Bürgerkrieg

Die Gesundheitssituation in Syrien

Mit viel Mut und Improvisation: Syrische GesundheitsarbeiterInnen in einer Untergrundklinik. 

Syrien ist ein Land, das sich selbst seiner Zukunft beraubt und das beraubt wird. Das drückt sich auch im Niedergang des Gesundheitssystems aus.

Bis 2011 galt Syrien als ein Land mit einer relativ guten Gesundheitsversorgung. Die staatlichen Kliniken waren mehrheitlich kostenlos und das System der Polikliniken garantierte mehr oder weniger eine landesweite Abdeckung. Polio, Tuberkulose und Leishmaniose waren unter Kontrolle oder sogar ausgerottet. Die Versorgung von Krebs- und Herzkranken im regionalen Maßstab vorbildlich – und vor allem für die Mehrheit der Bevölkerung auch erreichbar. All das ist Geschichte. 9,3 Millionen Menschen sind heute auf die direkte Versorgung mit Hilfsgütern angewiesen. Armut, die es früher auch gab, wenn auch im weitaus geringeren Maße wie etwa in Ägypten, ist zurückgekehrt. 73% aller Krankenhäuser sind nicht mehr funktionsfähig, die Mehrheit der ländlichen Gesundheitsstationen – besonders in den oppositionellen Gebieten - sind zerstört. 60% der Medikamentenproduktion ist kriegsbedingt zerstört, zugleich sind die Lieferwege durch unzählige Checkpoints unterbrochen und bisweilen lebensgefährlich. Drei Ausschnitte aus dem Kriegsalltag sollen hier exemplarisch die Situation des syrischen Gesundheitswesens und der Gesundheitssituation der Bevölkerung verdeutlichen.

Gesundheitskrise im syrischen Aleppo

In den eingeschlossenen Stadtteilen von Aleppo gibt es nur noch sehr wenige Ärzte. Es gibt Ärzte, die eigentlich keine sind und nun so bezeichnet werden, weil sie mal einen Verband angelegt haben. Es gibt keinerlei Betäubungsmittel, es gibt keine Möglichkeiten der sterilen Operation und Versorgung. Es gibt keine Blutkonserven, kein Operationsbesteck, es gibt keinen Strom. Was passiert? Die Menschen verbluten, es finden Amputationen statt, wo eine angemessene Versorgung Gliedmaßen retten könnte. Es gibt Berichte, wo Patienten darum bitten mit Stahlstangen bewusstlos geschlagen zu werden, um die Notoperation durchzustehen. Und wir sprechen hier von einer Stadt, deren Medikamentenproduktion im Vorkriegssyrien das ganze Land versorgte und in dessen Krankenhäuser auch libanesische Patienten reisten, die sich die extrem hohen Krankenhauskosten im Libanon nicht leisten konnten.

Aushungern als Kriegswaffe

Das Assad-Regime, aber auch Rebellengruppen (wenn auch im geringerem Ausmaß) haben sich einer alten mittelalterlichen Waffe neu bedient: Das Aushungern von Stadtteilen und ganzen Regionen. Exemplarisch ist das palästinensische Flüchtlingslager Yarmouk zu nennen, das wie weite Teile des südlichen Damaskus einer monatelangen Hungerblockade unterworfen war. Mehr als hundert Menschen starben dort an Auszehrung und Mangelernährung. Wir sprechen hier von einem Stadtteil von früher 200.000 Menschen, in dem heute noch ca. 25.000 leben und das nur etwa 20 Minuten vom Präsidentenpalast entfernt ist, also inmitten der Stadt. Unsere palästinensischen Partner vor Ort, mit denen wir eine klandestine Nahrungsmittelhilfe in das Lager organisierten, berichteten uns von fürchterlichen Geschichten. Am Anfang war es zum Beispiel so, dass man von den regierungsloyalen palästinensischen Milizen und der Armee Nahrungsmittelpakete im Austausch gegen Tote bekam. medico-Partner zogen allmorgendlich durch die umkämpften Teile des Lagers und sammelten die Leichen oder Körperteile von getöteten regimeloyalen Kämpfern ein. Diese wurden dann an den Checkpoints abgegeben und unsere Partner bekamen als Belohnung ein Nahrungsmittelpaket. Später gelang es uns dann Nahrungsmittel und sättigende Babynahrung über verschlungene Wege in das Lager zu bekommen. Der Fall Yarmouk ist hier nur exemplarisch genannt, es betrifft genauso das Gebiet Goutha südlich von Damaskus, es betraf die rebellischen Stadtteile in Homs, es betrifft Aleppo und viele andere Gebiete.

Blockierte Gesundheitsversorgung für syrische KurdInnen

Ein letztes Beispiel, weil es zeigt, dass der Krieg auch dort wirkt, wo er noch gar nicht wirklich ausgebrochen ist: Die kurdischen Regionen in Syrien. Es sind Gebiete, an deren Rändern es zurzeit immer wieder zu blutigen Gefechten mit der radikalislamistischen ISIS-Gruppe kommt. Deren Kämpfer töten Kurden, weil sie Kurden sind. Die Gebiete selbst sind aber noch relativ sicher. Trotzdem wird dort die humanitäre Lage immer schlechter. Weder in Qamisli, noch in Kobane (Ayn-al Arab) oder in Afrin sind Krebspatienten zurzeit versorgbar. Es gibt keine Dialyseeinrichtungen und die Menschen sterben an Krankheiten, die behandelbar wären. Das liegt zum einen daran, dass die Versorgungswege abgeschnitten sind. Zum anderen aber ist die Grenze zur Türkei geschlossen. Während FSA-Verbände und Dschihadisten lange Zeit und noch bis heute relativ unbehelligt auf der Höhe von Aleppo die Grenze überqueren können und auch humanitäre Hilfe hineingelangen kann, ist es Kurden verwehrt ihre Verletzten in türkischen Krankenhäusern versorgen zulassen. Diese Blockade ist politisch motiviert und sie zeigt, wie die humanitäre Lage in Syrien und mit ihr auch die humanitäre Hilfe längst zum Spielball politischer Interessen geworden ist. Den medico-Partner gelingt es nur mit einem erheblichen Aufwand eine humanitäre Nothilfe zu leisten. Sie scheitert nicht an kurdischen Rebellen oder einer Gefahrenlage in Syrien, sie scheitern an der Türkei, einem NATO-Partner, dessen Sicherheit die Bundeswehr garantiert, der aber aus innenpolitischen und hegemonialen Gründen nicht bereit ist die Hilfe passieren zu lassen.

Die wichtigste Helferin ist die syrische Zivilgesellschaft

Was sind die Aussichten? Auch vier Monate nach der Verabschiedung einer Resolution des Sicherheitsrates hat sich der Zugang von Helfern in die umkämpften Gebiete zu den Notleidenden nicht verbessert. In seltener Einigkeit hatte der UN-Sicherheitsrat Ende Februar in einer Resolution freien Zugang für humanitäre Helfer in Syrien gefordert. Auch Russland und China stimmten dem Text zu. In ihm wurde die "sofortige Aufhebung der Belagerung" syrischer Städte sowie ein sofortiges Ende der Angriffe auf Zivilisten gefordert. Hilfsorganisationen sollten einen "raschen, sicheren und ungehinderten Zugang" zu Bedürftigen erhalten. All das geschieht nicht, weil beide Konfliktparteien, aber besonders das Regime diese Auflagen nicht einhalten.

Die Situation scheint politisch völlig hoffnungslos, sie ist extrem gewalttätig und kein Ende ist in Sicht. Mittlerweile haben selbst die Vereinten Nationen aufgehört die Toten zu zählen, weil ihnen jeder Zugang zu den umkämpften Gebieten fehlt. Dennoch gehen sehr zurückhaltende Schätzungen davon aus, dass in Syrien seit Beginn des ursprünglich demokratischen Aufbegehrens im Durchschnitt 150 Menschen getötet wurden – jeden Tag. Man schätzt dass von 22 Millionen Syrerinnen und Syrern neun Millionen auf der Flucht sind, entweder innerhalb oder außerhalb des Landes. Die großen Hilfswerke, welche auch immer, können die ständig wachsende Zahl der Flüchtlinge nicht versorgen.

Die größte in syrischen tätige Hilfsorganisation besteht aus der syrischen Zivilgesellschaft selbst. Es sind die Syrerinnen und Syrer, die die Millionen im Land Vertriebene aufnehmen und sie versorgen. Das sollten wir nie vergessen. Die humanitäre Katastrophe in Syrien ist eine zutiefst politische Angelegenheit.

Martin Glasenapp

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medico international arbeitet in vor Ort mit zivilen Initiativen und unterstützt die Notversorgung syrischer Flüchtlinge in Syrien, in Kurdistan und im Libanon. In Syrien greifen lokale Komitees und Ärzte da ein, wo die Infrastruktur zusammengebrochen ist und leisten Hilfe in allergrößter Not. In Erbin zum Beispiel, einem Vorort von Damaskus, organisieren unsere Partner Suppenküchen für Flüchtlinge, eine Feuerwehr, eine Müllabfuhr, eine juristische und eine medizinische Kommission, ein Medienzentrum und eine Schule.

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