Krieg in der Ukraine

Raus aus der Isolation

Zweiter Teil eines Reiseberichts aus dem Osten der Ukraine, wo medico-Partner:innen die vom Krieg gebeutelte Bevölkerung mit Lebensmitteln versorgen.

Von Riad Othman

An unserem ersten Morgen in Charkow warten wir früh auf Sergej Čubukov von der medico-Partnerorganisation Mirnoe Nebo. Draußen hat es -12 Grad, durch die Straßen fegt ein eisiger Wind. Wie schon am Vorabend heult die Sirene, warnt vor Luftangriffen. Ich frage die jungen Frauen an der Rezeption unseres Hotels, ob wir in den Schutzraum gehen müssen. „Wenn Sie wollen“, lautet die lakonische Antwort mit leichtem Schulterzucken, unaufgeregt, freundlich. Dann wenden sie sich wieder ihrem Gespräch zu. Ich rufe Sergej an: „Keine Sorge, Riad. Achte gar nicht darauf. Ich bin in fünf Minuten bei euch.“

Auf dem Weg zu den Arbeitsstätten von Mirnoe Nebo relativiert sich unser Eindruck der Stadt vom Vorabend stark. Sie ist nicht ausgestorben, im Gegenteil: Die Straßen sind voll von Fußgänger:innen, Autos, Straßenbahnen, Bussen. Eine Stadt während des Berufsverkehrs. Wäre da nicht die immer wieder sichtbare Zerstörung. Abgesehen von beschädigten Gebäuden oder zersprungenen Scheiben, die durch Bretter ersetzt wurden, springen immer wieder Dinge ins Auge, die klarmachen: Der morgendliche Betrieb mag normal wirken, die Situation ist es nicht. Statuen und Denkmäler sind in Sandsäcke verpackt, um sie vor Beschädigung und Zerstörung zu schützen. Christo im Krieg, geht mir durch den Kopf, ohne künstlerische Bedeutung oder Idee, nur aus der Not geboren und ein bisschen traurig anzusehen.

Bretter, die die Welt bedeuten

Das alte „Haus der Kultur“ eines Arbeiter:innenverbands, wie es sie in der Sowjetunion und sozialistischen Ländern häufig zur körperlichen und intellektuellen Ertüchtigung der Werktätigen gab, bietet jetzt Mirnoe Nebo Platz. Auf dem Parkett des großen Saals, einer Mischung aus Turnhalle und Konzertsaal, finden längst keine Aufführungen mehr statt. Das Haus der Kultur dient jetzt in Teilen als Lager für Lebensmittel und als Zentrum zur Vorbereitung von Lebensmittelpaketen. Die Wasserlachen auf dem Parkplatz draußen sind gefroren, an einzelnen Stellen haben sich größere Eisflächen gebildet. Im Gebäude ist es kalt. Als wir dort ankommen, herrscht bereits reger Betrieb: Freiwillige sind damit beschäftigt, bereits gepackte Lebensmittelpakete für die Beladung von Transportern zusammenzustellen. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht im Weg stehen. Die Pakete stellen keine Rundumversorgung dar, sondern dienen eher der grundsätzlichen Entlastung von Familien und Haushalten. Sie enthalten Grundnahrungsmittel wie Mehl, Öl, Nudeln, Buchweizen, Konserven, Zucker und so weiter, um eine Basis für die tägliche Ernährung zu bilden. Frische Zutaten wie Gemüse müssen sich die Menschen immer noch selbst beschaffen. Eine solche Ration ist auf sieben bis zehn Tage ausgelegt, je nach Größe des Haushalts.

Der vordere Teil des Saals, in dem mehr Menschen arbeiten und an den sich auch zwei kleine Büroräume für die Verwaltung anschließen, und der hintere Bereich sind durch einen Vorhang getrennt, um an den Arbeitsplätzen möglichst viel Wärme zu halten. Der hintere Teil dient vor allem als Lager, hier ist es merklich kälter. In einem kleinen Nebenraum des Saals sitzen drei Frauen, die aus großen Säcken Zucker, Mehl und andere Lebensmittel in kleinere Portionen teilen. In der Ecke steht ein Heizlüfter. Vom Haus der Kultur brechen jeden Tag mehrere Fahrer auf, um nicht nur in der Stadt, sondern auch in Orten außerhalb Charkows Hilfspakete zu verteilen. Auf die Weise erhalten monatlich Tausende Familien Unterstützung.

Doch auch wenn Mirnoe Nebo als zivilgesellschaftliche Initiative bereit ist, teilstaatliche Aufgaben zu übernehmen, macht Sergej doch klar, dass sie sich eine andere Ukraine wünschen und einen Staat, dessen Regierung und Institutionen mehr Verantwortung für das Wohl der Bevölkerung übernehmen anstatt die letzten Reste des Sozialstaats dem Neoliberalismus zu opfern.

Wir verabschieden uns von den Menschen im Verteilzentrum. Über breite Straßen erreichen wir hinter einem Flachbau an einer Hauptstraße einen Hof, umgeben von kleinen Lagerhallen. Eines dieser Gebäude beherbergt die Großküche und die Großbäckerei von Mirnoe Nebo, die mit medico-Unterstützung im Mai 2022 eröffnet werden konnten. Die Bäckerei ersetzte damals eine andere, die in den ersten Kriegswochen einen russischen Treffer abbekommen hatte. Die Küche hier eröffnete die Organisation, weil der Bedarf so groß wurde, dass zwei bereits bestehende Großküchen nicht mehr ausreichten.

Olga Pasmor, die Leiterin der hiesigen Großküche, war bis zum Beginn des Krieges eigentlich leitende Buchhalterin in einer Firma. Doch nun kocht sie hier schon seit Monaten gemeinsam mit Dutzenden anderen Freiwilligen warme Mahlzeiten für Bedürftige. Es finden sich viele solcher Menschen bei Mirnoe Nebo. Für die große Mehrheit hat der Krieg ihr Leben komplett umgekrempelt, nicht nur auf der persönlichen, emotionalen und familiären Ebene, sondern auch beruflich. Aleksej Mazurčuk war vor dem Krieg „showman“, er sagt es auf Englisch. Er organisierte und moderierte Konzerte und Großveranstaltungen für bis zu 50.000 Leute. Jetzt betreut er bei Mirnoe Nebo den öffentlichen Auftritt und produziert Inhalte für die sozialen Medien.

Würde geht durch den Magen

Kaum betreten wir die Bäckerei, werden uns frisch gebackene Piroggen mit süßer Füllung gereicht. Bei der Kälte erscheint uns die Bäckerei als einer der angenehmsten Arbeitsorte. Wir sind froh, uns aufwärmen zu können. In der Küche nebenan wird uns Suppe serviert, auch das Hauptgericht sollen wir unbedingt kosten. Es ist ihnen wichtig, dass wir verstehen, dass es sich nicht um ein bestenfalls bescheiden schmeckendes Almosen handelt, sondern um vollwertige und vor allem leckere Mahlzeiten. „Wir achten auf gute Qualität“, sagt Sergej, „das ist auch eine Frage des Respekts und der Würde.“

Weiter geht es durch die Stadt. Nach kurzer Fahrt in einen anderen Bezirk finden wir uns in einem Wohnviertel mit vier- bis fünfstöckigen sozialistischen Wohnblocks wieder. Dazwischen ein Gebäude,  mit großem zweiflügeligem Stahltor, vor dem eine Menschenmenge wartet. Im Hof vor dem abgeschirmten Gebäude steht ein großes Zelt. Viele hier sind schätzungsweise über 70 Jahre alt, dazwischen jüngere Leute und ein paar Kinder. Der Einlass ins Zelt wird von Freiwilligen organisiert, die selbst hier leben. Sie unterstützen Mirnoe Nebo täglich an solchen Ausgabepunkten. Die Leute stehen dicht gedrängt, um sich eine warme Mahlzeit abzuholen, gedrängelt wird nicht. Im Gegenteil: Einer älteren Dame mit Rollator wird nach vorne geholfen. Als sich die Tür öffnet, ist sie die Erste. Der ältere Mann am Einlass hebt ihre Gehhilfe über die Schwelle und fordert dann Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen auf, als Erste hereinzukommen. Als nächstes ruft er: „Die Kinder zuerst! Die Kinder zuerst!“ und sofort bildet sich eine Gasse für sie.

Während die Leute ihr Essen in mitgebrachte Behälter gepackt bekommen, erzählt „showman“ Aleksej von den Anfängen ihrer Arbeit: „Zu Beginn brachten wir das Essen zu den Leuten nach Hause. Dann verstanden wir irgendwann, dass ihnen das gar nicht so gut tut. Wegen der Angst vor dem Beschuss, igelten sie sich in ihren Wohnungen ein, gerieten in die Isolation. Das ist in so einer Situation wirklich schlimm. Also richteten wir Ausgabepunkte an unterschiedlichen Plätzen in der Stadt ein. Während die Leute Schlange stehen, sehen sie so ihre Nachbarn und Nachbarinnen. Sie unterhalten sich, erzählen sich Neuigkeiten, lachen auch miteinander. Das ist so wichtig. Übrigens auch für uns.“

Natürlich beliefert Mirnoe Nebo weiter diejenigen zu Hause, die ihre Wohnungen nicht verlassen können. Während wir so stehen und uns unterhalten, scherzt im Hintergrund ein älterer Mann bei der Essensausgabe: „Wie jetzt? Gibt es heute keinen Nachtisch!?“ Dann dankt er den Helfer:innen und zieht mit seiner Ration ab.

medico unterstützt in der Ukraine unter anderem die Lebensmittelhilfe von Mirnoe Nebo in der Region Charkow, die Unterstützung von Binnenflüchtlingen durch die Landwirtschaftskooperative Longo Maï im Westen des Landes und Hilfslieferungen mit dem Nötigsten in Zufluchtsorte nahe der umkämpften Gebiete im Osten des Landes.

Veröffentlicht am 01. Februar 2023
Riad Othman

Riad Othman arbeitet seit 2016 als Nahostreferent für medico international von Berlin aus. Davor war er medico-Büroleiter für Israel und Palästina.

Twitter: @othman_riad


Jetzt spenden!