Kenia: Eine Ketten-Lösung

Volksapotheken und Gesundheitszentren nach Maß. Von Bernd Eichner.

Wie eine Gesundheitsorganisation versucht, die bodenlos schlechte Gesundheitsversorgung für Arme wenigstens auf einen Mindeststandard zu verbessern.

Esther Njugana ist eine Frau, die weiß, wovon sie spricht: “Malaria ist immer noch die Killer-Krankheit Nummer 1 in Kenia. Dabei sind die neuen Schnelltests zuverlässig und die Medikamente günstig. Das Problem ist, dass es in vielen Gegenden einfach keine Gesundheitszentren gibt, um die Krankheit zu erkennen und die Behandlung durchzuführen.“ Esther ist die Geschäftsführerin der medico-Partnerorganisation Sustainable Healthcare Foundation Kenya (SHEF), die das ändern will.

Um den Zugang zur Gesundheitsversorgung in den abgelegenen und armen Regionen möglichst schnell zu verbessern, hat die Gesundheitsorganisation eine pragmatische Idee weiterentwickelt – Franchising. Das Erfolgsrezept bekannter globaler Fast-Food-Ketten nutzt die Healthcare Foundation für sinnvollere Dinge als für die Beseitigung der Geschmacksvielfalt. Sie baut damit ein Netz von kleinen Gesundheitszentren unter dem Markennamen „Child and Family Wellness Clinic“ (CFW-Clinic) insbesondere in entlegenen Regionen des Landes auf.

Die CFW-Gesundheitsstationen werden selbstständig von lokal verankerten „Franchisees“ geführt. SHEF liefert ihnen die Medikamente und gibt ihnen Leitlinien für den Umgang mit Patienten und Medikamenten an die Hand. Die Startkosten von ca. 2500 Euro für die gesamte Einrichtung und medizinische Ausrüstungsgegenstände übernimmt SHEF. Ein erster Grundstock der Arzneimittel und Hygieneprodukte im Wert von 900 Euro wird den Franchisenehmern als zinsloser Kredit berechnet, den sie nach und nach abbezahlen können. Zur Qualitätssicherung werden Patientenkontakte, Diagnosen, verkaufte Medikamente und betriebswirtschaftliche Kalkulationen ausführlich dokumentiert. „Field officer“ werten diese Daten regelmäßig gemeinsam mit den Betreibern der „Outlets“ aus.

74 Filialen in Zentral- und Westkenia

Seit 2000 wurden 74 Filialen in Zentral- und Westkenia sowie den Slums von Nairobi gegründet. Diese behandeln pro Jahr ca. 470.000 Patienten. Innerhalb der nächsten fünf Jahre soll die Zahl der Gesundheitsstationen in Kenia auf 200 anwachsen. Sie füllen damit eine immense Lücke, die im kenianischen Gesundheitssystem klafft. Das öffentliche System ist zwar kostenlos, nur existiert es in weiten Teilen des Landes kaum. Auf 100.000 Einwohner kommen nach kenianischen Angaben 15 Ärzte und 30 Krankenschwestern. Damit liegt das Land weit unter dem WHO-Standard für arme Länder von 230 Gesundheitsprofessionellen auf 100.000 Einwohner.

Um das ehrgeizige Ziel des Ausbaus zu erreichen, wurde 2007 mit medico-Unterstützung in Kagumo, einem Dorf am Fuße des Mount Kenya, eine Modellpraxis als Aus- und Weiterbildungszentrum eingerichtet. Dort durchlaufen die neuen Franchisenehmer im laufenden Betrieb ein zweiwöchiges Training, welches die theoretischen Einführungskurse ergänzt, die in Nairobi stattfinden.

Die „Kagumo-CFW-Clinic“ wird von Krankenschwester Martha und der Gesundheitsarbeiterin Jane betrieben. Martha versorgt die Kranken, Jane kümmert sich um die Gesundheitsaufklärung in den umliegenden Schulen und Gemeinden.
Das weibliche Klinik-Tandem ist keine Ausnahme. 95% der CFW-Clinics werden von Frauen betrieben. Viele von ihnen sind pensionierte Krankenschwestern, die bereits mit 55 Jahren aus dem staatlichen Gesundheitswesen ausscheiden, und hier etwas zu ihrer knappen Rente hinzuverdienen können.

Im Empfangs- und Wartezimmer ihrer Klinik verkauft Martha auch Hygiene- und Präventionsartikel wie Damenbinden, Kondome oder Moskitonetze. Die Untersuchungen führt sie im abgetrennten Konsultationszimmer durch. Meist Tests auf Malaria, die in dieser Region ein großes Problem darstellt – allerdings kein tödliches mehr. Ein Tropfen Blut – und nach 15 Minuten liegt das Testergebnis vor. Ist es positiv, erhalten die Patienten moderne Medikamente auf Artemisinin-Basis mit Heilungsraten von bis zu 95% innerhalb von drei Tagen. Die Malaria-Medikamente werden vom kenianischen Staat bereitgestellt und kostenlos abgegeben.

Andere häufige Krankheiten wie akute Atemwegserkrankungen, Durchfall, Hauterkrankungen oder kleinere Verletzungen werden von Martha gegen eine geringe Gebühr direkt verarztet. Obwohl die Patienten in den CFW-Gesundheitsstationen nicht kostenlos behandelt werden, sind sie trotzdem günstig. Die Patienten ersparen sich den langen Weg zum nächsten öffentlichen Gesundheitsdienst und der Lohnverlust aufgrund der langen Wartezeit entfällt. Wer zu arm ist für notwendige Behandlungen darf anschreiben oder kriegt Rabatt. „Ich schicke niemand weg, nur weil er nicht bezahlen kann“, sagt Martha.

Diese Armut stellt ein ernstes Problem für die selbstständigen Klinikbetreiberinnen dar. Denn jeden Nachlass zahlen sie letztlich aus der eigenen Tasche. „Ich hatte auch einige Patienten, die anschreiben ließen und nie wieder aufgetaucht sind“, berichtet Dora. Seit drei Jahren führt sie die „Senye Community Medical Clinic“ im Kibera-Slum von Nairobi. Vorher arbeitete Dora in privaten Krankenhäusern. Den Schritt in die Unabhängigkeit hat sie nicht bereut, obwohl ihre Familie nicht sehr begeistert davon war in den Slum zu ziehen. Außerdem verdient sie weniger als früher: „Dafür ist meine Arbeit viel befriedigender, weil ich etwas für die Gemeinschaft tun kann.“

Die Menschen aus der Umgebung schätzen Dora. Die Nachbarschaft schützte ihre CFW-Gesundheitsstation während der Unruhen in Folge der Wahl im Dezember 2007. „Das war ein großes Schlachtfeld rundherum“, erzählt Dora, die auch während der Ausschreitungen immer vor Ort war und die Klinik öffnete, wenn Hilfe nötig war.

Durch die Ausschreitungen wurde ein großer Teil von Kibera zerstört. Mit der großen Koalition zwischen Präsident Kibaki und Raila Odinga ist wieder Ruhe eingekehrt. Mittlerweile sind die Hütten aus zerbeultem Blech wieder aufgebaut. Doch die im Slum lebenden Gelegenheitsarbeiter und die vielen kleinen Ladenbesitzer haben ihren spärlichen Besitz verloren. Dadurch ist auch der Umsatz der CFW-Clinic eingebrochen. Dora gibt mehr Preisnachlässe und verlangt nur noch einen Teil der Gebühren. Auf Dauer kann sie sich dies aber nicht leisten, ohne die Pleite der Gesundheitsstation zu riskieren.

SHEF und medico diskutieren deshalb gemeinsam, wie die Finanzierungsbasis der Outlets verbreitert werden kann. Solidarische Fonds oder gemeinde-basierte Versicherungen könnten das Franchising-Modell ergänzen. Denn besonders die Ärmsten der Armen brauchen einen nachhaltigen Zugang zu Gesundheitsversorgung.

 

Projektstichwort

Nachhaltige Gesundheitsfürsorge hat sich die kenianische Gesundheitsorganisation „Sustainable Healthcare Foundation“ vorgenommen. Das System aus Volksapotheken und Gesundheitsstationen in Regionen ohne Gesundheitszugang hat durchaus eine unternehmerische Idee der Selbstfinanzierung. Doch das alles nützt nichts, wenn die betroffenen Menschen nicht einmal geringste Summen für Gesundheit ausgeben können. Deshalb sind solidarische Spenden nötig, Stichwort: Gesundheit.

 

 


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