Chile

Denkerin der Straße

Die chilenische Gesellschaft hat sich aufgemacht, den Neoliberalismus zu überwinden. Die Geschichte der neuen sozialen Bewegungen ist auch die Geschichte von Pierina Ferretti, Aktivistin und Soziologin.

Glaubt man den vielen unterschiedlichen Antworten, die wir bei der Vorbereitung unserer Dienstreise erhalten, dann führen zwar viele Wege nach Chile, aber alle zu Pierina Ferretti: Es ist eigentlich egal, wo oder wen man fragt, immer kommt irgendwann der Satz, man müsse und sollte unbedingt Pierina treffen. Aber natürlich kennt man sie schon! Am Tag der Ankunft wird sie uns im Hostal abholen und danach zu unzähligen Treffen begleiten, die sie arrangiert und ermöglicht hat.

Erstaunlich an Pierinas Bekanntheit hier wie dort ist, dass sie sich nicht aus medialer Popularität speist. Pierina gehört nicht zu jenen Intellektuellen, die sich mit einer massentauglichen Veröffentlichung oder der Vermarktung politischer Ereignisse einen Namen gemacht haben. Pierina ist viel eher eine organische Intellektuelle im Wortsinn, eine Denkerin der Straße. Sie war fast überall dabei und mischt auch heute überall mit. Sie kommt aus jener Generation der Mittdreißiger, der auch der frisch gewählte Präsident Gabriel Boric angehört und die an und mit ihren eigenen sozialen Kämpfen groß geworden ist: der Schüler:innenbewegung der „Pinguine“ im Jahr 2006, dem Aufstand der Student:innen 2011 und dann dem „Estallido Social“, der sozialen Explosion im Jahr 2019.

Pierina verkörpert diese Geschichte intellektuell und persönlich. Ihre klare und scharfsinnige Sprache kommt nicht von einem einsamen intellektuellen Ort, sondern aus der Mitte einer kollektiven Erfahrung. Was sie sagt, ist durchdacht und kompliziert, dennoch für jede und jeden zu verstehen. Ihre Worte sind nicht siegessicher, aber von der tiefen Überzeugung geprägt, dass Widerstand möglich ist und sich lohnt. Pierina kann erzählen, wie aus kleinen Rebellionen große wurden und wie aus den Pinguinen eine Generation erwuchs, die jetzt in der Regierung und in der Verfassung[1]gebenden Versammlung sitzt, um das Land zu verändern. Sie ist überzeugt von der Möglichkeit einer neuen und erneuerten Linken in Lateinamerika, von der Sinnhaftigkeit, es trotz allem noch einmal zu versuchen.

Während andere den Raum der politischen Repräsentation erobert haben und nun auch dessen Logiken ausgesetzt sind, arbeitet sie mit ihrem Kollektiv Nodo XXI an einer strategischen und programmatischen Verständigung über den chilenischen Prozess. Als ein intellektuelles Bindeglied zwischen Straße, Aufstand und Institutionen bemüht sich der Zirkel um jene Maulwurfsarbeit, die auch in Zeiten vermeintlicher Erfolge wichtig bleibt. Nebenbei muss Pierina ihre Doktorarbeit in Soziologie fertig[1]stellen, Kurse an der Uni geben und zwischen Santiago (der Hauptstadt und dem politischen Zentrum) und Valparaíso (ihrem Wohnort) pendeln. Von irgendetwas muss man schließlich leben, während man alles verändert. Oder es zumindest versucht.

Mario Neumann

Chilenisches Tagebuch

Es begann mit einem Aufstand, nun bekommt Chile eine neue Verfassung. Wird der Neoliberalismus an einer seiner Geburtsstätten überwunden? Im Chilenischen Tagebuch berichten Pierina Ferretti und das Kollektiv Nodo XXI von den Entwicklungen rund um den verfassungsgebenden Prozess.

Dieser Beitrag ist Teil des medico-Jahresberichts 2021, den Sie hier online lesen und kostenlos bestellen können.

Veröffentlicht am 30. Mai 2022

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