Syrien

Aleppo - Prüfstein für Syriens Zukunft

10.01.2026   Lesezeit: 6 min  
#syrien 

Gewaltsame Auseinandersetzungen in Aleppo spitzen die humanitäre Lage für die betroffene Zivilbevölkerung zu.

Von Anita Starosta

Bis zu 60.000 Menschen sind in den letzten Tagen vor den Angriffen auf die kurdischen Stadtteile Sheikh Maqsoud und Al-Ashrafieh in Aleppo geflohen. Es gab eine kurzzeitige Waffenruhe und die Aufforderung zum Rückzug der kurdischen Kräfte aus dem Viertel, die diese bisher verweigern. Die Kämpfe gehen weiter. Noch ist schwer absehbar, wie sich die Situation in Aleppo entwickeln wird. medico-Partner:innen leisten Nothilfe vor Ort, denn die humanitäre Situation ist extrem angespannt.

Kurdisches Aleppo

Knapp 400.000 Menschen leben in den betroffenen Stadtteilen Aleppos, die hauptsächlich von kurdischer Bevölkerung bewohnt sind, aber auch von anderen Minderheiten wie Jesid:innen und Christ:innen. Auch die in Folge der Besatzung Afrins 2018 Vertriebenen haben hier Zuflucht gefunden. 

Dass die Viertel sowohl zivil als auch militärisch unter der Kontrolle der autonomen Selbstverwaltung Nordostsyriens stehen, hat schon in der Vergangenheit immer wieder für Spannungen gesorgt. Den Bewohner:innen ist eine Autonomie allerdings wichtig. Sie haben unter schwierigen Bedingungen wie Krieg, Erdbeben und Mangelwirtschaft ihr Leben hier organisiert. Seit der Übergangsregierung unter HTS gibt es wiederholt Provokationen von türkeinahen Milizen und HTS und Versuche, diese Autonomie in Frage zu stellen, in die Stadtteile einzudringen und sie zu übernehmen. Es ist Ausdruck der allgemein instabilen Lage im Land, in dem seit dem Sturz von Assad um Mehrheiten und Macht gerungen wird. In den letzten Monaten war es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen – nach Latakia und Suweida nun auch in Aleppo. 

Bereits seit fünf Monaten wurden die Stadtteile durch Milizen quasi belagert, Güter der täglichen Versorgung nur unregelmäßig durchgelassen. Nun ist die Lage gewaltvoll eskaliert, auch weil es bisher nicht gelungen ist, eine Einigung zwischen SDF und der neuen Übergangsregierung zu erzielen, die eine Eingliederung der Selbstverwaltung und der SDF in die neue Regierung – unter Wahrung bestimmter Rechte – bedeuten würde. In dem Abkommen vom 10. März 2025 wurde hierfür ein Grundstein gelegt, die Verhandlungen zur Eingliederung von SDF-Einheiten in das syrische Militär verliefen jedoch für beide Seiten bisher ohne zufriedenstellendes Ergebnis. Die Wahrung beziehungsweise in Fragestellung bestimmter, auch militärischer, Autonomierechten der starken SDF wird nun über Waffen ausgetragen, betroffen davon sind vor allem Zivilist:innen. Es gibt bereits Tote und zahlreiche Verletzte. Von der syrischen Zentralregierung gab es die Aufforderung an die Bevölkerung von Sheikh Maqsoud und Al-Ashrafieh, die Stadtteile zu verlassen; es wurden Fluchtkorridore geöffnet. Zehntausende sind der Aufforderung gefolgt, hängen nun aber zum Teil an Checkpoints fest oder befinden sich in Notunterkünften in Aleppo und Umgebung. Ein Großteil der Vertriebenen ist in Richtung Afrin und Idlib geflohen.  Durch den Mangel an Notunterkünften verbringen Tausende die Nächte unter freiem Himmel – es ist bitterkalt im Winter in Syrien.

Ob sich die militärischen Kräfte der Selbstverwaltung nach dieser Eskalation nun aus den Stadtteilen zurückziehen und diese an die Übergangsregierung übergeben, ist zum jetzigen Zeitpunkt unklar – auch, ob die tausenden Geflüchteten zurückkehren werden können.

Kritische Notlage

Die medico-Partnerorganisation Kurdischer Roter Halbmond ist mit Notfallteams vor Ort. Mit ihnen stehen wir in Kontakt und erhalten aktuelle Informationen über die Situation der Zivilbevölkerung und die Möglichkeiten zur Nothilfe. Die Versorgungslage in Sheikkh Maqsoud und Al-Ashrafieh ist dabei auf Grund der anhaltenden Belagerung mittlerweile mehr als unzureichend. 

Fünft Krankenhäuser versorgen trotz dessen im Rahmen ihrer begrenzten Kapazitäten weiterhin Patient:innen. Aufgrund des Mangels an Treibstoff für Generatoren, können Behandlungen allerdings nur noch eingeschränkt stattfinden. Wegen anhaltender Bombardierungen können Verletzte aus den Krankenhäusern nicht evakuiert werden. Zu dem fehlt medizinisches Personal, denn auch viele von ihnen haben Aleppo mit ihren Familien verlassen. 

Der Kurdische Rote Halbmond vor Ort fordert daher die Einhaltung humanitärer Grundregeln: Die Evakuierung von regulären Krankenhauspatient:innen sowie Schwerverletzten durch die Kämpfe aus den Krankenhäusern muss gewährleistet und eine umfassende Versorgung sichergestellt werden. Mit 15 Krankenwagen und zugehörigen Ärzt:innen und Rettungssanitäter:innen steht der Kurdische Halbmond bereit und wartet darauf Zugang zu den Krankenhäusern zu bekommen. Bisher haben sie keine Genehmigung erhalten und warten mit ihren Teams in Raqqa auf den Einsatz. Es braucht Notfallmedikamente und medizinische Hilfsgüter, um lebensrettende Maßnahmen durchführen zu können. Es braucht außerdem Lebensmittelpakete für die Familien auf der Flucht sowie Treibstoff für Gesundheitseinrichtungen, um lebensrettende Dienste aufrechtzuerhalten. Mit medico Spendengeldern können Verletzte bereits jetzt versorgt werden, die Teams des Halbmondes in Aleppo arbeiten rund um die Uhr. In den letzten Monaten konnte medico durch Unterstützung des Kurdischen Halbmonds den Katastrophenschutz durch die Ausbildung ziviler Helfer:innen stärken. Diese sind jetzt im Einsatz. 

Auch medico-Partner aus Idlib leisten Hilfe. So sind Aktivist:innen aus dem Frauenzentrum, das medico und Adopt a Revolution schon seit vielen Jahren unterstützt, nach Aleppo gekommen, um in den Notunterkünften Hygieneartikel zu verteilen. Auch die anderen medico-Partner:innen in Afrin und Idlib bereiten sich darauf vor, weitere Geflüchtete zu versorgen – denn die Entwicklungen der kommenden Tagen sind unvorhersehbar. Mit einer Spende für Rojava oder Syrien können die Nothilfemaßnahmen der medico-Partner:innen unterstützt werden; diese Hilfe wird dringend benötigt, denn Unterstützung von außen gibt es bisher nicht.

Perspektive Syrien?!

Sollte es nicht gelingen, eine Perspektive für das Zusammenleben in Aleppo zu entwickeln, sind das schlechte Vorzeichen für die Zukunft. Darin spiegelt sich einmal mehr die Herausforderung und Notwendigkeit eines Prozess für ein integratives Syrien. Der Übergangsregierung mit al-Scharaa und der HTS gelingt es nicht einen solchen zu gestalten. Stattdessen finden gewaltvolle Übergriffe und Kämpfe gegen Minderheiten und zwischen ethnischen Gruppen statt. 

Von den Minderheiten im Land gibt es kein Vertrauen mehr in die neue Regierung, denn dafür bräuchte es die Anerkennung und gleiche Rechte für alle Minderheiten in Syrien. Anders kann es keine friedliche Zukunft geben. Dazu gehört die Umsetzung des 10.-März-Abkommens, also eine geregelte Umsetzung der Integration der autonomen Selbstverwaltung, die ein Drittel des Landes verwaltet, in die neue syrische Übergangsregierung. Bei den letzten, vermeintlichen Wahlen waren sie ausgeschlossen. Von einem demokratischen Syrien kann also noch lange keine Rede sein – im Gegenteil.

Einziger Hoffnungsschimmer liegt in der syrischen Zivilgesellschaft. Schon bei vergangenen gewaltvollen Übergriffen auf Minderheiten organisieren zivilgesellschaftliche Initiativen und Projekte Nothilfe und kümmern sich um die Betroffenen – über ethnische und religiöse Grenzen hinweg. Von Rojava bis Idlib werden Hilfspakete gepackt. Es sind eben jene zivilen und humanitären Initiativen, die jetzt jede Unterstützung von außen benötigen – in der Zusicherung von Sicherheitsgarantien und Zugängen ebenso wie bei Hilfsmaßnahmen.

 

Mit einer Spende die Nothilfemaßnahmen der kurdischen und syrischen medico-Partner:innen für Aleppo unterstützen! Seit vielen Jahren setzen sich die medico Partner:innen für ein demokratisches und gleichberechtigtes Syrien ein - von Rojava bis Damaskus. 

Anita Starosta

Anita Starosta leitet die Öffentlichkeitsarbeit von medico international. Außerdem ist die Historikerin für die Kommunikation zur Türkei, zu Nordsyrien und dem Irak zuständig. 

Twitter: @StarostaAnita
Bluesky: @starosta


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