Interview

Immer noch da

14.09.2026   Lesezeit: 6 min  
#krieg  #libanon 

medicos palästinensische Partnerorganisation Nashet im Gespräch über die Lage im Süden des Libanon.

medico: Ihr habt in den letzten Monaten Nothilfe geleistet, Geflüchteten psychosoziale Unterstützung angeboten, auch in Ein el-Hilweh, wo Nashet seine Räumlichkeiten hat und wo viele Familien Zuflucht gefunden haben – wie wirkt sich der nun bald drei Jahre währende Krieg auf die Menschen aus?

Zafer al-Khateeb: Der Schock und das Trauma sitzen tief. Menschen haben ihre Häuser verloren, können nicht zurückkehren, müssen sich an eine neue Realität anpassen, ein Einkommen sichern. Kinder können nicht zur Schule, Bauern nicht zu ihren Feldern, um die Ernte einzubringen. All dies führt zu tiefen Sorgen, Trauer und Wut. Diese richtet sich auch gegen einen dysfunktionalen Staat, von dem es kaum Hilfe gibt. Sehr viele haben ihr letztes Geld ausgegeben, um eine Wohnung für ihre Familien anzumieten, in Saida oder in Beirut, fernab des Krieges. Sie stehen vor den Trümmern ihrer Existenz und wissen nicht, wie weiter. Wer doch zurück ist, sitzt auf gepackten Koffern, weil jederzeit neue Zwangsvertreibungsanordnungen durch Israel erlassen werden können. Manche sind bereits mehrmals geflohen und wieder zurückgekehrt. Ich spreche hier nicht nur von der Besatzungszone, sondern vom gesamten Südlibanon bis zum Fluss Zahrani. Das ist ein sehr großes Gebiet. Das Zusammenspiel von politischer, ökonomischer und psychischer Unsicherheit setzt vielen Menschen sehr zu. Sie fühlen sich zunehmend ausgeliefert und fremdbestimmt.

Es gibt auch systematische Angriffe gegen Hilfestrukturen, insbesondere gegen die UNRWA. Wirkt sich das auf eure Arbeit in Ein el-Hilweh aus und wie geht ihr damit um? 

Hier im Camp ist die Angst sehr groß, dass das palästinensische Rückkehrrecht, das ja völkerrechtlich verbrieft ist, aus politischen Gründen marginalisiert wird. Befeuert wird dies durch Ideen auf der libanesischen und regionalen Ebene, wie man die palästinensischen Camps „richtig“ verwaltet, d.h. entwaffnet und sie aus palästinensischer Hand in technokratische Verwaltung übergibt. Diese Überlegungen müssen im Zusammenhang mit den Angriffen gegen die UNRWA gesehen werden: Die Angriffe auf ihre Finanzierung laufen auf die Abschaffung der palästinensischen Flüchtlingsfrage und des Rückkehrrechts hinaus. Zugleich spüren wir die Unterfinanzierung im Alltag. Früher wurden Hilfen für unsere Arbeit in Ein el-Hilweh oder in anderen Lagern schnell bewilligt. Doch diese Zeiten sind vorbei. 

Mitte Juni wurde der dritte Waffenstillstand seit Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und der Hizbollah im Oktober 2023 vereinbart. Parallel laufen in Rom Verhandlungen zwischen der israelischen und der libanesischen Regierung. Glaubst du, dass dabei ein stabiles Abkommen herauskommen wird?

Was die politische Zukunft und die Stabilität des Landes angeht, sind wir abhängig von regionalen und internationalen Mächten. Das prowestliche Regierungslager und das proiranische Lager um die Hizbollah sieht sich jeweils im Recht und kämpft gegen eine vermeintliche ausländische Verschwörung, die das Land in den Ruin zu treiben sucht – beide aus ihrer eigenen Perspektive und mit den jeweiligen Mitteln. Zugleich sehen wir, dass bislang jeder Waffenstillstand durch Israel gebrochen worden ist. Mit der Zeit scheint sich, genau wie in Gaza, die Formel „Entwaffnung gegen Souveränität“ herausgebildet zu haben. Ihr zufolge hören Besatzung und Bombardierungen erst dann auf, wenn die Hizbollah alle Waffen abgegeben hat – unabhängig von laufenden Verhandlungen oder Waffenstillstandsvereinbarungen.

Oft werden diese politischen Gegensätze auf konfessionelle Konfliktlinien reduziert, also Christen gegen Schiiten. Wie siehst du das?

Historisch haben sich politische Lager im Libanon entlang konfessioneller Linien herausgebildet. Das heißt aber nicht, dass es homogene Gruppen sind. Die aktuellen Auseinandersetzungen können als Hegemonialkonflikt zwischen dem politischen Maronismus – der größten christlichen Religionsgemeinschaft im Libanon – und dem politischen Schiismus gelesen werden, mit den dazugehörigen Allianzen. Zugleich lehrt uns die libanesische Geschichte, dass jeder Versuch, die Macht im Staat zu monopolisieren, im Desaster endet – unabhängig davon, wer das versucht. Dem maronitischen Lager geht es darum, die christliche Hegemonie im Libanon wiederherzustellen und so das Land außenpolitisch nach Westen auszurichten. Sie wollen also die Kompromissformel des Taif-Abkommens von 1990, mit dem der Bürgerkrieg endete und aus dem das schiitische Lager gestärkt hervorging, überwinden. Dieses regelte, dass die Macht zwischen Schiiten, Sunniten und Maroniten geteilt wird: Der Staatspräsident ist Maronit, der Ministerpräsident Sunnit und das Amt des Parlamentspräsidenten wird von einem Schiiten geführt. 

Und die andere Seite?

Das schiitisch-muslimische Lager sieht die USA als Verlierer des Konflikts mit Iran. Das wird zwangsläufig zu einer politischen Vereinbarung führen, die auch den Libanon einschließt. Sie sehen ihre Aufgabe zurzeit darin, dem Druck standzuhalten und die Waffen zumindest so lange zu behalten, bis ein Abkommen zwischen den USA und Iran unterzeichnet ist. Außenpolitisch lehnt diese Seite eine Orientierung des Libanons gen Westen strikt ab.

Als wir im April auf Dienstreise im Libanon waren, gab es aufgrund der Vertreibungen aus dem Süden viele soziale Konflikte. Die Sorge vor einem Bürgerkrieg machte die Runde.

Der politische Status quo ist besorgniserregend und wirkt sich auf vielen Ebenen negativ aus. Es gibt tiefe Spaltungen in der Gesellschaft. Befürchtungen über einen bevorstehenden Bürgerkrieg sind aber zum Glück zurückgegangen. In den vergangenen Monaten ist deutlich geworden, dass keine politische Kraft das will. Zu-gleich nimmt die Inflation schwindelerregende Ausmaße an, die Kaufkraft schrumpft immer stärker. Wir beobachten, dass die Menschen zunehmend abstumpfen. Sie sind im Überlebensmodus. Was im Süden des Landes passiert, scheint weit weg zu sein.

Wie ist die Situation dort?

Katastrophal. Während Israel Verhandlungen mit der libanesischen Regierung führt, gehen die systematischen Zerstörungen ganzer Ortschaften unter dem Vorwand, die Hizbollah entwaffnen zu wollen, weiter. Bint Jbeil, Khiam, Kfar Kila – bedeutende Städte des Libanons, liegen heute in Trümmern. Israel will eine Zone schaffen, die dauerhaft unbewohnt ist. Laut neusten Zahlen, die aus einer im August veröffentlichten Untersuchung der Financial Times stammen, wurden im Südlibanon bislang 85.000 Wohneinheiten zerstört oder beschädigt. 62 Dörfer und Städte befinden sich innerhalb der sogenannten „gelben Linie“, die die Besatzungszone im Süden demarkiert. Das sind rund sechs Prozent der Landesfläche. 270.000 Menschen werden nicht nach Hause zurückkehren können. Ein Fünftel der landwirtschaftlichen Flächen und 2.500 Kilometer Wasserinfrastruktur sind zerstört. 

Wie siehst du die Zukunft des Südens?

Was dort geschieht, wird die soziale Struktur dauerhaft verändern. Viele Menschen leben nun außerhalb des besetzten Gebiets, eine Rückkehr wird auf absehbare Zeit nicht möglich sein. Viele der Vertriebenen haben sich in Saida, wo wir seit 2023 immer wieder Nothilfe leisten, niedergelassen. Wer vorher im Süden ein kleines Geschäft hatte, versucht es nun hier. Das führt natürlich zu sozialen Spannungen mit der Bevölkerung. Auf solche Weise ist in den 1980er-Jahren die Dahiye, also die südlichen Stadtteile von Beirut, entstanden, die heute als sogenannte Hochburg der Hizbollah gilt: Während des Bürgerkriegs sind Menschen aufgrund von Vertreibungen und Kriegshandlungen aus dem Südlibanon und der Bekaa-Ebene dorthin gezogen. Die aktuelle Problematik ist aber um ein Vielfaches größer: Städte, die außerhalb der gelben Linie liegen, wie Tyre und Nabatieh, gleichen Geisterstädten. Einst lebhafte Viertel sind ausgestorben. Vor allem Tyre galt vor dem Krieg als Touristen- und Handelszentrum, das sogar Beirut Konkurrenz macht. Davon ist heute nichts mehr übrig.

Das Interview führte Imad Mustafa.

Dieser Beitrag erschien zuerst im medico rundschreiben 03/2026. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


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