Veranstaltungsreihe mit Expertinnen aus Wissenschaft, Kultur und Basisaktivismus

Kriege legitimieren Ungleichheit und gesellschaftliche Gewaltverhältnisse. Kriege erhöhen die Gewaltbereitschaft von Männern und führen zu einer Zunahme von Gewalt gegen Frauen und Kinder. Vergewaltigungen werden als Kriegswaffe eingesetzt und das Kriegsrecht fördert die Re-Traditionalisierung von Familien und Gesellschaften.

In antikolonialen Diskursen haben transnationale feministische Bewegungen das Verhältnis zwischen Krieg, Gewalt und Geschlecht bereits seit dem 19. Jahrhundert analysiert und Friedensstrategien von unten entwickelt. Die friedenspolitische Orientierung internationaler feministischer Theorie und Praxis war viele Jahrzehnte lang ein weltweit geteilter Grundkonsens. Feministische Konzepte von Frieden als gesamtgesellschaftlicher Prozess waren oft deutlich radikaler als die anderer linker Strömungen.

Spätestens mit der russischen Invasion der Ukraine ist jedoch sichtbar geworden, wie brüchig ein solcher Grundkonsens innerhalb feministischer Bewegungen mittlerweile ist. Die Verbindung zwischen Feminismus und Anti-Gewalt-Politik, Rüstungs- und Waffenkritik bzw. Antimilitarismus steht heute grundsätzlich in Frage. Kontroversen darum werden zwischen Feminist:innen genauso scharf geführt wie andere innerlinke Grundsatzdiskussionen über die aktuellen Kriege.

Was gilt in diesen Zeiten geopolitischer Umbrüche wo auf der Welt und in welchen feministischen Kontexten als emanzipatorische Perspektive im Krieg? Welche Antworten auf die großen Fragen von Konflikttransformation und Friedenspolitik stellen feministische Analysen und Politiken von unten aktuell bereit? Worin liegen die besonderen Potenziale feministisch-intersektionaler Ansätze für eine Transformation der Welt?

Mit drei Veranstaltungen, 1. zu feministischer Außenpolitik in Kriegszeiten, 2. zum Krieg in Gaza und 3. zum Krieg im Sudan, wollen wir Expertinnen aus Wissenschaft, Kultur und Basisaktivismus miteinander ins Gespräch bringen.

Eine Veranstaltungsreihe der Professur Globaler Süden am Fachbereich 3 der Goethe Universität Frankfurt und medico international

Die Veranstaltungen werden aufgezeichnet. Sie finden Sie in Kürze auf dem medico-Youtube-Kanal.

Schnittmenge Militarisierung? Feministische Außenpolitik in Kriegszeiten

Donnerstag, 18. Januar 2024
19:00 Uhr, Casino 1.811, Campus Westend, Goethe Universität Frankfurt

Vor knapp einem Jahr, zum 8. März 2023, lancierten die Ministerinnen Baerbock und Schulze mit viel positiver Resonanz aus Medien und Zivilgesellschaft ihre Leitlinien feministischer Außen- und Entwicklungspolitik. Ausgerechnet im Kontext des Krieges gegen die Ukraine hatten diese Konzepte im deutschsprachigen Raum erstmals eine größere öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Aber wieviel und welcher Feminismus steckt tatsächlich in der Theorie und der konkreten deutschen Praxis feministischer internationaler Politik? Was trägt sie zu den Diskursen über die Kriege der Gegenwart bei? Und in welchem Verhältnis steht sie zu den Prozessen der Militarisierung in Deutschland und Europa?

Mit:
Claudia Zilla
 ist Politikwissenschaftlerin und Lateinamerika-Expertin, Berlin
Uta Ruppert ist feministische internationale Politikforscherin, Frankfurt

Andere Hoffnungsschimmer? Feministische Perspektiven auf Terror und Krieg in Israel & Palästina

Montag, 22. Januar 2024
19:00 Uhr, Casino 1.801, Campus Westend, Goethe Universität Frankfurt

Der Hamas-Angriff im Süden Israels, der Krieg gegen Gaza, das unsagbare menschliche Leid und das Ausmaß der Zerstörung, die tiefen gesellschaftlichen Spaltungen in Israel, Palästina und der arabischen Welt, die wachsende Kluft zwischen ‚Süd‘ und ‚Nord‘: diese Dimensionen der aktuellen Eskalation in Israel und Palästina haben in Deutschland auch in feministischen Kontexten bislang zu viel Sprachlosigkeit geführt. Welchen Beitrag zum Verstehen der aktuellen Gewaltverhältnisse können feministische Perspektiven leisten? Welche analytischen, gesellschafts- und kulturpolitischen Differenzierungen stünden dabei im Vordergrund? Auf welche Erfahrungen feministischer Praxis können Friedensperspektiven aufbauen? Welche Forderungen leiten sich daraus ab?

Mit:
Esther Dischereit
ist Lyrikerin, Essayistin, Erzählerin sowie Theater- und Hörstückautorin, Berlin und Wien
Samah Salaime ist Autorin und feministische Friedensaktivistin, Wahat al-Salam / Neve Shalom (Oasis of Peace), Israel-Palästina
Tanja Scheiterbauer forscht zu Geschlechterverhältnissen im Nahen Osten und Nordafrika, Frankfurt und Bonn

Moderation:
Radwa Khaled-Ibrahim
 ist Referentin für Kritische Hilfe und Nothilfe bei medico international

Die Veranstaltung findet auf Englisch statt.

Revolution und Selbstorganisierung in Kriegszeiten. Aktuelle feministische Politik im Sudan

Mittwoch, 7. Februar 2024
19:00 Uhr, medico-Haus, Lindleystr. 15, Frankfurt

Organisierte Frauen waren die treibenden Kräfte der Revolution von 2018/2019 im Sudan. Nach dem Sturz von Diktator al-Baschir war Geschlechterpolitik ein zentraler Motor gesellschaftlicher Transformation im Sudan. Dabei bezogen sich die Visionen aus dem Sudan aber nicht nur auf das eigene Land. Sie war gleichzeitig eine Antwort der Peripherie auf die Gewalt des globalen Kapitalismus und seiner vergeschlechtlichten und rassifizierten Grundlagen.

Seit dem Militärputsch 2021 ist Frauenpolitik im Sudan erneut zentral für gesamtgesellschaftliche Entwicklungen. Frauen bilden den Kern vielfältiger Prozesse von Selbstorganisation, die ziviles Leben im Sudan aufrechterhalten. Gleichzeitig wird der im Frühjahr 2023 erneut ausgebrochene Krieg auch auf den Körpern von Frauen ausgetragen. Was können feministische Friedenspolitiken aus dem Sudan lernen? Welche Einsicht liefern die revolutionären Prozesse im Sudan für feministische Transformationsprozesse?

Mit:
Sara Abbas, Aktivistin und Politikwissenschaftlerin, Berlin
Muzna Alhaj, Koordinatorin eines Widerstandskomitees in Khartoum, Khartoum  
Samah Khalafallah, feministische Wissenschaftlerin und Menschenrechtsaktivistin (Omdurman/ Bayreuth)

Moderation: Antonia Vangelista, Journalistin

Die Veranstaltung findet auf Englisch statt.