Verschwundene MigrantInnen

Spurensuche in Mexiko

Migration in Mittelamerika bedeutet Wege voller Gefahren für die Migranten.
Wege voller Gefahren. (Foto: Ivan Castaneira)
Mit einer Karawane folgen Frauen aus Nicaragua, Honduras, El Salvador und Guatemala den Routen ihrer verschwundenen Angehörigen in Mexiko.

von Erika Harzer

Es ist noch früh am Abend. Im Zentrum von Tenosique, einer 50.000-Einwohner-Stadt im mexikanischen Bundesstaat Tabasco, formiert sich eine kleine Gruppe von Menschen. Gleich werden sie eine Demonstration beginnen, einmal um den zentralen Platz herum, den das Rathaus mit einer wilden Architektur aus dreigeschossigem Zweckbau und grün leuchtendem Turm dominiert. Es sind überwiegend Frauen, schlicht gekleidet, aus allen Altersgruppen. In ihren Heimatländern würde man sie „humilde“ nennen, einfache Frauen.

Sie kommen aus Nicaragua, Honduras, El Salvador und Guatemala. Den Fahnen ihrer Heimatländer zugeordnet stellen sie sich auf. Mit weißen Käppis auf dem Kopf und großen Fotos bei sich. Bei manchen sind es ältere, etwas unscharfe Fotos, mehr als zehn Jahre alt. Fotos von damals, kurz bevor die darauf abgebildete Person loszog in Richtung Norden, ins gelobte Land, in die USA. Bei manchen der Gesuchten verliert sich die Spur schon hier in Tenosique, sechzig Kilometer von der Grenze zu Guatemala entfernt, über die alle Migrierenden auf dem Landweg kommen müssen.

In Tenosique beginnen diese Mütter, Ehefrauen, Schwestern und ein paar wenige Väter ihre Rundreise „Brücken der Hoffnung“. In siebzehn Tagen werden sie durch zehn mexikanische Bundesstaaten und 24 Städte reisen. Auf der Suche nach ihren verschwundenen Angehörigen. Eine Karawane von Fotos, Abbildern von Menschen, deren Spuren irgendwann unsichtbar wurden. In Mexiko nehmen die weitgehend Schutzlosen aus Angst vor der „Migra“, der Migrationsbehörde, immer gefährlichere Wege. Sie sind kriminellen Banden ausgeliefert, die sie rekrutieren, für Lösegeldzahlungen entführen sowie Frauen und Mädchen wie Sklavinnen zur billigen Prostitution zwingen.

Auf den Zufall hoffen

„Lebend habt ihr sie genommen – lebend wollen wir sie zurück.“ Wieder und wieder rufen die Angehörigen diese Parole, die noch aus den Zeiten der lateinamerikanischen Militärdiktaturen stammt, als politische Gegner dem System der „Nationalen Sicherheit“ zum Opfer fielen und einfach verschwanden. Heute gehört das Verschwindenlassen wieder zum System, dieses Mal zu dem der Abschreckung. Hier in Tenosique halten die Angehörigen die Fotos hoch, zeigen sie den Menschen, die stehenbleiben und diesem Demonstrationszug eine gewisse Achtung erweisen.

Bei Dunkelheit beleuchten Kerzen die auf dem Boden ausgelegten Fotos. Die Mütter hoffen auf Hinweise, auf Zufälle. Vielleicht wurde der Sohn doch nur verhaftet, sitzt eine Strafe ab. Vielleicht unter falschem Namen, um nicht in sein Heimatland deportiert zu werden.

Die Fragen wiederholen sich, auch die Bitten. „Habt ihr diese junge Frau zufällig gesehen, schaut doch bitte auf dieses Bild. In diese Augen…“ Manche zögern, würden gerne helfen. Aber es sind so viele Menschen, die auf dem Weg nach Norden hier vorbeikommen. Eine Ma-riachi-Gruppe sucht Kundschaft auf dem Platz, wie jeden Abend. Irgendjemand engagiert sie für die Mütter. Sie finden das richtige Lied für diesen Moment, und alle singen lauthals mit: „Ay ay ay ay, canta y no llores“, sing und weine nicht.

Am nächsten Morgen verlässt die Karawane Tenosique. Vorneweg eine Polizei- oder Militärpatrouille, dann der Reisebus, die begleitende Pressegruppe, ein Auto der „Grupo Beta“, deren Angestellte von der mexikanischen Migrationsbehörde zum Schutz der Migranten eingesetzt sind. Irgendwo auf den Infotafeln auch das Logo von medico international, dem Geldgeber für diese Karawane, die von dem medico-Partner Movimiento Migrante Mesoamericano (M3) organisiert wird.

M3, das sind fünfzehn Aktivistinnen und Aktivisten sowie Fray Tomás, Rubén Figueroa von der Migrantenherberge „La 72“ in Tenosique und Marta Sánchez Soler aus Mexiko-Stadt. Marta ist mit 73 Jahren die Älteste der Gruppe. Ihre Eltern kamen nach dem spanischen Bürgerkrieg nach Mexiko. Seit Jahrzehnten engagiert sie sich gemeinsam mit ihrem Mann José Jacques Medina für die Rechte von Migrantinnen und Migranten. José Jacques ist dieses Jahr nicht dabei, weil er als Repräsentant des M3 die parallele Karawane in Italien begleitet. Gleichzeitig ist ein Vertreter aus Italien in Mexiko dabei.

Aus Trauer entstand Mut

„Das M3 ist keine humanitäre Organisation im klassischen Sinne. Wir wollen die Ursachen der Probleme bekämpfen, stellen politische Forderungen.“ Martas Stimme wirkt leicht belegt. Sie organisiert unermüdlich, gibt Interviews, trifft sich mit Regierungsvertretern. Dazwischen tröstet sie, wenn Tränen fließen. „Früher“, sagt sie, „haben die Mütter nur geweint.

Sie waren vom Schmerz gezeichnet und konnten, wenn überhaupt, nur über ihre persönliche Tragödie sprechen.“ Das habe sich verändert und darauf sei sie stolz, erzählt sie weiter und lacht dabei. „Aus den vom Schmerz gezeichneten Müttern sind Kämpferinnen und Verteidigerinnen der Menschenrechte geworden.“ Zusammen mit diesen Müttern besuchen Marta und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter von M3 auf der Route der Karawane Menschenrechtsorganisationen, Regierungsvertreter, Abschiebezentren, Gefängnisse, Armen- und Rotlichtviertel der Großstädte. Sie gleichen Listen ab, auf der Suche nach Namen, Geburtsdaten, Fotos.

Wege voller Gefahren

Mexikos politische Rolle als Transitland zwischen den Ausgangsländern Nicaragua, Honduras, El Salvador und Guatemala und dem Ziel-land USA kritisiert der katholische Geistliche Fray Tomás massiv. Er spricht von einer dreckigen, mit Blut beschmierten Politik, in der Mexiko zum Handlanger der USA geworden sei und die mittelamerikanischen Länder verraten habe. Der Franziskanermönch redet offen und direkt. Dafür wird er von den Migrantinnen und Migranten geschätzt. Doch er erhält auch immer wieder Drohungen. Das macht ihm Angst, sagt er.

Anfang 2010 übernahm er die Leitung der am Rand von Tenosique gelegenen Herberge „La 72“. Der Name erinnert an die im Sommer 2010 in Tamaulipas im Norden Mexikos gefundenen Leichen von 72 Migranten aus Mittel- und Südamerika. Sie fielen den Zetas zum Opfer, einem der mächtigsten Drogenkartelle Mexikos, zu deren Geschäft auch der Wegzoll und die Entführung der Schutzlosen gehört, um Lösegeld von deren Familien zu erpressen.

Die Zusammensetzung derjenigen, die sich auf den gefahrenvollen Weg Richtung Norden machen, habe sich verändert, beschreibt Fray Tomás die Lage in der Herberge. Vor ein paar Jahren noch seien es fast ausschließlich Männer gewesen. „Heute sind es auch viele Frauen, manche mit Kindern, oder komplette Familien, Jugendliche von zehn aufwärts, aber auch Ältere und Menschen unterschiedlichster sexueller Orientierung.“ Wie das komme? „Die Lage in den Herkunftsländern vertreibt die Menschen, dort herrschen mörderische Verhältnisse, die diese Migration erzwingen.“ Nutznießer davon sind die Zielländer, in denen die Arbeitskräfte gebraucht werden.

Aber auch die Regierenden der Herkunftsländer verdienen gut an der Migration. Eine ihrer wichtigsten Einnahmequellen sind die „Remesas“, die Überweisungen der Migranten. Lange Zeit, so Fray Tomás, habe M3 das Ziel verfolgt, die Netze der organisierten Kriminalität zu entlarven, die die Migrationsrouten beherrschen. Doch zu offensichtlich ist die Verstrickung der staatlichen Autoritäten. „Heute sprechen wir nicht mehr von organisierter Kriminalität, sondern von autorisierter Kriminalität.“

Am Abend hält Fray Tomás auf einem Basketballplatz einen kleinen Gottesdienst für die Karawane. Die Mütter stellen Kerzen vor sich ab. Als sie den Platz verlassen, wird die aus brennenden Kerzen geschriebene Zahl 43 sichtbar: Ein Gedenken an die 43 im September 2014 verschwundenen Studenten aus Ayotzinapa im Bundesstaat Guerrero. Sie waren von der Polizei verhaftet und an Kriminelle übergeben worden. Die hatten sie, wie sich nach Monaten der Ungewissheit herausstellte, ermordet und ihre Leichen verbrannt.

medico international fördert M3 seit 2011. Dank dieser Unterstützung konnte die Organisation ihre Aktivitäten ausweiten und ihre Öffentlichkeitsarbeit intensivieren. Aktuell arbeitet die Gruppe am Aufbau einer eigenen Datenbank verschwundener und vermisster Migrantinnen und Migranten. Dokumentiert werden auch Straftaten und Menschenrechtsverletzungen. Durch eigene Recherchen in den Herkunftsländern soll ein Netzwerk aufgebaut werden. Die ebenfalls von medico international unterstützte Herberge „La 72“ leistet humanitäre Hilfe und Rechtsbeistand für durchreisende Menschen und für jene, die sich niederlassen wollen.

Dieser Artikel erschien zuerst im Rundschreiben 1/2015. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt bestellen!


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