Nordirak

Auf dem Weg zum eigenen Staat?

Bei einem Seminar über Frauenrechte: Polizisten im Nordirak. (Foto: Mark Mühlhaus/attenzione)
Am 25. September stimmen die KurdInnen im Irak über ihre Unabhängigkeit ab. Von Katja Maurer

Ich erinnere mich noch recht gut an ein Treffen mit Partnerinnen und Partnern aus dem psychosozialen Bereich zu Beginn meiner Tätigkeit bei medico international. Damals stieß ich zum ersten Mal auf das  Drama der kurdischen Frage, mit dem sich medico spätestens seit dem Giftgasangriff in Halabdscha 1988 intensiv auseinander gesetzt hat.

Damals, Anfang der 2000er Jahre, berichtete Karin Mlodoch, die mittlerweile seit Jahrzehnten im kurdischen Irak arbeitet, derart eindrucksvoll vom Verschwinden von 100.000 kurdischen Ehemännern und Söhnen und der Situation der überlebenden Witwen und Waisen, dass es allen Anwesenden die Sprache verschlug. Die Familienangehörigen befanden sich allesamt in einer persönlich traumatischen und sozial isolierten Situation. Die Männer – oder besser ihre Leichen – sind bis heute nicht wieder aufgetaucht. Das irakische Regime unter Saddam Hussein hatte sie im Rahmen der Anfal-Operation (Operation gegen die „Ungläubigen“) verschleppt und ermorden lassen.

Täter und Opfer benennen

Dramatisch war nicht nur das Geschehen an sich, sondern auch die Tatsache, dass nicht nur ich die Dimension dieses Verbrechens gegen die Menschlichkeit nicht wahrgenommen hatte. Viele Kolleginnen und Kollegen, die alle von eigener politischer Verfolgung in Chile, El Salvador, Südafrika berichten mussten, waren zutiefst betroffen davon, dass sie kaum Kenntnisse von diesem Ereignis hatten.  Möglicherweise lässt sich das mit der Wahrnehmung des syrischen Konfliktes heute vergleichen, die die Verfolgung, Folterung und Ermordung zigtausender politischer GegnerInnen durch das Assad-Regime einem „undurchschaubaren“ kriegerischen Konflikt zuschreibt, statt Opfer und Täter zu erkennen. Auch damals geschahen diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Rahmen eines asymmetrischen bewaffneten Konflikts im Irak, der zugleich Teil des irakisch-iranischen Krieges war.

Wenn man heute über das für Montag, den 25. September, geplante Referendum zur Unabhängigkeit der KurdInnen im Nordirak schreibt, stimmt die Erzählung nicht, wenn man diese Geschichte außer Acht lässt. Ca. 25 Millionen Kurdinnen und Kurden leben vorwiegend in der Türkei, Syrien, Irak und Iran. Ihr Streben nach Anerkennung, Autonomie und Unabhängigkeit ist Teil der postkolonialen Konflikte in dieser Region, in denen sich die KurdInnen immer wieder als VerliererInnen erleben mussten.

Unabhängigkeit oder Föderation?

Dass es sich bei dem jetzt angesetzten Referendum womöglich auch um ein Mittel der Autonomie-Regierung unter Barzani handelt, von der durch den niedrigen Ölpreis hervorgerufenen ökonomischen Krise, der ausufernden Korruption und der stärker werdenden Opposition gegen die Regierung abzulenken, sei dahin gestellt.  Auch geben nicht alle kurdischen Fraktionen und Gruppierungen dieselben Antworten auf die postkoloniale Neuordnung, die nicht nur für den Irak und Syrien derzeit auf blutige Weise zur Debatte steht. Während Barzanis KDP auf die gänzliche Unabhängigkeit setzt, schlagen wichtige kurdische Gruppierungen in Syrien und auch in der Türkei föderative, demokratische Lösungsmodelle vor, die die Landesgrenzen nicht in Frage stellen – allerdings aber die interne Verfasstheit. Denn föderative Modelle verlangen Formen von Demokratie, die einer autokratischen Herrschaft widersprechen.

Es ist kein Detail am Rande dass die deutsche Regierung immer auf Barzani und die KDP gesetzt hat, auch wenn sie jetzt das Referendum kritisiert. Für die wie auch immer vielfältig gefährdeten demokratischen Bemühungen der KurdInnen in Syrien oder in der Türkei gibt es bislang keine finanzielle und politische Unterstützung durch die deutsche Politik. Im Gegenteil, was die türkischen Kurden anbetrifft, hat man sich auf die Erdogan-Sprachregelung des Terrorismusvorwurfs eingelassen und verfolgt per Gericht PKK-Organisationen in Deutschland.  Offensichtlich ist beim deutschen Außenamt noch nicht angekommen, dass man die Demokratie heute besser mit einstigen Linksradikalen verteidigt als mit Stammesführern.


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