Ärzte in Afrin

„Das Dringlichste ist, dass die Türkei ihre Angriffe stoppt"

Nothelfer*innen suchen nach Opfern nach einem türkischen Angriff in Afrin. (Foto: Heyva Sor A Kurd)
Interview mit dem Arzt und Nothilfekoordinator in Afrin, Dr. Nûrî Kanbar, über die medizinische Lage angesichts der türkischen Angriffe.

Dr. Nûrî Kanbar ist Arzt und medizinischer Nothilfekoordinator in der nordsyrischen Stadt Afrin. Im dortigen Krankenhaus werden die Opfer der türkischen Militäroffensive versorgt. medico international unterstützt das Krankenhaus aktuell mit Medikamenten. Wir sprachen mit Dr. Nuri über die Lage vor Ort.

medico: Wie geht es den Menschen in Afrin und wie hat sich das Leben seit Beginn der türkischen Angriffe verändert?

Dr. Nûrî Kanbar: Der Alltag der Menschen in Afrin hat sich dramatisch verändert. Die Dorfbewohner*innen mussten ihre Häuser verlassen und fliehen nun in die Stadt, oft zu Verwandten. Das führt dazu, dass das Stadtzentrum überfüllt ist. Menschen deren Häuser zerstört wurden und Geflüchtete leben nun in Kellern oder anderen provisorischen Unterkünften. Teilweise kommen bis zu 50 Menschen in einer Wohnung unter.

Seit der Bombardierung des einzigen Staudamms der Region und dem Wasserwerk ist sauberes Leitungswasser knapp. Viele Brunnen sind verunreinigt oder wegen der hohen Nitratkonzentration ungesund. Also sind wir auf teures Trinkwasser in Flaschen angewiesen.

Die Menschen sind verängstigt und wütend, denn ihr Leben ist bedroht. Jeden Tag fliegt die türkische Luftwaffe über Afrin und schüchtert die Bewohner*innen ein. Besonders die Kinder fürchten sich.

Was bedeutet das für die Arbeit im Krankenhaus und der Gesundheitsstationen auf dem Land?

Es gibt viele Verletzte durch Granatsplitter, die nun bei uns im Krankenhaus behandelt werden müssen. Das Personal ist damit beschäftigt, diese Kriegsverletzten zu versorgen, sodass unsere regulären Patienten nicht die Behandlung bekommen, die sie brauchen. So zum Beispiel Krebspatient*innen oder Diabetiker*innen, die ebenfalls fachärztliche Betreuung brauchen. Wir können sie auch nicht in andere Krankenhäuser außerhalb Afrins bringen, da die Straßen blockiert sind. Die meisten medizinischen Zentren in den ländlichen Gegenden, wie in Rajo, Mobata, Jendyrs, Shiye, Sherwa, Bilbile und Shera mussten ihre Arbeit unterbrechen.

Gibt es auch direkte Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen?

In Jendyra wurden am 23. Januar Krankenwagen beschossen. Das medizinische Zentrum in Rajo wurde am 03. Februar getroffen. Eine sehr tragische Geschichte möchte ich euch noch erzählen, die geschah am 30. Januar: Ein Mann aus Rajo war mit seiner Ehefrau auf dem Weg zu ihrem Haus und wurde an seinem rechten Fuß von einem Granatsplitter getroffen. Unser medizinisches Team eilte herbei, um ihm zu helfen und ihn in die Stadt Afrin zu bringen. Auf dem Weg ins Krankenhaus wurde das Fahrzeug erneut von einer Granate getroffen. Er verlor dabei seinen linken Fuß, seine Ehefrau beide Füße und sein Bruder die rechte Hand. Solche Geschichten erleben wir hier gerade täglich.
 

Medikamente, die mit Spenden an medico international finanziert wurden, kommen im Krankenhaus von Afrin an. (Foto: Heyva Sor A Kurd)

Wie geht es den syrischen Binnenflüchtlingen, die nach Afrin vor Krieg und Gewalt flohen und sich nun wieder in einem Kriegsgebiet befinden?

Die Sanitäter*innen müssen sich um die Kriegsverletzten kümmern. Deshalb musste die normale medizinische Versorgung in den Flüchtlingscamps eingestellt werden. Teilweise kommen wir wegen der türkischen Angriffe auch im Notfall nicht mehr dorthin – Menschen sind deswegen gestorben. Für die Flüchtlinge brauchen wir momentan dringend Nahrung und Wasser, sie brauchen eine sichere Unterkunft, Decken und Kleidung.

Was benötigen sie momentan am dringendsten vor Ort?

Es fehlt an Medikamenten und Operationsmaterial, wir brauchen Milch für die Kinder und Insulin, Diesel für Heizgeräte und Generatoren. Aber das Dringlichste zur Verbesserung der Gesundheitssituation ist, dass die Türkei ihre Angriffe stoppt – bitte sagt das allen.

Das Interview führten Bernd Eichner und Anita Starosta kurz bevor die Luftangriffe des türkischen Militärs über Afrin erneut begannen. Dr. Nuri hat sich danach noch einmal gemeldet: Die Menschen in der Stadt sind verängstigt und suchen Schutz in den Kellern der Stadt. Denn es trifft nun auch die Stadt Afrin. Das Krankenhaus arbeitet weiter.
 

medico international unterstützt die Medikamentenbeschaffung für das Krankenhaus in Afrin und die medizinischen Teams, die in der Region Verletzte versorgen oder ins Krankenhaus bringen. Unterstützung ist weiterhin dringend nötig. Helfen Sie mit einer Spende unter dem Stichwort „Nothilfe Rojava“.


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