Vor vier Jahren wurde die 22-jährige Kurdin Jina Mahsa Amini während einer Reise nach Teheran wegen ihrer Kleidung und der Art, wie sie ihr Kopftuch trug, von der sogenannten Sittenpolizei (auch Moralpolizei genannt) festgenommen. Drei Tage später starb sie im Krankenhaus. Die unabhängige internationale Untersuchungskommission der Vereinten Nationen zur Islamischen Republik Iran kam zu dem Schluss, dass körperliche Gewalt in Gewahrsam zu ihrem Tod geführt hatte, und machte den iranischen Staat dafür verantwortlich. Nach Bekanntwerden ihres Todes versammelte sich eine Gruppe von Frauen gemeinsam mit Männern zum ersten Protest vor dem Krankenhaus in Teheran. Doch erst die große Beteiligung an ihrer Beerdigung auf dem Friedhof von Saqqez in Rojhilat, dem iranischen Teil Kurdistans, und die radikalen Parolen gegen das Regime machten die Trauerfeier zum Ausgangspunkt eines Aufstands, der sich rasch von Kurdistan im Westen bis nach Belutschistan im Osten Irans ausbreitete.
Bei Jinas Beerdigung nahmen Frauen aus Protest gegen den Kopftuchzwang ihre Kopftücher ab, schwenkten sie in der Luft und riefen gemeinsam mit Männern „Jin, Jiyan, Azadî“. Die Parole war zuvor bereits in der Frauenbewegung in Bakur, dem türkischen Teil Kurdistans, und im Kampf der YPJ gegen den IS in Rojava zu hören gewesen. Nun erreichte sie rasch weitere Städte Irans und wurde als „Frau, Leben, Freiheit“ zum zentralen Ruf des Aufstands. Obwohl dieser bald über den Protest gegen den Kopftuchzwang und die Kontrolle über die Körper von Frauen hinausging und das gesamte politische System sowie seine diskriminierenden Strukturen infrage stellte, sprachen die Menschen auf den Straßen weiterhin von einer „Frauenrevolution“. Manche Beobachtenden gingen noch einen Schritt weiter und bezeichneten ihn als „feministische Revolution“.
Im Jina-Aufstand kamen zwei historische Widerstandsbewegungen zusammen. Auf der einen Seite stand Kurdistan, das im März 1979 als erste Region „Nein“ zur Errichtung der Islamischen Republik gesagt hatte. Auf der anderen standen die Frauen, die am 8. März desselben Jahres als erste gesellschaftliche Gruppe gegen die frauenfeindliche Politik der neuen Machthaber auf die Straße gegangen waren, insbesondere gegen die Einführung des Kopftuchzwangs. Mehr als vier Jahrzehnte später wurde Jina Amini selbst zum Symbol dieser Verflechtung. Eine Kurdin wurde in der Hauptstadt durch die Gewalt eines Staates getötet, der sowohl die Körper von Frauen kontrolliert als auch die Identität der kurdischen Bevölkerung und anderer ethnischer Gruppen unterdrückt. Geschlecht und ethnische Zugehörigkeit waren in diesem Aufstand eng miteinander verwoben. Das zeigte sich in Jinas Leben und Tod ebenso wie im Widerstand, der daraus entstand.
Die Niederschlagung des Jina-Aufstands mit Hunderten Toten und Tausenden Verletzten und Festgenommenen ließ die Straßenproteste nach einigen Monaten abnehmen. Doch sie konnte nicht alle gesellschaftlichen Veränderungen rückgängig machen. Dass Frauen sich ohne das vorgeschriebene Kopftuch im öffentlichen Raum bewegen, wurde zu einer der bleibenden Errungenschaften des Aufstands. Mit Festnahmen und Haft, Peitschenhieben, Geldstrafen, der Beschlagnahmung von Fahrzeugen und dem Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe versuchte der Staat, diesen Ungehorsam einzudämmen. Doch die Gesellschaft kehrte nicht zum Zustand vor September 2022 zurück. Auch der große Aufstand im Januar 2026 stand in der Kontinuität jener Proteste, die im vergangenen Jahrzehnt immer wieder auf den Straßen aufflammten. Er nahm noch größere Ausmaße an und stürzte die Islamische Republik in eine noch tiefere Krise. Das Regime antwortete darauf mit einem Massaker an vielen Tausend Protestierenden, das in der jüngeren Geschichte Irans beispiellos war. Tausende weitere Menschen wurden verletzt oder festgenommen.
Das Töten endete nicht mit der Niederschlagung der Straßenproteste, sondern setzt sich bis heute in den Gefängnissen fort. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights (IHRNGO) hat die Islamische Republik vom 19. März 2026 bis zur Veröffentlichung des Berichts am 14. September 2026 insgesamt 31 Protestierende hingerichtet. 29 von ihnen waren im Zusammenhang mit den Protesten im Januar 2026 festgenommen worden, zwei weitere hatten sich an den Protesten von 2022 beteiligt. Im selben Zeitraum wurden zudem 13 politische Gefangene wegen ihrer Zugehörigkeit zu verbotenen Oppositionsgruppen sowie 14 Menschen wegen des Vorwurfs der Spionage oder der Zusammenarbeit mit ausländischen Staaten hingerichtet. Laut der Organisation ist dies die höchste Zahl an Hinrichtungen politischer Gefangener innerhalb eines derart kurzen Zeitraums seit den 1980er-Jahren. IHRNGO warnt, dass noch weit mehr Menschen von der Hinrichtung bedroht sind.
In diesen Tagen sind die sozialen Medien der iranischen Community voller Nachrichten und Bilder eines Krieges, dessen Ende offenbar nicht gewollt ist und in dem noch immer Zivilist:innen, darunter Kinder, in Schulen und auf Hochzeiten durch US-amerikanische Raketen getötet werden. Sie zeigen die Trauer der Familien der im Januar Getöteten, deren Schmerz nicht nachlässt, eine Armut, die sich immer weiter ausbreitet und es zunehmend erschwert, die Bedürfnisse des Alltags zu decken, sowie die anhaltende Repression und die Drohungen des Regimes. Dazwischen gehen aber auch Videos von Frauen viral, die ohne das vorgeschriebene Kopftuch durch die Straßen gehen und in Cafés sitzen. Selbst meine 75-jährige Mutter schickt mir Bilder von sich, auf denen sie draußen ihr weißes Haar nicht mehr bedeckt. Manchmal kann ich diese Szenen kaum glauben, nachdem ich Iran vor 15 Jahren verlassen habe. Doch es ist, als bestünden diese Bilder darauf, uns zu sagen, dass „Frau, Leben, Freiheit“ zu Hause und auf den Straßen der Stadt weiterlebt.
Ich wende den Blick von den Bildern iranischer Straßen auf Instagram ab. Wir bereiten eine Veranstaltung zum Jahrestag des Jina-Aufstands vor. Über WhatsApp bitte ich eine der Rednerinnen um ein Foto und eine kurze Selbstbeschreibung für das Veranstaltungsplakat. Sie gehört zu den Protestierenden, die während des Aufstands durch Schüsse am Auge verletzt wurden, und konnte mit einem humanitären Visum nach Deutschland kommen. Leider werden solche Visa inzwischen nicht mehr ausgestellt. Unter den Bildern, die sie mir schickt, sind auch Aufnahmen aus der Zeit, als sie in Sanandaj angeschossen wurde, und von ihrer letzten Operation in Frankfurt. Ein blutüberströmtes Auge, ein Verband über dem Auge. Und doch eine Stimme, die sich mit Entschlossenheit vorstellt: „Ich gehöre zu denen, die für den Aufstand Jin, Jiyan, Azadî Gerechtigkeit einfordern.“ Frau, Leben, Freiheit lebt auch hier weiter, weit weg von zu Hause und von jenen Straßen, in Faridehs Stimme.
medico fördert ein aktivistisches Netzwerk in Iran, das Verletzte und Angehörige von Inhaftierten durch die Übernahme von Kosten für medizinische Behandlungen, Prothesen, Fahrtkosten in nahegelegene Krankenhäuser und der Schaffung neuer Einkünfte für die Familien unterstützt.




