Namibia

"Wir spüren die Schmerzen des Überlebens"

21.10.2026   Lesezeit: 5 min  
#kolonialismus 

Der deutsche Völkermord in Namibia ist für Nachfahren der Opfer keine Vergangenheit – ohne Gerechtigkeit gibt es keine Heilung für das Trauma.

Von Julia Manek

Ein vergilbtes Foto, darauf ein kerbenzerfurchter Felsblock, davor eine Frau mit einer Axt, hinter ihr ein Mann: Zwangsarbeit im Vernichtungslager auf Shark Island bedeutete auch, Steine zu brechen. Über das Bild im damaligen „Deutsch-Südwestafrika“ legt sich die Stimme von Sima Luipert, Nachfahrin der Lagerüberlebenden Katharina Fredericks. Sie erzählt einen Traum: "Neben mir war eine Höhlung, und darin eine Laus. Ich drückte zu, um die Laus zu töten – und hörte meinen Mann rufen: ›Sima!‹ Als ich aufwachte, liefen mir Tränen übers Gesicht, aber ich konnte nicht verstehen, warum ich weinte.“ Dann habe sie die Frau von dem Foto gesehen. „Und das, was die Axt dieser Frau traf, war es, worauf ich in meinem Traum schlug. Diese Menschen haben nicht nur mich heimgesucht, sondern uns alle.“

Die Szene stammt aus dem Film „Shark Island“ des Forschungskollektivs Forensic Architecture und Forensis, das die koloniale Gewaltlandschaft des ersten deutschen Genozids im ersten deutschen Konzentrationslager rekonstruiert. Was deutsche Konservative gern als „ruhen zu lassende“ Vergangenheit abtun, ist für die Nachfahren schmerzende Gegenwart.

Nachfahren suchen Schädel bis heute

Szenenwechsel in den Süden Namibias: Wo einst die weiten Ebenen Great Namaqualands und Hererolands lagen, markieren heute hohe Zäune hunderte Kilometer Farmland. Die Nachfahren der deutschen Siedler besitzen noch immer das Land, das ihre Urgroßeltern den Nama und Ovaherero in der Kolonie „Deutsch-Südwest“ raubten und den Überlebenden nie zurückgaben. Noch immer liegen die nach Deutschland gebrachten Gebeine Ermordeter in hiesigen Kulturinstitutionen oder privaten Kellern. Die Nachfahren des auf Shark Island gehängten Widerstandskämpfers Cornelius Fredericks suchen ihn bis heute: Seine Frau musste einst mit Scherben die Haut von seinem abgetrennten Schädel kratzen, dann wurde dieser nach Deutschland verschifft.

In einem Ausstellungsraum der Spore-Initiative in Berlin-Neukölln steht Marcella Katjijova Anfang Oktober im viktorianischen Kleid mit eng anliegendem Oberteil, ausladender Kopfbedeckung und einem weiten Rock. Katjijova ist Leiterin der Abteilung für generationenübergreifendes Trauma, Genesung und Heilung der Ovaherero Genocide Foundation in Namibia und selbst Nachfahrin von Überlebenden. Mit erhobenem Kopf erklärt sie ihre Tracht: „Die Deutschen haben uns unser Land geraubt. Mit dem Land verloren wir unser Vieh, unsere Existenz, unsere Heimat. Mein Hut symbolisiert die Hörner der Rinder, die sie uns nahmen. Unsere Tracht ist unser Widerstand: Unsere Identität konnten sie uns nicht nehmen.“

In Namibia, das eine der höchsten Suizidraten unter Jugendlichen weltweit haben soll, arbeitet Katjijova als Psychologin. In Neukölln spricht sie an diesem Wochenende über Selbstverletzung, Suizidgedanken, Sucht und Ängste, die zum Trauma des Genozids gehören. „Wenn wir über Trauma sprechen, betrachten wir normalerweise ein Ereignis“, sagt sie. „Aber das kollektive Trauma von Überlebenden eines Genozids ist nicht bloß die Summe einzelner Ereignisse, sondern eine bewusst herbeigeführte Erfahrung der Zerstörung.“

Beim Genozid gibt es kein „Post“

Westliche Diagnosen wie die Posttraumatische Belastungsstörung blenden die politischen Ursachen von Leid aus und fassen es als individuelle Symptomatik. Beim Genozid gibt es kein „Post“: Als dauerhafte Realität über Generationen weitergegeben, hält das Trauma nicht nur die ökonomischen und politischen Verhältnisse im Griff, sondern auch das soziale Leben, die Psychen und Körper der Nachfahren. „Eine Gesellschaft, in der es Überlebende gibt, ist atemlos. In unserer Gemeinschaft weiß fast niemand etwas über Trauma – aber jede*r weiß etwas über Überleben.“

Katjijova zeigt auf ein Foto. Zu sehen ist eine Gruppe Gefangener mit entblößten Oberkörpern. Mit schweren Ketten um den Hals mussten sie für die Deutschen posieren, Nummern in die Haut tätowiert. „In den Konzentrationslagern wurde gehungert. Wer an der harten Arbeit des Eisenbahnbaus starb, wurde entlang der Schienen begraben.“ Frauen hätten dasselbe durchlitten wie Männer, dazu kam geschlechtsspezifische Gewalt. „Auf der Flucht durch die Wüste kam es vor, dass ein Ehemann zu einer Mutter sagte: ›Lass das Kind. Es ist zu langsam. Wir werden sonst sterben.‹ Wenn sich die Frau aber weigerte, das Kind zurückzulassen, dann tötete der Ehemann das Kind, damit beide überleben.“

Diese Gewalt sei Teil des Vernichtungsplans gewesen, sagt Katjijova. „Wir reden nicht darüber – und trotzdem spüren wir heute die Schmerzen und die Verletzungen dieses Überlebens.“ In ihrer psychologischen Arbeit führt sie alles auf die Kindheit ihrer Patient*innen zurück, dadurch zu den Eltern, dann zu deren Kindheit. „So nähern wir uns dem Trauma.“

„Zerbrochene Lebenswelten“

Noch bis Januar gibt es im Berliner Spore die Ausstellung „Fractured Lifeworlds“ („Zerbrochene Lebenswelten“) zu sehen, die Nachfahren der Ovaherero und Nama gemeinsam mit Forensic Architecture und Forensis erstellt haben. Auch hier wird Geschichte rekonstruiert, mit Forderungen nach Generationengerechtigkeit. Die Ausstellung schafft wissenschaftliche Evidenz, indem sie die kolonialen Täterarchiv-Dokumente mit den mündlichen Überlieferungen verwebt. Leben gibt dem Gesamtwerk die mündlichen Überlieferungen und Landschaften, in denen die Spuren der Zerstörung und des Widerstands eingeschrieben sind.

Weil das Beschweigen der Gewalt seinen Ort aber vor allem in den Körpern und Psychen der Nachfahren hat, tönt in der großen Ausstellungshalle des Spore der nächtliche Ruf: „Sima!“. Der Film über die Protagonistin Sima Luipert läuft hier in Überlebensgröße. Die körperliche Wahrnehmung, dass „irgendwas hier falsch ist“, trieb sie in die historischen Archive, wo sie in den Dokumenten der Täter fündig wurde. „Ich habe die Brutalität, der insbesondere Frauen ausgesetzt waren, über meine Urgroßmutter Katrina Fredericks erlebt – über meine Mutter bis in mich selbst. Man muss sich dieser Realität stellen und nicht in Verleugnung leben. Das ist für mich eine Reise der Heilung.“ In einem Gedicht schreibt sie: „Das Archiv ist nicht in einem Museum eingeschlossen. Das Archiv atmet. Es geht. Es weint. Es erinnert sich.“

Kann es Heilung für ein kollektives Trauma geben? Luipert und Katjijova antworten gleichlautend: „Nicht ohne Gerechtigkeit.“ Deshalb kämpfen die Nachfahren auch um das Gedenken auf Shark Island, auf dem eines der ersten deutschen Konzentrationslager stand. Sollte ein vom Energiehunger der deutschen Industrie geplantes Wasserstoff-Projekt Hyphen im Tsau-ǁKhaeb-Nationalpark wirklich realisiert werden, droht der Felsen teilweise zerstört zu werden. „Solange es keine Anerkennung, keine Entschuldigung, keine Entschädigung gibt“, sagt Luipert, „ist der Genozid für uns nicht vorbei.“

Dieser Beitrag erschien zuerst auf nd-aktuell.de.

An der Seite der Nachfahren der Völkermord-Opfer unterstützt medico die Aufarbeitung der deutschen Kolonialverbrechen in Namibia dort und hier. Denn die Vergangenheit ist nicht vergangen. 

Julia Manek

Julia Manek ist Psychologin und Humangeographin. In der Öffentlichkeitsarbeit von medico international ist sie als Referentin für psychosoziale Arbeit tätig.

Twitter: @ju_manek
Bluesky: @juliama


Jetzt spenden!