Der Müll von Jassem

Syrien jenseits des IS

"In Jassem fanden sich die Menschen zusammen, um ein Problem zu lösen. Unser Kardinalproblem in Syrien bleibt aber das diktatorische System", sagt Muhammad. (Foto: Lens Ibn Al Balad, fb.com/lens.ibn.alballad)
Ziviler Aktivismus in einer "befreiten Stadt". Die Mühen des Alltags in einem Syrien jenseits von Regime und „Islamischem Staat".

Ja, es gibt auch dieses andere Syrien. Dieses Syrien, in dem AktivistInnen der revolutionären Proteste von 2011 noch präsent sind und aus ihrer Gesellschaft das Beste machen, was in Zeiten des Krieges möglich ist. Wir gehen nach Jassem im Süden, in die Region Daraa, kurz vor der jordanischen Grenze. Hier ist das syrische Regime an vielen Orten verschwunden, hier haben radikalreligiöse Milizen oder der „Islamische Staat“ nie wirklich Fuß fassen können.

Die friedliche Erhebung 2011

Als die Stadt Daraa im März 2011 belagert wurde, war Jassem einer der ersten Orte, in denen Solidaritätsdemonstrationen stattfanden. In Daraa hatte der syrische Aufstand begonnen als eine friedliche Erhebung gegen die Willkür eines Gouverneurs, der Schulkinder verhaften und foltern ließ, weil sie Anfang März 2011 den arabischen Frühling auch nach Syrien gebracht hatten. Sie hatten an ihre Schulmauer den Satz geschrieben: „Das Volk will den Sturz des Regimes“. Im April 2011 wurde dann auch Jassem von der Armee belagert, die ersten Menschen starben.

Anfang 2013 drängten lokale Einheiten der „Freien Syrischen Armee“ die syrischen Streitkräfte aus der Stadt heraus. Seitdem verwaltet sich Jassem selbst. Im Gegensatz zu anderen Regionen gelang es den zivilen lokalen Komitees mit den bewaffneten Oppositionsgruppen ein tragfähiges Abkommen zur Gewaltenteilung zu schließen. Die Milizen übernehmen die Verteidigung der Stadt, halten sich aber aus der politischen Verwaltung des städtischen Alltags weitgehend heraus.

Das Ergebnis ist eine prekäre Gemeindeorganisation, die mit allen kriegsbedingten Mängeln umgehen muss, die im fünften Jahr des Krieges in allen umkämpften Regionen Syriens allgegenwärtig sind. Es gibt ein Solidaritätskomitee, das die Familien der Gefangenen und Toten wie auch die Armen versorgt, ein Stadtkomitee spielte beim Aufbau alternativer Strukturen eine Pionierrolle: Ein Feldkrankenhaus wurde eingerichtet, ein Medienkomitee und eine lokale Zeitung gegründet und zudem gibt es eine spezielle Struktur zur Koordinierung der humanitären Hilfe.

Eine zivile Kampagne in Zeiten des Krieges

Was heißt es aber heute in einer oppositionellen syrischen Stadt eine zivile Kampagne zu machen? Wie das angesichts der Kriegsmüdigkeit und eines um sich greifendem Fatalismus geht, beschreibt dieses Interview mit Muhammad Ibrahim, 33 Jahre alt, aus Jassem. Der Aktivist der ersten Stunde betreut die Kampagne „Handeln wir gemeinsam – damit unsere Stadt schöner wird“. medico unterstützt über unsere KollegInnen von Adopt a Revolution die Müllkampagne des Civil Society Center in der Region und stellte dem lokalen Komitee eine Blutbank zur Verfügung. Wir erreichten Muhammad über Skype. Mehrmals wurde die Leitung unterbrochen und immer wieder waren Schüsse und Detonationen zu hören.

Warum in Zeiten des Krieges eine Kampagne zur Stadtreinigung?

Muhammad Ibrahim: Wir haben mit der Planung im Juli 2015 angefangen. Zuvor hatten wir in den Gesundheitsstationen feststellen müssen, dass sich bestimmte Krankheiten in den vorherigen Monaten extrem ausgebreitet hatten. Es waren Hautkrankheiten, Durchfall, aber auch Typhus. Die Ärzte sagten uns, dass es vor allem mit den Müllmengen in den Straßen zu tun habe. Daraus folgte der Entschluss, eine Kampagne gegen den Müll zu machen, der sich hier in den letzten Jahren angesammelt hatte.

Warum gerade der Müll?

Es gibt mehrere Gründe. Jassem ist als Stadt überfüllt, in den letzten drei Jahren sind zusätzlich 16.000 Menschen aus den umliegenden Dörfern und selbst aus dem Umland von Damaskus gekommen. Das Müllproblem ist schon älter, wurde aber wirklich spürbar, als sich die Sicherheit in Jassem stabilisierte, aber die umliegenden Gebiete mehr umkämpft waren. Da strömten alle in die Stadt. Zudem gibt es keine geregelte Müllabfuhr und der lokale Rat ist mit der Situation völlig überfordert. Die Leute leben quasi auf der Straße und lassen einfach alles liegen, was auch sehr viel mit der alten Mentalität zu tun hat: Der Staat wird es schon richten und was gehen mich die öffentlichen Plätze an. Hinzu kommt: die ländliche Kultur vieler Flüchtlinge hat keinen wirklichen Sinn für das Städtische. Für sie ist es ein doppelt anonymer Raum.

Wie habt ihr die Kampagne begonnen?

Nachdem wir merkten, wie gefährlich der Müll wurde, haben wir alle, die wir seit Beginn der Revolution kennen und die noch da sind, zusammengerufen. Wir wussten ziemlich schnell, dass es nicht nur um den Müll gehen würde, sondern dass diese Kampagne vor allem auch das Ziel haben müsste, verlorenes Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen. Denn für die schlimme Lage im Land werden jetzt auch jene verantwortlich gemacht, die mit der friedlichen Revolution im Jahr 2011 begannen. Wir mussten also das zerrüttete Band des Vertrauens zwischen den AktivistInnen und der Gesellschaft wieder herstellen und uns war klar, dass wir jetzt nicht als Organisation handeln dürfen, sondern allein für die Stadt. Die Leute haben einfach genug von irgendwelchen Gruppen mit immer neuen Namen, die ihnen sagen wollen, was sie zu tun haben.

Was habt ihr als erstes gemacht?

Wir haben alle zivilen Organisationen der Stadt besucht, aber auch die Büros für humanitäre Hilfe, die Krankenhäuser, die Schulen und sie eingeladen mitzumachen… [starker Gefechtslärm im Hintergrund]… oh, entschuldige, da wird gerade bombardiert. Unsere Botschaft war, dass wir ein großes Team bilden wollten um damit dann an die Öffentlichkeit zu gehen... [wieder Beschuss]

Wie waren die Reaktionen?

Viele fanden die Idee gut, meinten aber, dass sie nur erfolgreich sein könne, wenn alle zusammen dazu aufrufen. Dann haben wir eine Facebook-Seite eingerichtet und die ersten Orte in der Stadt bekanntgegeben, wo alle mitmachen konnten. Wir haben dann an einem Morgen mit etwa 20 Menschen begonnen, die uns ganz schüchtern halfen [Fliegerlärm im Hintergrund]. Dann baten wir die lokalen Müllmänner, den zusammengesuchten Unrat wegzubringen. Bislang gab es nur zwei Müllhalden in der Stadt, jetzt wurde eine dritte eingerichtet. Dafür mussten wir aber Bagger und Müllwagen besorgen.

Wir sind für die Aufklärung mit Masken und Kopfschutz durch die Stadt gegangen und haben unsere Broschüren verteilt. Die kleinen Hefte enthielten medizinische Hinweise, was der Müll für Krankheiten auslösen kann und wie er am besten entsorgt wird. In den öffentlichen Läden und auf der Hauptstraße sagten wir allen, dass sie doch bitte eine Mülltüte benutzen sollen, anstatt ihren Abfall einfach wegzuwerfen. Die Mülltüten tragen eine Botschaft: „Die Sauberkeit unserer Stadt geht uns alle an. Als Team haben wir nur Erfolg, wenn wir als Bevölkerung mitmachen. Das ist eine Kampagne der Stadt Jassem, keiner einzelnen Organisation“. Gleichzeitig verteilten wir gezielt in der Stadt Müllcontainer, damit alle ihren Abfall selbst entsorgen können.

Und wie haben die Leute reagiert?

Am Anfang war es ein kleiner Schock für viele. Es ist nicht normal, dass auf einmal eine Gruppe mit weißen Masken und Helmen auftaucht und Abfall einsammelt. Aber viele wurden neugierig und machten sogar spontan mit. Einige reagierten ängstlich, weil sie dachten, dass wir vielleicht eine neue bewaffnete Gruppe sind, die es auf sie abgesehen hat [lacht].

Wie habt ihr die Bevölkerung noch erreicht?

Zum einen hatten wir ja die Facebook-Gruppen, aber wir haben auch andere Formen der Kommunikation genutzt. Wir sind zu den Bäckereien gegangen und haben in jede Brottüte eine Broschüre gelegt. Jede Tüte Brot erreicht ja eine Familie. Zusätzlich gingen wir mit Megaphonen durch die Straßen. Immer, wenn wir in einem neuen Stadtviertel auftauchten, machten wir eine kurze Ansprache: „Leute, wenn wir alle Hand in Hand zusammen arbeiten, dann löst sich das Müllproblem. Das Problem lässt sich miteinander und durch Kooperation entsorgen“. Wir haben das im August fast zwei Wochen lang gemacht, jeden Tag von 9 Uhr morgens bis 15 Uhr am Nachmittag.

Zum Schluss war es sogar so, dass nicht nur AktivistInnen und Müllmänner daran teilnahmen, sondern auch Ärzte, Rechtsanwälte und Lehrer. So entstand an der Müllfrage auch eine aktive Bürgerschaft. Dadurch haben wir wirklich die Stimmung in der Stadt verändern können. Vorher sagten die Menschen immer, dass die Stadt nur dreckig sei und dass die vielen Organisationen und Kommissionen des lokalen Rats das einfach ignorieren würden. Sie zeigten dann mit dem Finger auf uns und sagten: „Schaut euch den Müll an – keiner räumt ihn weg. Wo geht das ganze Geld hin? Sie bekommen doch so viel Geld, aber niemand entfernt den Müll“.

Gab es auch Vorschläge aus der Bevölkerung?

Ja, zuletzt kamen Leute und meinten, wir sollten als Nächstes eine Baumpflanzaktion machen und anschließend sollten die BewohnerInnen der Stadt jeweils einen Baum adoptieren. Das hat uns gezeigt, dass selbst wenn wir als Aktivisten nun aufhören, die Botschaft der Kampagne doch angekommen ist.

Ist das deiner Meinung nach eine „revolutionäre Aktion“?

Aber sicher, es ist vielleicht sogar die revolutionärste Tat in der Stadt Jassem. Meiner Meinung nach ist eine Revolution ein gemeinschaftlicher Prozess, in dem die Menschen eine Botschaft und ein Ziel teilen. In Jassem fanden sich die Menschen zusammen, um ein Problem zu lösen. Unser Kardinalproblem bleibt das diktatorische System in Syrien. Beim Ausbruch der Revolution gab es einen unglaublichen Gemeinschaftssinn. Das zeigte sich auf den Demonstrationen immer dort, wo Jung und Alt zusammen für politische Veränderungen eintraten. Die Müllkampagne ist daher für uns so etwas wie eine „zweite Revolution“. Das Müllproblem ist ja keine Frage der Bagger, sondern bedarf eines veränderten Denkens bei den Menschen selbst.

Bei uns gibt es viele AktivistInnen, die alles verloren haben. Du gibst so viel auf, dir wird alles genommen und trotzdem sagst du am Ende, dass das höchste Gefühl die Freiheit selbst war. Uns ist nichts anderes geblieben und nach den Jahren der Entbehrung stehen wir sogar selbst am Pranger, weil viele sagen: „Wenn es euch nicht gäbe, dann wäre das alles nicht passiert, wenn ihr nicht so und so gehandelt hättet, dann wäre das alles nicht so schrecklich geworden“.

Ihr habt die Kampagne auf andere Städte ausgeweitet?

Ja, wir sind auch in die Nachbarstädte Tseel und Nawa gegangen. Auch dort gibt es ein Müllproblem und Tseel hat zusätzlich mit der Leishmaniose [Einer von Sandmücken übertragenen Infektionskrankheit] zu kämpfen, deren Ursache sicher auch der Müll ist. Wir sind auch hier in die vernachlässigten Viertel gegangen und haben aufgeklärt und mit dem Mülleinsammeln begonnen. Auch hier hat die Bevölkerung nach anfänglicher Zurückhaltung mitgemacht.

Während eurer Kampagne gab es ein regelrechtes Fotografieverbot. Was war der Grund für diese Entscheidung?

Das ist ein wichtiger Punkt, weil er das aktuelle Dilemma in Syrien gut trifft: Wer glaubt uns zivilen AktivistInnen eigentlich noch irgendwas? Wir wollten mit der Müllkampagne ein neues Vertrauen zwischen der Zivilgesellschaft und der Bevölkerung herstellen. Vielen Menschen ist die Präsenz von Kameras immer sehr unangenehm. Manche wollen einfach nicht fotografiert werden, weil sie nicht wissen, wo die Bilder dann veröffentlicht werden. Einige sind sogar der Meinung, wenn man viel fotografiert, während man ein Projekt durchführt, dann geht es vor allem darum, mehr funding für das Projekt zu bekommen und nicht im Interesse der Menschen zu handeln.

Viele denken mittlerweile, dass sie einfach nur noch ausgenutzt werden – ob nun von der Regierung, irgendwelchen Milizen oder sogar von der Zivilgesellschaft. Somit sind die Leute gegenüber Kameras total empfindlich geworden. Als sie aber sahen, dass bei dieser Kampagne keine Kameras präsent waren, waren sie einfacher zu überzeugen, dass es uns tatsächlich um Jassem und seine Bevölkerung ging. Wir haben also das Benutzen professioneller Kameras verboten. Wer fotografieren wollte, konnte sein Handy benutzen. Einige Medien sprachen uns zwar an, aber auch ihnen gaben wir keine Interviews.

Während wir sprechen höre ich Granatfeuer im Hintergrund. Gab es diese Gefechte auch während eurer Kampagne?

Als wir die Müllaktion machten war es ruhig in der Stadt und die Straßen waren voll ZivilistInnen. Es wurde nur außerhalb der Stadt gekämpft.

Aber was heißt denn „ruhig“ genau?

Naja, es gab halt nur fünf Scharmützel in der Stadt. Einmal Beschuss in den frühen Morgenstunden, als wir also noch gar nicht begonnen hatten und einmal warf das Regime eine Fassbombe am Stadtrand ab. Dann wurde nachts bombardiert. Aber wenn es nachts starken Beschuss gibt, dann wissen wir eigentlich aus Erfahrung, dass es dann in den nächsten Tagen tagsüber eher ruhig bleibt.

Eigentlich sind der lokale Rat und die Müllabfuhr für die Stadtreinigung zuständig. Hat eure Kampagne das Klima verändert?

Wir haben ja ohne Logos oder Namen gearbeitet, so war es von Anfang an eine Kampagne der Stadt für die Stadt. Niemand konnte das für sich ausnutzen und es war fast ein bisschen wie früher, wie zu Beginn der Revolution, als wir auch keine Wimpel oder Organisationszeichen trugen, sondern einfach alle zusammen waren. Die Kampagne hat den lokalen Rat gestärkt, weil die Leute gesehen haben, dass die tatsächlich etwas tun können. Der Preis für eine Brottüte wurde sogar um 10 Syrische Pfund erhöht, die direkt an den Rat und in einen Fonds für städtische Hygiene gehen. Jetzt, wo sich etwas tut in der Stadt, haben sogar Leute begonnen, symbolische Beträge an den Rat zu spenden, damit die öffentliche Infrastruktur verbessert wird. Vor der Kampagne wurde dies immer strikt abgelehnt.

Ist Jassem jetzt sauber?

Vor der Kampagne „Gemeinsam – damit unsere Stadt schöner wird“ wurden in Jassem im Monat nur 20 Baggerladungen Müll entfernt. Während der Kampagne wurden 110 Ladungen pro Monat entsorgt. Also, was glaubst du – ist die Stadt nun sauberer?

Interview: Ansar Jasim

Wie alles begann: Die erste Demonstration in Daraa, 18. März 2011

 

 

Die Einwohner des Stadtteils al-Balad demonstrieren gegen die Verhaftung der Schüler, die Parolen an eine Wand der Schule geschrieben hatten. Einige der Slogans, die in dem Video gerufen werden: „Das Volk will den Sturz des Gouverneurs“, „Gott, Syrien, Freiheit und nichts anderes“, „Oh Daraa, wie schade, deine Menschen stehen auf einer Seite, deine Beschützer sind nur die Diebe“, „Nieder mit dem Ausnahmezustand“, „Verschwindet, ihr korrupten Diebe“, „Das Volk will ein Ende der Korruption“.

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