Rechte Krisenpolitik

Die Lust am Untergang

Was steckt hinter dem Sozialdarwinismus, den Trump und Bolsonaro im Angesicht von Corona und Klimakatastrophe betreiben?

Von Mario Neumann

In seiner 1967 gehaltenen Vorlesung zu den „Aspekten des neuen Rechtsradikalismus“, die kürzlich im Suhrkamp-Verlag veröffentlicht wurde, spricht Adorno über eine zentrale Dimension der Faschismusanalyse der Frankfurter Schule: Dass nämlich faschistische Politiken immer auch ein irrationales Moment haben, dass ihre Wirkung nicht bloß in einem Nutzenkalkül oder einem materiellen Vorteil ihrer Anhängerschaft besteht. Ein wichtiges Moment ist für Adorno dabei ein unbewusster „Wunsch nach Unheil, nach Katastrophe“. Wer der grundsätzlichen Veränderung der Gesellschaft – und damit auch der eigenen Veränderung – abgeschworen habe, der wolle „aus seiner eigenen sozialen Situation heraus den Untergang, nur eben nicht den Untergang der eigenen Gruppe, sondern wenn möglich den Untergang des Ganzen“.

Es wäre zu einfach, die politischen Projekte von Donald Trump in den USA und Jair Bolsonaro in Brasilien auf dieses Moment zu verkürzen. Ihrem aggressiven Nationalismus und der Technik der Nekropolitik lässt sich sicherlich auch ein rationaler Kern abgewinnen: Die Hoffnung auf Erneuerung und Erhaltung von Privilegien, etwa im Sinne eines „America first“. Doch es ist kein Zufall – und sicherlich auch nicht nur durch die Bevölkerungsgröße beider Länder zu erklären – dass die von den beiden globalen Ikonen der Neuen Rechten regierten Länder die Weltrangliste der Corona-Infektionen und -Toten anführen und ihre Präsidenten so gar nicht als Hüter und Schützer ihrer Nationen erscheinen. Dahinter steckt zwar auch das Kalkül, sich nach Corona – wann immer das sein mag – die Hände in Unschuld waschen zu können, wenn die dramatischen sozialen Folgen der Maßnahmen klar werden, weil man diese ja stets abgelehnt hat. Doch dieses Kalkül geht eigentlich nur auf, wenn Aufklärung und Prävention auch tatsächlich erfolgreich sind und die Zahlen niedrig bleiben. Danach sieht es im Moment ganz und gar nicht aus, Bolsonaro und Trump schaffen eine Stimmung der Verharmlosung, die tausende Tote verantwortet.

Der Umgang mit Corona ähnelt übrigens frappant der Reaktion der rechten Präsidenten auf die Herausforderungen der Klimakrise – und beides lässt sich schwerlich nur als Politik des nationalen Egoismus charakterisieren, auch wenn ein kurzfristiges wirtschaftliches Gewinnkalkül im Vordergrund steht. Die stille Lust am Untergang, der alle mitreißt, wird darin zum offenen Fatalismus. In der Konsequenz folgt aus der politischen Ignoranz gegenüber den gesellschaftlichen Naturverhältnissen aber das genaue Gegenteil der darin verkörperten politischen Überheblichkeit: Der Verzicht auf politische Eingriffe überlässt die Menschen dem Gang der natürlichen Dinge. Bolsonaros und Trumps Programme sind letztlich ein offen praktizierter Sozialdarwinismus: Über den medizinischen oder ökonomischen Tod entscheidet das Recht des Stärkeren.

Die Lage in Brasilien ist katastrophal und wie überall auf der Welt trifft es die Schwächsten besonders hart. Die Todesrate in den Armenvierteln der großen Städte Rio de Janeiro und São Paulo liegt zehnmal höher als in den Reichenvierteln. Und im Windschatten der Fokussierung auf Corona geht die politisch gedeckte Zerstörung des Amazonas-Regenwalds weiter und erreicht neue Negativrekorde. Im amerikanischen Chicago sterben Schwarze Amerikaner*innen sieben Mal so häufig an Covid-19 wie Weiße. Und wir wissen mittlerweile auch alle, wen die Klimakrise besonders hart trifft und immer härter treffen wird: Die Armen der Welt. In diesen Zahlen kommt das rechte Projekt dann schließlich doch zu seinem Ausgangspunkt zurück: Die Lust am Untergang ist nur dann groß, wenn es den Feind, die „Anderen“, die Armen, zuerst trifft. Nicht zuletzt mit Polizeikugeln.

Zu hoffen bleibt, dass diese Politik auf die Rechte beschränkt bleibt und diejenigen Regierungen, die auf rhetorische Distanz zu Trump und Bolsonaro gehen, ihren Worten auch Taten folgen lassen und ein tatsächlich anderes Programm als das der stillen, nur anders gerahmten Fortsetzung von Klimakatastrophe und globalem Sozialdarwinismus auflegen – ob bei Freihandelsabkommen, der Klimapolitik oder der Verteilung von Impfstoffen. 

Veröffentlicht am 24. Juni 2020

Mario Neumann

Mario Neumann ist Pressereferent bei medico und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit zu Südamerika und dem Libanon. Seit seiner Jugend ist er politischer Aktivist, hat lange für das Institut Solidarische Moderne (ISM) gearbeitet und promoviert an der Uni Kassel in Politischer Theorie.

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