medico-Hilfe

Nicht ganz Syrien geht

Kobane, März 2015
Wenn es eine Zukunft gibt, kehren die Menschen auch zurück. Das kurdische Kobane im März 2015. (Foto: Mark Mühlhaus, attenzione)
Was es heißt, in einem Land zu bleiben, dessen Zukunft im Krieg zu verglühen droht. Überleben, Durchhalten, Weitermachen, Wiederaufbauen. Vier Beispiele.

Was es heißt, in einem Land zu bleiben, dessen Zukunft im Krieg zu verglühen droht. Vier Beispiele der medico-Hilfe.

Von Martin Glasenapp

Überleben der Eingeschlossenen: Jarmuk, Damaskus

Als die Terrormiliz des „Islamischen Staates“ im April 2015 im palästinensischen Viertel Jarmuk auftauchte, reagierte die Welt geschockt. „Im syrischen Horror“, so der UN-Generalsekretär, sei das aus einem Flüchtlingslager entstandene Wohngebiet „die tiefste Hölle“. Sechs Monate später ist die Lage nicht besser geworden, nur spricht niemand mehr darüber. In Jarmuk, in dem zwischenzeitlich über 200.000 Menschen lebten, wohnen noch rund 10.000 Personen: all jene, die entweder zu arm zur Flucht waren – viele Frauen, Alte und Kinder – oder deren Leben jenseits ihres Viertels von bewaffneten Milizen jedweder Couleur bedroht ist. Es gibt kaum Wasser, wenig Nahrung, im September brach Typhus aus. Im Lager patrouillieren islamistische Kämpfer, in den angrenzenden Vierteln regieren der IS oder Scharfschützen der syrischen Armee. Es gibt quasi kein Entkommen mehr. Also muss die Hilfe hineingelangen.

Im September und Oktober konnte medico mit seinem lokalen Partner Al Jafra und mit finanzieller Unterstützung des Auswärtigen Amtes 2.000 Nahrungsmittelkartons und Hygienepakete zu den Eingeschlossenen bringen. Auch wenn die Hilfslieferung per LKW gerade mal 20 Minuten dauert, gleicht die Fahrt einer Odyssee durch den Mikrokosmos der syrischen Bürgerkriegswelten. Jarmuk liegt im südlichen Damaskus im inneren Stadtring. Der LKW muss bis zum Eingang von Jarmuk acht verschiedene Checkpoints diverser syrischer Geheimdienste passieren. Hinter dem letzten Kontrollpunkt beginnt ein Niemandsland, das von den letzten palästinensischen Gruppen – einige sind regierungsnah, andere oppositionell - und versprengten FSA-Einheiten gehalten wird. Hier liegt das Lebensmitteldepot des medico-Partners.

Die Anwohnerinnen müssen zu Fuß ihre Pakete abholen und sie die wenigen hundert Meter nach Jarmuk tragen. Es ist nicht ratsam, dass dies junge Männer machen. Sie könnten verhaftet werden. Immer wieder wird hier scharf geschossen. Im Nachbarviertel Tadmon regieren islamistische Milizen, die im Krieg mit den FSA-Kämpfern liegen. Die wiederum sind im Krieg mit der Armee. Nach jeder Schießerei wird die Kontrolle verschärft, die Hilfe verknappt. Zuletzt durften die Anwohnerinnen nur jeweils ein Kilo ins Lager tragen. Ein medico-Paket wiegt mehr als 25 Kilogramm. Das heißt unzählige Male hin und her, wieder Gefahr, wieder Erniedrigung.

Die syrische Armee monierte zuletzt, dass die Konserven zu lange haltbar wären. Um das Instrument Hungerblockade nicht aus der Hand zu geben, möchte das Regime, dass nur verderbliche Nahrungsmittel ins Lager gelangen. Bei der letzten völligen Abriegelung starben über 100 palästinensische Bewohner an Auszehrung. Durch die Hilfe von Al Jafra sind jetzt die Schwarzmarktpreise für Lebensmittel im Lager gefallen. Die Aktivisten des medico-Partners stehen durch ihr Engagement mit einem Bein im Grab. Mal wird einer von ihnen erschossen, mal verhaftet, nach anderen fahnden der syrische Geheimdienst oder die Häscher des IS.

Durchhalten im Keller: Die Schule von Erbin

Erbin liegt im vorstädtischen Ghouta, östlich von Damaskus. Seit Beginn des syrischen Aufstandes ist die Stadt ein Ort der Opposition – mit allen schrecklichen Konsequenzen. Am 21. August 2013 wurde Ghouta mit mehreren Saringasraketen angegriffen, über 1.000 Menschen starben den Giftgastod. Seitdem unterliegt die Bevölkerung nicht nur einer permanenten Belagerung durch die syrische Armee, sondern wird durch die Verwilderung diverser bewaffneter Oppositionsgruppen doppelt bestraft. Weil die Zufahrtsstraßen blockiert sind, kämpfen die Milizen auch untereinander um die Kontrolle der Schmugglertunnel, über die Nahrungsmittel und Güter des täglichen Bedarfs nach Erbin kommen können. Ein Brot kostet in Erbin 14 mal so viel wie in Damaskus. Zudem hat die Armee im Zuge ihrer jüngsten Offensive mit russischer Luftunterstützung begonnen, die Gegend anzugreifen.

Auch deshalb findet der Schulunterricht für viele Kinder der Stadt in speziellen Kellerbunkern statt. medico unterstützt die lokalen Bürgerkomitees dabei, einen Lehrbetrieb im Schichtbetrieb aufrechtzuerhalten – mit Erfolg. 2.350 Schülerinnen und Schüler konnten in diesem Jahr die Schule besuchen, sie lernten Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte, Geographie, Musik und Fremdsprachen, es gab sogar Sportunterricht. Gefahr droht nicht nur von Fliegerbomben, sondern auch durch das örtliche Scharia-Gericht einer radikalislamischen Miliz.

Die religiösen Eiferer wollen keine offene Schule, in der Kinder etwas über die Welt lernen, sondern fordern Koran-Unterricht ausschließlich für Jungen. Das von medico unterstützte Schulkomitee wurde mehrmals verhaftet und unter religiöse Anklage gestellt. Aber die Schule ist in der Bevölkerung zu beliebt, so dass alle Verhaftungen bislang glimpflich ausgingen. Das Komitee geht von einem Kampf auf Dauer aus, denn „der politische Islam wird zivile Aktivisten niemals in Ruhe arbeiten lassen“, wie sie medico schrieben.

Ein großes Problem sind nicht nur fehlende Stifte und Hefte sowie die Gehälter für die 180 Lehrenden, sondern auch die hohen Brennstoff-preise für die Stromerzeugung. Denn ohne Generator ist die Belüftung der Keller unmöglich. Weil reines Benzin kaum noch erhältlich ist, wird aus geschmolzenem Plastik minderwertiger Ersatzdiesel gekocht. Es gibt aber keine andere Wahl, denn der Unterricht ist alles, was die Kinder in Erbin noch haben. Einige haben so gute Abschlüsse gemacht, dass sie über das Internet ein Fernstudium begannen. Solange der Strom reicht.

Weitermachen, trotz alledem: Die Müllkomitees von Daraa

Nein, er werde nicht gehen, versichert uns Muhammad via Skype: „Ich verstehe alle, die fliehen, aber wenn wir es auch tun, dann haben Assad und die Radikalen gewonnen.“ Der 33-jährige Aktivist betreut die Kampagne „Gemeinsam – damit unsere Stadt schöner wird“ in der Stadt Jassem im Großraum Daraa. Was wie blanker Eskapismus in Kriegszeiten klingt, ist für das Civil Society Center der Stadt eine hochpolitische Angelegenheit. Sie nennen es ihre „zweite Revolution“. Denn das im Süden gelegene Daraa ist eine besondere Region. Hier begann alles im Frühjahr 2011, hier fanden die ersten Demonstrationen statt und hier existiert noch immer vieles, was die syrische Erhebung am Anfang so hoffnungsvoll machte: Lokale Komitees, bürgerschaftliches Engagement, lokale Zeitungsprojekte. „Wenn wir unsere Stadt säubern und Bäume pflanzen“, so Muhammad, „fördern wir den Gemeinschaftssinn und zeigen, dass wir unsere Stadt selbst verwalten können.“

Jassem hat heute fast 70.000 Einwohner. Die zivilen Aktivisten haben hier bislang Glück mit den oppositionellen Milizen. Darunter gibt es nur wenige radikalislamische Kämpfer und per Vertrag halten sich die militärischen Gruppen aus der Verwaltung des täglichen Lebens heraus. Dennoch ist der Krieg nicht nur durch sporadische Bombardierungen gegenwärtig. Die Preise für nahezu alle Güter des täglichen Bedarfs steigen, die staatliche Müllabfuhr existiert nicht mehr. Es gibt nur noch zwei schlecht ausgestattete Krankenhäuser, die vormals ausgerottete Leishmaniose ist wieder ausgebrochen.

medico stellte dem lokalen Bürgerkomitee eine Blutbank zur Verfügung und unterstützt die Müllkampagne in der Region. Das alles geschieht betont lautlos. Muhammad erklärt uns, warum sie bewusst keine professionellen Filmaufnahmen ihrer Müllbeutelverteilung und Straßenreinigung machen: „Wenn wir mit Kameras unsere Aktion begleiten, denken Leute schnell, dass wir den Müll nur deshalb wegräumen, weil wir Geld aus dem Ausland bekommen.“ Im fünften Jahr des Krieges müssen die zivilen Komitees auch um eine neue Akzeptanz ringen: „Viele Leute stellen uns an den Pranger und sagen: ‚Wenn es euch nicht gäbe, dann wäre das alles nicht passiert.‘“

Wiederaufbauen: Eine Gesundheitsstation in Kobane

Während aus anderen Regionen in Syrien die Menschen fliehen, kehren kurdische Flüchtlinge weiterhin in die Hoffnungsstadt Kobane im nordsyrischen Rojava zurück. Jede Woche sind es rund 1.000, die von jenseits der türkischen Grenze kommen. 80 Prozent der Stadt wurde im Kampf gegen den IS zerstört. Die Stadtverwaltung hat mit den Aufbauarbeiten begonnen. So konnte mit etwa 100.000 LKW-Fahrten der gröbste Trümmerschutt abgetragen werden.

Mittlerweile leben wieder 170.000 Menschen in Kobane und es gibt eine partielle Stromversorgung durch Dieselgeneratoren. Weiterhin fehlen aber schweres Gerät und Materialien, um etwa die Wasserleitungen zu reparieren. Die Türkei öffnet nur zweimal in der Woche die Grenze. Auch ausländische Hilfsorganisationen bekommen allenfalls kurzzeitige Einreisegenehmigungen. Hieran zeigt sich, wie feindlich die türkische Regierung einem autonomen und selbstverwalteten kurdischen Gürtel entlang ihrer Südgrenze gegenübersteht.

In Kobane werden jetzt die Straßen mit 50.000 Tonnen Schotter winterfest gemacht, damit auch in der Regenzeit die ländlichen Gebiete schnell und sicher erreicht werden können. Eine gute Straße kann lebensrettend sein. Denn die zurückkehrende Landbevölkerung in den rund 450 Dörfern und Weilern der Region Kobane ist weiterhin von zahlreichen Landminen und verstecken Sprengfallen bedroht, die der IS dort zurückgelassen hat. medico begleitet das kurdische Experiment in Syrien seit seinem Beginn. Zuletzt ermöglichten wir eine städtische Gesundheitsstation mit einem speziellen Mutter-Kind-Bereich. Denn der Krieg zerstörte auch alle Krankenhäuser und ohne Gesundheit ist aller Neuanfang zwecklos. Nicht nur in Kobane.

Die Menschen in Syrien brauchen unseren Beistand. Mehr denn je. Für alle, die bleiben wollen oder nicht gehen können, muss es Möglichkeiten des Überlebens und Chancen auf eine bessere Zukunft geben. Deswegen helfen wir dort.

Spendenstichwort: Syrien

Dieser Artikel erschien zuerst im medico-Rundschreiben 04/2015. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


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