Syrien: Nothilfe in Zeiten des Krieges

Handeln wider die Katastrophe

Die syrische Rebellion hat längst den Charakter eines blutigen Bürgerkrieges angenommen, der von Seiten des Regime wie aber auch von den militärischen Verbänden der Aufständischen mit zunehmender Erbarmungslosigkeit und Härte geführt wird. Der Aufstand hat bislang mindestens 60.000 Menschen das Leben gekostet. Die Zahl der Binnenflüchtlinge in Syrien wird auf zwei Millionen geschätzt, hinzukommen weitere vier Millionen, die aufgrund der Zerstörung oder Beschädigung ihrer Stadtviertel und Häuser ebenfalls hilfsbedürftig sind. Geschätzte 2,5 Millionen Menschen sind laut UN-Schätzungen auf direkte, regelmäßige Nahrungsmittellieferungen angewiesen. In den Nachbarländern Libanon, Türkei, Irak und Jordanien haben weitere gut 900.000 Kriegsflüchtlinge Zuflucht gesucht, Tendenz rasant steigend. Das syrische Gemeinwesen steht kurz vor dem Zusammenbruch. Die Ernteerträge gingen laut einem UN-Bericht um 50 Prozent zurück, vielerorts sind Bewässerungsanlagen und die staatliche Infrastruktur zerstört.

Die Strom- und Wasserversorgung ist in vielen Landesteilen unterbrochen, oder besteht nur noch stundenweise. Die Preise für Benzin, Kochgas und Lebensmittel sind extrem gestiegen. Das frühere gut ausgebaute Gesundheitssystem ist faktisch nicht mehr existent, da die lokale pharmazeutische Industrie und Medikamentenproduktion in Aleppo kriegsbedingt stillsteht. Ganze Regionen des Landes und Stadtviertel, in denen Rebellenverbände aktiv sind, sind durch die Straßenkämpfe und Luftangriffe derart verheert, dass sie gespenstischen Ruinenlandschaften gleichen. Lokale Aktivisten berichten von massiven Menschenrechtsverletzungen durch die syrische Armee, aber auch durch dschihadistische Milizen, zudem häufen sich die Vorfälle von systematischer Zerstörung religiöser Stätten. So wurden in den nördlichen Provinzen Latakia und Idlib, aber an der Grenze zu Jordanien Kirchen und schiitische Kultstätten von Rebellen vorsätzlich angegriffen und geplündert.

Das Land blutet aus

Die letzten Monate haben bewiesen, dass das syrische Regime diesen Krieg offenbar noch länger führen kann und alle Nahost-Experten, die den Sturz Assads „innerhalb von Monaten“ voraussagten, sind blamiert. Auch die Armeeverbände ist trotz oder auch gerade wegen ihrer wahnwitzigen Repression noch längst nicht zerschlagen. Zwar vermeldeten die Rebellen die Einnahme einer militärischen Flugbasis in der aufständischen Provinz Idlib, aber im gleichen Zeitraum haben die staatlichen Sicherheitskräfte in Damaskus, Aleppo und Homs ehedem verlorene Bezirke durch massive Militäreinsätze zurückgewinnen können. Bislang gelang es den Rebellen auch nicht eine größere Stadt tatsächlich zu erobern, geschweige denn längerfristig zu halten. Zudem häufen sich Berichte über eine militärische „Verwilderung“ des syrischen Aufstands. Einzelne Bezirke von Aleppo wurden gegen den Willen der lokalen Bevölkerung regelrecht besetzt und Scharia-Gerichte eingerichtet, wofür vor allem die wachsenden islamistischen Milizen verantwortlich sind, deren Sold aus Katar, Saudi-Arabien und der Türkei stammt. Die politisch-religiöse Agenda dieser Gruppen wird durch die arabischen Satellitenkanäle Al Jazeera und Al Arabiya zusätzlich medial angeheizt.

Niemand kann zur Zeit seriös beurteilen, wie die realen Mehrheitsverhältnisse im Land tatsächlich aussehen, was Propaganda ist – von welcher Seite auch immer - und wie die syrische Bevölkerung über ihre Zukunft entscheiden würde, wenn sie dazu in der Lage wäre. Denn die Ablehnung des Assad-Regimes ist längst nicht mehr gleichbedeutend mit einer Unterstützung oder Teilnahme am aktuellen Aufstand. Das Regime hat die anfänglich unbewaffnete Protestbewegung in einen blutigen Krieg gezwungen, der begonnen hat die demokratischen Prinzipien der ursprünglichen Revolution in erbarmungsloser Gewalt und Gegengewalt abzunutzen. Der italienische Menschenrechtsaktivist und Journalist Gabriele de Grande, dessen preisgekrönte Berichte über das Schicksal der Boatpeople im Mittelmeer als nachweislich gut recherchiert gelten und der sich im vergangenen Jahr zeitweise im umkämpften Aleppo aufhielt, sprach unlängst für Amnesty International mit syrischen Oppositionellen, die befürchten, dass ihre Hoffnung auf ein freies Syrien im alltäglichen Gemetzel zu sterben droht. Die Einschätzung dieser Aktivisten, die zur ersten Generation der syrischen Revolution gehören, klingt deprimierend realistischer als jede westliche Geheimdienstprognose über den Verlauf des Aufstands: „Aus Angst unterstützen noch immer 25 Prozent der Syrer das Regime“, so ein Arzt aus Aleppo zu del Grande, „weitere 50 Prozent stellen sich weder auf die eine noch auf die andere Seite. Sie hassen das Regime, doch haben sie Angst, es laut zu sagen. Oder sie sind entsetzt darüber, welchen Verlauf die Revolution genommen hat.“

Handeln in Zeiten der Katastrophe

Viele der lokalen unbewaffneten AktivistInnen der erste zwei Jahre sind tot, verhaftet oder im Exil. Und diejenigen, die noch im Land ausharren, versuchen in Nachbarschaft-Komittees unmittelbare Hilfe für Ausgebombte und Inlandsflüchtlinge zu organisieren, oder versuchen das alltägliche Grauen mit Video-Uploads auf Youtube oder Berichten im Internet zumindest zu dokumentieren. Hier wird auch deutlich, dass die Kritik an der Militarisierung des Aufstands auch unter den lokalen Aktivisten zunimmt, etwa wenn Bewohner besonders umkämpfter Quartiere das Ende der Kämpfe und den Abzug der Rebellenmilizen und der staatlichen Armee verlangen. Anderswo versuchen Bürgergruppen in lokaler Selbstorganisierung die zusammenbrechende öffentliche Stadtverwaltung auszugleichen. Diese zivilen Netzwerke handeln in einem täglichen Niemandsland zwischen zwei bewaffneten Formationen, so unterschiedlich deren Interessen und Bewaffnung auch sind, und versuchen den Traum eines demokratischen Gemeinwesen in einem von Ruinen und Toten verschütteten Land offen zu halten. Angesichts einer Gewaltspirale, von der niemand sagen kann wo sie enden wird, scheint sich in Syrien erneut die bittere Erkenntnis zu bestätigen, „dass der Krieg ein Betrug ist und Blut die Geschichte zwar manchmal vorwärts treibt, aber zu oft nur in Richtung auf noch mehr Barbarei und Elend“ (Albert Camus).

Solidarität mit Syrien

medico unterstützt seit Anfang 2013 die mutige Nothilfe von zwei neuen Projektpartnern: dem kurdischen Bürgerkommitee Hewi in Ras al Ain (kurdisch: Serê Kanîyê) und der Jafra Foundation im palästinensischen Flüchtlingslager Yarmouk in Damaskus.

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