medico: Mindestens 4500 Menschen kamen bei den Erdbeben vom 24. Juni ums Leben, Zehntausende werden noch vermisst. Wie habt ihr bei Cecosesola darauf reagiert?
Gustavo Salas: Wir haben sofort begonnen zu helfen. Das Herzstück von Cecosesola sind unsere Märkte, auf denen die Erzeugnisse der Landwirtschaftskooperativen verkauft werden. Hier haben wir gemeinsam überlegt, was wir als Gemeinschaft beisteuern können. Und die Resonanz war überwältigend. An allen Standorten von Cecosesola haben die Menschen Lebensmittel, Erste-Hilfe-Material und Medikamente, Kleidung und Schuhe abgegeben. Viele haben gefragt, wie sie helfen können.
Jhonathan Rodríguez: Wir haben Genossenschaften in den Bergen, in anderen Bundesstaaten, in der Andenregion – von überall her erreichte uns Unterstützung, sei es in Form von Geld oder Sachspenden. Das Land hat das Problem als sein eigenes angenommen. Diese Solidarität spiegelt das Selbstverständnis von Cecosesola als einer „erweiterten Familie“. Die Gemeinschaft, die wir mit unseren Kooperativen schaffen, verbindet sich mit anderen Bevölkerungsgruppen.
Dass Cecosesola zu einem Knotenpunkt der Hilfe wurde, hat viel mit der Art eurer Organisation zu tun. Wie funktioniert ihr?
Gustavo Salas: Seit der Gründung 1967 organisieren wir uns in regelmäßigen Versammlungen und entwickeln dabei ständig neue Formen und Räume des Gemeinsamen. Seit der Gründung 1967 ging es bei Cecosesola zum einen darum, dass Menschen in den Kooperativen ihre Lebensbedingungen verbessern, zum anderen um einen Transformationsprozess hin zu mehr solidarischen und weniger hierarchischen Beziehungen.
Derzeit arbeiten 1500 Menschen bei Cecosesola. Wir haben keine bürokratischen Strukturen und müssen uns nicht an feste Vorschriften halten. Das ermöglicht es uns, uns kontinuierlich weiterzuentwickeln, immer darüber nachzudenken, wo wir vorankommen wollen, was wir verbessern können und was wir als Nächstes tun werden. Das ist unsere Arbeitsweise: sehr dezentral, sehr flexibel und sehr reaktionsfähig in jeder Situation.
Auch nach den Erdbeben.
Jhonathan Rodríguez: Am Morgen nach dem Erdbeben traf sich eine Gruppe von uns und legte fest, was zu tun war, in der Gewissheit, dass sie im Sinne der Gemeinschaft handeln. Wir mussten auf kein Mandat oder ähnliches warten, denn wir können uns darauf verlassen, dass diejenigen, die sich versammeln, das volle Vertrauen aller anderen haben. Diese Dezentralisierung ermöglicht es uns, schnell zu handeln. So machen wir das seit über 50 Jahren und haben schon auf verschiedene Notsituationen reagiert. Für uns ist das ganz selbstverständlich.
Gustavo Salas: Wir wandeln Ereignisse, auf die wir reagieren, in Lernerfahrungen um. So entwickeln wir gemeinsame Kriterien, die auf ethischen Grundlagen wie Respekt, Verantwortung, Solidarität und gegenseitiger Unterstützung beruhen. Das vertieft permanent unseren kollektiven Prozess und führt dazu, dass eine Person eine Entscheidung im Sinne aller treffen kann, ohne auf eine Versammlung zu warten. Wir wissen, dass sie sich bemüht, im Rahmen der ethischen Grundsätze zu handeln, auf die wir uns geeinigt haben. Wir leben einen andauernden Bildungsprozess, der die Verantwortung, den Respekt, die gegenseitige Unterstützung und das Zusammenwachsen als Gemeinschaft vertieft.
Wie hat die Regierung auf die Katastrophe reagiert?
Gustavo Salas: Ich hatte den Eindruck, dass die Präsidentin in ihrer ersten Rede – ohne es ausdrücklich zu sagen – zu verstehen gab, dass die Regierung nicht über die Mittel verfügt, um mit den Folgen der Erdbeben fertig zu werden. Sie würden die Ordnung aufrechterhalten, bis Hilfe einträfe. Das heißt, das Militär hatte dafür zu sorgen, dass es nicht zu Plünderungen kam. Zwar gab es auch einige Soldaten, die tatsächlich halfen, aber insgesamt empfanden die Menschen die staatlichen Institutionen als sehr passiv: Das Militär stand nur mit seinen Gewehren Wache, während die Menschen mit bloßen Händen versuchten, Überlebende aus den Trümmern zu retten.
Es gibt eine Sache an dieser Regierung, die meiner Meinung nach jeder weiß. Seit der Zeit von Hugo Chávez hat sich die Regierung zu einer sehr vertikalen Struktur entwickelt. Überall herrscht die Angst, Entscheidungen zu treffen, die nicht den Anweisungen der Präsidentin entsprechen könnten. Ich spreche von Ministern, Militärs, Soldaten – allen Ebenen. Diese vertikale Struktur ist durch und durch bürokratisch, sie bremst uns aus und steht in völligem Widerspruch zu unserer eigenen Organisation. Hinzu kommt, dass die Regierung bankrott ist. Krankenhäuser verfügen zum Beispiel nicht über genügend Material; wenn Menschen operiert werden, müssen sie es selbst kaufen.
Wie nehmen die Menschen ihr Land angesichts dieser komplizierten Lage wahr?
Jhonathan Rodríguez: Die Venezolaner:innen haben sich angesichts all der Entwicklungen, die wir durchgemacht haben, stark politisiert. Wir sind sehr aufmerksam und sehr gut informiert. Vor 20, 30 Jahren war es nicht besonders verbreitet, Nachrichten zu sehen oder zu lesen. Heute spricht man mit irgendeiner Person auf der Straße und sie hat eine Meinung zu dem, was passiert. Auch wir analysieren bei unseren Treffen, was in der Welt geschieht und wie sich das auf das Land auswirkt.
Die Menschen in Venezuela sind schon lange darauf angewiesen, sich selbst zu helfen. Das hilft natürlich in so einer Notsituation. Wir geben unser Bestes.
Gustavo Salas unterstützt den Bildungsprozess innerhalb der Kooperativen. Jhonathan Rodríguez ist Teil des Kommunikationsteams von Cecosesola. Beide sind bereits seit Jahrzehnten Teil des Projekts.
Das Interview führte Timo Dorsch.
Nachdem uns bei medico die ersten Meldungen aus Venezuela erreichten, haben wir Kontakt zu unserer früheren Partnerorganisation Cecosesola aufgenommen. Der krisenerprobte Verband von Kooperativen begann unmittelbar nach den Beben, Nothilfe für die Überlebenden zu leisten: Lebensmittel, Wasser, Medikamente, Hygieneartikel und Kleidung. medico unterstützt diese direkte Nothilfe von unten – auch danke Ihrer Spende. Helfen Sie mit!



