Globale Textilproduktion

Die Opfer als Bittsteller

Freiwillig, ungenügend und verantwortungslos. Thomas Seibert über den Rana Plaza Donors Trust Fund und das deutsche Textilbündnis.

Mehr als zwei Jahre hat es gedauert, damit internationale Textilunternehmen mit einem Jahresgewinn von zusammen 20 Milliarden Dollar den Überlebenden des Fabrikeinsturzes in Bangladesch ganze 30 Millionen Dollar Abfindung zahlen. 1127 Tote und 2438 oft schwer Verletzte sind den Investoren also nicht einmal den 650. Teil eines Jahresgewinns wert. Den Investoren? Nein, nur einigen von ihnen. Auf der „Geberliste“ des Rana Plaza Trust Fund stehen die deutschen Unternehmen NKD, Adler und Kids Fashion noch immer nicht.

Viele, die eingezahlt haben, blieben unter dem, was gefordert wurde. Wer eingezahlt hat, tat es „freiwillig“. Deshalb heißt die Liste der Einzahlenden auch „list of donors“, und nicht, wie sie heißen müsste: Liste der mittelbar am Tod von 1127 und der Verletzung von 2438 Menschen Verantwortlichen. Oder: Liste der Verantwortlichen eines Alptraums, der sich dem Leben ungezählter Bewohner_innen des Industrievororts Savar bei Dhaka vor langem schon aufgeherrscht hat und weiter aufherrschen wird.

Schrecken ohne Ende

Der Schrecken wird schon deshalb nicht enden, weil kurz vor Eingang der letzten Spende für die Rana Plaza-Abfindung, die Dignity Textiles Mills Ltd. in Gazipur abbrannte. Wenn es nicht zu einer Katastrophe wie bei Rana Plaza oder (wenige Monate zuvor) Tazreen Fashion kam, lag das daran, dass das Feuer während der Mittagspause ausbrach. Nach offiziellen Angaben beschäftigte Dignity Textils 666 Menschen.

Wie Rana Plaza, wie Tazreen Fashion, aber auch wie die ebenfalls abgebrannte Textilfabrik Ali Enterprises im pakistanischen Karatschi auf der anderen Seite des südasiatischen Subkontinents arbeitete Dignity Textiles für den internationalen, den amerikanischen und europäischen Textilhandel. Das gilt für die überwiegende Mehrheit der Textilfabriken Bangladeschs, Indiens, Pakistans und Sri Lankas.

Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß?

Fragen wir auch deshalb: Was wurde erreicht, was wurde nicht erreicht, wie geht es weiter? Halten wir zuerst fest: dass die Summe von 30 Millionen Dollar Entschädigung für Tote, Verletzte und Hinterbliebene überhaupt zusammenkam, verdankt sich den hartnäckigen Einsprüchen all derjenigen, die während der vergangenen Jahre weltweit gegen die Verantwortungslosigkeit der internationalen Auftraggeber und ihrer südasiatischen Auftragnehmer protestiert haben. Es verdankt sich der Koalition, die die Verhandlungen geführt hat, und es verdankt sich der andauernden, oft engagierten Berichterstattung in den Medien.

Halten wir aber zugleich fest: Was erreicht wurde, ist nicht Gerechtigkeit, sondern nur eine Abfindung. Was nicht erreicht wurde, ist eine Änderung der Bedingungen, unter denen unsere T-Shirts und Jeans produziert werden, eine Änderung der Bedingungen, unter denen die sogenannten „Donors“ einen Jahresgewinn von zusammen 20 Milliarden Dollar erzielen.

Die Opfer als Bittsteller

Die Arbeiter_innen der Textilfabriken Südasiens verdienen etwas mehr als zwei Dollar täglich, also etwas mehr als den Betrag, an dem weltweit die sogenannte „Armutsgrenze“ festgemacht wird. Zwar haben die Textilarbeiter_innen Bangladeschs nach dem Rana Plaza-Kollaps durch eine monatelange Streikbewegung eine drastisch zu nennende Lohnerhöhung erreicht, doch wird die Vereinbarung in vielen Fabriken nicht umgesetzt.

Deshalb ist die Abfindungszahlung für die, die eine erhalten werden, ein Hauptgewinn. Dafür steckt man weg, zum Bittsteller gemacht worden zu sein, zum letztendlichen Empfänger der Zahlungsanweisung, deren unmittelbarer Absender irgendeine Nicht-Regierungs-Organisation sein wird, die für den Zusammensturz des neunstöckigen Hochhauses keine Verantwortung trägt. Eine Zahlungsanweisung, mit der die für den Brand Verantwortlichen letztendlich zum Geber geworden sind, zum freiwilligen Geber natürlich.

Feuer- und Gebäudesicherheit

Für alle anderen wird sich gar nichts oder jedenfalls nicht sehr viel geändert haben. Sicher, es gibt jetzt mehr Fabrikinspektionen, sie sind Teil des „Bangladesch-Abkommen zu Feuer- und Gebäudesicherheit“, das einige Textilunternehmen nach der Rana Plaza-Katastrophe unterzeichnet haben. Die gerade abgebrannte Fabrik von Gazipur wurde, so steht es jedenfalls geschrieben, Ende 2013 inspiziert, und sie findet sich auf der Inspektionsliste des Abkommens. Geändert hat sich trotzdem nichts, was geeignet gewesen wäre, den Brand zu verhindern. Das gilt auch für viele andere Fabriken. In denen wird, von Feuer- und Gebäudesicherheit ganz abgesehen, auch heute noch 6 Tage die Woche bis zu 14 Stunden täglich gearbeitet, für einen Lohn knapp oberhalb der Armutsgrenze. Denn das Abkommen ist zwar in seinen Regelungen verbindlich, doch keine gesetzliche Verpflichtung von internationaler Geltung.

Ungebrochene Gewalt

Die Bewegungsspielräume der Gewerkschaften haben sich nur auf dem Papier erweitert. Das liegt nicht nur an der fortdauernden Repression, etwa den immer wiederkehrenden Angriffen bezahlter Schläger auf Gewerkschaftsfunktionär_innen. Nach wie vor ist die Gewerkschaftszugehörigkeit und erst recht aktive Mitarbeit in der Gewerkschaft der wahre Grund der Kündigung, mit der ein_e Arbeiter_in das Einkommen ihrer oft fünf- bis achtköpfigen Familie verliert.

Ungebrochen ist noch immer die psychische und physische Gewalt der Produktionsleiter und -aufseher, die den Gehorsam am Arbeitsplatz sicherstellen. Abfindung und Abkommen werden das nicht ändern. So groß die Summe für die Empfänger_innen auch ist: sie wird nicht ausreichen, allen Verletzten die medizinische, physio- und psychologische Fürsorge zukommen zu lassen, die sie zur Bewältigung ihrer Schmerzen und Behinderungen und ihres fortdauernden Schreckens brauchen. Viele Schädigungen – Lähmungen, dauerhafte Atembeschwerden, psychische Störungen – sind auch deshalb irreparabel, weil der Verhandlungsprozess dafür viel zu lange gedauert hat.

Ungenügend: Das Bündnis für nachhaltige Textilien

Den Meldungen über das „Spendenziel“ ging die Meldung darüber voraus, dass im schon lange währenden Gründungsprozess des „Bündnisses für nachhaltige Textilien“ dann doch eine Einigung erreicht wurde. Unterzeichnungsreif wurde der Abschluss, nachdem die Zugangsbedingungen soweit herabgesetzt waren, dass sogar Unternehmen wie Adler, NKD und KiK dem Bündnis beitreten konnten.

Dem entspricht, dass den Neumitgliedern zugestanden wird, „dass die Ziele nicht von allen Partnern auf gleichem Niveau und zum selben Zeitpunkt erfüllt werden können.“ Blieb schon der alte Aktionsplan vom Oktober 2014 weit hinter den Anforderungen zurück, ist der neue nicht mehr als ein Freifahrtschein, mit dem die Unternehmen weitermachen können wie bisher.

Dabei hatte der Initiator des Bündnisses, Entwicklungsminister Müller, unmittelbar nach Rana Plaza gesetzliche Regelungen in Erwägung gezogen, um deutsche Auftraggeber zur Einhaltung der menschenrechtlichen Sozialstandards zu nötigen. Als er stattdessen seinen ersten, auf Freiwilligkeit abzielenden Aktionsplan vorlegte, stiegen die meisten Unternehmen aus den Gesprächen aus und ließen den Minister im Regen stehen. Der neue Aktionsplan ist deshalb kaum mehr als Public Relation.

Eine Klage bleibt, immerhin

Im März 2015 haben vier Überlebende des Brandes bei Ali Textiles in Karatschi in Deutschland Zivilklage gegen KiK eingereicht, den mutmaßlich einzigen Auftraggeber der Fabrik, in der im September 2013 251 Menschen bei lebendigem Leib verbrannten. Der Ausgang der Klage ist völlig ungewiss: würde sie gewonnen, wäre ein Präzedenzfall mit vielleicht weit reichenden Folgen erreicht.

Eingereicht wurde sie von vier der Überlebenden, sie klagen mit Unterstützung von medico international und des European Center for Constitutional and Human Rights. Getragen aber wird sie von der Baldia Town Fire Affectees Association, der Vereinigung der Betroffenen des Feuers im Industrievorort Baldia Town in den Außenbezirken Karatschis. Ihr gehören 150 Familien an, also fast alle Hinterbliebenen. Sie treffen sich einmal im Monat, ihre Sprecher_innen – direkt Betroffene ohne politische Vorgeschichte – kommen häufiger zusammen.

So haben sie mit ihrer Vereinigung einen Ort dauerhaften Widerstands geschaffen, vernetzt mit einer Gewerkschaft und internationalen Solidaritätsorganisationen. Auch das wird nicht reichen, um Gerechtigkeit zu schaffen. Doch reicht es hin, vom Kampf um sie nicht abzulassen und sie fortzuführen.

Veröffentlicht am 16. Juni 2015
Thomas Rudhof-Seibert

Autor Thomas Rudhof-Seibert

Thomas Rudhof-Seibert ist in der Öffentlichkeitsarbeit von medico international zuständig für Südasien und Referent für Menschenrechte. Der Philosoph und Autor ist außerdem Vorstandssprecher des Instituts Solidarische Moderne und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Rosa Luxemburg-Stiftung; weitere Texte zugänglich auch unter www.thomasseibert.de

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