Ringvorlesung

Die Erschütterungen erkundet

Rückblick auf "Turbulente Psyche(n) – Affekte und Kämpfe in der Pandemie".

Von Julia Manek

und Usche Merk

Kurz vor der Auftaktveranstaltung schickte Rita Segato eine Mail. Die feministische Intellektuelle schrieb, dass sie ihren Beitrag leider verschieben müsse. Denn: „Ich muss in die USA, darf aber nicht einreisen, weil ich in Argentinien mit dem Impfstoff Sputnik geimpft wurde. Daher muss ich jetzt schnell für eine Impfung mit Johnson & Johnson nach Brasilien fliegen. Eine Umarmung.“ So geriet die Ringvorlesung selbst durch Corona in Turbulenzen und der Name wurde in mehrfacher Hinsicht zum Programm.

Im Fokus der von medico mit dem Institut für Sozialforschung und dem Institut für Humangeographie organisierten Reihe standen die psychosozialen Dimensionen und „affektiven Nebenwirkungen“ der Pandemie im Politischen– von Ängsten und Ohnmachtsgefühlen über Trauer und Depression bis zu Wut und Sehnsucht. Erkundet wurden diese von Oktober bis Februar von elf Referentinnen und einem Referenten aus sechs Kontinenten bei gut besuchten virtuellen Veranstaltungen. So machten Mpumi Zondi aus Südafrika und Clemencia Correa aus Mexiko – beide arbeiten als psychosoziale Begleiterinnen – deutlich, dass die Erfahrungen der Pandemie mit struktureller und patriarchaler Gewalt aufs engste verschränkt sind. Andere Krisen und psychische Zumutungen verschärfen sich dadurch dramatisch. Die Soziologin Vanessa Thompson verband das Virus symbolisch-diskursiv mit rassifizierter (Polizei-)Gewalt und Logiken kolonialer Herrschaft: Hier wie da drohe das Atmen verunmöglicht zu werden.

Durch die Sitzungen hindurch zog sich die Frage nach einem „wir“: Gibt es trotz der unterschiedlichen Erfahrungen eine Art von gemeinsamer Subjektivität durch die Pandemie? Und wie können widerständige Räume der Empathie und Solidarität entstehen? Die feministische Aktivistin Verónica Gago sprach von einer „Reziprozität, noch jenseits der Solidarität“: Es gehe darum, aus den Zwischenräumen heraus andere Beziehungsweisen zu entwickeln. Auch die Philosophin Eva von Redecker setzte auf die Zwischenräume und bejahte die Frage, ob die „Revolution für das Leben auch unter Bedingungen der Polypandemie“ möglich sei (siehe Seite 16). Über alle Ungleichheiten hinweg artikulierte sich der Wunsch, sich zu verbinden und das transnationale Gespräch fortzusetzen.

Alle Beiträge der Reihe, auch die von Elsa Dorlin, Julia Dück, Nadia Mahmood, Tobias Matzner, Koketso Moeti und Djamila Ribeiro, sind in der Mediathek dokumentiert.

Veröffentlicht am 29. März 2022

Julia Manek

Julia Manek ist Psychologin und Humangeographin. In der Öffentlichkeitsarbeit von medico international ist sie als Referentin für psychosoziale Arbeit tätig.


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