Die Ermordung der Lissy Schmidt

Kurdistan/Irak: Der Kampf um Menschenrechte

Die Frau war früh aufgestanden, wie üblich. Zusammen mit ihrem Leibwächter Aziz Kadir Farag hatte sie ihr altes Auto angeworfen und war wenig später aufgebrochen. Sie hatte ein Ziel vor Augen und glaubte sich kurz vor der Vollendung einer mühseligen Recherche, die sie allein betrieben hatte und von der sie am besten wußte, wie gefährlich sie war. Lissy Schmidt aus Wiesbaden, die langjährige medico-Kollegin kannte das Land und seine Verhältnisse. Sie hatte zuvor im Osten der Türkei gearbeitet, von dort geschrieben für die Frankfurter Rundschau. Das ging gut bis die Konterguerilla der Türkei, jene symbiotische Verbindung von Mafia, Politik und Polizei, ihr das Todesurteil zustellte. Lissy Schmidt wechselte über in das andere Kurdistan, in den Nord-Irak. Im Rahmen des Wiederaufbauprogramms leistete sie dort unter anderem harte Arbeit für medico, besser: für die Opfer der Giftgasangriffe Saddam Husseins, für die Vertriebenen und Flüchtlinge der Anfal-Offensive des Regimes von Bagdad. Zugleich arbeitete sie für die Agentur AFP. Sie lernte rasch die Sorani-Sprache.

Aber an jenem 3. April 1994 war Lissy Schmidt aus sehr persönlichem Antrieb unterwegs. Sie gehörte zu den eigensinnigen Menschen, die sich Entwicklung und Aufbau nicht vorstellen können, ohne gleichzeitig allen denen das Handwerk zu legen, die als Unglücksnutznießer überall in der Lage sind, noch aus dem größten Elend einen Profit zu ziehen. Lissy Schmidt hatte die Drogenmafia im Auge. Die auch im Nordirak aus jener eigentümlichen Mischung von Politik und Crime entspringt. Dicht war sie diesen Leuten nun auf den Fersen, so dicht, daß diese längst davon gemerkt und im übrigen begriffen hatten, daß Frau Schmidt von einer solchen Fährte durch keine Drohung abzubringen war.

Am 3. April 1994 geschah der Anschlag: Im Tal von Bachchian, etwa zwei Kilometer hinter dem Kontrollpunkt Chamachchian, rammten sie seitlich ihren Wagen und schossen massiv. Beide, Lissy und Aziz, waren auf der Stelle tot.

Zwei irakische Agenten wurden später nach Beendigung eines merkwürdigen Justizverfahrens in Arbil als Täter identifiziert und anschließend gehängt. Einigen Beobachtern erschien es allzu »praktisch«, die beiden Agenten Bagdads in den Tod zu schicken. Blieben dadurch vielleicht die wahren Täter im Dunkeln, erst recht ihre Hintermänner? Größte Zweifel führten dennoch zu keiner Recherche an Ort und Stelle: viel zu gefährlich! In Suleymania wurde später ein Denkmal für Lissy Schmidt errichtet. Sie hatte viel geleistet für die Menschen & es gab Leute, die sie nicht vergessen mochten. Heute noch hören die Kinder in den Schulen von ihr.

Sieben Jahre nach der Ermordung von Lissy Schmidt scheint erstes Licht in das damalige Dunkel zu kommen. Freunde überbringen Informationen, Aussagen von Zeitzeugen und Berichte über das Verfahren des damals federführenden Gerichts, die immer noch unvollständig sind. Am 31.8. hatte die Kurdisch Demokratische Partei (KDP) die Stadt Arbil erobert und die Administration der konkurrierenden Patriotischen Union Kurdistan (PUK) aus der Kommune vertrieben. An diesem ersten Tag bereits wurden die Gerichtsakten durch Beauftragte der KDP beschlagnahmt und weitgehend vernichtet. Eine Videocassette aber blieb verschont, die das Verhör der zwei mit dem Tode bestraften Iraker gespeichert hatte. Auch wenn das vorliegende Band gekürzt und geschnitten wurde, sein Inhalt verwunderte Betrachter sehr: Es präsentiert sorglose Angeklagte, die in gelassener Haltung ihre Tat gestehen. Das Gericht hatte am 11.8.94 unter Vorsitz eines Richters getagt, der Mitglied der Barzani-KDP war. Zur Hinrichtung waren dann lokale Journalisten im Gefängnis zugegen, die sehr verwundert hörten, was die zur Hinrichtung geführten Leute schrien: »Wir waren es doch nicht, ihr wißt doch, daß wir es nicht waren, ihr hattet uns doch für unsere Aussagen Schonung versprochen.« Nachdem diese und weitere Erkenntnisse über verschiedene Kanäle zu uns und anderen drangen, handelte medico sofort. Wir unternahmen einiges in unserer Kraft stehende, um zur Ermittlung der wahren Täter beizutragen, die unsere Kollegin ermordet hatten. Die Auswertung der Summe der Hinweise ermöglicht heute das, was man einen konkreten Anfangsverdacht nennen könnte: Als verantwortlich für den Mord wird Muhamed Haji Mahmoud beschuldigt. Früher Vorsitzender der Demokratisch Sozialistischen Partei Kurdistans (Irak), der neben guten Kontakten zum iranischen und irakischen Geheimdienst noch bessere zu den Drogenbossen unterhalten hat. Als zweiter Tatbeteiligter gilt der Atar Sarabi, der heute in Schweden (und zeitweilig auch in London) unter einem anderen Namen als Asylsuchender lebt. Auch Atar Sarabi hat sich nach der Tat von der Demokratisch Sozialistischen Partei getrennt. Er fand zunächst eine Anstellung im Verteidigungsministerium der Regionalregierung in Suleymania. Doch habe Sarabi sich mit der Patriotischen Union überworfen, die ihn aus dem Land gejagt hat. Auch als eigentliche Mord-Auftraggeber gibt es namentliche Nennungen: Mamoste Faik Rash, Beauftragter der KDP-Barzani. Rash soll den Tätern die nötigen Passierscheine beschafft haben, um im Gebiet der PUK tödlich operieren zu können. Mamoste Rash, sagen zuverlässige Gewährsleute, habe das Todesurteil über unsere Kollegin gesprochen, weil sie die Beweise für die Verwicklung der KDP in das Drogengeschäft publizieren wollte.

Das Thema lautet auch hier Politik & Verbrechen: Zur Zeit der Ermordung Lissy Schmidts genoß der in Bonn lebende KDP-Vertreter Dilshad Barzani den täglichen Schutz von BKA-Beamten aus Meckenheim, die der deutsche Staat ihm kostenlos zur Verfügung stellte.

Lissy mußte sterben, weil sie nicht leiden mochte, daß der Akt des Wiederaufbaus einer neuen Welt für die Opfer zweier Golfkriege im Zeichen der Mafia stand. Sie war bereit, für dieses Ziel ihr Leben zu riskieren. Wir von medico versprechen, alles zu tun, um die Täter dingfest zu machen, sie öffentlich zu markieren und der Bestrafung zuzuführen. Unsere Hinweise und Erkenntnisse werden wir anläßlich dieser Veröffentlichung der Mutter von Frau Schmidt, ihren journalistischen Freundinnen und Freunden und natürlich auch der Justiz zur Verfügung stellen.

Hans Branscheidt

Helfen Sie uns doch bitte, die Arbeit von Frau Schmidt fortzusetzen. Lissy Schmidts Stichwort hieß immer: »Kurdistan«.


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