Brasilien

Eine andere Stadt ist möglich

Protest mit Zelten: Für Wohnungen und für ein anderes Miteinander in der Stadt. (Foto: Niklas Franzen)
In Brasilien kämpft die Bewegung der Arbeitenden ohne Dach (MTST) für ein menschenwürdiges Wohnen und solidarische Städte.

Von Niklas Franzen

Angst habe sie keine gehabt. Ein bisschen Aufregung ja, aber keine Angst. Schließlich sei es ihre dritte Besetzung gewesen. Valdirene de Oliveira Cardoso – 42 Jahre alt, stämmig, buntes Bandana auf dem Kopf – hat es sich im Schatten unter einer Plastikplane bequem gemacht. Vor der Aktivistin, die von allen nur „Tuca“ gerufen wird, erstreckt sich ein dichtes Labyrinth aus schwarzen und blauen Plastikzelten.

Zehn Stunden zuvor, ganz im Osten von São Paulo. Dort, wo die asphaltierten Straßen enden und die wenigsten Menschen eine Postadresse haben. Am Horizont sieht man gerade noch die Hochhaussilhouette der Megametropole. Es ist eine sternenklare Nacht. Zwei alte Schulbusse und mehrere PKW rattern durch die engen Gassen der Vorstadt. Wohin es genau geht, weiß niemand so recht. Was alle wissen: Heute Nacht wird es eine neue Besetzung der Bewegung der Arbeitenden ohne Dach (MTST) geben. Der Bus hält an. „So, jetzt schalten wir alle unsere Handys aus“, lautet die Ansage. Ein riesiges Feld lässt sich in der Dunkelheit erahnen, dahinter ein Meer aus Lichtern. Ein vollbeladener Lastwagen wartet am Eingang des Geländes. Schweigend steigen die Aktivistinnen und Aktivisten aus dem Bus, schnappen sich Bambus-Stangen und Planen und fangen an, Zelte auf dem steilen Hang zu errichten. Nach einer halben Stunde steht das Camp. Symbolisch wird die rote Fahne der Bewegung gehisst. Die Besetzung „Esperança Vermelha“ (Rote Hoffnung) ist geboren.

„Ich glaube, dass sich mit unserer Ankunft hier im Osten etwas verändern wird“, sagt Tuca. Etwas verändern. Das hat sich die MTST auf die Fahnen geschrieben. Die Bewegung wurde vor zwanzig Jahren gegründet, Mitte der Nullerjahre löste sie sich als eigenständige Bewegung von ihrer großen Schwester, der Landlosenbewegung MST. Startpunkt war São Paulo. Heute ist die MTST in fast allen Bundesstaaten aktiv. Viele bezeichnen sie als derzeitig wichtigste soziale Bewegung Brasiliens. Aber warum mobilisiert das Thema Wohnraum so viele Menschen im größten Land Lateinamerikas?

Trügerisches Recht auf Stadt

Brasiliens Städte sind von himmelschreienden Ungleichheiten geprägt. Während sich die Reichen in den zentralen Gebieten hinter Mauern und Zäunen abschotten, wohnen Millionen Menschen in den Peripherien. Perspektivlosigkeit und Gewalt sind dort Alltag. Auch das Viertel rund um die „Esperança Vermelha“ ist solch eine Gegend. Ein dichter Wald aus rotem Backstein und Wellblech kreist die Zeltstadt ein. Die angrenzenden Stadtteile zählen zu den ärmsten und gewalttätigsten São Paulos. In die Innenstadt dauert es zwei Stunden, bei Stau drei.

Dabei war die Hoffnung nach dem Ende der Militärdiktatur Mitte der 1980er-Jahre groß. In fast allen Städten entstanden urbane Reformbewegungen. Wichtige Forderungen wurden im Jahr 1988 in die Verfassung aufgenommen. Brasilien gilt als Pionier für ein institutionelles Recht auf Stadt. Zumindest auf dem Papier. Die Realität sieht anders aus. Die Stadtforscherin und ehemalige UN-Sonderberichterstatterin für angemessenes Wohnen, Raquel Rolnik, erklärt: „Die juristischen Instrumente, die in der Verfassung und im Recht verankert sind, werden in der Praxis einfach nicht angewendet.“ Die Verflechtung zwischen Immobilienkapital, Justiz und Politik ist ein offenes Geheimnis. Die staatliche Wohnungspolitik: zaghaft. Im Jahr 2009 startete die Regierung unter Ex-Präsident Luis Inácio „Lula“ da Silva das Wohnungsbauprogramm Minha Casa, Minha Vida. Die Anfangseuphorie verflog schnell. Das Programm konnte die Wohnungsnot nicht abfangen und die rasante Miet- und Grundstückpreiseentwicklung aufhalten. Immer mehr Menschen können ihre Wohnung nicht bezahlen. Für sie bleibt kaum eine Alternative als zu besetzen

Wohnungslosenbewegungen haben Tradition in Brasilien. Während die meisten Bewegungen leerstehende Häuser in den Innenstädten besetzen, agiert die MTST insbesondere in den urbanen Randgebieten. „Wir wollen dort aktiv sein, wo die armen Menschen wohnen“, erklärt Josué Rocha, bundesstaatlicher Koordinator der Bewegung. Mit den Besetzungen will die MTST gleichzeitig politischen Druck aufbauen und Wohnraum erkämpfen. Is ein Gelände besetzt, beginnen die Verhandlungen. Ziel ist der Bau von Wohnungen in Eigenregie. Die Erfolge der Bewegung können sich sehen lassen.

Zeltstadt wird Wohnanlage

Taboão da Serra, am Rand von São Paulo, 2014. Im Beisein von Ex-Präsident Lula wird die João Cândido-Wohnanlage feierlich eingeweiht – der erste Apartmentkomplex der MTST. Zehn Jahre zuvor wurde ganz in der Nähe ein Gelände besetzt. „Viel Schweiß, viel Blut, viele Konflikte – es war ein langer Kampf“, erinnert sich einer der damaligen Besetzer. João Vieira Alves, 51 Jahre alt, Knollnase, Dialekt aus Minas Gerais, lebt heute in einer hellen geräumigen Wohnung im vierten Stock der Wohnanlage. „Für mich ist das ein Palast“. Alves stockt. „Wer schon einmal in einer Hütte in der Größe eines Bads gewohnt hat, weiß, was ich meine.“

Rund 400 Familien leben in dem Apartmentkomplex. Die Mittel für den Bau kamen vom Staat, den Rest stemmte die Bewegung: Auswahl der Fläche, Erstellung der Grundrisse, Organisation des Baus. Beim konventionellen sozialen Wohnungsbau werden die tatsächlichen Baukosten so stark wie möglich gesenkt, um die Profite zu erhöhen. So entstehen uniforme Wohnungen von niedriger Qualität und geringer Größe. Vertikale Favelas. Nicht so beim Wohnungsbau der Bewegung. Kollektive Planung und soziale Kontrolle verhindern eine Extrarendite für die Baufirmen. Das gesparte Geld wird in die Wohnungen gesteckt, die dadurch größer und besser sind. Vielleicht noch wichtiger: Die Armen gestalten selbstbestimmt und gemeinschaftlich ihren Stadtraum.

Mehr als Wohnraum

Für die MTST geht es nicht nur um Wohnraum. Koordinator Rocha: „Man kann die chronischen Probleme in den Städten nicht nur mit dem Bau von Wohnungen lösen.“ Die MTST versteht sich daher als breite soziale Organisation, die an verschiedenen Fronten kämpft: gegen Rassismus, gegen den Bildungsnotstand und zuletzt vor allem gegen die Politik von Präsident Michel Temer. Der 77-Jährige war im vergangenen Jahr infolge der Amtshebung von Lula-Nachfolgerin Dilma Rousseff an die Macht gekommen. Für viele ein Putsch. Temers Regierung hat im Rekordtempo begonnen, sozialstaatliche Errungenschaften der letzten Jahrzehnte abzubauen. In allen Bereichen wurde massiv gekürzt, auch beim sozialen Wohnungsbau. Durch die als „Haushaltskonsolidierung“ bezeichnete Schuldenbremse stehen auch der Bildungs- und Gesundheitsversorgung massive Einschnitte bevor – in einem Land, in dem die Reichen schon heute 25 Jahre länger leben als die Armen.

Die MTST setzt den jüngsten Angriffen alte Rezepte entgegen: Demonstrationen, Aktionen in Ministerien, Straßenblockaden und Besetzungen. Im August nahm die MTST mit zehntausend Familien ein leerstehendes Gelände in São Bernando do Campo, im Süden São Paulos ein. Etliche prominente Kunstschaffende solidarisierten sich mit der Megabesetzung. Die Bewegung trifft einen Nerv und zeigt, dass eine andere Stadt möglich ist.
 

medico unterstützt die Gesundheitsbrigade der MTST zurzeit bei der Schaffung landwirtschaftlicher Flächen in den erkämpften Wohnanlagen. Hier werden nachhaltig erzeugte Lebensmittel produziert und das Recht auf Wohnen um gesunde Ernährung erweitert. Spendenstichwort: Brasilien


Dieser Artikel erschien zuerst im medico-Rundschreiben 4/2017. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


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