Syrien/Rojava

Flucht aus Afrin

Die Solidarität der Bevölkerung mit den Geflüchteten ist groß, die Arbeit der lokalen Hilfsstrukturen beeindruckend. (Foto: medico)
Hunderttausende sind auf der Flucht aus Afrin. medico-Partner leisten vor Ort Hilfe: medico-Spenden ermöglichen mobile Kliniken und Medikamente.

Die Situation der Geflüchteten aus Afrin in Syrien ist dramatisch. medico unterstützt die lokalen Hilfsstrukturen, die sich um die Versorgung dieser Menschen kümmern. Inzwischen haben die nordsyrischen Hilfsstrukturen zwei Camps und mehrere Gesundheitsstationen für etwa 140.000 Flüchtlinge errichtet. Das reicht jedoch bei weitem nicht.


Internationale Helfer*innen sind kaum vor Ort und die lokalen Strukturen überlastet. In den letzten Tagen erreichten uns Berichte über Lungenentzündungen oder Hautkrankheiten, die aufgrund des Wetters und der hygienischen Bedingungen ausbrechen. Auch Schlangen- und Skorpionbisse sind ein großes Problem - es fehlt an Medikamenten für eine angemessene Behandlung. Besonders die Kinder leiden unter psychischen Erkrankungen, die Erlebnisse des Krieges, die Bombardements aus der Luft haben tiefe Wunden hinterlassen.

Cemila Heme, Mitarbeiterin der Hilfsorganisation „Kurdischer Roter Halbmond“ erzählt, dass sie zuletzt eine mobile Mutter-Kind-Klinik nach Sheba begleitet habe. Bei einer der ersten Geburten war sie dabei. Frauen können in diesem ausgebauten Lastenwagen nun geschützt gebären und die Neugeborenen versorgt werden, aber auch hier fehlt es an dem Grundlegendsten, so zum Beispiel ein Inkubator. Die Erlebnisse sind auch für Cemila schwer zu verarbeiten. Immer wieder bricht sie in Tränen aus, während sie uns die Geschichten erzählt. „Ich war schon in Rakka und anderen Kriegsgebieten. Aber so etwas wie Afrin und jetzt in Sheba habe ich noch nie erlebt“ sagt sie und starrt mit leeren Augen in Richtung Fenster.

Die Menschen wollen zurück nach Afrin, es gibt keine andere Option. Mehr als alles andere hoffen sie auf den Rückzug der Türkei aus der Region, damit sie in ihre Häuser, in ihren Alltag zurückkehren können. Bis dahin werden sie in Sheba bleiben, wo sonst sollen sie auch hin? Die Menschen, die Sheba verlassen wollen, Richtung Aleppo oder Kobane, werden von syrischen Militärs aufgefordert für die Passage einen hohen Geldbetrag zu zahlen, junge Männer laufen Gefahr vom Militärdienst eingezogen zu werden.

Starke Hilfe

Der kurdische Halbmond organisiert die Hilfe für die Menschen in der Sheba Region. In den Kantonen Kobanê und Cizîrê, wurden von den lokalen Hilfsstrukturen erste Konvois mit Zelten, Medikamenten, Wasser und Nahrungsmittel organisiert. Die Solidarität aus der Bevölkerung ist unglaublich groß. Geld– und Sachspenden erreichen den kurdischen Halbmond und füllen Lagerhallen. Die Hilfskonvois müssen syrisches Regimegebiet durchqueren, einen direkten Zugang gibt es nicht. Die Organisatoren berichten, dass sie für die Durchfahrt die Genehmigung des syrischen, russischen und iranischen Militärs benötigen, was die Lieferungen oft verzögert. Auf dem Weg befinden sich dann Checkpoints und Kontrollen alle 30 Kilometer.

Die Organisation dieser Nothilfe erfordert alle Kräfte, da die Türkei faktisch ein Embargo verhängt hat und die Einfuhr benötigter Waren fast ausschließlich über den Nordirak möglich ist. Neben der Hilfe für die Menschen in Afrin hält der kurdische Halbmond die Organisation sechs weiterer Flüchtlingscamps aufrecht, wie bei Rakka oder Al Hasakah und beteiligt sich am Aufbau des Gesundheitssystems in Rojava. Ein Kraftakt der mehr als alle Ressourcen fordert.

Solidarität mit einem demokratischen Projekt in Syrien

medico unterstützt mit Spendengeldern die aktuelle Nothilfe für die Flüchtlinge aus Afrin. Medikamentenbeschaffung sowie der Kauf und die Ausstattung zwei mobiler Kliniken. Diese solidarische Hilfe bedeutet aber mehr. Sie bedeutet die Anerkennung der Vertreibung dieser über 140.000 Menschen. Sie bedeutet das Bekenntnis zu einem demokratischen Projekt, was in einer Umgebung von Feindschaft, autoritären Strukturen und Kriegshandlungen eine gesellschaftliche Alternative aufbaut, in der Gleichberechtigung und ein friedliches Miteinander die zentralen Anker sind. Es liegt in daher an der internationalen Weltgemeinschaft, Verantwortung für die Geflüchteten aus Afrin zu übernehmen. Ihr Schutz bedeutet die humanitäre Pflicht wahrzunehmen. Der Rückzug der Türkei aus Afrin ist die einzige Option, um diesen Menschen wieder eine Perspektive zu geben und in diesem entgrenzten Stellvertreterkrieg, diejenigen zu unterstützen an eine demokratische Perspektive glauben und sie aufbauen.


medico-Partner leisten Hilfe für die Vertriebenen: mobile Kliniken und Medikamente

medico international ist weiter an der Seite der Vertriebenen und derjenigen Menschen die in Syrien für eine demokratische Alternative einstehen. Mit Spendengeldern unterstützen wir die lokalen Hilfsstrukturen, sind mit den Menschen vor Ort in Kontakt und verfolgen die Entwicklungen in Rojava weiter. Solidarität bedeutet mehr als Hilfe: Solidarität bedeutet Ursachen zu benennen und sich im Handgemenge für Gerechtigkeit einzumischen.

Die Vertriebenen aus Afrin benötigen Zugang zu humanitärer Hilfe und einen sicheren Rückzugsort. Die internationale Gemeinschaft und auch die Bundesregierung muss den Einmarsch und die Besatzung Afrins durch das türkische Militär als völkerrechtswidrig erklären und einen Schutzort für die Flüchtlinge garantieren. Doch anstatt den Einsatz deutscher Leopard-2-Panzer durch das türkische Militär zu verurteilen, finden aktuell mit Genehmigung der neuen Bundesregierung weitere Rüstungsexporte in Millionenhöhe an die Türkei statt. medico fordert die Bundesregierung auf die Rüstungsexporte in die Türkei zu stoppen.

medico unterstützt den Gesundheitsrat von Rojava und die aktuellen Hilfsmaßnahmen, wie die Bereitstellung der mobilen Kliniken und Medikamente. Mit einer Spende unter dem Stichwort „Nothilfe Rojava“ leisten Sie einen solidarischen Beitrag für die Unterstützung der Menschen aus Afrin.

Spendenkonto

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