Als sich der Beginn des Ersten Weltkrieges 2014 zum hundertsten Mal jährte, erinnerte die Ärztezeitung mit einer Dokumentation daran, was industrielle Waffensysteme und ein zermürben der Stellungskrieg für das Gesundheitswesen bedeutete. Ein Foto aus dem August 1914, der Krieg war erst wenige Tage alt, zeigt das Eintreffen eines Lazarettzugs in Heidelberg. Während Offizielle feierlich in die Kamera schauen, begutachten Sanitäter die verwundeten Körper von Soldaten. So fing es an. Der medizinische Sektor hatte sich lange auf den Ernstfall vorbereitet und war doch binnen weniger Wochen völlig überfordert. Die Dokumentation der Ärztezeitung war als Mahnung gedacht: Kriege führen immer zu Tod, Verstümmelung und Traumata. Dazu muss sich Gesundheitspersonal verhalten – medizinisch, aber auch politisch.
Kriegsrelevantes Gesundheitssystem
Zwölf Jahre ist das her – und die Zeiten haben sich gewendet. Inzwischen trommelt die Bundeswehr im ganzen Land um wehrbereite junge Männer und für mehr Resilienz auf allen Ebenen. Das gilt auch für das Gesundheitswesen. Schon im Juni 2025 richtete die Bundeswehr das „Symposium Gesundheitsversorgung in der Landesverteidigung“ aus. Im Juni dieses Jahres trug dann ein Panel des Hauptstadtkongresses, der medizinische Branchentreff schlechthin, den Titel: „Resilient, robust, bereit? Wie versorgen wir uns im NATO-Bündnisfall?“. Dort betonte der Geschäftsführer Medizin der BG Unfallklinik Frankfurt am Main, dass „Zivilbevölkerung und Militär die gleiche Sprache sprechen“ müssten, wenn möglicherweise bis zu 1.000 Patient:innen pro Tag versorgt und die Verletzten über sogenannte „Hubs“ in Nord, Ost, Süd und West verteilt werden.
In welchem Ton das Narrativ, die ganze Gesellschaft müsse sich der Bedrohung durch Russland offensiv stellen, durchgesetzt wird, zeigte jüngst eine Aussage des gesundheitspolitischen Sprechers von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag. Diejenigen, die einer Zusammenarbeit mit dem Militär und der Vorbereitung auf den Kriegsfall kritisch gegenüberstehen, seien „eine Gefahr für die zivile Bevölkerung in diesem Land“.
Es ist alles andere als Zufall, dass das Gesundheitswesen in den Fokus der Aufrüstung rückt. Denn im Kriegsfall kommt ihm eine Funktion zu, die weit über das Lindern von Leid und das Retten von Leben hinausgeht: Es ist Grundbedingung der Kriegsfähigkeit. Ohne seine Infrastruktur, Ärzt:innen und medizinisches Personal kann kein Krieg geführt werden. Indem sie die Tauglichkeit von Soldat:innen begutachten und nach einer Verletzung deren Einsatzfähigkeit wiederherstellen, sorgen sie für den „menschlichen Nachschub“. Und indem zivile Opfer schnellst- und bestmöglich versorgt werden, stützen sie auch die gesellschaftliche Bereitschaft, auszuhalten und mitzumachen.
Nicht nur der Diskurs innerhalb der medizinischen Community hat sich verändert. Auch materiell verschiebt sich etwas. Die aktuelle „militärische Austerität“, also die Umlenkung staatlicher Finanzmittel und Ressourcen in den Rüstungssektor bei gleichzeitigen Kürzungen in zivilen Bereichen wie Sozialstaat, Bildung oder öffentliche Infrastruktur, ist für das Gesundheitswesen eine widersprüchliche Entwicklung. Einerseits sorgen die gesundheitspolitischen Beschlüsse von Kabinett und Bundestag dafür, dass Krankenhäuser, Hausärzt:innen und Psychotherapeut:innen ihrem Versorgungsauftrag künftig kaum noch werden nachkommen können. Auf der anderen Seite weist das 2025 beschlossene „Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität“ den Ländern Mittel zu, um sich auf Szenarien wie den NATO-Bündnisfall vorzubereiten. Für den kriegsrelevanten Gesundheitssektor ist das eine Chance.
Bisher wird die Ausstattung von Krankenhäusern mit Betten und Personal nach der zu erwartenden Versorgungslage der Bevölkerung ausgerichtet. Zu beobachten ist aber schon jetzt, dass angesichts klammer Kassen militärische Szenarien bei der Bedarfsplanung immer relevanter werden. So sind aus Berlin und Hamburg Pläne für die „zivil-militärische Zusammenarbeit“ bekannt geworden. Es geht um autarke IT-Systeme, den Bau von Trinkwasserbrunnen, aber auch um Operationssäle in Schutzräumen oder Schulungen für das medizinische Personal.
Auch die Bundeswehr hat erkannt, dass der kaputtgesparte Gesundheitssektor mitnichten in der Lage ist, im Kriegsfall „1.000 Verletzte pro Tag“ zu versorgen. So positioniert sie sich mittlerweile gegen die Schließung von Krankenhäusern und Kürzungsvorschläge im Gesundheitsbereich. Lücken schließen soll das „Gesundheitssicherstellungsgesetz“, an dem das Bundesministerium für Gesundheit derzeit mit Hochdruck arbeitet. Es soll vermutlich auch regeln, wie im Kriegsfall angesichts der schon jetzt zu spürenden Knappheit an Personal, Mitteln und Ressourcen eine Priorisierung medizinischer Leistungen vonstattengehen wird – bis hin zur Triage, mit guten Aussichten für „systemrelevante“ Soldat:innen.
Die aktuellen Kürzungstiraden im Gesundheitsbereich, aber auch bei Wohngeld oder dem BAFöG zeigen einmal mehr, dass Aufrüstung auf Kosten sozialer Rechte und Sicherungssysteme geht. Nicht ohne Grund lautete in den 1980ern die Parole der Gewerkschaften „Gegen Aufrüstung und Sozialabbau“. Gleichzeitig ist der Abbau sozialer Sicherungen ein idealer Nährboden für Militarismus: Soziale Unsicherheit schafft ein gesellschaftliches Klima, in dem sich Aufrüstung besser legitimieren lässt und der Beruf Soldat für viele eine echte Aussicht ist. Die Angst vor dem sozialen Abstieg projizieren politische Akteure von Mitte links bis weit rechts nicht auf Krisengewinner und Superreiche, sondern auf „äußere Feinde“.
Sicherheit für wen?
Doch auch heute gibt es Gegenstimmen, auch aus dem Gesundheitsbereich. So positionieren sich progressive Ärztevereinigungen wie IPPNW und vdää* klar gegen die Illusion, dass mit aus reichender Vorbereitung Kriegsfolgen adäquat begegnet werden könne. Doch auch die Zivilgesellschaft ist gefordert, eine Antwort auf die Erosion des Sicherheitsgefühls in der Gesellschaft zu finden.
Nach innen ist die Frage „Sicherheit für wen?“ mit einem Bekenntnis zu sozialen Infrastrukturen jenseits militaristischer Indienstnahme zu beantworten. Nach außen sollte klar sein: Die eigene Sicherheit kann niemals im Gegensatz zu derjenigen von Menschen in anderen Staaten stehen. In dieser Hinsicht kann auch die Public-Health-Wissenschaft eine maßgebliche Rolle spielen. Eine Epidemiologie der Kriegsfolgen, wie sie andernorts – etwa hin sichtlich des Genozids in Gaza – längst fester Bestandteil radikaler Zeug:innenschaft ist, könnte auch hierzulande präventiv Wirkung entfalten.
Indem der medizinische Sektor auf die Folgen eines Krieges und seiner Logik für die Gesundheit aufmerksam macht, interpretiert er die Aufrüstung auch als Gesundheitsproblem. Dabei kann die Erinnerung an die Weltkriegserfahrungen helfen. Doch man muss gar nicht so weit zurückschauen. Ein Blick auf die Straßen von Gaza-Stadt oder ein Feldlazarett im Donbass reicht.
Dieser Beitrag erschien zuerst im medico rundschreiben 03/2026. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!







