Im Zeitalter des Krieges

Auf dem Weg zu einem neuen Internationalismus

27.07.2026   Lesezeit: 20 min  
#zeitenwende 

Selbst in so dunklen Zeiten wie diesen müssen wir über Befreiung sprechen.

Von Sandro Mezzadra und Michael Hardt

Selbst in dunklen Zeiten wie den unseren und gerade jetzt, in diesem Moment, müssen wir über Befreiung sprechen. Die aktuellen, von den Vereinigten Staaten und Israel ausgehenden militärischen Konflikte haben die anhaltende Gewalt und den weiterhin bestehenden Druck globaler Dynamiken und Prozesse deutlich gemacht, und zwar in einer Situation, in der der Weltmarkt zugleich zersplittert und wirkmächtig erscheint. Angesichts der immer zahlreicher werdenden Kriege und der sich ausbreitenden Kriegsregime sind neue theoretische und praktische Bemühungen um einen Internationalismus notwendig, der diesen Bedrohungen Widerstand entgegensetzt. Ein neuer Internationalismus muss jedoch auch ein positives Projekt schaffen und dabei Grundlagen für den gemeinsamen Kampf um Befreiung entwickeln. Der vorliegende Artikel ist dieser notwendigen Verbindung zwischen Internationalismus und einer Politik der Befreiung gewidmet. Doch bevor wir uns dem Internationalismus zuwenden, müssen wir zunächst die Gefahren und auch die Schranken der aktuellen Erscheinungsformen von Imperialismus und Krieg beleuchten – nicht zuletzt, weil die globalen militärischen und ökonomischen Dynamiken die Möglichkeit wie die Notwendigkeit einer internationalistischen Politik heute unterstreichen.

Die Welt im Widerschein von Hormus 

Die massiven Angriffe auf den Iran, die Ende Februar 2026 begannen, haben letztendlich Schranken aufgezeigt, die der Macht der USA und Israels gesetzt sind. Der Umstand, dass der Iran diesen Angriffen standhielt und sich behauptete, verweist auf eine neue Modalität asymmetrischer Kriegsführung, zu deren Sinnbild die Straße von Hormus wurde. Zunächst zielte das Vorgehen der USA und Israels strategisch auf das, was als das iranische Machtzentrum wahrgenommen wurde. Durch gezielte Attentate auf führende politische, religiöse und militärische Entscheidungsträger sowie durch Schläge gegen zentrale militärische Einrichtungen und die strategische Infrastruktur sollten der Sturz des Regimes herbeigeführt und dessen militärische Fähigkeiten zunichte gemacht werden. Doch entgegen allen Erwartungen erwiesen sich die dezentralen und vernetzten politischen und militärischen Machtstrukturen des Iran trotz enormer Verluste als widerstandsfähig. Dies ähnelt früher formulierten Annahmen über asymmetrische Kriegsführung, die sich freilich in erster Linie auf Guerillataktiken und auf das Vorgehen nichtstaatlicher Milizgruppen gegen eine militärische Besatzung bezogen, weist dabei jedoch wesentliche Unterschiede auf. So funktioniert die durch den Iran entwickelte staatliche Strategie, obschon es keine Besatzungsmacht gibt, die anzugreifen wäre. Dezentrale Strukturen haben es dem Land ermöglicht, die massiven Bombardements zu überstehen und sich einige wirkungsvolle militärische Mittel zu bewahren.

Von größter Bedeutung war Irans militärische Instrumentalisierung der Straße von Hormus, eines entscheidenden logistischen Knotenpunkts, dessen Wichtigkeit weit über den Ölmarkt hinausreicht. Mit wendigen Schnellbooten und Minen – oder schon allein durch die Drohung, sie einzusetzen – gelang es dem Iran, nicht nur die globalen Energiemärkte empfindlich zu stören, sondern darüber hinaus, wie Adam Hanieh erläutert, auch den Lebensmittelsektor weltweit zu treffen, da landwirtschaftliche Produktion heute auf Düngemittel angewiesen ist. Aufgrund seiner geografischen Lage vermochte der Iran die Abhängigkeit vom Schiffsverkehr durch die Meerenge von Hormus als eine Waffe einzusetzen, die nicht zuletzt die wirtschaftlichen Strukturen und die Machtverhältnisse in der Region bedroht. Das überaus erfolgreiche Modell ökonomischer Entwicklung in den Golfstaaten mit ihren hochmodernen Flughäfen und glitzernden großstädtischen Skylines wurde binnen weniger Tage hinweggeblasen; gleichzeitig traten Spannungen zwischen einzelnen Ländern zutage, am deutlichsten zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Diese Verwerfungen konterkarierten zudem Israels Vorhaben, regionale Wirtschafts- und Sicherheitsbündnisse zu schmieden. Ohne den Rückhalt durch diese Bündnisse stehen Israels Expansionskriege, einschließlich des aktuellen militärischen Vorstoßes im Südlibanon bis vor die Tore Beiruts, plötzlich auf weniger festem Grund, wenn es darum geht, ihre Fortsetzung zu rechtfertigen, sodass jenseits der Logik militärischer Okkupation, ethnischer Säuberung und territorialer Annexion kaum noch etwas bleibt. 

Mit der Straße von Hormus als Druckmittel ist es dem Iran ferner gelungen, den Weltmarkt gegen die Vereinigten Staaten zu wenden und die anhaltende wechselseitige Abhängigkeit im kapitalistischen Weltsystem zu demonstrieren. Die USA waren schon seit längerer Zeit bestrebt, von Energieimporten unabhängig zu werden, und haben angenommen, dieses Ziel durch die Steigerung der heimischen Öl- und Gasförderung erreicht zu haben. Doch die Reaktion des Weltmarktes auf die Sperrung der Straße von Hormus hat gezeigt, dass eine solche Autarkie nicht möglich ist. Einige Regionen leiden stärker als andere unter den Folgen von Versorgungsengpässen und steigenden Energiepreisen, doch selbst vermeintlich unabhängige Ökonomien sind davon tiefgreifend betroffen. Die Welt ist keine Scheibe, und der Weltmarkt zwingt ihr seine Macht und seine Bedingungen weiterhin auf – und zwar gerade durch die Verwerfungen, die ihn zunehmend durchziehen. Ironischerweise ist es ausgerechnet der Iran, ein im internationalen System relativ isoliertes Land, das die Beharrlichkeit globaler Dynamiken und die Unausweichlichkeit der von ihnen ausgehenden Zwänge verdeutlicht. 

In den ersten Tagen der Welle von US-amerikanischen und israelischen Luftangriffen schien das Waffenarsenal beider Länder, verstärkt durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz und von Überwachungssystemen, schier übermächtig, doch inzwischen hat die Situation die tatsächlichen Schranken offenbart, die deren Macht gesetzt sind. Dabei ist die Zerstörungskraft der todbringenden Waffen unbestreitbar, ebenso wie das Leid, das sie verursachen. Und doch hat sich all die Feuerkraft als unzureichend erwiesen, um die erklärten Kriegsziele zu erreichen und einen Feind mit weitaus geringeren militärischen Mitteln zu besiegen. Einmal mehr wurden durch asymmetrische Kriegsführung alle Annahmen auf den Kopf gestellt. 

Die am 17. Juni 2026 von den Vereinigten Staaten und dem Iran unterzeichnete Absichtserklärung von Islamabad hat die Lage nicht wesentlich verändert. Sie bestätigt lediglich die Pattsituation, die nicht zu einem wirklichen Frieden, sondern vielmehr zur Fortsetzung des Kriegsregimes führen wird, mit anderen Worten einer Herrschaftsrationalität folgt, die eine Verallgemeinerung der militärischen Konfrontation – sowohl niedriger als auch hoher Intensität – sowie eine Militarisierung der ökonomischen und sozialen Verhältnisse einschließt. Der Krieg hört auf, ein Ausnahmezustand zu sein, und wird zu einem permanenten Mechanismus der Steuerung in einer zerrissenen Welt. Das Kriegsregime entwickelt sich vor dem Hintergrund der fortbestehenden Präsenz und des anhaltenden Drucks globaler Dynamiken und Prozesse, die in der Straße von Hormus so deutlich zutage treten. 

Auch wenn diese weltumspannenden Dynamiken und Prozesse oft unsichtbar bleiben, bilden sie doch den Kern des sich entwickelnden globalen Kriegsregimes. Wie können wir in diese Prozesse eingreifen und neue Wege kartieren, um diesen andauernden Zustand der Zerrüttung und Zerstörung zu durchbrechen und hinter uns zu lassen? Welche Art von Internationalismus kann der aktuellen Kriegskonjunktur etwas entgegensetzen?

Ein Internationalismus auf mehreren Ebenen

Auch wenn viele Intellektuelle und Aktivist:innen der Meinung sind, Forderungen nach Internationalismus seien weit weg von unserem Alltag und den konkreten Kämpfen, die wir mit Leidenschaft und Einsatz führen, sollte klar sein, dass auch heute Internationalismus keineswegs eine abstrakte Frage ist. Wir dürfen uns hier nicht in den alten Debatten über Globales und Lokales verheddern, ganz so als ginge es dabei um Bereiche und Alternativen, die sich wechselseitig ausschließen. 

Einerseits sind globale Einflüsse und Zwänge in alltäglichen lokalen Situationen sehr real und wirksam, wenn auch vielleicht auf andere Weise als in der Straße von Hormus, doch bestimmt nicht weniger wirkungsvoll. Andererseits lassen sich bereits zahlreiche konkrete Verbindungen und starke Resonanzen zwischen lokalen Kämpfen erkennen, die jedoch verstärkt und weiterentwickelt werden müssen. 

Einer der starken Momente der Bewegung für eine andere Globalisierung zu Beginn des Jahrtausends war, Zusammenhängen zwischen Produktion und Konsum nachzugehen. Die Gruppe Students against Sweatshops beispielsweise zeigte auf, dass Kleidung und andere Artikel, die in San Francisco oder London von großen Ketten verkauft werden, furchtbare Arbeitsbedingungen in Kambodscha und Vietnam zur Voraussetzung haben. Solche Zusammenhänge sind vielleicht nicht auf den ersten Blick ersichtlich, sind jedoch zu erkennen, sobald die Oberfläche auch nur ein wenig angekratzt wird. 

Das globale Kapital als solches entzieht sich der Repräsentation, wie viele, unter ihnen etwa Fredric Jameson, bereits festgestellt haben. Sergei Eisensteins unvollendetes Filmprojekt über das Kapital steht emblematisch für diese Schwierigkeit. Dennoch lassen sich einige Fluchtlinien und Erscheinungsformen aufzeigen sowie die konkreten Machtstrukturen und Akteure benennen, auf die es sich stützt. Die Welt, die das Kapital schafft – oder, genauer gesagt, die Welt, die aus den vielfältigen Formen kapitalistischer Ausbeutung und Enteignung der lebendigen Arbeit beziehungsweise subalterner Bevölkerungen resultiert –, ist freilich keineswegs ein glatter Raum. Geprägt ist sie vielmehr gleichermaßen von homogenisierenden wie auch von heterogenisierenden Vektoren im Zusammenspiel unterschiedlicher politischer, ökonomischer und sozialer Regime. Selbst wenn die Totalität sich also nicht in Gänze erfassen lässt, können wir doch zumindest partiell und im Hinblick auf funktionale Zusammenhänge einen Einblick in die Konturen und Bewegungen des globalen Kapitals gewinnen. 

Ebenso heterogen wie die kapitalistische Welt sind auch die Kämpfe, die dem Kapitalismus global die Stirn bieten. Die Vielfalt und Verschiedenartigkeit dieser Kämpfe bilden heute die unabdingbare Grundlage und den Bezugspunkt für jedes internationalistische Projekt. Ein solches Projekt muss vielgestaltig verfasst sein und auf mehreren, ineinandergreifenden Ebenen verfolgt werden. 

Obgleich Internationalismus notwendigerweise ein aufständisches Projekt ist, das die bestehende Ordnung bekämpft, können auch Nationalstaaten und supranationale Institutionen auf einer bestimmten Ebene von Wert sein. In gewisser Hinsicht knüpft dies an die internationalistischen Traditionen der Zusammenarbeit zwischen Staaten und Bewegungen im 20. Jahrhunderts an – von der Komintern bis Bandung. In den vergangenen Jahren beispielsweise war es das Projekt eines regionalen Bündnisses progressiver Regierungen in Lateinamerika, das – wenn auch in begrenztem Umfang und trotz aller Widersprüche – als Alternative zum Neoliberalismus und zum Washingtoner Konsens angetreten war und auch so wirkte. In jüngerer Zeit zeigte das von Südafrika angestrengte Genozidverfahren gegen Israel vor dem Internationalen Gerichtshof einen weiteren institutionellen Weg auf. Südafrika nutzte letztlich die supranationale institutionelle Infrastruktur und öffnete damit den Solidaritätsbewegungen mit Palästina in einer Vielzahl nationaler Kontexte neue Räume. Das Verfahren stärkte die Bewegungen unter anderem dadurch, dass es den Genozidvorwurf juristisch validierte. 

Doch auch wenn Staaten und supranationale Institutionen möglicherweise durchaus eine bedeutende Rolle spielen, können sie heute nicht die einzige und schon gar nicht die wichtigste Triebkraft des Internationalismus sein. Quellen politischer Innovation und unverzichtbare Bestandteile jedes internationalistischen Projekts sind soziale Bewegungen und aktivistischer Einsatz. Dabei dürfen wir soziale Bewegungen in unserer Vorstellung nicht simplifizieren und auf das Bild von Demonstrationen und Transparenten reduzieren, ebenso wenig wie auf die restriktive Begrifflichkeit soziologischer Modelle. Bewegungen umfassen eine ganze Bandbreite kollektiver Praktiken und Verhaltensweisen, die institutionellen Machtstrukturen aktiv entgegentreten oder in Spannung zu ihnen stehen. Darüber hinaus gilt es, unser Verständnis sozialer Bewegungen von der alten Trennung zwischen Theorie und Praxis zu befreien. Denn nicht zuletzt sind Bewegungen auch konzeptionelle Inkubatoren, in denen von vielen gemeinsam Begriffe und ein Verständnis davon, wie die Welt funktioniert, entwickelt werden. 

Wichtig ist, dass Internationalismus auch in räumlicher Hinsicht ein Projekt auf mehreren Ebenen sein muss. Eine große Hürde für die altermondialistischen Bewegungen war die Annahme, es sei notwendig, zu den Machtzentren und Gipfeltreffen – ob in Seattle, in Göteborg oder in Genua – zu reisen, um in globale Prozesse einzugreifen. Dies führte zu einer Art Arbeitsteilung zwischen Aktivist:innen, die international zu reisen in der Lage waren, und denjenigen, die lokal in ihren jeweiligen Kontexten weiterarbeiteten, was wie eine Sackgasse war und die Bewegungen letztendlich schwächte. Der Ansatz, auf mehreren Ebenen zu agieren, geht davon aus, dass es viele Wege und Möglichkeiten gibt, in globale Machtprozesse einzugreifen, und dass internationalistische Kämpfe im Viertel oder in der Stadt, im Land oder in der Region beginnen und von dort aus weiter auf übergeordnete Strukturen übergreifen können. Eine der Herausforderungen besteht dann darin, diese verschiedenen Ebenen und vielgestaltigen Geografien miteinander zu verknüpfen und dabei deren derzeit instabilen und sich wandelnden Charakter einzubeziehen. 

Internationalismus des Widerstands

Netzwerke des Widerstands und Solidaritätsbewegungen sind der Kontext, in dem Internationalismus für viele Aktivist:innen am konkretesten fassbar und am stärksten präsent ist. In den vergangenen Jahren waren es die Solidarität mit Palästina und die Opposition gegen den israelischen Genozid, die verbreitet und nachhaltig widerständige internationalistische Bewegungen anregten. Palästina war der verbindende und synthetisierende Fluchtpunkt für studentische Protestcamps, Hafenblockaden und Demonstrationszüge. Die wiederholten Bemühungen der Global Sumud Flotilla, Gaza auf dem Seeweg zu erreichen und humanitäre Hilfe zu leisten, waren sowohl ein Katalysator als auch herausragende Beispiele internationalistischen Handelns. Und auch als Moment des Aktivismus in lokalen und nationalen politischen Zusammenhängen spielte die Solidarität mit Palästina eine wichtige Rolle. Der Protest gegen den Genozid hat dazu beigetragen, den größeren Zusammenhang des Kriegsregimes stärker in den Blick zu rücken.

Zur Konstellation pro-palästinensischer Kräfte gehören darüber hinaus auch staatliche und supranationale Akteure. Neben dem bereits erwähnten Südafrika haben Irland, Spanien und weitere Staaten sowie die Generalversammlung der Vereinten Nationen israelische Massaker verurteilt. Selbst wenn die politischen Positionen dieser Staaten und Institutionen nicht immer eindeutig sein mögen, tragen ihre Proteste letztlich dazu bei, genozidale Vorgehensweisen Israels zu delegitimieren. 

Im Übrigen zeigt sich im internationalen Recht derzeit eine doppelte Entwicklung. Einerseits hat sich das Völkerrecht als völlig ungeeignet erwiesen, selbst die ungeheuerlichsten Verstöße zu ahnden, andererseits gibt es jedoch aus jüngerer Zeit eine Reihe von Beispielen, sich auf internationales Recht zu berufen, sowie Ansätze, dessen Funktionsweise neu zu artikulieren. Wie Giso Amendola feststellt, sollten heftige Attacken gegen das Völkerrecht durch Mächte wie die Vereinigten Staaten – die das Völkerrecht historisch gesehen schon immer selektiv eingesetzt haben, um ihre Interessen zu verfolgen und ihre Hegemonie zu untermauern – nicht einfach als Zeichen der Erschöpfung internationalen Rechts gedeutet werden. Zwar mag die überkommene, «regelbasierte» liberale internationale Ordnung vorbei sein, doch entsteht zugleich durch staatliche Initiativen und soziale Bewegungen ein umkämpftes Terrain, auf dem konstituierende Praktiken Rechtsinstrumente und -diskurse schaffen und so neue Horizonte für internationalistische Kämpfe eröffnen. 

Auf den verschiedenen Ebenen ist der Name «Gaza» zu einem Fluchtpunkt geworden, an dem vielfältige Erfahrungen von Unterdrückung, Enteignung, Militarisierung und Widerstand intersektional zusammenlaufen und sich verdichten; so entstehen Voraussetzungen für eine gegenseitige Anerkennung und politische Übersetzung über die unterschiedlichen Kämpfe hinweg. Die politische Übersetzung löscht dabei die Unterschiede nicht aus, sondern eröffnet Möglichkeiten, gemeinsame Logiken der Unterdrückung und gemeinsame Horizonte des Widerstands über vollkommen unterschiedliche historische und geografische Kontexte hinweg zu erkennen. 

So betrachtet, ist der amerikanische Kontinent zu einem weiteren entscheidenden Schauplatz geworden, auf dem das Kriegsregime erfahren und bekämpft wird. Die weit verbreitete Resonanz der Solidarität mit Palästina in der gesamten Hemisphäre ist dafür ein Indiz. Allerdings ist Gaza nicht nur zu einem Bezugspunkt von widerständigen Bewegungen geworden, sondern spielt auch zunehmend für die politische Ausrichtung des Machtblocks in der Region diese Rolle, besonders deutlich in der engen Beziehung, die Javier Milei zu Benjamin Netanjahu pflegt.

Wie können wir einem widerständigen Internationalismus in Amerika näherkommen, einem Kontinent, der erneut Schauplatz imperialistischer Aggression und reaktionärer Allianzen geworden ist? Erkennbar zeigt sich, so ist  zunächst festzustellen, in der Gewalt gegen Migrant:innen und gegen sie unterstützende Teile der Bevölkerung in US-amerikanischen Städten das Spiegelbild der imperialistischen Bestrebungen der US-Regierung, die darauf ausgerichtet sind, andere Staaten in der Hemisphäre mit Gewalt und anderen Zwangsmaßnahmen zu kontrollieren – Beispiele sind die Entführung von Nicolás Maduro und die «Übernahme» der venezolanischen Regierung sowie die umgehend unternommenen Anstrengungen, Kuba zu strangulieren und auszuhungern. Jüngste Erklärungen der US-Administration zur Erneuerung und Stärkung der Monroe-Doktrin deuten das Vorhaben an, Amerika in einen kohärenten Block unter der Kontrolle der Vereinigten Staaten zu verwandeln, abgeschottet gegen «fremde» Eingriffe, darunter, vor allem, chinesische Infrastrukturprojekte. 

Die Bestrebungen, einen die gesamte amerikanische Hemisphäre umfassenden Block zu schaffen, reichen über rein militärische Aspekte hinaus und finden eine politische Fortsetzung auf staatlicher Ebene. Der Aufstieg reaktionärer Regierungen in Lateinamerika vollzog sich parallel zu den Entwicklungen in den Vereinigten Staaten und wurde von diesen gefördert. Wie Rodrigo Nunes anmerkt, besteht ein komplexes Wechselspiel zwischen dem «Bolsonarismo» in Brasilien und dem «Trumpismus» in den Vereinigten Staaten. Auch der Aufstieg, das Handeln und die Funktion anderer rechtsextremer Regierungen in der amerikanischen Hemisphäre, darunter die von Javier Milei, Nayib Bukele und Daniel Noboa, lassen sich nicht verstehen, ohne sie im Kontext zu betrachten. Die gemeinsamen Züge dieser reaktionären Regime und ihrer Politik sind offensichtlich, wie unter anderem Pablo Stefanoni betont, doch es bestehen auch direkte materielle und finanzielle Verbindungen. Ein eindeutiger Zusammenhang besteht ferner zwischen dem Projekt zur Schaffung eines politischen Blocks und dem Autoritarismus der einzelnen Regierungen und ihrer reaktionären Politik. Das Kriegsregime dieser rechtsextremen Kräfte manifestiert sich auch innenpolitisch als Krieg, gegen Teile der eigenen Bevölkerung, gegen Migrant:innen und Indigene ebenso wie gegen Feministinnen oder queere Communitys. 

Der Zusammenhang und das Wirken reaktionärer Kräfte auf dem gesamten amerikanischen Kontinent machen es gleichzeitig sowohl möglich als auch notwendig, internationalistische Verbindungen zwischen widerständigen Bewegungen aufzubauen. Dementsprechend wären der Widerstand gegen ICE-Einsatzkräfte in Minneapolis und die Proteste gegen Milei in Argentinien gleichermaßen mit Blick auf internationalistische Kämpfe in der gesamten Hemisphäre zu begreifen und zu organisieren. Für lateinamerikanische Widerstands- und Solidaritätsbewegungen bedeutet Internationalismus, sich ihrer regionalen Dimension bewusst zu sein – ganz im Sinne einer langen Geschichte von Kämpfen unter dem Banner «Nuestra América», das jüngst auch vom vom humanitären Konvoi für Kuba wieder aufgegriffen wurde. 

Wie die oben skizzierten Beispiele für einen auf Palästina ausgerichteten internationalistischen Widerstand sind auch die internationalistischen Kämpfe in der amerikanischen Hemisphäre (ebenso wie jene in Südasien, in Westafrika und anderswo) durch jeweils spezifische, konkrete politische Situationen und historische Traditionen geprägt. Und doch gibt es zwischen ihnen potentielle Verbindungen über Orte und Regionen hinweg, deren Realisierung zu organisieren wäre. Und die Notwendigkeit der Organisierung besteht umso dringlicher, als sich die Kräfte, gegen die wir kämpfen, zunehmend auf transnationaler Ebene konsolidieren. 

In vielen Teilen der Welt verbinden sich Nationalismus und die Herausbildung von Blöcken heute tatsächlich unmittelbar mit Kriegen. In einigen Fällen bilden reaktionäre nationalistische Projekte – insbesondere, wenn Staaten sich über ganze Subkontinente erstrecken, wie etwa Indien oder Russland – selbst bereits Blöcke. Israel hat, wie bereits erwähnt, den Versuch unternommen, eine nationalistische Dynamik damit zu verknüpfen, durch Bündnisse mit Golfstaaten und gestützt auf die nach wie vor treue Unterstützung der USA eine Art Block zu schaffen. In Europa liegen die Dinge zwar anders, doch der Druck zur neuerlichen Aufrüstung und das zunehmende Gewicht nationaler Themen und nationalistischer Kräfte innerhalb der Europäischen Union könnten letztendlich zu einem ähnlichen Ergebnis führen, insbesondere angesichts der Möglichkeit, dass künftig immer mehr Rechtsaußen-Regierungen an die Macht kommen. Nun, in all diesen Fällen ist der Widerstand gegen die Kräfte, die Nation, Blockbildung und Kriegslogik miteinander verschmelzen, ein erster Schritt in Richtung einer Politik gegen den Krieg und eines internationalistischen Projekts.

Internationalismus der Befreiung

Widerständige Praxis ist unverzichtbar, und Widerstand ist, wie wir bereits sagten, die politische Haltung, die oft am leichtesten zu begreifen ist; doch müssen wir noch einen Schritt weiter gehen und einen Prozess kollektiver Veränderung in Gang setzen. Dabei muss die Vorstellung der Befreiung in den Mittelpunkt rücken. Manche mögen denken, unsere Ziele sollten angesichts der düsteren Zeiten, die wir heute erleben, Zeiten, in denen sich der Horizont so vieler Menschen auf das schiere Überleben reduziert, bescheidener sein. Freilich sind wir der Ansicht, dass jetzt mehr denn je der richtige Moment ist, von Befreiung zu sprechen. Wir brauchen einen positiven Entwurf – der nicht nur zum Ausdruck bringt, wogegen wir uns wehren, sondern auch, wofür wir kämpfen. Unter den gegenwärtigen Bedingungen, angesichts der manifesten globalen Dynamiken, angesichts kapitalistischer Ausbeutung und autoritärer Kontrolle, kann nur eine internationalistische Politik einen realistischen Horizont der Befreiung bieten. 

Befreiung unterscheidet Internationalismus von einem rein geopolitisch verstandenen Antiimperialismus. Antiimperialismus selbst ist keine Politik. Gegen imperialistische Abenteuer gilt es Widerstand zu leisten, doch was wirklich zählt, ist das Öffnen von Räumen, in denen die Taktiken des Widerstands strategische Horizonte der Befreiung erschließen.

Doch was bedeutet Befreiung an diesem Punkt unserer Überlegungen? Welche Merkmale zeichnen Befreiung aus? Auf diese Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Wir können versuchen, eine allgemeine Definition zu formulieren: Befreiung wäre demnach ein von gesellschaftlichen Kämpfen getragenes Projekt, das darauf abzielt, sowohl die materiellen Lebensbedingungen als auch die damit verbundenen Formen der Subjektivität zu verändern und dabei neue, demokratische Modi des Zusammenlebens und Formen sozialer Kooperation zu entdecken und zu entwickeln, die uns vom Individualismus befreien und uns stärken. Indes können allgemeine Definitionen uns nur bedingt weiterhelfen. Was wir unter Befreiung verstehen, wird daher in erster Linie aus der langen und facettenreichen Geschichte der Befreiungsbewegungen zu lernen sein, die es freilich mit neuen Ideen und ohne jede Nostalgie zu aktualisieren gilt, da sich sowohl der politische Kontext als auch die Subjektivitäten der Kämpfenden dramatisch verändert haben. Zweitens sollten wir den Blick nach innen richten: Selbst unter widrigsten Bedingungen werden Widerstands- und Solidaritätsbewegungen stets von neuen Beziehungen durchzogen und getragen, die als Grundlage der Befreiung dienen können. Befreiung ist kein einmaliges Ereignis, das ein für alle Mal zu erreichen wäre, sondern ein stetiger Kampf, der den positiven Horizont unseres politischen Strebens bildet. 

Befreiung wird je nach geografischem und kulturellem Kontext – und sogar zwischen verschiedenen Gruppen am selben Ort – ganz unterschiedliche Formen annehmen. Wir können nicht davon ausgehen, dass der feministische Befreiungskampf und der Kampf um Befreiung von rassistischer Unterdrückung oder der Befreiungskampf von Arbeiter:innen ein und dasselbe sind – und alle variieren sie zudem je nach ihren materiellen und geografischen Voraussetzungen. Herrschaft und Ausbeutung unterscheiden sich von Ort zu Ort, selbst wenn die gleichen Kräfte und Logiken sie antreiben. Nicht zuletzt aus diesem Grund unterscheiden sich auch die Geschichte, die soziale Zusammensetzung, die Bedürfnisse und Ziele der Kämpfe dagegen. Die Herausforderung besteht darin, diese Unterschiede nicht zu verwischen, sondern Praktiken der Übersetzung zu entwickeln, durch die sie in gemeinsame Projekte der Befreiung einfließen können. 

Übersetzung bedeutet in diesem Zusammenhang nicht die Suche nach allgemeinen Grundsätzen oder einer gemeinsamen Identität. Übersetzung ist vielmehr eine politische Praxis, durch die heterogene Kämpfe Verbindungen zwischen unterschiedlichen Geschichten, Lebensumständen und Vokabularen herstellen und so dem gemeinsamen Handeln neue Möglichkeiten erschließen, während sie sich dabei selbst wandeln. In diesem Sinne wird der Horizont der Befreiung, den wir im Sinn haben, von einer Vielzahl von Erfahrungen, Forderungen und Vorstellungswelten durchzogen und geprägt – die sich dennoch organisieren lassen, sodass sie eine neue kollektive Kraft hervorbringen. 

Ein Internationalismus der Befreiung steht daher nicht für eine Lösung, sondern bezeichnet vielmehr die Problematik, in deren Kontext politische Fragen angegangen werden müssen. Dabei geht es nicht darum, anzuerkennen, dass wir im Grunde alle gleich sind. Internationalismus erfordert eine strategische Entscheidung und das Engagement für eine politische Organisierung, den Aufbau von Netzwerken und die Ausweitung von Verbindungen, sowohl geografisch über Länder, Regionen und Kontinente hinweg als auch politisch zwischen Sektoren und Bewegungen. Internationalismus bietet somit einen Standpunkt oder sogar eine Methode, um politisches Handeln und politische Theorie zu orientieren. Betrachten wir die Welt, in ihrer Einheit und mit ihren Brüchen, als den Hauptbezugspunkt für die Auseinandersetzung selbst mit ganz spezifischen lokalen Fragen, so ist dies die Grundlage, um Internationalismus als politisches Projekt zu entwickeln. Die Resonanzen zwischen weit entfernten Kämpfen und Erfahrungen herauszuarbeiten und zu vertiefen ermöglicht, neue politische Kontinente zu entdecken.

Anmerkung: Dieser Text wurde als Beitrag für eine Veranstaltung der Fraktion Die Linke im Europäischen Parlament am 10. Juni 2026 verfasst. Vielen Dank an Niccolò Cuppini und Tony Ballas für ihre wertvollen Anmerkungen.

Aus dem Englischen von Thomas Atzert

Der Text erschien Mitte Juni 2026 unter dem Titel “Toward a New Internationalism in an Age of War” auf der Seite portolan-journal.org.

Sandro Mezzadra lehrt Theorie der Politik an der Universität von Bologna und ist Adjunct Fellow am Institute for Culture and Society, University of Western Sydney. Er ist ein aktiver Teilnehmer an der ›post-operaistischen‹ Debatte und einer der Gründer des Projekts Euronomade (www.euronomade.info). Im letzten Jahrzehnt hat er sich intensiv mit Migration, postkolonialer Kritik und globalem Kapitalismus beschäftigt. 

Michael Hardt

Michael Hardt ist ein US-amerikanischer Literaturtheoretiker an der Duke University, Durham, USA. Seine Schriften untersuchen die neuen Formen der Herrschaft in der heutigen Welt sowie die sozialen Bewegungen und anderen Kräfte der Befreiung, die sich ihnen widersetzen.


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