Flüchtlingshilfe in Ägypten

Endstation Alexandria

Ola Mandour, Kunst- und Kulturzentrum Torraha in Alexandria, 2018
Ola Mandour war die erste Frau, die Jugendlichen in Ägypten Alphabetisierungkurse gab. Jetzt leitet sie zusammen mit ihrer Schwester ein Kunst- und Kulturzentrum in Alexandria. (Foto: medico)
Ola Mandour und ihre Schwester Azza engagieren sich für Menschen, die in der ägyptischen Gesellschaft an den Rand gedrängt werden.

Schmale Gänge, die meisten nicht breiter als ein bis zwei Meter, führen durch Zanqet al-Sittat, die sogenannte „Gasse der Frauen“ im Souk-Viertel von Alexandria. Wer zu Olas Atelier möchte, muss das von vielen kleinen Geschäften gesäumte Labyrinth durchqueren, in denen Ola alles findet, was sie für ihre Kurse braucht. Hier gibt es bunte Stoffe, Knöpfe, Garn und Bänder, aber auch Modeschmuck, Unterwäsche, Parfüm, Spielzeug, Kleider und Schulsachen für Kinder in allen Farben und Formen. Ola ist gelernte Schneiderin und hat Philosophie studiert. Seit fast zwanzig Jahren arbeitet sie mit Menschen, die in der ägyptischen Gesellschaft an den Rand gedrängt werden. Lange lebte sie in einem malerischen, aber verarmten Fischerstädtchen am Nildelta und unterstützte dessen Bewohnerinnen und Bewohner dabei, sich gegen die geplante Umsiedlung in die Sahara zu wehren. „Es gab damals große Probleme mit Drogen und Gewalt“, erzählt Ola. Irgendwann fing sie an, Kindern und Jugendlichen Lesen und Schreiben beizubringen. Das war revolutionär, denn es war Frauen damals noch gesetzlich verboten, Alphabetisierungskurse zu geben. Ola setzte sich darüber hinweg und wurde ihren Angaben zufolge die erste Frau Ägyptens, die Jugendlichen Unterricht im Lesen und Schreiben gab.

Eigentlich liegt ihr Schwerpunkt auf der Arbeit mit Frauen. Ebenso wie ihre jüngere Schwester Azza, die gelernte Kunstlehrerin ist, nutzt sie die Vermittlung künstlerischer und handwerklicher Fertigkeiten als Instrument, um gesellschaftliche Probleme anzugehen. „Wenn man Frauen in ihren Rechten stärken will, muss man in Ägypten vorsichtig vorgehen“, erklärt sie. „Es ist nicht gut, ein Thema wie HIV-Prävention oder Zugang zu Gesundheitsversorgung direkt anzusprechen – viele Ehemänner verweigern ihren Frauen die Behandlung durch einen männlichen Arzt. Wir bieten daher zum Beispiel Nähkurse an, bei denen wir mit den Frauen über solche Themen ins Gespräch kommen können.“

Vor sechs Jahren beschlossen Azza und Ola eine eigene Organisation zu gründen: das Kunst- und Kulturzentrum „Torraha for Culture and Arts“. In einer charmanten Altbauwohnung im Zentrum Alexandrias und in Olas Schneiderinnenatelier im Souk-Viertel bieten die Schwestern zusammen mit weiteren Trainerinnen und Trainern Kurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Bereich Comic, Film, Theater, Storytelling, Musik, Malen oder Nähen an. Längst haben sie ihre Angebote auf in Alexandria gestrandete syrische Flüchtlinge ausgeweitet: Ohne Aussicht auf eine baldige Rückkehr nach Syrien oder eine Weiterreise nach Europa leben Tausende Familien am Rande der Gesellschaft. Die künstlerischen, handwerklichen und sozialen Angebote sollen helfen, ihre Isolation zu überwinden und Perspektiven zu eröffnen. Doch damit nicht genug: Ola und Azza Mandour arbeiten daran, auch Flüchtlinge aus dem Sudan, Eritrea oder dem Irak zu erreichen.

Ramona Lenz

Seit 2017 unterstützt medico das Kunst- und Kulturzentrum Torraha in Alexandria. Wir bitten um Spenden unter dem Stichwort: Ägypten.

 


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