Stiftungssymposium 2016

Eine neue Reformation

06.07.2016   Lesezeit: 7 min

Vom Kampf um eine Einwanderungs- und Postwachstumsgesellschaft in Europa. Dokumentation und Fortführung der Debatte.

Von Thomas Seibert

„Wollen wir die Welt wirklich verändern, dann müssen wir uns nicht nur dem Angstdiskurs der politischen Rechten, sondern auch dem der Linken entziehen.“ Mit dieser Forderung benannte der österreichische Journalist und Schriftsteller Robert Misik die Herausforderung, auf die das diesjährige Symposium der stiftung medico international am 10. Juni 2016 erste Antworten suchte. Schüre der Angstdiskurs der Rechten absichtsvoll die Gewaltbereitschaft des dumpfen Ressentiments, so Misik, vertiefe der Angstdiskurs der Linken die weit verbreiteten Gefühle der Ohnmacht. Wer sich ohnmächtig fühle, werde sich kaum auf das im Titel des Symposiums aufgerufene Wagnis einlassen, Europa als Handlungsfeld einer möglichen anderen Welt zu verstehen. Handlungsmacht gewinne zurück, wer sich der ersten Tugend kritischen Denkens bediene: die andere Welt nicht im Wegsehen vom schlechten Bestehenden, sondern mitten in der „wirklichen Bewegung“ zu suchen, „welche den jetzigen Zustand aufhebt“.

Das Unbehagen in der Globalisierung

Dass und wie solche Überlegungen den Puls der Zeit treffen, bewies der große Zuspruch, den die Einladung zum Symposium gefunden hat: Statt der erwarteten hundert Gäste drängten sich im Frankfurter Haus am Dom fast dreihundert, die den Ausführungen der Referentinnen und Referenten immer wieder Beifall zollten. Mit dem Ausblick auf eine weltverändernde Reformation der Einstellungen und der Lebensweisen führte Misik zusammen, was zuvor schon der medico-Geschäftsführer Thomas Gebauer, die Politikwissenschaftlerin Sonja Buckel und der Soziologe Dennis Eversberg umrissen hatten. Verband Gebauer die Perspektive einer neuen Reformation mit Grundeinsichten der Psychoanalyse, bezog sich Buckel auf die Folgen des „Sommers der Migration“. Eversberg zeigte, dass ein gutes Leben für alle nicht noch mehr ökonomisches Wachstum, sondern den Ausstieg aus dem grenzenlos flexibilisierten Kapitalismus voraussetzt. „Reformatorisch“ aber wird dieser Ausstieg sein, wenn möglichst viele Einzelne ihren je eigenen Anfang machen. Gehen wir deshalb jetzt der Reihe nach vor.

Mit dem Titel seines Eröffnungsvortrags – „Das Unbehagen in der Globalisierung“ – erinnerte Thomas Gebauer an Sigmund Freuds drei Jahre vor der Machtergreifung der Nazis veröffentlichte Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“. In ihr hatte Freud die Umwälzungen der Epoche auf den zivilisationsgeschichtlichen Sachverhalt zurückgespurt, dass alle Kulturleistungen auf schmerzhaftem Triebverzicht beruhen. Gegenzusteuern sei der Einbuße an Glück nur durch die Modifikation des „Lust-“ zum „Realitätsprinzip“, mit dem das Streben nach Lust in das Bemühen verwandelt wird, Unlust zu vermeiden: eine Transformation, die unbefriedigend bleibe und deshalb im Leben der Einzelnen wie ganzer Gesellschaften zu immer neuen, oft gewaltsamen Ausbruchsversuchen führe.
 

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 Die Erinnerung an das berühmte Marx-Zitat verband Misik mit dem Verweis auf die ganz eigene Form und die ganz besonderen Anliegen heutiger „wirklicher Bewegung“. Im 21. Jahrhundert entspreche Weltveränderung weniger denn je der Vorstellung eines turbulenten Umbruchs nach Art der großen modernen Revolutionen. Sie geschehe eher in Prozessen, deren Verlauf an die Zeit der Reformation erinnere, also an den über zwei Jahrhunderte währenden Übergang aus der mittelalterlich-feudalen in die aufgeklärt-bürgerliche Epoche.

Wichtig seien deshalb nicht nur ausdrücklich politische Neuerungen, sondern die unscheinbaren, weil alltäglichen Veränderungen der individuellen Lebens- und Verhaltensweisen, der zwischenmenschlichen Beziehungen wie der sie tragenden ethisch-moralischen Einstellungen. Als eindrückliches Beispiel aus jüngster Zeit nannte Misik die praktische Solidarität, mit der Hunderttausende über Monate hinweg den Geflüchteten aus aller Welt einen Ort der Ankunft bereitet haben. Andere Beispiele seien die selbstorganisierten Solidarkliniken in Griechenland oder die Nachbarschaftsnetzwerke, die in spanischen Großstädten mittlerweile auch die Kommunalregierung übernommen haben.
 

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 Hielt Freud dieses Dilemma für unauflösbar, setzte Herbert Marcuse Mitte des 20. Jahrhunderts auf die Chance, auf der erreichten Höhe von Kultur und Technik zumindest die „kapitalistische Überformung“ des Realitätsprinzips aufheben zu können. Freud und Marcuse folgend, fasste Gebauer das aktuelle „Unbehagen in der Globalisierung“ in der fortgesetzten Verdrängung dieser historisch einzigartigen Möglichkeit einer neuerlichen Modifikation der Triebökonomie: Sie stehe am Ursprung des nationalistischen oder rassistischen Ressentiments, sei das Motiv des gedankenverlorenen Massenkonsumismus wie der zynischen Selbstverhärtung, die der Börsenmakler mit dem Drohnenpiloten teile. Abhilfe könne hier allein die Einrichtung einer sozialen Infrastruktur frei und gleich zugänglicher öffentlicher Güter und Dienstleistungen schaffen, die allen neue Möglichkeiten eines „kreativen Seins“ eröffnen könne.

Lebensgefährliches Wachstum

Sonja Buckel und Dennis Eversberg aktualisierten diese Überlegungen im Blick auf die Krise der „imperialen Lebensweise“. Darunter verstehen sie die Lebensweise der Gesellschaften Europas und Nordamerikas ebenso wie die der asiatischen, lateinamerikanischen und afrikanischen Ober- und Mittelklassen. Der Begriff der „Lebensweise“ soll sagen, dass es dabei um mehr als nur um staatliche Politik und ökonomische Regulation geht; der Begriff „imperial“ verweist darauf, dass diese Lebensweise den unbeschränkten Zugriff auf die globalen Ressourcen zur Voraussetzung hat – inklusive der Verfügung über die globale Arbeitskraft. Die von der Bewegung der Geflüchteten und der Migrantinnen ausgelöste „Krise des Grenzregimes“ könne deshalb, so Buckel, als eine weltgesellschaftliche Auseinandersetzung um die Grenzen der imperialen Lebensweise gedeutet werden: als Widerstand gegen die permanente Externalisierung (Veräußerung) ihrer Unkosten in den globalen Süden, und als Behauptung eines Anspruchs auf Teilhabe an einer globalen Einwanderungsgesellschaft.
 


Eversberg zufolge wird sich der Kampf um die Grenzen der imperialen Lebensweise in dem Maß ausweiten, wie die Externalisierung ihrer Unkosten zur sozialen und ökologischen Verwüstung der Erde führe. Deshalb sei es nicht nur illusionär, sondern lebensgefährlich, immer weiter auf ökonomisches Wachstum zu setzen. Gesellschaften des „Postwachstums“ bzw. des „DeGrowth“ müssten sich vom Wahn des Warenwachstums befreien.

Deshalb müsse ein Ausstieg aus dem Verbrauch fossiler Energien und der grenzenlosen Extraktion aller verfügbaren Rohstoffe als Chance zur Demokratisierung und Regionalisierung der Produktion und des Konsums ergriffen werden. Deren Maß liege im Gewinn der wachsenden Selbstbestimmung der Einzelnen wie ihrer sozialen Beziehungen.
 

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Es liegt auf der Hand, dass der Kampf um eine solche Einwanderungs- und Postwachstumsgesellschaft insoweit „reformatorisch“ sein wird, als es dabei immer auch um alternative Lebensweisen geht. Doch zugleich gilt, dass der Weg dorthin kein Weg in ein Idyll sein wird. Thomas Gebauer verwies deshalb auf die Notwendigkeit, unser Verständnis gelebter Toleranz zu vertiefen. Tolerant sei nicht, wer den Anderen einfach gelten lasse, ihn dazu aber stets auf Abstand halten müsse. Wirklich nahkönnen sich Fremde vielmehr nur dann kommen, wenn sie sich wechselseitig auch als einander fremd erdulden wollen. Gesellschaftlich setzt solche Duldsamkeit die gemeinsame Anerkennung der Menschenrechte – damit aber auch ihre globale Durchsetzung voraus.

Europa ohne Eurozentrismus?

Konsens aller Beteiligten war, dass der politische Raum, in dem wir um eine reformatorische Überwindung der imperialen Lebensweise streiten können, nur der europäische Raum sein kann. Das gilt für das Problem der Einwanderung ebenso wie für eine Umstellung auf Postwachstum und eine für beides unumgängliche „Demokratisierung der Demokratie“. Hierbei stellt sich unausweichlich die Frage, ob Europa zu solcher „Weltoffenheit“ überhaupt in der Lage ist. Diese Frage diskutierte der Literaturwissenschaftler und politische Aktivist Qadri Ismail aus Sri Lanka, der nach einem Attentat, das er nur knapp überlebt hat, inzwischen in den USA lebt.
 

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Seinen Vortrag „Von den Grenzen Europas“ konnte er allerdings nicht selbst halten, da er kein Visum erhalten hatte. Auf dem Symposium wurde sein Beitrag daher vorgelesen. Um dem beeindruckenden Text noch mehr Gewicht zu verleihen, steuerte der an der Universität Kassel lehrende postkoloniale Theoretiker Aram Ziai einen Kommentar bei. Europa, so Ismail und Ziai, lasse sich ohne seinen Eurozentrismus gar nicht denken, ebensowenig wie Asien, Amerika oder Afrika ohne Eurozentrismus gedacht werden können. Die mörderische Geschichte von Kolonialismus, Imperialismus und imperialer Lebensweise sei aus unserer Welt nie mehr zu tilgen, man könne, anders als Frantz Fanon noch gehofft habe, „Europa deshalb auch niemals verlassen“.

Für die Weltoffenheit eines Europas zu kämpfen, nötige uns alle zum kritischen Eingedenken eben jener Weltoffenheit, mit der das historische Europa den ganzen Planeten verheert habe und weiterhin verheere. Dass wir die Weite und Tiefe einer solchen Reformation unserer Lebens- und Denkweisen heute noch gar nicht überblicken können, schließe nicht aus, sondern gerade ein, mit ihr jetzt schon zu beginnen: in unserem alltäglichen Denken und Handeln, mitten in Europa wie an allen seinen Grenzen. Über die Debatten dieses Symposiums hinaus bleibt die Frage zu klären, wie und wo sich eine solche Reformation den ihr angemessenen politischen Ausdruck verschaffen kann.
 

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Dieser Artikel erschien zuerst im medico-Rundschreiben 2/2016. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


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