medico: Die Aufbruchstimmung, die nach dem Sturz von Assad herrschte, ist weg. Am Wochenende gab es heftige Proteste gegen die Regierung.Wie ist die politische Situation zwei Jahre nach dem Sturz des Regimes?
Anas ar-Rawi: Das ist eine Frage der Perspektive: Wenn ich die Situation heute mit der unter dem alten Regime vergleiche, dann muss ich fast zwangsläufig zum Schluss kommen, dass es heute nicht so schlecht ist. Das liegt aber nur daran, dass das Assad Regime sich jedem Maßstab entzieht. Deswegen müssten wir uns eigentlich fragen: Was ist möglich, wie soll die Zukunft Syriens aussehen? Denn die Situation im Landheute ist sehr schlecht. Dabei gehöre ich zu den wenigen in Syrien, die immer gesagt haben: Wir haben keine andere Wahl, als optimistisch zu bleiben.
Was läuft schlecht?
Der politische Prozess und weitreichende politische Entscheidungen sind durch einen sehr kleinen Kreis an der Spitze der Regierung monopolisiert. Das Parlament verliert massiv an Bedeutung, weil wichtige Entscheidungen eben nicht dort getroffen werden. Die Intransparenz, die dieses System ausmacht, führt zu Wut und Enttäuschung bei den Menschen, nicht so sehr die einzelnen Entscheidungen.
Steckt diese Enttäuschung auch hinter den aktuellen Proteste gegen die Erhöhung der Kraftstoffpreise?
Ich glaube nicht, dass die Menschen nur deshalb protestieren, weil die Benzin- und Dieselpreise gestiegen sind. Vielmehr glaube ich, dass es daran liegt, wie es dazu kam. Stell dir vor, du gehst ins Bett und am nächsten Morgen sind die Preise ohne Vorankündigung um ca. 40 Prozent höher als tags zuvor. Darüber sind die Leute sehr wütend – die Intransparenz ist sehr ermüdend. Sie kann sich am Benzinpreis entzünden oder an etwas ganz Anderem.
Hast Du eine Erklärung dafür, warum die Proteste vornehmlich in Gebieten und Städten stattgefunden haben, die in den Jahren vor dem Sturz des Regimes als befreite Gebiete galten?
Die Menschen in den Kerngebieten der Revolution von 2011 sind nicht daran gewöhnt, politische Entscheidungen einfach hinzunehmen. Umgekehrt gilt: Wenn politische Entscheidungen transparent getroffen werden, kann es sogar Zustimmung in der Bevölkerung dafür geben, auch wenn die Menschen nicht wirklich damit einverstanden sind.
Warum wurde so eine drastische Entscheidung in einer Nacht- und Nebelaktion durchgesetzt? Hatte die Regierung Angst vor der Wut der Leute?
Entweder die Regierung ist wirklich dumm oder sie ist dreist und schert sich nicht um das, was die Menschen denken. Ehrlich gesagt tendiere ich zurzeit zur ersten Option. Denn wenn du als Regierung an der Macht bleiben willst, darfst du nicht so handeln.
Die Zufriedenheit der arabisch-sunnitischen Bevölkerung, also der Basis der neuen Regierung, ist in den letzten zwölf Monaten sehr stark zurückgegangen, insbesondere, weil die Regierung kaum zur Verbesserung der Lebensverhältnisse beigetragen hat. Theoretisch müsste die Regierung alles dafür tun, um ihre Basis nicht mit intransparenten und unpopulären Entscheidungen zu entfremden. Die Menschen wollen partizipieren, wollen in Entscheidungen eingebunden sein, die ihr Leben betreffen. Sie wollen verstehen, warum die Regierung die Preise erhöht hat. Die Regierung hat die Dieselpreise nach den Protesten für Heizen und Landwirtschaft zwar wieder etwas gesenkt. Aber die Unzufriedenheit bleibt.
Ist denn die Preiserhöhung für Benzin der einzige Grund für den Protest? Wie sieht die Lebensmittelversorgung aus?
Es ist in erster Linie eine Kraftstoffkrise. Brot ist nach dem Sturz des Assad-Regimes sehr teuer geworden, weil die Subventionen gestrichen wurden. Gleichzeitig ist die Qualität des Brots viel besser und die Versorgung besser, man muss nicht mehr anstehen – aber die Teuerung ist für viele Menschen kaum zu tragen.
Haben sich denn in den letzten zwei Jahren die Löhne erhöht? Der Durchschnittslohn lag ja Anfang 2025 bei etwas über 20 US-Dollar?
Der Mindestlohn auf dem freien Arbeitsmarkt liegt heute bei 120 US-Dollar, das ist viel besser. Zugleich ist die Lohnstruktur ein Teil des Problems: Die ehemaligen Angestellten des Regimes, die noch immer ihre Posten in den Institutionen haben, bekommen ungefähr 120 US-Dollar im Monat. Die neuen Angestellten, also diejenigen, die mit dem Regimesturz aus dem Norden des Landes ins Zentrum des Landes und nach Damaskus gekommen sind, bekommen zwischen 400 und 2000 US-Dollar im Monat.
Berufsgruppen, deren Jobs dem Innen- und Justizministerium unterstehen, bekommen alle das gleiche Gehalt – nur dort wird nicht zwischen neuen und alten Angestellten unterschieden. Die beiden Ministerien haben das Mindestgehalt auf 420 US-Dollar festgelegt, unabhängig von politischem Hintergrund oder Region – das gilt auch für diejenigen, die in den Gebieten der Autonomieregion Nordostsyriens angestellt sind.
Wie können diese strukturellen Probleme behoben werden?
Syrien steht großen Herausforderungen gegenüber. Erstens: Das Fehlen von Transparenz, Verantwortlichkeit und Partizipationsmöglichkeiten der Menschen bei der Implementierung von neuen Gesetzen und Maßnahmen. Das öffnet der Korruption Tür und Tor. Zweitens: Wir sind Zeugen einer tiefgreifenden Transformation des syrischen Staatsverständnisses. Über Jahrzehnte hat der syrische Staat seinen Bürger:innen Dienstleistungen angeboten, heute verkauft er diese. Staatliche Leistungen werden von der neuen Regierung einem Kosten-Nutzen-Kalkül unterzogen. Die Transition zu einem System der Marktwirtschaft geht natürlich nicht über Nacht und zugleich ist klar: Ohne Regeln geht Marktwirtschaft auch nicht. Die Herrschenden scheinen das aber nicht zu begreifen, sie wollen alles ganz plötzlich und ohne Regulierung den Marktkräften überlassen – mit verheerenden Folgen für die Menschen.
Welche Rolle spielt das Ausland? Auf mich wirkt es so, als würde die Regierung die außenpolitische Rehabilitierung des Landes auf Kosten der Menschen im Land verfolgen?
Absolut. Die Regierung und al-Scharaa interessiert nur die außenpolitische Legitimation. Der Präsident weiß, dass die Wiedereingliederung Syriens in die Internationale Gemeinschaft in erster Linie durch externe Mächte kontrolliert wird. Das heißt allerdings auch, dass man sich – wie im Falle der Marktöffnung Syriens – externen Interessen öffnet, ohne auf innenpolitische Erfordernisse Rücksicht zu nehmen.
Gleichzeitig will sich die Regierung bei ihrem Konsolidierungskurs nicht auf internationale Kredite stützen, sondern ausländisches Kapital und Investitionen anlocken. Doch die Situation ist nicht dazu angetan, dass ausländisches Kapital nach Syrien kommt: Die Sicherheitslage ist an vielen Orten volatil, Israel greift immer wieder Ziele im Land an. Das schreckt Investitionen ab, die aber dringend notwendig wären, um die marode und zerstörte Infrastruktur zu modernisieren.
Das Interview führte Imad Mustafa.
Anas ar-Rawy ist Leiter des Hooz-Zentrums, einer Organisation, die mit medico-Unterstützung in Nordwestsyrien daran arbeitet, wie die syrische Zivilgesellschaft in der gegenwärtigen Transformationsphase tatsächliche politische Mitsprache erlangen kann.
Das Hooz Center gehört zu den profiliertesten zivilgesellschaftlichen Initiativen im Nordwesten Syriens. Das Team betrieb bis 2025 Zentren mit dem Ziel, politische Teilhabe, zivilgesellschaftliche Organisation und Deradikalisierung insbesondere junger Menschen zu fördern. Nach dem Sturz des Assad-Regimes wurde die Arbeit des Hooz-Zentrums an die veränderten politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen angepasst.
Im Vordergrund stehen nun verstärkt Dialogformate, der Abbau gesellschaftlicher Spannungen, die Stärkung lokaler Governance-Strukturen sowie die Vernetzung zivilgesellschaftlicher Akteur:innen über regionale und politische Grenzen hinweg. Im Mittelpunkt der von medico unterstützten Arbeit steht die Frage, wie die syrische Zivilgesellschaft in der gegenwärtigen Transformationsphase tatsächliche politische Mitsprache erlangen kann.




