Griechenland – Afghanistan

Die Welt muss hinschauen

Wie reagieren die afghanischen Geflüchteten im Lager Mavrovouni/Kara Tepe auf Lesbos auf die Machtübernahme der Taliban? Ein Gespräch voller Sorgen.

Knapp 3200 Menschen leben zurzeit im Mavrovouni/Kara Tepe Camp auf Lesbos, der überwiegende Teil von ihnen ist aus Afghanistan geflohen. Das Lager wurde nach dem Brand von Moria auf einem ehemaligen Militärgelände bei Kara Tepe direkt an der windigen Küste errichtet. Eigentlich sollte es nur ein Übergangslager sein – die Lebensbedingungen sind schlecht, eine Verbesserung ist nicht in Sicht und der Herbst steht vor der Tür. Die Geflüchteten organisieren inzwischen Elektrifizierung, Müllabfuhr und Schulen selber.

Auch im Lager versetzt die Machtübernahme der Taliban viele Menschen in Angst, dennoch solidarisieren sie sich mit den Protesten, die derzeit täglich in Kabul und anderen afghanischen Städten stattfinden. In der von medico unterstützten Moria Academia können Frauen und Kinder lernen und ihre Stimme erheben, sie bezeichnen den Ort selber als „Freies Afghanistan“.

medico: In den letzten Wochen waren die Augen der Welt auf Afghanistan gerichtet. Nun sind die Taliban an der Macht und viele Menschen haben Angst vor dem, was nun kommt. Wir habt ihr diese Zeit hier im Lager erlebt?

Milad*: Viele sind besorgt. Niemand hier aus Afghanistan hat die Übernahme der Macht so schnell erwartet. Nun ist die Sorge von vielen Geflüchteten groß, nach Afghanistan abgeschoben und mit der gewaltsamen Ideologie der Taliban konfrontiert zu werden. Die griechische Regierung hat sich bis zuletzt für Abschiebungen nach Afghanistan eingesetzt. Die afghanischen Geflüchteten lehnen die Taliban-Ideologie ab, so sind wir nicht. Niemand hier möchte unter dem Regime der Taliban leben. Deshalb haben die Menschen gerade viel Angst. Bevor die Republik Afghanistan gegründet wurde, gab es auch Probleme. Aber wenn damals jemand abgeschoben wurde, war die Sorge nicht so groß wie heute. Niemand weiß, wie sich die Taliban als Regierung verhalten werden. Und trotzdem drängen die griechischen Behörden auf Abschiebungen. Aber das ist nur die eine Sorge der Menschen.

Wir befürchten enorme Verletzungen der Rechte von Kindern, Mädchen und Frauen in Afghanistan. Auf der ganzen Welt haben viele Frauen ihre Stimmen erhoben – auch hier im Camp. Vor zwei Wochen haben wir hier bei der Moria Academia eine Protestveranstaltung organisiert. Viele Afghan:innen kamen zusammen und konnten über die Lage in Afghanistan und ihre Ängste und Sorgen sprechen. Viele Frauen haben sich getraut, laut auszusprechen, was sie denken. Es war eine sehr emotionale Veranstaltung. Das ist zumindest etwas, was wir hier tun können, dieser Ort ist unser freies Afghanistan. Wir können die Taliban nicht mit Waffen bekämpfen, aber wir können mit unseren Ideen und dem Stift kämpfen und das über unsere eigenen Medienkanäle veröffentlichen. Ich weiß, wie wichtig es ist, Afghan:innen zusammen zu bringen und gemeinsam, bei jeder Gelegenheit, die Stimme zu erheben.

Das heißt, ihr hattet hier im Camp die Möglichkeit, Protest zu organisieren?

Ja, es gab immer wieder kleinere Veranstaltungen zur Situation in Afghanistan. Aber leider hindern die griechischen Autoritäten die Geflüchteten meistens daran, ihre Stimmen zu erheben. Sie lassen möglichst keine Treffen oder Interviews mit internationalen Personen zu, damit keine Informationen aus dem Camp nach außen dringen. Selbst bei solchen Events, bei denen es nicht gegen die griechische Regierung, die EU oder um die Situation im Lager geht, bekommen wir Probleme. Es war schwierig, die Protestveranstaltung zu organisieren, auch wenn sie nicht direkt mit Griechenland oder dem Thema Asyl verknüpft war. Das war eine private Angelegenheit: Als Geflüchtete sprechen wir über die Situation in unserem eigenen Land. Aber es war dennoch nicht leicht. Wir sind froh, dass wir wenigstens diese Veranstaltung hatten.

Haben sich Geflüchtete aus anderen Ländern mit euch solidarisiert?

Wir haben hier viele Freund:innen aus unterschiedlichen Ländern. Sie haben uns bei der letzten Veranstaltung begleitet und sie unterstützen uns. Wir sind für einander da in schwierigen Zeiten. Viele Menschen hier – egal von wo – sind gegen Extremismus und gegen die Taliban. Das verbindet uns.

Und wie geht es dir momentan?

Ich als demokratischer und gebildeter Afghane möchte niemals unter dem Regime der Taliban leben. Ich sorge mich sehr um meine ANgehörigen in Afghanistan und wie es für sie weitergeht. Für mich ist es so, dass mein Asylantrag und der meiner Familie zweimal abgelehnt wurde. Seit über zwei Jahren sind wir jetzt schon hier auf Lesbos, erst in Moria – dann hat es gebrannt und wir haben tagelang auf der Straße unter freien Himmel geschlafen. Und jetzt bin ich hier. Ich frage mich wirklich, ob sie mir keinen Schutz geben werden. Jetzt entscheiden sie, ob wir in die Türkei abgeschoben werden. Schon seit einiger Zeit versuchen die Taliban, eine gute Beziehung zur Türkei aufzubauen. Es gibt Verhandlungen mit Katar und der Türkei über die Kontrolle des internationalen Flughafens in Kabul. Wenn das passiert, dann wird die Türkei mit Sicherheit viele Menschen nach Afghanistan abschieben. Auch Griechenland ermutigt die Türkei und versucht gerade, ein gutes Verhältnis zu schaffen, damit sie den Flughafen übernehmen und so viele Menschen wie möglich nach Kabul abschieben. Deshalb ist es gerade eine sehr besorgniserregende Situation für alle Geflüchteten hier.

Was müsste jetzt passieren?

In vielen Städten Afghanistans wird gegen die Taliban protestiert. Aber sie schossen auf die Menschen. Ich denke, die Welt darf Afghanistan nicht alleine lassen. Was die USA und Europa mit Afghanistan gemacht haben, war wie ein Spiel. Jetzt geht Afghanistan unter und sie müssen das verhindern. Die Welt muss hinschauen! Die mächtigen Länder müssen die Menschlichkeit vor Ort schützen.

Natürlich gibt es auch Menschen, die in den vergangenen zwanzig Jahren mit den Taliban aufgewachsen sind und sie jetzt unterstützen. Aber diese Gruppe ist klein. Die Menschen, die bezahlen werden, gegen die jetzt vorgegangen wird, sind Demokrat:innen und auch die neuen Generationen, die in den letzten 20 Jahren groß geworden ist.

*Name geändert. Die Camp-Verwaltung und griechischen Behörden üben Druck auf alle Personen im Lager aus, die sich öffentlich äußern. Sie beeinflussen auch die Asylverfahren negativ. Daher nennen wir hier keine richtigen Namen.

Interview: Anita Starosta
Übersetzung: Nele Eisbrenner

Veröffentlicht am 08. September 2021

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