Syrien

Das Überleben der Zivilgesellschaft

Einst lebten 220.000 Menschen in Jarmuk. Sie ist eine von den 10.000 Verbliebenen. (Foto: Jafra Foundation)
Die syrische Zivilgesellschaft ist divers und stärker als vermutet. Das Beispiel Jafra.

Der Krieg in Syrien wird nicht schnell zu Ende gehen, sagt Wesam Sabaaneh. Der Direktor der syrisch-palästinensischen Organisation Jafra sitzt im medico-Sitzungssaal mit Blick auf den Main. Doch er scheint eher nach innen zu schauen, in die zerhauene syrische Landschaft, die jeder und jede von dort mit sich herumträgt. Sein Blick ist der eines Syrers mit palästinensischen Wurzeln, die durch das generationenübergreifende Trauma der Vertreibung besonders stark sind. Der Enddreißiger verwirft im Gespräch jede Hoffnung, dass ein von außen aufgezwungener Friede, und sei es von den Russen, zumindest die Waffengewalt beenden könne. „Das ist kein Bürgerkrieg, das ist ein internationaler Krieg, in dem die lokalen Kräfte lediglich Werkzeuge sind“, so Sabaaneh. Die jüngste Eskalation mit dem möglicherweise durch Saudi-Arabien erzwungenen Rücktritt des libanesischen Präsidenten Hariri, der das sensible Gleichgewicht im Libanon gefährdet, zeigt, wie recht er hat.

Insofern sollte man sich in Westeuropa nicht in trügerischer Ruhe wiegen. Hier, so scheint es, haben die Pläne, die von den Gipfeltreffen unter russischer Ägide im kasachischen Astana ausgehen und von der Assad-Regierung umgesetzt werden sollen, viele eingelullt. Zu groß scheint die Hoffnung auf Lösungen eines schier endlosen Konfliktes und umso mehr klammert man sich an die wohlfeilen Reden von Deeskalationszonen und Versöhnungsgesprächen – zumal auch einige der internationalen Akteure wie der Iran, die Türkei und Russland mit am Tisch sitzen. Auf dem syrischen Boden der Tatsachen sieht das allerdings anders aus. Auch in den vier Deeskalationszonen schweigen die Waffen nicht. Was in Astana verhandelt wird, ist kein Ausgleich, sondern der Abzug der bewaffneten Gruppen und die Rückkehr unter die Kontrolle der Regierung. Führen die Verhandlungen zu keinem Ergebnis, werden die alten Taktiken wieder angewandt: Belagerung und Bombardierung. Solche Belagerungen haben die Jafra-Kollegen unter anderem in Jarmuk, aber auch im südlich von Damaskus gelegenen Palästinenserlager Khan Eshie selbst miterlebt. Jarmuk war in der schlimmsten Phase der Blockade ein Jahr lang vollkommen von der Außenwelt abgeschieden. 200 Menschen sind an Hunger gestorben. Diese völkerrechtswidrigen Belagerungen werden mit dem Argument legitimiert, Terroristen zu bekämpfen. Argumente, die man vom sogenannten Krieg gegen den Terror genauso kennt wie von israelischen Angriffen auf Gaza.

Zermürbungstaktik

In Syrien führen die Blockaden ganzer Regionen, die wie in Jarmuk auch über einen langen Zeitraum schonungslos durchgehalten werden, zum gewünschten militärischen Ergebnis: Die Zivilbevölkerung bittet schlussendlich die bewaffneten Kräfte um Abzug. Die Entbehrungen sind so groß, dass auch diese Kräfte irgendwann gehen. Dann setzt der sogenannte Versöhnungsprozess ein. Die Versöhnung, so beschreiben es die Kollegen von Jafra, heiße häufig nur, dass nun die syrische Armee wieder Männer für ihre Armee rekrutiere. Wiederaufbau findet keiner statt. Was in Regionen wie in Deir ez-Zor geschehen wird, in die die bewaffneten Assad-Gegner verschiedener Couleur gebracht werden, möchte man sich lieber nicht vorstellen. Da alle als Terroristen klassifiziert sind, schützt sie kein Gesetz. Außerdem sind sich die Gruppen untereinander feind. So kommt es auch unter ihnen zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Wie nebulös das Terrorismus-Etikett ist, wird an einem Beispiel deutlich, von dem die Jafra-Kollegen erzählen: Auch einige ihrer einstigen Freunde sind beim IS gelandet – aus ökonomischen Gründen. Gerade in den belagerten Gebieten sind lediglich die bewaffneten Kämpfer noch gut mit Lebensmitteln versorgt. So schafft die Kriegsökonomie auch die Terroristen, die der Krieg der Assad-Regierung angeblich beseitigen will.

Jafra betrachtet sich selbst als Teil der Kriegs- ökonomie. Wesam Sabaaneh meint, dass die organisierte syrische Zivilgesellschaft Hilfsgelder in erheblichen Summen aus dem Ausland erhalte. Auch das sei eine Macht, mit der man gestalten könne. Die Freiwilligen von Jafra gehören den lokalen Bürgerkomitees an. In den palästinensischen Gemeinden setzen sie sich aus Gegnern und Befürwortern der Assad-Regierung zusammen. Die sich daraus ergebenden Konflikte werden offenbar vom palästinensischen Nationalgefühl überformt und ausgehalten. Das mag daran liegen, dass es für die Palästinenser in Syrien um viel geht. Die Mehrheit der 438.000 palästinensischen Flüchtlinge, die sich weiterhin in Syrien aufhalten, sind laut der UN-Hilfsorganisation UNWRA mindestens einmal aus ihren Wohnorten vertrieben worden.
 

Nach über zwei Jahren unter Kontrolle des IS und seit vier Jahren von jeder Hilfe abgeschnitten: die Erinnerung an das einst blühende Jarmuk verblasst. (Foto: Jafra Foundation)

Zurzeit sind 280.000 Palästinenserinnen und Palästinenser intern Vertriebene, leben also in Notbehelfen oder bei Verwandten. Zusätzlich sind seit Beginn des Konfliktes 120.000 palästinensische Flüchtlinge in die Nachbarländer oder nach Europa geflohen.

Jarmuk war das einst blühende Zentrum palästinensischen Lebens in Syrien. Eine Art Hauptstadt, moderner und freier als andere palästinensische Zentren. Dann kamen der Krieg, die Blockade und schließlich der IS. Nun leben nur noch wenige Tausend Menschen in den Trümmern. Eine arabische Zeitung titelte kürzlich, dass nur die Leichen der einstigen Bewohner auf den Friedhof von Jarmuk zurückkehren könnten. Für Wesam Sabaaneh, der in Jarmuk geboren und aufgewachsen ist, liegt die größte Herausforderung darin, ein palästinensisch geprägtes Jarmuk wiederaufzubauen. Es gelte zu verhindern, dass es so werde wie Ein El-Hilweh im Libanon, wo die Rechtlosigkeit der Bewohner und die Einflüsse von islamistischen und kriminellen Banden eine Situation der permanenten Unsicherheit und Gefahr erzeugen. Eine der Gefahren liegt darin, dass islamistische Gruppen eine prägende Rolle in einem Nachkriegs-Jarmuk beanspruchen. Hinzu kommt, dass die syrischen Palästinenser durch ihre Flüchtlingsherkunft ungleich verletzlicher sind als viele andere Syrer. Ihr bescheidener Wohlstand vor dem Krieg ist vernichtet, alle Reserven für einen möglichen Wiederaufbau sind aufgebraucht. Sabaaneh verweist auf die Erfahrungen aus dem Libanon, wo palästinensische Gruppierungen eine wichtige Rolle im Bürgerkrieg spielten. Die palästinensischen Flüchtlinge im Libanon, deren Situation eine besondere Form von Rechtlosigkeit hat, zahlen hierfür bis heute den Preis. Diese Fehler wolle man nicht wiederholen und ergreife daher in der innersyrischen Auseinandersetzung keine Partei.

Das palästinensische Dilemma

Trotzdem waren auch junge Palästinenserinnen und Palästinenser Teil des demokratischen Aufbruchs im arabischen Frühling. Den egalitären Geist kann man bis heute im jungen Team von Jafra beobachten, dem auch viele Frauen angehören. Der Preis ist hoch. 500 Palästinenserinnen und Palästinenser sind in den staatlichen Gefängnissen ums Leben gekommen. Viele von ihnen wurden gefoltert und vergewaltigt. Bis heute gibt der syrische Staat nur selten die Leichen frei, was die Ungewissheit über das Schicksal von Angehörigen und Freunden noch größer macht. Dieses Schicksal ist auch Gegenstand des kürzlich erschienenen Buches „Palestinians in Syria“ von der Sozialwissenschaftlerin Anaheed Al-Hardan. Hier wird der palästinensische Exodus aus Syrien als zweite Nakba (Vertreibung aus Palästina durch die israelische Staatsgründung) bezeichnet. Die Autorin zitiert eine Stimme so: „Palästina, das Land, von dem wir alle träumten, bestimmte unsere Lebenspassion, unsere Rufe auf den Demonstrationen zum Tag des Landes, und unterbrach die Routine in unseren armseligen Lebensbedingungen. Aber mit dem Tod unter Folter im Assad-Gefängnis von Hassan, davor der Tod von Ahmad Kosa und vor ihm von Ghassan Shibabi, mit all den verlorenen Leben, ist Palästina für mich unbedeutender geworden.“

Erstaunlicherweise aber sehen die Kolleginnen und Kollegen von Jafra nach wie vor Spielräume für die zivilgesellschaftlichen Organisationen, die geblieben sind. Sie nutzen ihre Möglichkeiten, zwischen den Fronten Menschen zu helfen und ein würdiges Leben selbst unter diesen Bedingungen zu führen. Das bedeutet vor allem, ein solidarisches Miteinander aufrechtzuerhalten. Sei es durch Schulunterricht, der freies Denken lehrt, sei es durch das Teilen des Wenigen, was da ist. „Dort, wo wir arbeiten, sind mit den Jahren zum Teil sieben verschiedene bewaffnete Gruppen und Armeen gekommen und wieder abgezogen. Aber wir sind geblieben“, so Sabaaneh. Dieses Durchhaltevermögen der Zivilgesellschaft gebe es überall in Syrien. Sie sollte sich dieser Stärke bewusst sein.


Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 4/2017. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


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