Krieg in der Ukraine

Das Haus am Fluss

Dritter Teil eines Reiseberichts in den Osten der Ukraine, wo medico-Partner:innen die vom Krieg gebeutelte Bevölkerung mit Lebensmitteln versorgen.

Von Riad Othman

Nachdem wir am ersten Tag in Charkow einen Standort zur Vorbereitung und Verpackung von Lebensmittelpaketen, eine Großbäckerei und eine Großküche der Partnerorganisation Mirnoe Nebo besucht haben, geht es mittags weiter in ein Studierendenwohnheim. Schon vor dem Krieg hatten einige Wohnheime in Folge der Corona-Pandemie leer gestanden. Der Unterricht an den Hochschulen war auf Online-Vorlesungen und -Seminare umgestellt worden, und viele Studierende waren noch nicht wieder in die Stadt zurückgekehrt, als am 24. Februar 2022 die Russische Föderation ihren westlichen Nachbarn an verschiedenen Fronten gleichzeitig angriff.

Mit dem Kriegsbeginn leerten sich in Charkow rasch weitere Wohnheime. Vor allen Dingen in den ersten Monaten des Krieges geriet die Stadt wiederholt unter starken russischen Beschuss. Sie liegt nur rund 35 km von der russischen Grenze entfernt. Menschen harrten wochenlang in Kellern, Metrostationen und anderen Schutzräumen aus. Soweit sie konnten, kehrten damals viele der Stadt vorerst den Rücken, um sich in Sicherheit zu bringen, auch Studierende aus anderen Landesteilen der Ukraine und dem Ausland. Besonders Menschen aus afrikanischen und asiatischen Ländern sahen sich gezwungen, zuerst einmal in Drittstaaten Zuflucht zu suchen – oft mit erheblichen Problemen, wie an der polnisch-ukrainischen Grenze, wo Flüchtende rassistische Diskriminierung zuhauf erlebten.

Flucht ins Wohnheim

Jetzt bietet das Wohnheim, das wir ansteuern, knapp 300 Menschen Zuflucht. Sie alle kommen aus umkämpften Gebieten oder Ortschaften, die die russische Armee erobert hat. Selbst wenn ukrainische Truppen einige Dörfer und Städte wieder zurückerobern, verbleiben viele davon in Reichweite der russischen Artillerie und werden regelmäßig beschossen, einige davon täglich. Eine Rückkehr dorthin ist nicht sicher. Viele Orte sind so stark zerstört, dass ein großer Teil der Bewohner:innen vorerst gar nicht zurückkehren kann. So geht es auch vielen Insassen des Wohnheims. Trotzdem herrsche unter ihnen ein Kommen und Gehen, erklärt Aleksandra Djačenko von Mirnoe Nebo. Viele von ihnen wollten in ihre Herkunftsdörfer und –städte zurückzukehren, andere versuchten weiter gen Westen überzusiedeln. Letzteres ist zunehmend schwierig geworden, weil den meisten hier dazu schlicht die Mittel fehlen. Die Mietpreise im Westen des Landes sind explodiert. Und um von dort weiter ins Ausland zu kommen, braucht man einen Reisepass, den überhaupt nicht alle haben. Gerade für Reisen ins nahe gelegene Russland galt zwischen vielen Orten eine Art kleiner Grenzverkehr, so dass für viele Ukrainer:innen aus den nun stark umkämpften Gebieten vor dem Krieg keine Notwendigkeit bestand, einen Pass zu beantragen, solange sie keine Reise ins weiter entfernte Ausland planten.

Mittlerweile versorgt Mirnoe Nebo alleine in solchen Wohnheimen rund 1.800 Menschen. Zwölf über die Stadt verteilte Unterkünfte beliefert die Organisation regelmäßig mit warmen Mahlzeiten. Die Stadt- und die Gebietsverwaltung hatten und haben ein großes Interesse daran, eine an solchen Punkten in der Stadt zentralisierte Versorgung von Gruppen der Neuankömmlinge durch Mirnoe Nebo zu ermöglichen. Sie unterstützen deshalb die Idee der Aufnahme und Unterbringung in den Studierendenunterkünften. Um die Wohnheime für die Nutzung durch Familien mit Kindern und ältere Menschen vorzubereiten, waren lediglich hier und da noch ein paar Renovierungen und kleinere Umbauten notwendig.

Ein grundsätzlich allen Bürokratien weltweit gemeinsamer Wesenszug ist wahrscheinlich die möglichst unbedingte Durchsetzung ihrer eigenen Regeln. Das ist schon allein eine Frage der Selbsterhaltung.  Baumaßnahmen in öffentlichen Gebäuden bedürfen deswegen einer Genehmigung. Auch im Krieg. Auch wenn sie nur klein sind. In diesem Fall bedeutete das, dass Mirnoe Nebo die erforderlichen Arbeiten wochenlang nicht durchführen konnte, weil die Wohnheime zwar auf dem Gebiet der Stadt Charkow stehen, die Immobilien im Rahmen des ukrainischen Verwaltungsaufbaus aber dem Bildungsministerium in Kyiv/Kiew gehören und unterstehen. Die örtliche Stadtverwaltung war aus gutem Grund sehr für die Umnutzung der Wohnheime und deren Umbau, nur konnte sie darüber nicht selbst entscheiden. Die Genehmigung dazu musste aus der Hauptstadt kommen. Und das dauerte seine Zeit.

Das Häuschen am Fluss

Kurz nachdem wir im Wohnheim angekommen sind, ist es Zeit für die Essensausgabe. Die Menschen stehen mit leeren Behältnissen in einer langen Reihe. Auf Tische haben Freiwillige von Mirnoe Nebo Töpfe und Eimer mit noch dampfendem Essen gestellt, daneben Kartons mit Brot, das mit ausgegeben wird. Unterstützt werden sie auch hier von Leuten, die selbst im Wohnheim leben und dafür sorgen, dass die Ausgaben ohne große Zwischenfälle verlaufen. Nur einmal wird es heute unruhig, als jemand weiter hinten in der Schlange sich laut darüber aufregt, dass es so lange dauert. Falls es hier immer so abläuft, dass ein solch kurzer Protest das größte Problem ist, verdienen die Menschen hier wirklich Hochachtung. Menschen können beträchtlich unangenehmer werden, wenn sie hungrig sind, auch ohne dass ein Krieg sie für Wochen und Monate in ein Wohnheim mit Fremden gezwungen hat, mit denen sie lediglich das Schicksal teilen, Binnenvertriebene zu sein.

Meine Kollegin Katja Maurer unterhält sich unterdessen mit einer älteren Dame. Die Frau ist klein und zierlich. Ich schätze sie auf Mitte bis Ende 70. Sie hat kurze graue Haare und braune Augen. Schließlich besteht sie darauf, uns auf einen Kaffee oder Tee zu sich ins Zimmer einzuladen. Wir folgen ihr in die dritte Etage, wo sie ein Zimmer mit zwei Etagenbetten bewohnt. Im Vorraum des Stockwerks, wo es vom Treppenhaus zu den Zimmern geht, steht auf einem Beistelltischchen, hinter der Statuette einer kleinen barocken Engelsfigur ein Kinderbuch auf Englisch. In Großbuchstaben ist der Titel darauf in dem dämmerigen Raum zu lesen: We feel happy!

Erst als wir in ihrem Zimmer ankommen, realisiere ich, dass die Frau gar nicht Russisch, sondern Ukrainisch mit uns spricht. Weder meine Kollegin noch ich haben die Sprache je gelernt. Mit etwas Mühe verstehen wir sie aber doch erstaunlich gut, vermutlich weil sie einen östlichen Dialekt des Ukrainischen spricht, der näher am Russischen ist als gesprochenes Westukrainisch. Wir drücken unser Bedauern darüber aus, dass wir kein selbst Ukrainisch sprechen. „Das ist kein Problem, ich spreche sehr gut Russisch,“ entgegnet sie auf Ukrainisch, „aber solange dieser Krieg andauert, werde ich kein Wort Russisch reden.“ Sie erzählt, dass sie eigentlich aus einem Dorf weiter östlich kommt. Dort lebte sie mit ihrem erwachsenen Sohn in einem Haus an einem kleinen Fluss. „Das war ein wunderschöner Ort. Wir lebten dort in bescheidenen Verhältnissen, aber wir kamen zurecht und es ging uns gut,“ fährt sie fort. „Wir blieben dort, solange es ging, aber irgendwann erreichte uns der Krieg. Jenseits des Flusses hatten die Russen Stellung bezogen und auf unserer Seite die Ukrainer, und sie kämpften so nah bei unserem Haus, dass wir evakuiert werden mussten.“

Der Instantkaffee, den sie serviert, ist stark und bitter. Er passt zu ihrer Geschichte. Als die Tassen leer sind, ist es Zeit zu gehen. Die Sonne am nachmittäglichen Winterhimmel über Charkow hängt schon sehr tief. Abends wird es langsam wieder kälter. Wie immer.

medico unterstützt in der Ukraine unter anderem die Lebensmittelhilfe von Mirnoe Nebo in der Region Charkow, die Unterstützung von Binnenflüchtlingen durch die Landwirtschaftskooperative Longo Maï im Westen des Landes und Hilfslieferungen mit dem Nötigsten in Zufluchtsorte nahe der umkämpften Gebiete im Osten des Landes.

Veröffentlicht am 07. März 2023
Riad Othman

Riad Othman arbeitet seit 2016 als Nahostreferent für medico international von Berlin aus. Davor war er medico-Büroleiter für Israel und Palästina.

Twitter: @othman_riad


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