Reportage

Wie man teilt, was man nicht hat

21.09.2026   Lesezeit: 10 min  
#venezuela 

Venezuela nach den Erdbeben – und inmitten der Geopolitik.

Von Timo Dorsch und Jan Schikora

Die Reste eines Hochhauses winden sich noch Richtung Himmel. Der Großteil des Gebäudes ist verschwunden, schlichtweg in sich zusammengebrochen. Auf mehreren Wohnetagen werden Toilettenräume sichtbar, die nun wie vertrocknete Pflanzen an der Abbruchkante des Gebäudes hängen. Die Räume davor sind in einer Trümmerwüste begraben, durch die sich ein Bagger mit riesigem Greifarm bewegt. Am Rande des mit rot-weißem Absperrband markierten Geländes stehen Menschengruppen im Schatten eines Baumes, die meisten von ihnen still, mit leerem Blick und in sich gekehrt, einige unterhalten sich leise. Hoffnung, noch Überlebende zu bergen, ist rund drei Wochen nach dem verheerenden Doppelbeben, das Venezuela am frühen Abend des 24. Juni verwüstete, kaum noch vorhanden. Dennoch harren die Menschen aus. Sie wollen Eltern, Geschwistern, Kindern, Freund:innen wenigstens ein würdiges Begräbnis bereiten und zugleich Gewissheit erlangen über deren Schicksal. Schmerz, Leid und Wut, das Unverständnis der ersten Tage – alles ist mittlerweile einer traurigen Apathie gewichen. 

Mit Werten auf der Richterskala von 7,2 und 7,5 hat die in dieser kurzen Abfolge seltene Naturkatastrophe das Land erschüttert und in einen Schock- und Schreckenszustand gestürzt. Die Gewalt der Erde traf zehn der 24 Bundesstaaten. Aber nirgendwo war die Zerstörung so umfassend wie in La Guaira. Die Küstenregion ist ein landesweiter Sehnsuchtsort, über alle Klassen und Altersgruppen hinweg ein beliebtes Ausflugsziel im Norden von Caracas. Weil der 24. Juni ein Feiertag war, hielten sich noch mehr Menschen als sonst an der Küste auf. Innerhalb von kaum mehr als einer Minute fielen Hochhäuser wie Kartenhäuser in sich zusammen, Wohnanlagen und Sozialwohnungen wurden aus dem Boden gerissen und durcheinandergewürfelt. Um 18:06 Uhr Ortszeit glich die Region einem Kriegsgebiet, über das ein Bombenteppich gelegt worden war. 

Drei Wochen nach der Katastrophe und sechs bis acht Autostunden von La Guaira entfernt, treffen wir in der Großstadt Barquisimeto auf Andrés Peralta und Anderson Villanueva. Sie gehören dem seit 1968 bestehenden Kooperativenverbund Cecosesola an, der über 50 regionale Kooperativen vereint und der seinen rund 1.500 assoziierten Arbeiter:innen und mehr als 20.000 Mitgliedern eine Art Zuhause ist. Am Rande der wöchentlichen zentralen Versammlung von Cecosesola kreisen ihre Erinnerungen um die ersten Tage nach dem Schrecken. „Schon am Samstag nach dem Beben waren wir mit einer ersten großen Ladung Hilfsgüter vor Ort“, berichtet Andrés auf dem zentralen Gelände des Verbunds, wo sich mehrere große Markthallen aneinanderreihen. Sie sind das Herzstück der Kooperativen. Drei solcher Orte unterhält Cecosesola in Barquisimeto, mehrere Zehntausend Familien decken sich hier auf den Wochenmärkten mit Lebensmitteln und anderen Gütern des täglichen Bedarfs ein. Cecosesola ist aus dem täglichen Leben der lokalen Bevölkerung nicht wegzudenken: Einst angefangen mit einem Bestattungsinstitut, unterhält Cecosesola mittlerweile auch eine Klinik mitsamt einem seinerzeit von medico international mitfinanzierten Kreißsaal. „Eines unserer Grundprinzipien ist das der Solidarität. Es war für uns keine Frage, ob wir helfen werden“, betont Andrés am Rande der kurz unterbrochenen Versammlung weiter. Die Versammlung an sich ist wohl der Ort, über den Cecosesola am besten begriffen werden kann. Über 3.000 von ihnen finden jedes Jahr statt. Sie ermöglichen den Mitgliedern eine Organisationsform ohne Chef:innen und Vorgesetzte – eine erstaunliche Kollektivierung von Wissen und Fähigkeiten. „Wir sind organisierter als eine Bewegung und bewegter als eine Organisation“, sagten sie einmal selbst über sich. 

Noch Wochen nach dem ersten Transport mit mehreren Tonnen Hilfsgütern in die Katastrophengebiete ist Anderson Villanueva sichtlich aufgewühlt davon, was er dort erlebt hat: „Am Ende war die Empathie unglaublich wichtig. Statt einem Essenspaket wollten viele Menschen einfach nur eine Umarmung oder ein tröstendes Wort. Manche von ihnen haben ihre ganze Familie verloren. Es war sehr schwer, das auszuhalten.“ Nach den Beben musste über eine Viertelmillion Menschen ärztlich versorgt werden, Tausende verloren ihre Wohnung. Bis heute – rund zwei Monate nach dem Beben – wurden offiziell über 6.500 Tote registriert, Tendenz steigend. Längst nicht alle Trümmer der rund 200 eingestürzten Hochhäuser wurden beseitigt. Und auch die Zahl der Vermissten bleibt unklar. Die UN hatte am Tag nach den Beben 50.000 vermisste Personen vermutet. Auf verschiedenen Suchportalen, die auf zivilgesellschaftliche Initiativen zurückgehen, rangieren noch immer Zahlen zwischen 25.000 und 40.000 vermissten Menschen. Gewissheit über die genaue Zahl der Todesopfer wird es wohl nie geben, denn viele Leichen werden im Zuge der Aufräumarbeiten mit schwerem Gerät schlichtweg niemals gefunden werden. 

Verlust der Souveränität 

Szenenwechsel. Auf der Überlandstraße zwischen der Hauptstadt Caracas und der Küstenregion La Guaira machen wir an einer Tankstelle halt. An einem Mast fixiert weißes Kreppband auf rotem Untergrund ein Plakat mit dem Gesicht von Jhonattan Lamus. „Hotel Santuario La Llanada“: sein letzter bekannter Aufenthaltsort. Wäre die venezolanische Regierung nicht die, die sie ist, und wäre auch der US-amerikanische Machtapparat nicht der, der er ist, müsste Jhonattan nicht gesucht werden. Der 40-jährige venezolanische Staatsbürger saß im Deportationsflug Nummer 164, abgeschoben aus den USA, und wurde nach seiner Ankunft von den venezolanischen Behörden rechtswidrig in besagtem Hotel festgehalten. Über 100 weitere abgeschobene Venezolaner:innen sollen sich zum Zeitpunkt der Katastrophe in diesem und in weiteren Gebäuden befunden haben. De facto waren es Gefängnisse, aus denen es auch in der Katastrophe keinen Ausweg gab. 

Seit dem 3. Januar 2026 ist die US-amerikanische und venezolanische Geschichte auf neue Weise miteinander verwoben. Der Naturkatastrophe ging ein politisches Beben voraus. Mit der US-amerikanischen Bombardierung von Caracas und der Küstenstadt La Guaira sowie der Entführung von Staatspräsident Nicolás Maduro und seiner Ehefrau Cilia Flores legte sich ein Schleier der Ungewissheit über das Land. Monatelang blieb unklar, welche Absprachen zwischen führenden Politiker:innen des venezolanischen Machtapparats und der US-Regierung getroffen wurden. Ende August zumindest dies: ein Abkommen über den Export von 65 Milliarden Barrel Öl an die USA. Eine Menge fast so groß wie die kompletten Ölreserven der Vereinigten Staaten. Abgewickelt werden soll das alles über ein privates Unternehmen. Schon in einem Artikel Mitte Juli urteilte die New York Times: „[US-Außenminister Marco] Rubio ist zum faktischen Vizekönig Venezuelas geworden und übt die Herrschaft über einen souveränen Staat in einer Weise aus, wie es kein amerikanischer Amtsträger mehr getan hat, seit L . Paul Bremer III. 2003 in Bagdad eintraf, um den von den USA besetzten Irak zu verwalten.“ Über Rubios Tisch sollen alle wichtigen Finanzgeschäfte Venezuelas laufen. Sein Büro bestimmt, wofür und für wen Einnahmen des Staates freigegeben werden – „eine Beziehung, die mit der von Eltern vergleichbar ist, die ihren Kindern Taschengeld geben“, so die NYT weiter – und welche Unternehmen künftig von den US-Sanktionen befreit im Land operieren dürfen. Zwar könnten dadurch korrupte Transaktionen innerhalb des venezolanischen Staatsapparats verhindert werden. Zugleich aber schafft sie eine fast komplette ökonomische Abhängigkeit der Interimsregierung von den USA. Interimspräsidentin Delcy Rodríguez wird derweil nicht müde zu betonen, welche wirtschaftlichen Fortschritte Venezuela mache, so auch nach dem jüngsten Erdöl-Deal, der, so Rodríguez, „erheblichen Einfluss auf die Wiederbelebung unserer Nation“ haben werde. 

Für die aus den USA Abgeschobenen wie Jhonattan Lamus war diese Frage bereits bedeutungslos. Sie wurden zu manövrierbaren Objekten zweier Interessengruppen.

Selbstzersetzung 

„Wir sind dabei, eine nordamerikanische Kolonie zu werden“, bemerkt der Theoretiker und Bewegungsaktivist Andrés Antillano in einem Café im Zentrum der Hauptstadt Caracas. Er klingt konsterniert. Mit am Tisch sitzt auch Antonio González, der als Soziologe für die kleine, aber bedeutsame Menschenrechtsorganisation Surgentes tätig ist. Das Café liegt in einer belebten Straße, unweit politischer Wandgemälde aus einer Zeit vor der US-Übernahme, die die „antiimperialistischen Allianzen“ Venezuelas mit dem Iran und Russland zeigen. Antillano gehörte in den 2000er-Jahren selbst dem Chavismus an, bevor er ihm desillusioniert den Rücken kehrte. Heute ist er Teil der politischen Sammelbewegung Comunes. Für ihn sind Interimspräsidentin Delcy Rodríguez und ihr Bruder Jorge, der das Amt des Parlamentspräsidenten innehat, Technokrat:innen. Sie seien dem Glanz von Herrschaft und Einflussnahme zu nahe gekommen, um sich jemals wieder davon entfernen zu können. „Sie haben“, so Antillano weiter, bevor er den nächsten Kaffee bestellt, „die nationale Souveränität aufgegeben, um an der Macht zu bleiben.“ 

Was sich seit dem 3. Januar auf makropolitischer Ebene vollzieht, liest sich wie ein kleines „How to Neoliberalism“ aus dem vergangenen Jahrhundert. So hat die venezolanische Regierung mit der Reform des Rahmengesetzes über Kohlenwasserstoffe vom 29. Januar nicht nur ausländischem Kapital den Zugang zum heimischen Rohstoffmarkt vereinfacht. Die Reform ermöglicht auch Verfahren, um Konflikte zwischen Privatunternehmen und dem Staat vor einem privaten internationalen Schiedsgericht auszufechten – ein Mechanismus, der in der Vergangenheit vor allem Firmen dazu diente, Staaten zu verklagen, wenn diese ihrem privatwirtschaftlichen Gewinnanspruch zuwiderhandelten. 

Dennoch, führt Antillano an, haben sich wenigstens die Spielräume für die Opposition auf der Straße, in den Vierteln und auf dem Land zuletzt spürbar erweitert. So wurden knapp 3.000 politische Gefangene freigelassen, und man könne WhatsApp-Nachrichten versenden, ohne Gefahr zu laufen, inhaftiert zu werden. Auch politisch oppositionelle linke Demonstrationen im Zentrum von Caracas sind wieder möglich, ohne ins Visier des repressiven Staatsapparats zu geraten. „Wir erleben eine Liberalisierung – allerdings ohne Demokratisierung“, so Antillano. Die Angst vor Geheimpolizei und Folter bleibt allgegenwärtig, zumal auch die sogenannten Colectivos mittlerweile weitgehend in den Staat integriert sind. Einst in Armenvierteln von Caracas als organisierte Antwort von unten zur Verteidigung der bolivarischen Revolution gegründet, verhalten sie sich heute wie paramilitärische Verbände im Dienste des Regimes. Die Staatsgewalt, befürchtet Antonio González, könne jederzeit zuschlagen, wenn der Druck von der Straße gefährlich würde, sei es für die Interessen der Interimsregierung oder für die der USA. 

Dass die frühere Regierung von Nicolás Maduro sukzessive an Legitimität und Unterstützung aus der Bevölkerung verloren hat, liegt auch an ihrem repressiven Vorgehen gegenüber kritischen Positionen aus dem linken Lager. Daneben haben die einschneidenden Wirtschaftssanktionen der US-Regierung, die viele Menschen in Armut und Hunger trieben, dazu geführt, dass nach 2014 bis zu acht Millionen Venezolaner:innen ihr Land verließen, auch solche, die einst an die gesellschaftliche Veränderungskraft der bolivarischen Revolution glaubten. „Die antiimperialistische Rhetorik einer internationalen Linken, wonach das Volk auf die US-Bombardierung hin massenhaft auf die Straße gegangen sei, ist völlig falsch“, kommentiert González trocken. Ganz im Gegenteil. „Nach der US-Invasion bestand bei vielen Menschen die Hoffnung, dass sich zwei Dinge ändern: die Lebensbedingungen und das Regime.“ Tatsächlich hat sich im Alltag der Menschen seitdem nicht viel verändert. Die Inflation grassiert ungebrochen, die Privilegien Weniger bestehen fort, während der Mindestlohn seit Maduros Amtszeit bei einem US-Dollar pro Monat stagniert. Ein Land liegt in Trümmern, und das nicht erst seit den Erdbeben. 

Lebendige Solidarität 

Die Tage nach den Beben waren aber nicht bloß von Trauer und Sorge um die Vermissten, sondern auch von großer Solidarität geprägt. Die spontane, gegenseitige Hilfe aus den Reihen der Bevölkerung war unmittelbar und umfassend. Menschen aus allen Ecken des krisengebeutelten Landes gaben nicht das ab, was sie übrighatten, sie gaben etwas von dem, was ihnen sowieso fehlte. 

Das durch die Katastrophe belebte Gemeinschaftsgefühl, die gelebte Solidarität und die Hilfe von unten zeugen von einer Gesellschaftsidee, für die die bolivarische Revolution unter Hugo Chávez einst stand, das heute aber nur noch im Kleinen existiert. Es ist dieses Gesellschaftsversprechen, für das Menschen wie Andrés Antillano und Antonio González auch zukünftig geradestehen. Und es ist dieses Prinzip von Solidarität, das vor fast sechs Jahrzehnten zur Gründung von Cecosesola führte. 

Cecosesola, ein krisenerprobter Verband von Kooperativen, leistet Nothilfe nach den Erdbeben. Dank zahlreicher Spenden kann medico die Verteilung von Lebensmitteln, Wasser, Medikamenten, Hygieneartikeln und Kleidung unterstützen. 

Dieser Beitrag erschien zuerst im medico rundschreiben 03/2026. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!

Timo Dorsch (Foto: medico)

Timo Dorsch ist medico-Pressereferent und für die Öffentlichkeitsarbeit zu Südamerika zuständig. 

X: @TiD00r
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Jan Schikora ist Referent für Südamerika in der Abteilung für transnationale Kooperation von medico international.


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