Krieg und Pandemie

Ende oder Engel der Geschichte

Psychosoziale Überlegungen zur Lage der Subjekte in einer Zeit des Umbruchs.

Von Julia Manek

Vor mehr als zwei Jahren wurde die Covid-19-Pandemie ausgerufen und brachte ungeahnte psychische Turbulenzen mit sich: Die Vorhersagbarkeit des Lebens in der Welt der Moderne wurde erschüttert, die Subjekte mussten einiges aushalten: Die Möglichkeit des plötzlichen Todes. Die Ohnmacht angesichts der Unsichtbarkeit des Virus und der globalen Dimension der Infektionsketten. Aber auch die Unterdrückung des Begehrens nach sozialer Nähe.

Nach langanhaltender emotionaler und auch physischer Erschöpfung sowie dem realen Verlust von tausenden von Menschenleben schien es mehr als zwei Jahre später, als möge das Virus bald endemisch werden. Für all jene, die sich die „alte Normalität“ zurücksehnten, schien Unbeschwertheit in greifbare Nähe zu rücken. Es hätte ein Moment sein können, in dem die Subjekte Atem holen. Es hätte eine Zeit des Aufatmens, des Trauerns um die Verstorbenen und die verpassten Chancen für globale Veränderungen anbrechen können.

Stattdessen wird die Welt – und die Subjekte, die in ihr Leben – ein weiteres Mal aus den Fugen gerissen. Ein zweites Mal in kürzester Zeit erleben wir, wie sich die Weltordnung verändert. Mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine haben sich die Regeln des Spiels geändert. Fukuyamas ‚Ende der Geschichte‘, demzufolge sich liberale Demokratie und Fortschritt weltweit durchgesetzt haben sollten, tritt der Benjaminsche ‚Engel der Geschichte‘ gegenüber:

„Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

Pandemie trifft Krieg. Überlegungen zur sozialpsychologischen Lage der Subjekte

Die medico-Ringvorlesung „Turbulente Psyche[n]“ widmete sich den Affektdynamiken der Polypandemie, in der sich die Corona-Pandemie mit den Pandemien des Autoritarismus, der Militarisierung, der vergeschlechtlichten Gewalt und der extremen Armut verschränkt. Aus den Gedankenbewegungen der Veranstaltungsreihe heraus möchte ich einen Blick auf die psychische Verfasstheit der Subjekte entwickeln. Dabei ist die Grundannahme, dass die Subjekte angesichts der durch die Pandemie ausgelösten realen und psychischen Erschütterungen schlagkräftige psychische Abwehrmechanismen in Stellung brachten, um wenigstens den Anschein ihrer Welt noch zu wahren. Weltweit verschärfte sich die Akkumulation von Kapital – die Reichen wurden noch reicher, die Armen noch ärmer. Weltweit verstärkte sich die Militarisierung von Staaten und verschärfte sich häusliche Gewalt. Weltweit machten sich autoritäre Tendenzen breit. Weltweit begannen Menschen, die Existenz des Virus zu leugnen.

Anders als die transnationale Perspektive der Ringvorlesung ist die folgende Betrachtung eine, die ihren Ursprung in Deutschland als Teil des wohlhabenden Mitteleuropas und Teil der europäischen Moderne hat. Angesichts der sozialen und politischen Umbrüche mit auffallend affektgeladenen Diskursen und Handlungen, stelle ich Vermutungen zur psychischen Verfasstheit der (post-)pandemischen und nun von diesem Krieg überraschten deutschen Gesellschaft an. Wie wird die erneute Angst und Ohnmacht abgewehrt? Verstärken die Individualisierung des Neoliberalismus und die Einsamkeit des Social Distancing das Bedürfnis, in einer Masse aufzugehen? Was geschieht mit dem autoritären Potenzial, dass in den maskenlosen Massendemonstrationen spürbar wurde? Wohin mit der Trauer ob der Verluste der Pandemie, die der Krieg in Erwartung neuerlicher Verluste verunmöglicht? 

(Post-)pandemischer Realitätsschock: Es bricht eine Welt zusammen, die auch eine innere Welt ist

Es ist – wieder – Krieg in Europa. Mit dem Angriffskrieg der russischen Armee gegen die Ukraine brechen scheinbare Gewissheiten zusammen, auf die sich viele Menschen ihr Leben lang stützen konnten. Was auch ein Realitätscheck ist, ist gleichsam ein Realitätsschock: Das Narrativ des nie enden wollenden Fortschritts – es ist vorbei. Sein Ende fällt zusammen mit der Krise des Projektes der europäischen Moderne, dem ökonomischen und Bedeutungsverlust Europas in der Welt. Gerade in diesem Moment, in dem die Augen der Welt sich auf den Kontinent richten, steckt auch gleichzeitig die Dezentralisierung Europas: Mit dem Kriegsausbruch weicht die phantasmatische Sicherheit der europäischen Moderne dem von vielen verdrängten Wissen darum, ein Ort unter vielen in der Welt zu sein. Zuvor war Krieg zwar immer – aber immer woanders: In ein imaginäres Außen verlagert wurden die türkischen Militäroffensiven gegen die kurdische Selbstverwaltung in Syrien und dem Irak. In die Vergangenheit verdrängt werden die Jugoslawienkriege.

Ein zweites Mal in kurzer Zeit wird die Anforderung an die Subjekte gestellt, Ohnmacht und (Todes‑)Angst abzuwehren. Ähnlich wie zu Beginn der Pandemie brechen sich Affekte Bahn. Starre und Lethargie waren spürbar in der zermürbend langen Zeit des russischen Aufmarsches an der Grenze. Sie sind auch Ausdruck einer Handlungsunfähigkeit gegenüber dem vermeintlich Unmöglichen. Schließlich wird das Unmögliche real: Der Eintritt in den offenen Angriffskrieg ändert alles. Die Erschöpfung der Pandemie und die Wut über das vorenthaltene soziale Leben treffen auf Adrenalin, das die Überlebensgeister anstiftet: Wieder ist ein Kampf gegen den möglichen Tod entbrannt.  

Militarisierung, Spaltung, Massenhysterie?

Fast scheint es wie eine Massenhysterie, die politisches Nachdenken verhindert: Mit dem digitalen Endgerät in der Hosentasche schreitet die diskursive Militarisierung schnell voran, gewissermaßen ist sie die psychosoziale Vorreiterin des kriegerischen Kapitals. Man spricht vom „Cyber-Krieg“. Doch „ist das wirklich Krieg?“, fragt Tobias Matzner. Als Professor für Medien, Algorithmen und Gesellschaft beobachtet er das schnelle Voranschreiten militärischer Metapher im Digitalen mit besonderer Sensibilität. Sprache könnte vorsichtig und den komplexen Verhältnissen angemessen verwendet werden, doch das Gegenteil ist der Fall. Auch die wirtschaftlichen Sanktionen gegen Russland werden mit Kriegsmetaphern versehen. Was aber ist die Vorstellung der Zukunft, wenn der Ausschluss aus dem internationalen Zahlungssystem SWIFT rhetorisch zur „Atombombe der Sanktionen“ gemacht wird? Was sagen derartige Sprechakte über die Verfasstheit der gesellschaftlichen Psyche[n] aus?

Eine sozialpsychologische Interpretation der Beschleunigung der Kriegsrhetorik legt Ähnliches nahe wie eine sozialpsychologische Betrachtung der enormen Etat-Aufstockung einer Bundeswehr, die in den letzten Jahren vor allem durch rechtsextreme Gruppierungen für Schlagzeilen sorgte: Nämlich dass auf dem politischen Parkett psychische Triebabwehr stattzufinden scheint. Das „Sondervermögen“ für die Bundeswehr wirkt wie ein viriles Potenzmittel für die als „blank dastehende“, als entblößt erzählte Bundeswehr. Angesichts des signifikant kleineren Etats für Gesundheit, Soziales und Klima drängt sich folgende Deutung auf: Die Pandemie und der Klimawandel sind wenig greifbare Widersacher. Nun aber gibt es einen sichtbaren und greifbaren Feind. Er hat ein Gesicht und einen Namen: Wladimir Putin.

Es gibt wenig Raum für Ambivalenztoleranz. „Entweder-Oder-Logiken“ herrschen vor, die es erlauben, sich nicht mehr mit Widersprüchen auseinandersetzen zu müssen. Solche Spaltungsprozesse bauen eine affektive Abwehr wider die eigene Angst und Machtlosigkeit auf.  

An dieser Stelle soll und muss gesagt werden, dass dies kein moralisches Argument ist. Es ist legitim, angesichts überwältigender Situationen überwältigt zu sein. Von Panik erfasst zu sein, angesichts der Unvorhersagbarkeit und Reichweite dieser Situation ist naheliegend. Angst zu haben ist eine normale Reaktion angesichts des Nicht-Normalen, ja des Unmöglichen. Angst zu haben um das eigene Leben und das Leben der Anderen, um das Leben der Menschen in der Ukraine, ist mehr als angemessen ob der berechnenden Unberechenbarkeit des Angriffskrieges, der weder vor zivilen Zielen noch vor dem Beschuss atomarer Anlagen Halt macht.  Doch es ist etwas anderes, diese Angst in all ihrer Konflikthaftigkeit zuzulassen, als sie mit allen psychischen Mitteln abzuwehren, die Welt in „gut“ und „böse“ zu unterteilen und Ohnmachtsgefühle dadurch in Machtgefühle zu verkehren, dass man sich der aufgeladenen sozialen Stimmung hingibt. Schon jetzt werden Spaltungslinien bis in die Gesellschaften gezogen: Die Ausschlüsse von Sportler:innen, Musiker:innen und Künstler:innen verunmöglichen politische und soziale Verbindungen mit Menschen russischer Nationalität, die einen Unterschied machen können. Tausende wurden bereits bei Protesten im Land verhaftet,  Es gibt auch in Russland, die Menschen die gegen den Krieg demonstrieren. Und – vor allem in Russland – bringen sie sich damit selbst in Gefahr.

Zwischenräume statt Shrinking Spaces

Anders als noch in der Pandemie konnten die affektive Starre und die mit ihr verbundene Passivität schnell abgestreift werden. Stattdessen wurde mit der Mobilisierung der Affekte auch schnell und erfolgreich die Solidarität mit Flüchtenden mobilisiert. Doch Solidarität sollte keine Grenzen kennen. Dass Menschen, die als People of Color gelesen werden, davon abgehalten werden, auf Züge zu steigen und Grenzen zu überqueren, zeigt auf, wie tief der Rassismus sitzt: Wieder einmal wird in „schützenswert“ vs. „nicht-schützenswert“, wird in „gute“ vs. „schlechte“ Geflüchtete unterschieden. Die neu ausgerufene Solidarität scheint Hilflosigkeit in Handlungsfähigkeit wandeln zu können, den Rassismus wandelt sie nicht.  

Was kann angesichts solch komplexer Verwerfungen eine emanzipatorische Antwort auf die Militarisierung, den Chauvinismus, die Menschenverachtung des Krieges und dessen sozialer Korrelate sein? Es gilt, die Sehnsucht nach einer Welt der Beziehungen wach zu halten, sagte die Philosophin und Feministin Eva von Redecker in der Ringvorlesung „Turbulente Psyche[n]“. Dem patriarchalen Projekt der Einhegung, der Aneignung und absoluten Unterwerfung des Lebens soll ein feministisches Projekt der Bindungen entgegengestellt werden.

Es gilt, so die Sozialwissenschaftlerin Vanessa Thompson, mit den „Verdammten dieser Erde“ in Verbindung zu bleiben. Ein gesamtgesellschaftliches feministisches Projekt muss – auch und gerade angesichts des offenen Krieges – ein anti-patriarchales sein. Ebenso kann das Eintreten für Demokratie und Befreiung kein nationales sein. Stattdessen kann ich von vielen medico-Partner:innen lernen, die auch in anhaltenden Kriegszuständen versuchen, Menschen aller Nationalität an den Ort zu bringen auf den sie ein Anrecht haben: In Sicherheit. Dabei ist „Sicherheit“ nicht nur ein realer Ort. Es ist auch ein Gefühl, meint auch Verbindungen. Sie existiert in den Zwischenräumen, in denen sich dem patriarchalen Zugriff auf Körper – egal ob durch Abtreibungsverbote oder Zwangsrekrutierungen – entgegengestellt wird.

Ähnlich wie die Pandemie hat auch der Krieg gegen die Ukraine die Unberechenbarkeit des Lebens und das falsche Geschichtsbewusstsein – die Idee des linearen Fortschritts – enttarnt, die den Subjekten in Westeuropa psychische Sicherheit gab. Gleichwohl haben beide auch gezeigt, was möglich sein kann, wenn der politische Wille da ist: Ressourcen sind mobilisierbar, Grenzen können geöffnet werden. Diese Handlungsmacht darf nicht vergessen werden.

Es ist der Blick des Engels der Geschichte, der all das zu vereinen scheint: Schrecken, Melancholie und Hoffnung.

Veröffentlicht am 16. März 2022

Julia Manek

Julia Manek ist Psychologin und Humangeographin. In der Öffentlichkeitsarbeit von medico international ist sie als Referentin für psychosoziale Arbeit tätig.


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