Guatemala

Historisches Urteil

1982 wurden die Bewohnerinnen des Dorfes Sepur Zarco verschleppt und versklavt. 2016 haben sie einen wegweisenden Strafprozess gegen Täter von damals gewonnen. (Foto: Sandra Sebastian)
Ende der Straflosigkeit: Indigene Frauen gewinnen Prozess gegen Ex-Militärs wegen sexueller Gewalt im guatemaltekischen Bürgerkrieg.

Von Knut Henkel

Mit der Verurteilung zweier Ex-Militärs wegen sexueller Gewalt gegen 15 indigene Frauen beginnt in Guatemala eine Reihe von Prozessen zur Aufarbeitung der Bürgerkriegsverbrechen.

Paula Barrios ist zufrieden. Sechs Jahre Vorbereitung haben sich gelohnt, denn Guatemalas erster Prozess wegen Vergewaltigung und sexueller Versklavung ist mit einem Urteil zu Ende gegangen, das der Anklage weitestgehend folgt. „Wir haben entlang der feministischen Theorie argumentiert, uns auch auf den kulturellen Hintergrund der Opfer, allesamt Maya-Q’eqchí, bezogen“, freut sich die Anwältin. Gemeinsam mit zwei Kollegen hat sie die ursprünglich 15 Frauen aus dem kleinen Dorf Sepur Zarco vertreten, die seit 2003 im Kontakt mit den Psychologinnen der von medico international unterstützen Organisation ECAP stehen.

Das Dorf liegt rund dreihundert Kilometer nordöstlich von Guatemala-Stadt, im Verwaltungsdistrikt Izabal. Dort wurden die Frauen am 25. August 1982 unter einem Vorwand verschleppt und faktisch versklavt. Verantwortlich dafür waren der ehemalige Militäroberst Esteelmer Reyes Girón und der Militärkommissar Heriberto Valdez Asig, die den Frauen weismachten, dass sie nach dem Verschwinden ihrer Männer an deren Stelle Militärdienst ableisten müssten. So wurden die indigenen Frauen zu Sexsklavinnen, die den Soldaten in dem Militärcamp Sepur Zarco über Jahre außerdem den Haushalt führten. Dafür mussten sich die beiden Militärs, die einige der Ehemänner gewaltsam verschwinden ließen, nun fast 34 Jahre später verantworten. Jassmín Barrios Aguilar, die vorsitzende Richterin, verurteilte Esteelmer Reyes Girón am 26. Februar 2016 zu einer Haftstrafe von 120 Jahren und seinen Spießgesellen Heriberto Valdez Asig zu 240 Jahren Freiheitsentzug.

Urteil mit Signalwirkung

Das ist das exemplarische Urteil, welches sich Rosa Tiul und Demecia Yat, zwei der 15 Frauen von Sepur Zarco, erhofft hatten. Doch viel wichtiger für die 59-jährige Demecia Yat ist, „dass unseren Kindern und Enkeln nicht passieren kann, was uns passiert ist“. Deshalb war die im Anschluss an derartige Prozesse stattfindende Verhandlung über Wiedergutmachungsansprüche für die Opfer fast noch wichtiger als der eigentliche Prozess. Denn bei dieser Verhandlung am 2. März ging es um die Ursachen derartiger Verbrechen, die Frage, wie man sie bekämpft und wie solchen Taten vorgebeugt werden kann. Auch diesmal fällten die Richter ein Urteil mit Signalcharakter. Sie stuften die Bewohner der Region als benachteiligt ein, weil es weder eine weiterführende Schule, noch ein funktionierendes Gesundheitssystem sowie Zugang zur Justiz gäbe. Das soll sich nun ändern, denn das Bildungs- und das Gesundheitsministerium wurden verurteilt als Teil von Verbrechensprävention ihre Präsenz in der Region zu verbessern.

Auch das Ministerio Público, das Justizministerium, will seine lokale Präsenz verbessern. Dafür engagiert sich Generalstaatsanwältin Thelma Aldana. Sie braucht dafür aber einen höheren Etat. Dazu braucht es politischen Willen. Bei dem neuen Präsidenten Jimmy Morales sei dieser, so die Direktorin der Menschenrechtsorganisation Udefegua, Claudia Samayoa, nicht sonderlich ausgeprägt. „Die Partei des Präsidenten wird von Ex-Militärs dominiert. Die haben wenig Interesse an Prozessen wie Sepur Zarco”, sagt die 49-Jährige.

Trotzdem: Der erste Prozess gegen Militärs wegen sexueller Gewalt im Bürgerkrieg ist für die gesamte Region ein Novum und hat in Guatemala eine gesellschaftliche Debatte über Gewalt gegen Frauen ausgelöst. Die wird vor allem in den sozialen Netzen geführt, aber die traditionellen Medien wie „Prensa Libre” haben sie aufgegriffen und die mediale Resonanz auf das Urteil vom 26. Februar war nahezu ausnahmslos positiv.

Terrorsystem wird aufgedeckt

Für Claudia Samayoa ist mit dem Sepur-Zarco-Verfahren und dem noch ausstehenden Creompaz-Prozess gegen die militärische Nomenklatura der 1980er ein Wendepunkt erreicht: „Der könnte ähnliche Bedeutung haben wie die Nürnberger Prozesse für Deutschland. Das System des Terrors wird sichtbar und mit diesen Verfahren und der für Mitte März angesetzten Revision des Prozesses gegen Ex-Diktator Efraín Ríos Montt, kommen wir der historischen Wahrheit näher“, urteilt die Menschenrechtsaktivistin. Besonders brisant und zukunftsweisend könnte das Creompaz-Verfahren werden. Mehr als ein Dutzend ranghohe Militärs und Politiker werden sich voraussichtlich Anfang April verantworten müssen. „Sie sind quasi das Gesicht der Repression“, sagt Samayoa.

Creompaz heißt der Stützpunkt der ehemaligen Militärzone 21 in Cobán, wo in den letzten Jahren die Experten der Stiftung für forensische Anthropologie (FAFG) Überreste von 558 Menschen exhumierten, wovon 97 dank DNA-Analysen identifiziert werden konnten. Creompaz gehört laut Generalstaatsanwältin Thelma Aldana zu den größten Fällen von gewaltsamem Verschwindenlassen in Lateinamerika. Gezielt wurden politisch unliebsame Gewerkschafter, Vertreter von indigenen Organisationen und soziale Aktivisten verschleppt, gefoltert, ermordet und auf dem weitläufigen Militärgelände, wo heute Soldaten für UN-Friedensmissionen geschult werden, verscharrt.

„Dieser Fall hat die Militärmafia in die Defensive gebracht“, urteilt der Menschenrechtsanwalt Edgar Pérez vom „Bufete de Derechos Humanos“, ebenfalls ein medico-Partner. Das ist in den letzten Monaten mehrfach verbal attackiert worden und Pérez wie auch sein deutscher Kollege Michael Mörth freuten sich Ende Februar über Besuche des deutschen und des US-amerikanischen Botschafters, die Unterstützung signalisieren. Rückhalt benötigt derzeit aber vor allem das Ministerio Público, so Michael Mörth, denn das habe schließlich die Ermittlungen für das Creompaz-Verfahren in den letzten Monaten vorangetrieben und sei die Lokomotive für den Wandel. Engagierte Staatsanwälte, mehr und mehr unbestechliche Richter und die internationale Unterstützung in Form der UN-Kommission gegen die Straflosigkeit in Guatemala (CICIG), die seit 2007 vor Ort aktiv ist, sowie die Besuche hochrangiger Politiker sind dabei wichtige Faktoren.

Die Mauer des Schweigens bröckelt

Doch Prozesse wie Sepur Zarco könnten auch eine Eigendynamik entwickeln, hofft Luz Méndez, Vorsitzende der Frauenvereinigung Guatemalas (UNAMG). „Das Verfahren hat Signalcharakter, weil wir die Mauer der Straflosigkeit für ein Delikt der Vergangenheit durchbrechen, und zeigen wie ein Vergewaltigungsprozess respektvoll ablaufen kann.“ Allein 2015 wurden mehr als 2.100 junge Mädchen zwischen 12 und 14 Jahren registriert, die nach einer Vergewaltigung schwanger wurden, und jedes Jahr werden zwischen 600 und 700 Frauen ermordet.

Luz Méndez führt solche Zahlen auf die Kultur des Schweigens zurück. Die dominiert das mittelamerikanische Land seit Dekaden, doch der Widerstand wächst. Plakate gegen das Vergessen, für die Suche der im Bürgerkrieg Verschwundenen und für die Rechte der Frau belegen das genauso wie alternative Radiokanäle, die steigende Zahl von Demonstrationen oder die neuen politischen Gruppen. Von denen tummeln sich etliche in den sozialen Medien und viele haben sich mit den Frauen von Sepur Zarco solidarisiert. Das gibt der Hoffnung auf gesellschaftlichen Wandel weiteren Auftrieb.

Knut Henkel ist freier Journalist in Hamburg und verfolgt die Prozesse vor Ort.

Mit den emanzipatorischen Kämpfen in Guatemala verbindet medico eine lange Geschichte. Noch vor zehn Jahren hätten sich unsere Partner und wir nicht träumen lassen, dass es einmal zu aufsehenerregenden Prozessen in Guatemala kommen würde, die erstmals die Kontinuität der Straflosigkeit in Frage stellen. Mit Ihrer Spende haben wir trotzdem über Jahrzehnte die vielfachen Bemühungen zur Aufarbeitung der Verbrechen, insbesondere die psychosoziale Arbeit von ECAP und das Büro der Menschenrechtsanwälte „Bufete de Derechos Humanos“ unterstützt. Es hat sich gelohnt.

Spendenstichwort: Guatemala

Dieser Artikel erschien zuerst im medico-Rundschreiben 1/2016. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


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