Ägypten

Schwestern, Nachbarinnen, Freundinnen

27.11.2018   Lesezeit: 8 min

Ägyptische und geflüchtete Frauen in Alexandria kämpfen gegen die Auswirkungen der Abschottungspolitik.

Zahlreiche schmale Gänge, die meisten nicht breiter als ein bis zwei Meter, führen durch Zanqet al-Sittat, die sogenannte „Gasse der Frauen“ im Souk-Viertel von Alexandria. Es ist der Bereich, in dem es bunte Stoffe, Knöpfe, Garn, Bänder, Modeschmuck, Unterwäsche, Parfüm sowie Spielzeug, Kleider und Schulsachen für Kinder in allen Farben und Formen zu kaufen gibt. „Hier haben die Schwestern Raya und Sakina die Frauen angesprochen, die sie später ermordeten“, erzählt Azza, als sie uns durch das Labyrinth kleiner Geschäfte zum Atelier ihrer Schwester Ola führt. „Die beiden Serienmörde- rinnen waren die ersten Frauen, die in Ägypten hingerichtet wurden. 1921 war das. Man konnte ihnen siebzehn Morde nachweisen.“

Jedes Kind in Ägypten kennt die Geschichte von Raya und Sakina und nicht selten werden Azza und Ola darauf angesprochen. Einfach weil sie auch Schwestern sind und auf ihre Weise Pionierinnen. Ola ist gelernte Schneiderin und hat Philosophie studiert. Seit fast zwanzig Jahren arbeitet sie mit Menschen, die in der ägyptischen Gesellschaft an den Rand gedrängt werden. Einige Jahre lebte sie in einem malerischen, aber verarmten Fischerstädtchen am Nildelta und unterstützte dessen Bewohnerinnen und Bewohner dabei, sich gegen die geplante Umsiedlung in die Sahara zu wehren. „Es gab damals große Probleme mit Drogen und Gewalt in der Stadt und viele Straßenkinder“, erzählt Ola. Irgendwann habe sie angefangen, den Kindern und Jugendlichen Lesen und Schreiben beizubringen. Das war revolutionär, denn zu diesem Zeitpunkt war es Frauen noch gesetzlich verboten, Alphabetisierungskurse zu geben. Ola setzte sich darüber hinweg und wurde die erste Frau Ägyptens, die Jugendlichen Unterricht im Lesen und Schreiben gab.

Aufklärung durch die Blume

Eigentlich liegt ihr Schwerpunkt auf der Arbeit mit Frauen. Ebenso wie ihre jüngere Schwester Azza, die gelernte Kunstlehrerin ist, nutzt sie die Vermittlung künstlerischer und handwerklicher Fertigkeiten als Instrument, um gesellschaftliche Probleme anzugehen. „Wenn man Frauen in ihren Rechten stärken will, muss man in Ägypten vorsichtig vorgehen“, erklären uns die beiden. „Es ist nicht gut, ein Thema wie Aidsprävention oder Zugang zu Gesundheitsversorgung direkt anzusprechen – viele Ehemänner verweigern ihren Frauen die Behandlung durch einen männlichen Arzt. Wir bieten daher beispielsweise Nähkurse an, und während die Frauen am Arbeiten sind, versuchen wir, ins Gespräch zu kommen über solche Themen.“
 

Nachdem Azza und Ola viele Erfahrungen in dem Bereich gesammelt hatten, beschlossen sie 2013, zusammen eine eigene Organisation zu gründen: Torraha for Culture and Arts, seit dem letzten Jahr auch medico-Partnerin. In einer charmanten Altbauwohnung im Zentrum Alexandrias und in Olas Schneiderinnenatelier im Souk-Viertel bieten die Schwestern zusammen mit weiteren Trainerinnen und Trainern Kurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Bereich Comic, Film, Theater, Storytelling, Musik, Malen oder Nähen an. Die Zielgruppe waren anfangs in erster Linie Ägypterinnen und Ägypter, doch seit die Situation für syrische Flüchtlinge in Ägypten immer schwieriger geworden ist, geht Torraha auch gezielt auf sie zu.

Geflüchtete als Spielball der Politik

Während Syrerinnen und Syrer unter Präsident Mursi noch visafrei einreisen und öffentliche soziale Dienste wie Gesundheitsversorgung und Schulen nutzen konnten, sind sie seit dem Putsch 2013 stark mit Misstrauen und Ausgrenzung konfrontiert. Sicherheitskräfte gehen massiv gegen syrische und andere Geflüchtete vor. Hunderte wurden unter dem Vorwand des Anti-Terrorkampfes eingesperrt, einige sogar deportiert. Begleitet wird das Ganze von einer rassistischen Berichterstattung.

Schon bald erkannte die Regierung unter dem aktuellen Präsidenten Al-Sisi allerdings die Verhandlungsmacht, die ihr die Flüchtlinge im Land gegenüber Europa verschafften. Seither setzt sie darauf, die Maßnahmen der EU im Bereich „Fluchtursachenbekämpfung“ zur Bewältigung der eigenen Finanzkrise zu nutzen. Dass Ägypten seine Seegrenze nahezu hermetisch schloss, nachdem ihm vom IWF ohne Auflagen in Bezug auf Menschenrechte oder Regierungsführung umfangreiche Finanzhilfen zugesagt wurden, verweist auf eine starke Verhandlungsposition Ägyptens. Die ägyptische Regierung verstehe es, die Furcht Europas vor Flüchtlingen zur Sicherung der eigenen Herrschaft zu nutzen, wie Stephan Roll von der Stiftung Wissenschaft und Politik schlüssig darlegt. Den Preis für diese Machtspiele zahlen die Geflüchteten, die nun in Ägypten festsitzen.
 

In Alexandria blockiert

In Olas Atelier treffen wir zwei Syrerinnen, Gohar und Sabire, die diese Politik in ihrer ganzen Härte trifft. Gohar kommt aus der Nähe von Damaskus. Vor sechs Jahren ist sie als Touristin mit ihren beiden Töchtern nach Ägypten eingereist. Sie wollte eigentlich nur zwei bis drei Monate bleiben. Ihr Mann und ihr Sohn waren in Syrien geblieben, doch dann wurde die Gegend um ihr Haus bombardiert und die beiden mussten fliehen. Ihr Mann bezahlte Schmuggler, die ihn nach Ägypten brachten; der Sohn ging in den Libanon. Seither haben sie nichts mehr von ihm gehört. Auch die Töchter sind inzwischen weg, eine lebt in Holland, die andere in Deutschland. Auf der Flucht nach Europa wurden sie festgenommen, geschlagen und sind fast im Mittelmeer ertrunken. Gohars Mann ist an all dem zerbrochen. „Eigentlich ist er erst 60, aber er sieht aus wie 90“, erzählt Gohar. Alles, was sie will, ist ihre Kinder wiedersehen. Doch ihre Versuche, eine Familienzusammenführung in Europa bewilligt zu bekommen, werden wohl vergeblich bleiben.

„Viele Männer wurden durch die Flucht zerstört“, meint auch Gohars Nachbarin Sabire, die vor fünf Jahren mit ihrem Mann und dessen drei Kindern aus früherer Ehe aus Syrien geflohen ist. Drei weitere Kinder ihres Mannes sind in Syrien geblieben, von einem haben sie schon lange nichts mehr gehört. Auch Sabires Mann hat all das nicht verkraftet. Vor drei Jahren ist er gestorben. Daraufhin habe sie den

Job als gelernte Buchhalterin aufgeben müssen, den sie in Alexandria gefunden hatte. Der Chef habe begonnen, ihr als Witwe nachzustellen. Nun muss ihr 21-jähriger Stiefsohn dafür sorgen, dass die Familie über die Runden kommt. „Sein Leben ist vorbei, er ist nur am Arbeiten, und die Älteste wird immer auf Hilfe angewiesen sein“, meint Sabire, die viel Zeit mit der Betreuung ihrer 22-jährigen Stieftochter, die eine Behinderung hat, verbringt. „Unsere Hoffnung ruht auf der 17-Jährigen. Sie kann vielleicht noch etwas aus ihrem Leben machen.“ Auch Sabire möchte nach Europa. Das Leben in Ägypten sei sehr schwer. Die Flüchtlinge hier bekämen so gut wie keine Unterstützung. Die Aussichten, als Stieffamilie mit erwachsenen Kindern über Resettlement nach Europa zu kommen, sind für sie jedoch noch schlechter als für andere. Das weiß auch Sabire.
 

Kleine Lichtblicke

Viele ihrer grundlegenden Bedürfnisse können nicht erfüllt werden, und doch sind Gohar und Sabire froh um das Kursangebot von Torraha. „Ola ist sehr herzlich und wir lernen hier richtig was“, meinen sie. „Heute Abend gehen wir noch zum Leseworkshop.“ Die 15-jährige Ägypterin Tasabeeh und die 17-jährige Syrerin Aya interessieren sich eher für Film- und Theaterworkshops. Inzwischen ist es normal, dass ägyptische und geflüchtete Kinder zusammen an den Kursen teilnehmen. Aya ist seit sechs Jahren in Ägypten. Bei einem Theaterworkshop haben sich die beiden kennengelernt und sind Freundinnen geworden. Beide sind froh über das Kursangebot, durch das man mehr über eigene Interessen erfahre und selbstbewusster werde. So selbstbewusst, dass ein syrisches Mädchen sich in einer großen gemischtgeschlechtlichen Gesprächsrunde wortgewandt darüber beschwert, dass man als Frau in Ägypten auf Schritt und Tritt von Männern angemacht werde.

Frauenrechte in Ägypten

In Ägypten ist es um die Rechte von Frauen schlecht bestellt. Nicht nur sexuelle Belästigung ist an der Tagesordnung; über neunzig Prozent der Ägypterinnen in Ägypten werden Opfer einer Genitalverstümmelung und Zwangsehen von jungen Mädchen sind keine Seltenheit. Dass zwei Schwestern eine Organisation wie Torraha gründen und leiten, ist sehr ungewöhnlich für Ägypten. Und doch sind sie nicht die Einzigen. Auch Shefaa und Refaa haben eine Organisation zur Unterstützung von Geflüchteten gegründet. 2012 sind die Zwillingsschwestern im Alter von 21 Jahren aus Damaskus nach Alexandria gekommen, haben später in Ägypten geheiratet und Kinder gekriegt. Schon sehr bald nach ihrer Ankunft realisierten sie, dass viele Syrerinnen und Syrer in Ägypten dringend Hilfe brauchen. Zu Beginn ging es ihnen vor allem darum, Kindern einen ruhigen Ort zum Hausaufgabenmachen zu bieten, da das in den beengten Wohnungen der Flüchtlinge oft kaum möglich sei. Inzwischen haben sie eine Etage in einem Wohnturm am Stadtrand von Alexandria gefunden, wo auch viele Geflüchtete leben, und bieten ein breites Kursangebot für Kinder, Jugendliche, Männer und Frauen. Von Azza und Ola hätten sie gelernt, wie man indirekt – über Kunst oder andere Angebote – Themen wie Gewalt und Diskriminierung zur Sprache bringt, erzählen Shefaa und Refaa. Im Moment arbeiten sowohl Torraha als auch Soryana darauf hin, weitere Flüchtlingsgruppen zu erreichen, beispielsweise aus dem Irak, Eritrea oder dem Sudan.

In einem Land, in dem Nichtregierungsorganisationen, Menschen- und insbesondere Frauenrechte sowie dissidente Lebensweisen in den letzten Jahren massiv unter Druck geraten sind, ist die Arbeit der beiden Schwesternpaare beeindruckend und extrem wichtig. Ihre kreativen Angebote bringen Menschen verschiedener Generationen und Herkünfte zusammen und bieten geschützte Räume, um sich auszutauschen. Das ist für die Ägypterinnen und Ägypter selbst wichtig, vor allem aber für die Flüchtlinge, die im Transit blockiert sind und mit äußerst schwierigen Lebensbedingungen zurechtkommen müssen.

Ramona Lenz
 

Arabischer Frühling, Mursi-Regierung, Militärputsch – Ägypten hat turbulente Jahre zwischen Aufbruch und Restauration hinter sich und eine unbestimmte Zukunft vor sich. Der Geist des demokratischen Aufbruchs von 2011 lebt fort – in Basisinitiativen, die sich auf dem Land für öffentliche Gesundheit einsetzen, in Zentren für Folteropfer staatlicher Gewalt oder Initiativen, die in den Elendsvierteln von Kairo und Alexandria für menschenwürdigen Wohnraum kämpfen und Flüchtlinge unterstützen.

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Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 4/2018. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. <link verbinden abonnieren>Jetzt abonnieren!


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