Partnerschaft auf Augenhöhe

Gemeinsam reflektieren statt einseitig evaluieren

Die Mitglieder von NEAS haben über die Selbsthilfe nach ihrer Abschiebung zu politischer Handlungsfähigkeit gefunden. (Foto: medico)
In einem außergewöhnlichen Prozess haben medico und die Partnerorganisation „Network of Ex-Asylum Seekers“ in Sierra Leone ihre Kooperation reflektiert.

Von Julius Bücher und Ramona Lenz

medico unterstützt seit vielen Jahren Partnerorganisationen im Bereich Flucht und Migration, die humanitäre Nothilfe, medizinische Versorgung oder psychologische Betreuung organisieren und die Rechte von Geflüchteten und Migranten verteidigen. Oft handelt es sich um Betroffenenorganisationen. So auch im Falle des „Network of Ex-Asylum Seekers“ (NEAS) in Sierra Leone, eine Organisation, die sich als Selbsthilfestruktur von Abgeschobenen gegründet hat. Gemeinsame Grundlage der Aktiven von NEAS ist die Erfahrung der Abschiebung aus Deutschland und die schwierige Situation nach der unfreiwilligen Rückkehr nach Sierra Leone. In Gesprächen, die medico-Mitarbeiterinnen 2011 mit Vertretern von NEAS führten, berichteten diese von den schwerwiegenden psychosozialen Folgen ihrer Abschiebung in eine Gesellschaft, die sie aus Unwissenheit über Abschiebegründe als Versager oder gar Verbrecher stigmatisiert. Kernanliegen von NEAS sind daher die Information der Öffentlichkeit über Migrations- und Abschiebepolitiken sowie die psychosoziale Stärkung von Abgeschobenen und die Verteidigung ihrer Rechte. „Die Geschichte der Zusammenarbeit mit einer anfangs chaotischen, instabilen Selbsthilfegruppe ist es wert, reflektiert zu werden“, meint Tejan Lamboi, der seit Beginn der Zusammenarbeit Berater beider Organisationen ist. Rückblickend hält er fest: „Als medico begann, die Gruppe zu unterstützen, war sie noch sehr unorganisiert. Die Mitglieder von NEAS waren sehr glücklich über diese Zusammenarbeit, die sie als einzigartig und ungewöhnlich betrachteten.“ 2017 gab es auf beiden Seiten das Bedürfnis, einen Schritt zurückzutreten und die bisherige gemeinsame Arbeit zu reflektieren. medico stellte im Vorfeld klar, dass die weitere Zusammenarbeit dabei nicht in Frage stehe. Diese Bekräftigung des Vertrauens in die gemeinsame Arbeit war wichtig, damit die unvermeidliche Schieflage zwischen geldgebender und geldempfangender Organisation den Reflexionsprozess nicht beeinträchtigte.

Fallstricke und Erkenntnisse

Am Anfang der Reflexionsphase führte Tejan Lamboi einen Workshop mit den Mitgliedern von NEAS durch. Ergebnis war ein Bericht, der die zentralen strategischen Fragestellungen für die weitere Entwicklung von NEAS sowie die Erwartung an die zukünftige Zusammenarbeit mit medico dokumentierte. Auf dieser Grundlage war es den zuständigen Kolleginnen von medico möglich, bei ihren folgenden Besuchen in Sierra Leone direkt auf die Fragen und Bedürfnisse von NEAS einzugehen und die bereits begonnenen Diskussionsstränge in weiteren Workshops und Gesprächen fortzuführen und zuzuspitzen. Verantwortlich dafür waren die bei medico nicht nur für Migration, sondern auch für Evaluation zuständige Kollegin Sabine Eckart, sowie Usche Merk, Fachreferentin für psychosoziale Arbeit bei medico, die NEAS als Projektkoordinatorin von Anfang an begleitet hat. Eine zentrale Frage, die die Mitglieder von NEAS umtrieb, war: Soll man die Organisation erst einmal konsolidieren, also in ihrer derzeitigen Arbeitsweise festigen und absichern? Oder soll man versuchen, weiter zu expandieren, was für NEAS eine Ausweitung der Tätigkeiten im Bereich der Direkthilfe für andere Abgeschobene bedeuten würde? An diesem Punkt sah sich NEAS einem Dilemma gegenüber, das viele zivilgesellschaftliche Akteure im Bereich der Migration betrifft: „Hilfsorganisationen, die versuchen, die humanitären Notlagen abzufedern, die durch unfreiwillige Rückkehr produziert werden, laufen nicht selten Gefahr, zu humanitären Erfüllungsgehilfinnen einer Abschiebungs- und Rückführungspraxis zu avancieren, die sie eigentlich ablehnen“, erklärt Sabine Eckart. „Hier gilt es, sich dieses Dilemma immer wieder bewusst zu machen, genau zu prüfen, mit welchen Akteuren man auf welcher Ebene kooperiert und keine Abhängigkeiten entstehen zu lassen bzw. bestehende Abhängigkeiten so weit wie möglich zu reduzieren.“

Auch für medico hat der gemeinsame Reflexionsprozess mit NEAS zentrale Fragen aufgeworfen, die sich immer wieder stellen. Die Arbeit mit Partnern wie NEAS, die in äußerst fragilen Kontexten operieren – Sierra Leone ist eines der ärmsten Länder der Welt – bringt eine besondere Verantwortung für medico mit sich. So beeinflussen die unmittelbaren Lebensumstände der Partnerinnen und Partner auch ihre Möglichkeiten, sich dauerhaft politisch engagieren zu können.

Solidarische Hilfe begibt sich ins Handgemenge

Dass NEAS eine Selbstorganisation ist und die Expertise der NEAS-Mitglieder auf der eigenen Abschiebeerfahrung beruht, bringt weitere Herausforderungen mit sich. Selbstorganisationen gründen sich in der Regel auf Basis einer zentralen geteilten Erfahrung ihrer Mitglieder. Ihre wichtigen Selbstermächtigungsprozesse zu unterstützen und gleichzeitig nicht dazu beizutragen, Opfer-Biographien zu verewigen, ist eine Herausforderung, der sich medico immer wieder gegenübersieht. „Das wichtigste war, dass die Selbsthilfegruppe den Mitgliedern ermöglichte, sich wieder als Akteure zu erleben, die handlungsmächtig sind, und nicht traumatisierte Objekte von Ausgrenzung und Willkür“, erklärt Usche Merk. Es ist ein Ergebnis der partizipativen Reflexion, dass medico die Organisationsentwicklung von NEAS in Zukunft gezielter unterstützen möchte und zwar so, dass sie die Mitglieder gleichzeitig für berufliche Perspektiven außerhalb der Organisation qualifiziert. Solidarische Hilfe, wie medico sie versteht, begibt sich ins Handgemenge, auf Terrains, die von verschiedenen Interessen und Machtasymmetrien durchzogen sind und die ein widerspruchsfreies Handeln unmöglich machen. Sie findet in Beziehungen mit Menschen und Organisationen statt und ist stets im Wandel. Manchmal sind es langjährige, vertrauensvolle Partnerschaften, die uns verbinden, manchmal aktuelle politische Entwicklungen, die uns neu zusammenbringen. So weit wie möglich arbeiten wir auf Augenhöhe an der Erreichung gemeinsamer Ziele. Im Prozess der Zusammenarbeit lernen wir von einander und verändern uns. Phasen der Reflexion ermöglichen es, die Partnerschaft zu festigen und die gemeinsame Arbeit auf einer neuen Grundlage fortzusetzen. So auch mit NEAS, die wir weiter dabei unterstützen werden, in ihrem Einsatz für die Rechte von Abgeschobenen ihren eigenen Weg zu gehen.


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