare Katastrophen zu denken. (Foto: medico)
Praktische Hilfe ist das Gebot der Stunde. Über die unmittelbare Notsituation hinaus braucht es aber auch das Nachdenken über Kapitalismus und imperiale Lebensweise.

Von Marcus Balzereit

Stephen O`Brien, der UNO-Nothilfekoordinator hat im Weltsicherheitsrat vehement darauf hingewiesen, dass, wenn jetzt nicht unmittelbar eine große Hilfsaktion anläuft, 20 Millionen Menschen in Zentral- und Ostafrika sowie im Jemen der Hungertod droht. Die Ausmaße der Katastrophe könnten auch in Ostafrika damit nochmals deutlich größer werden als in derselben Region 2011.

Drei unmittelbare Gründe für die aktuelle Krise hier sind zuerst zu nennen: Natur, Markt, Gewalt. Es herrscht seit Monaten Dürre und Trockenheit. Bis zu 90% der Viehbestände sind bereits tot. Nomaden kommen in die Städte, auf der Suche nach den letzten verbliebenen Grünstreifen. Und während sie für ihre teils notgeschlachteten Tiere auf den Märkten keinen Preis mehr erzielen, steigen die Kosten für die zum Leben benötigten Nahrungsmittel. Dazu kommen bewaffnete Auseinandersetzungen, die ein systematisches Bewirtschaften von Feldern häufig unmöglich machen. Laut einem Spendenaufruf der Vereinten Nationen werden 24 Millionen US-Dollar allein für die Soforthilfe in Somalia benötigt. Davon sind bislang 0,4 Prozent finanziert.

Praktische Hilfe ist jetzt das Gebot der Stunde. medico unterstützt die somalische Organisation Nomadic Assistance for Peace and Development (NAPAD). NAPAD wurde 2006 von somalischen NGO- und UN-Mitarbeitern gegründet, um die Zivilgesellschaft zu stärken und der Emigration gut ausgebildeter Arbeitskräfte etwas entgegen zu setzen. In Kenia arbeitet medico seit Jahren mit dem Kamukunji Paralegal Trust (KAPLET) zusammen. Die AktivistInnen der Gesundheitsorganisation leisten Menschenrechtsarbeit in den Slums von Nairobi, haben aber auch in der letzten Hungerkrise im Nordosten Kenias und in Somalia Nothilfe geleistet.

Ungleiche Ressourcenverteilung

Über die unmittelbare Notsituation hinaus benötigt es zusätzlich aber auch des Nachdenkens über Regeln und Zwecke der aktuellen Wirtschaftsweise und über die sehr ungleich verteilten Möglichkeiten, an den Ressourcen dieser Welt teilzuhaben. Es gibt Stimmen, die die aktuelle Situation auf „hausgemachte Faktoren“ zurückführen möchten und die Verantwortung allein bei den betroffenen Ländern selbst suchen. Einsichten in globale Zusammenhänge dagegen sind eine wesentliche Bedingung für eine wirklich nachhaltige Veränderung zugunsten der notleidenden Menschen, nicht allein in Ostafrika. Zahlen und Fakten diesbezüglich sind seit Jahren bekannt.

Zum Beispiel: Wasser. In Somalia stehen einer Familie derzeit nicht mehr als drei Liter davon pro Tag zur Verfügung. In Deutschland verbraucht eine Einzelperson rund 120 Liter. Berechnet man den „virtuellen Wasserverbrauch“, also die Menge des Wassers, das benötigt wird, um all die Produkte des täglichen Bedarfs herzustellen, verbraucht jede und jeder Deutsche rund 5000 Liter am Tag. An weiteren Beispielen mangelt es nicht. Der globale Norden importiert fossile Energie zum großen Teil aus dem Süden und treibt damit den Klimawandel an. Dessen Folgen wiederum spüren die Menschen in den Ländern des Südens als Erste. Das Zeitalter der sozialen Netzwerke verlangt nach seltenen Erden, wie z.B. Coltan, die unter extrem gesundheits- und umweltgefährdenden Bedingungen gewonnen werden. Auf den Müllbergen des Südens versuchen Kinder dann die noch verwertbaren Teile aus dem Elektronikschrott wieder heraus zu holen.

Dieser tägliche Wahnsinn, der allen bekannt ist, die davon wissen wollen, ist weltweit zur Normalität geworden. Nicht zuletzt der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, macht seit Jahren auf die mörderischen Folgen unseres Wirtschaftssystems aufmerksam. Es gibt einerseits also eine reale, gesellschaftlich auch anerkannte, Zunahme von Krisenphänomenen und Widersprüchen. Auf der anderen Seite sind aber die gesellschaftspolitischen Maßnahmen offensichtlich seit Jahrzehnten nicht in der Lage, an diesen Krisen und Prozessen der sozialen Ausschließung und Vernutzung natürlicher Ressourcen wirklich etwas zu ändern. Wieso hat sich die Funktionskrise des Kapitalismus, den beobachtbaren Widersprüchen zum Trotz, bislang aber nicht in eine Legitimationskrise übersetzt?

Der westliche Konsum und seine Bedingungen

Die beiden Politik- und Wirtschaftswissenschaftler Markus Wissen und Ulrich Brand versuchen eine Antwort auf die zuletzt gestellte Frage. Sie schlagen hierfür den Begriff der imperialen Lebensweise vor. Die erste und bereits problematischste Voraussetzung dieser Lebensweise ist der exklusive und machtvolle Zugriff auf Ressourcen, Raum und Arbeitsvermögen. Dieser Zugriff muss darüber hinaus auch unbegrenzt, politisch, rechtlich und/oder gewaltförmig abgesichert sein.

Der zentrale Widerspruch wird auf ökologischer Ebene spätestens mit dem Aufstieg der „Schwellenländer“ deutlich. Mit den Konsum- und Produktionsmustern des globalen Nordens verallgemeinert sich eine Lebensweise, die aus einer ökologischen Perspektive nicht verallgemeinerbar ist. Die imperiale Lebensweise ist keine individuelle Entscheidung, sondern ein Strukturmerkmal des Kapitalismus. Andererseits bauen Menschen zum Teil auch ihr Bild eines „guten Lebens“ auf ökologisch problematische Grundlagen. Durch dieses fortwährende Zusammenspiel von allgemeinem Zugriff und persönlicher Identitätsbildung wird die imperiale Lebensweise auf Dauer gestellt und können die entstehenden Widersprüche ausgeblendet werden.

Es geht den Autoren nicht um moralische Angriffe auf die Konsumentinnen und Konsumenten des Westens, sie wollen auch keine bestimmten „faireren“ Kaufentscheidungen erzwingen. Sie problematisieren stattdessen einen mit der imperialen Lebensweise einhergehenden Filter der Wahrnehmung, im Alltagswissen wie auch in der Wissenschaft.

Die Krise nach-denken

Obgleich nämlich die mit der imperialen Lebensweise einhergehende ökologische Krise zumeist anerkannt wird, wird diese als bloßes „Umweltproblem“ gefasst, also nicht als Bestandteil einer umfassenden gesellschaftlichen Krise selbst. Entsprechend muss über die allgemeinen gesellschaftlichen und ökonomischen Ursachen für diesen Raubbau und seine Folgen nicht nachgedacht werden. Stattdessen setzen entsprechend „gefilterte Lösungen“ auf noch mehr vom Selben.

Mögliche Alternativen zum vorhandenen Wirtschaftssystem tauchen dann nicht mehr auf. Im Gegenteil: Es soll ausgerechnet der Markt selbst helfen, die Krise, die er mit hervorgebracht hat, zu bearbeiten. Ein Beispiel ist hier das Nullsummenspiel des Emissionshandels in der Klimapolitik. Die einen verdienen durch Emissionsminderung bares Geld, während sich die anderen das Recht auf Luftverschmutzung erkaufen können.

Aber: Weder Hunger noch Durst, nicht der Verbrauch und nicht die Vernichtung natürlicher Ressourcen sind als sozial neutrale und unabwendbare Katastrophen zu denken. Stattdessen braucht es konkrete Hilfe gegen den Hunger und auch ein Nachdenken über soziale und globale Verteilungsfragen. Diese liegen der aktuell drohenden Katastrophe mit zugrunde, und ihre Regeln müssen zugunsten Aller verändert werden.


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