Syrien/Rojava

Flucht aus Afrin

Hunderttausende Geflüchtete aus Afrin brauchen ein Dach über dem Kopf und wenigstens das Nötigste zum (Über-)Leben. medico-Partner helfen.
Hunderttausende sind auf der Flucht aus Afrin. medico-Partner leisten vor Ort Hilfe: medico-Spenden ermöglichen mobile Kliniken und Medikamente.

+++ Update 30. März +++

Bis zu 200.000 Menschen, die vor der türkischen Besatzung Afrins geflohen sind, campieren zurzeit in der Sheba-Region unter freiem Himmel. Unter den Geflüchteten befinden sich viele Ältere, Frauen und Kinder. In den ersten Tagen der Flucht hatten sie weder Decken, Zelte noch Nahrung oder Trinkwasser und mussten die kalten Nächte so überstehen.

Inzwischen erreichte ein erster Hilfskonvoi die Vertriebenen und versorgte sie mit dem Nötigsten. Die Hilfsstruktur des Gesundheitsrates von Rojava errichtete provisorisch kleinere Gesundheitsstationen und verteile Matten, Decken und Nahrungsmittel. Damit ist eine minimale Basisversorgung organisiert, die Menschen brauchen jedoch weiter dringend Hilfe. medico kann bei der Ausstattung von mobilen Kliniken und der Medikamentenbeschaffung für die Vertriebenen unterstützen.


Vergangene Woche sprachen wir mit dem Arzt Dr. Michael Wilk, der sich zu diesem Zeitpunkt in Rojava aufhielt, über die aktuelle Situation der Menschen vor Ort.

medico: Du bist zurzeit in Rojava und bekommst die Situation in Afrin detailliert mit. Wie ist die Lage vor Ort?

Dr. Michael Wilk: Das türkische Militär hat nach tagelangen Bombardements die Stadt Afrin nun eingenommen. Deutsche Panzer stehen vor dem Rathaus in Afrin. Plünderungen von dschihadistischen Milizen finden statt. Seit den Bombardierungen der Stadt Afrin haben mehrere hunderttausend Menschen die Stadt und Region verlassen. Viele BewohnerInnen des Kantons waren bereits vor dem Militär nach Afrin Stadt geflohen und müssen nun auch diesen Schutzort aufgeben. In einem Fußmarsch machen sie die StadtbewohnerInnen nun in Richtung Aleppo auf. Dort gibt es ein syrisch-kurdisches Stadtviertel, in dem sie Schutz suchen wollen. Die Kapazitäten werden jedoch nicht für alle ausreichen. Die syrischen Soldaten am Checkpoint fordern 1.200 bis 2000 Dollar, wer nicht zahlen kann muss ihnen alle Habseligkeiten überlassen. Ein Großteil der Flüchtlinge sind zwischen der Stadt Tall Rif`at und Ahras. Viele halten sie sich unter freiem Himmel auf oder suchen Schutz in überfüllten Häusern, Moscheen oder Ställen.

Seit Beginn des türkischen Angriffs auf Afrin unterstützt medico mit Nothilfe-Maßnahmen das einzige Krankenhaus in Afrin.  Medikamentenlieferungen für Krankenwägen und das Krankenhaus konnten auch durch Spenden ermöglicht werden. Nun erreichten uns Meldungen über die Bombardierung des Krankenhauses.

Leider stimmen die Nachrichten. Das Krankenhaus in Afrin Stadt wurde am Freitag vom türkischen Militär bombardiert, dabei wurden 14 Menschen getötet und viele verletzt. Die Intensivstation und die Apotheke des Krankenhauses sind zerstört, das Krankenhaus ist also nicht mehr so benutzbar wie vorher. Aber das ist nun auch nicht mehr relevant, denn mit der Eroberung des Stadtzentrums Afrins konnte im Krankenhaus nicht mehr weitergearbeitet werden,  denn die meisten Menschen haben die Stadt verlassen. Die Bombardierungen am 16. März haben Angst und Schrecken ausgelöst, bis dahin haben die NothelferInnen des kurdischen Halbmondes etwa 300 Opfer gezählt,  inzwischen sind es über 500 Opfer. Viele sind unter den Trümmern begraben worden, die NotfallhelferInnen kamen in mehreren Fällen nicht zu den Opfern durch, da sie selber unter Beschuss waren. 

Wie werden denn nun die Hunderttausende Flüchtlinge versorgt?

Die Hilfsstrukturen hier vor Ort sind völlig überlastet. Seit Wochen arbeiten die NothelferInnen in Afrin rund um die Uhr. In anderen Teilen Rojavas muss die Versorgung der anderen Binnenflüchtlinge, zum Beispiel aus Rakka, aufrecht gehalten werden. Die NothelferInnen des kurdischen Halbmonds  konnte drei kleine medizinische Gesundheitsposten aufbauen und verfügt über eine Ambulanz, damit können sie jedoch nur einen ganz kleinen Teil der Flüchtlinge versorgen. Hilfe erreicht die Flüchtlinge kaum, es gibt weder Zelte, Planen oder anderen Unterschlupf. Auch  Decken, Matten, Trinkwasser und Nahrungsmittel  fehlen. Die Basisversorgung ist nicht gewährleistet. Besonders die Nächte sind schlimm, es ist kalt und es regnet, diesen Witterungen sind die Menschen, unter ihnen Kinder, Alte und Kranke, schutzlos ausgeliefert. Das ist Ausdruck einer humanitären Tragödie.

Gibt es für die Menschen eine Perspektive und was wäre nun notwendig?

Es ist ein Versagen der Europäischen Union und der Weltgemeinschaft. Seit Wochen wurde versucht Zahlen von Verletzte und Berichte der Lage vor Ort an die EU und Vereinten Nationen zu schicken. Daraufhin kam nicht mal eine Antwort. Auch die Bundesregierung schweigt zu diesem Krieg und zur Lage der Flüchtlinge. Deutsche Panzer werden in  einem völkerrechtswidrigen Einsatz des türkischen Militärs eingesetzt, dies gilt es zu verurteilen. Es braucht einen sicheren Rückzugsort, sowie eine internationale Unterstützung für die humanitäre Hilfe - dies fordert auch die Genfer Konvention. Die hunderttausende Flüchtlinge dürfen nicht sich selbst überlassen werden.

Vielen Dank für das Gespräch, Michael.


medico-Partner leisten Hilfe für die Vertriebenen: mobile Kliniken und Medikamente

Die Hilfsstrukturen des Gesundheitsrates der zivilen Verwaltung von Rojava versorgen die vertriebenen Menschen aus Afrin so gut es eben geht. Mit Hilfe der Spendengelder von medico werden mobile Kliniken eingerichtet und Medikamente für die Krankenwägen und die stationären Gesundheitsstationen bereitgestellt. Denn durch den gezielten Beschuss durch die türkische Luftwaffe hat sich die Anzahl einsatzfähiger Ambulanzen des Notfalldienstes in den letzten Wochen weiter verringert, daher werden dringend neue Krankenwägen benötigt. Diese werde zunächst als mobile Kliniken für die Flüchtlinge benutzt und können danach auch weiter für den Transport von Kranken und Verletzten eingesetzt werden. Die kurdische Hilfsstruktur ist allerdings auch weiterhin verantwortlich für die Versorgung der Flüchtlinge, die aus Raqqa und Mossul vertrieben wurden und nicht zurückkehren können, sowie für die tausende Flüchtlinge aus anderen Teilen Syriens, die in Lagern untergebracht sind und versorgt werden müssen. Damit ist das Hilfssystem mehr als strapaziert.

Die Vertriebenen aus Afrin benötigen Zugang zu humanitärer Hilfe und einen sicheren Rückzugsort. Die internationale Gemeinschaft und auch die Bundesregierung muss den Einmarsch und die Besatzung Afrins durch das türkische Militär als völkerrechtswidrig erklären und einen Schutzort für die Flüchtlinge garantieren. Doch anstatt den Einsatz deutscher Leopard-2-Panzer durch das türkische Militär zu verurteilen, finden aktuell mit Genehmigung der neuen Bundesregierung weitere Rüstungsexporte in Millionenhöhe an die Türkei statt. medico fordert die Bundesregierung auf die Rüstungsexporte in die Türkei zu stoppen.

medico unterstützt den Gesundheitsrat von Rojava und die aktuellen Hilfsmaßnahmen, wie die Bereitstellung der mobilen Kliniken und Medikamente. Mit einer Spende unter dem Stichwort „Nothilfe Rojava“ leisten Sie einen solidarischen Beitrag für die Unterstützung der Menschen aus Afrin.

Spendenkonto

Spendenkonto:
medico international
IBAN: DE21 5005 0201 0000 0018 00
BIC: HELADEF1822
Frankfurter Sparkasse

Stichwort "Nothilfe Rojava"

DZI-Spendensiegel

medico ist Träger des »DZI-Spendensiegels«, das vom Deutschen Zentralinstitut für Soziale Fragen (DZI) verliehen wird. Damit bescheinigte das Institut medico: "eine satzungsgemäße Arbeit. Werbung und Information sind wahr, eindeutig und sachlich. Mittelverwendung und Mittelbeschaffung sowie die Vermögenslage lassen sich anhand der Rechnungslegung nachvollziehen. Der Anteil der Werbe- und Verwaltungskosten an den Gesamtausgaben ist nach DZI-Kriterien angemessen. Eine Kontrolle des Vereins und seiner Organe ist gegeben."


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