Syrien

Gegen die Zivilbevölkerung

Bergungsarbeiten nach dem Bombenangriff auf die Untergrundschule in Erbin, bei dem mindestens 17 Menschen ums Leben kamen. (Foto: Lokales Komitee Erbin)

Eine Bombe, die erst explodiert, wenn sie den letzten Winkel erreicht, in dem man vor ihr Zuflucht sucht, ist ganz und gar eine Waffe gegen Zivilisten. Eine solche „bunkerbrechende Bombe“ hat die russische Armee auf eine der Untergrundschulen im syrischen Erbin, in Ost-Ghouta, am 19. März 2018 abgeworfen, die medico gemeinsam mit der Berliner Initiative Adopt a Revolution seit vielen Jahren unterstützt. Seit 2013 besuchten regelmäßig über 2.000 Kinder diesen Schulen, die mit einem eigenen Lehrplan und zum Teil mit von syrischen Landsleuten in Deutschland übersetztem Lehrmaterial arbeiteten. Die säkularen Schulen in dem seit Jahren von der syrischen Armee belagerten Erbin waren ein Symbol für die Sehnsucht nach Demokratie, die denkende Bürgerinnen und Bürger zur Voraussetzung hat. In den Kellern wurde dieses Denken zwischen den Fronten des Bürgerkriegs gelehrt. Diese Bombe war mitten hinein platziert.

Seit Wochen läuft der vielleicht letzte russisch-syrische Angriff auf Ost-Ghouta. Die Verschärfung der Angriffe im Februar 2018 läuft nicht zufällig parallel zum türkischen Einmarsch in Syrien. Es ist davon auszugehen, dass die Freigabe des Luftraums über Afrin durch die russischen Truppen, eine Art Deal war: Den Türken Afrin – Assad und Russland Ost-Ghouta.

Was an diesem Krieg so exemplarisch wie erschreckend ist, ist die Bereitschaft zu einer die Zivilbevölkerung vernichtenden Kriegsführung unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung. Dieser zynische Begründungszusammenhang aus Terrorbekämpfung und zivilen „Kollateralschäden“ ist schon lange in der Welt, hat aber in Syrien mit dem regelmäßigen Einsatz von Giftgas und den systematischen Angriffen auf Krankenhäuser und Schulen eine neue Qualität erreicht.

Aber bevor das antirussische Sentiment, das man in Deutschland immer abrufen kann, zu viele Volten schlägt, noch ein Hinweis: Syrien ist ein Stellvertreterkrieg um die neue Ordnung im Nahen Osten. Der Nahe Osten ist die militarisierteste Zone der Welt. Die Rüstungsimporte haben sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. Hauptexporteure für Waffen, die wesentlich die Zivilbevölkerung treffen, sind Westeuropa und die USA. Auch Deutschlands Rüstungsexporte in die Region haben sich zwischen 2013 und 2017, so vermeldet das schwedische Friedensforschungsinstitut Sipri, verdoppelt. An einem Krieg, der jedes Völkerrecht bricht, lässt sich immer noch gut verdienen.

Katja Maurer 


Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 1/2018. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


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